{"id":30180,"date":"2025-04-14T02:24:26","date_gmt":"2025-04-14T02:24:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/30180\/"},"modified":"2025-04-14T02:24:26","modified_gmt":"2025-04-14T02:24:26","slug":"wie-leipzigs-polizei-2016-2017-zwei-aufsehenerregende-frauenmorde-aufklaerte-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/30180\/","title":{"rendered":"Wie Leipzigs Polizei 2016\/2017 zwei aufsehenerregende Frauenmorde aufkl\u00e4rte \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Verbrechen passieren nicht nur anderswo. Sie passieren auch in Leipzig. Und manchmal sorgen sie f\u00fcr ein Entsetzen, das kaum noch zu fassen ist. So wie 2016, als im Elsterbecken die zerst\u00fcckelten Teile einer Frau gefunden wurden. Noch ein weiterer Mord w\u00fcrde geschehen, bis die Polizei des T\u00e4ters habhaft werden w\u00fcrde. Ab 2017 berichtete auch Lucas B\u00f6hme als Gerichtsreporter in der LZ \u00fcber den Fall, den der Journalist J\u00f6rg Pfeifer in diesem True-Crime-Buch noch einmal ganz von Anfang an aufrollt.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend in vielen Kriminalromanen der M\u00f6rder schon nach wenige Tagen von einem hektisch agierenden Kriminalbeamten gestellt wird, sieht die Realit\u00e4t meistens ganz anders aus. Auch im Fall des \u201eFrauenm\u00f6rders von Leipzig\u201c. Pfeifer geht es dabei nicht um das Sensationelle, aus dem Boulevardmedien meist ihre Geschichten basteln. Er begleitet viele F\u00e4lle oft jahrelang, spricht mit den Ermittlern, mit Staatsanw\u00e4lten, Zeugen und \u2013 wenn diese es zulassen \u2013 auch mit den T\u00e4tern. Und irgendwann wird daraus dann eine dichte Dokumentation f\u00fcr das Fernsehen oder \u2013 wie in diesem Fall \u2013 auch ein Buch.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/604eb6cc20624ad4b5e837cc16500ec4.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/04\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Und auch Pfeifer empfand pures Entsetzen, als er 2016 erstmals \u00fcber den Fall las, den die Boulevard-Medien kurzerhand zum \u201eSt\u00fcckel-Mord\u201c machten. W\u00e4hrend die Polizisten, die mit der Aufkl\u00e4rung des Falles besch\u00e4ftigt waren, im wahrsten Wortsinn jeden Stein umdrehten, durch die Bars in Lindenau gingen, um m\u00f6gliche Bekannte der get\u00f6teten Frau zu finden und so vielleicht Hinweise auf den T\u00e4ter zu bekommen. War der T\u00e4ter ein Teil dieses Milieus, in dem auch die ermordete Portugiesin unterwegs war? Kannte er sie n\u00e4her? War es gar ein t\u00e4towierter Mann, der auf einmal nicht mehr greifbar schien?<\/p>\n<p>Ein tiefer Blick in die Polizeiarbeit<\/p>\n<p>J\u00f6rg Pfeifer zeigt, wie die Leipziger Polizei vorging, welche Kriminalabteilungen alles mit dem Fall befasst waren und wie systematisch alle nur m\u00f6glichen Spuren gesammelt wurden, die ben\u00f6tigt werden, wenn ein T\u00e4ter vor Gericht anhand klarer Beweise verurteilt werden soll. Denn die Ermittler m\u00fcssen von Anfang an an beides denken \u2013 Spuren zu sichern, die sie zum T\u00e4ter f\u00fchren. Und alles zu dokumentieren, was am Ende auch beweist, dass die Tat so stattgefunden hat, wie sie in den Ermittlungen rekonstruiert werden konnte. Erst recht, wenn der T\u00e4ter am Ende schweigt oder \u2013 wie in diesem Fall \u2013 wohl auch nicht in der Lage war, \u00fcber das Vorgefallene tats\u00e4chlich zu sprechen.<\/p>\n<p>Wobei Pfeifer auch gro\u00dfen Wert darauf legt, die Motive und Handlungen des T\u00e4ters zu verstehen, der sich am Ende tats\u00e4chlich als einer der G\u00e4ste in den Bars rund um den Lindenauer Markt erwies. Eigentlich ganz \u00e4hnlich in Leipzig gestrandet wie die Frau aus Portugal, die er get\u00f6tet hat. Er selbst kam aus der Mongolei und hatte eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Vieles im Leben kann sich dann zu solchen Ausnahmesituationen ballen, auch wenn Pfeifer berechtigterweise feststellen kann, dass die wenigsten Menschen dann so aus der Spur geraten.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzliche Dramatik bekam der Fall durch einen weiteren Fund von Leichenteilen am Baggersee in Thekla, auch wenn es sich hier um einen anderen T\u00e4ter handelte, dessen die Polizei tats\u00e4chlich schnell habhaft werden konnte. W\u00e4hrend sie f\u00fcr die L\u00f6sung des Falles von der Landauerbr\u00fccke tats\u00e4chlich volle 312 Tage brauchte, bis sie bei den Ermittlungen in einem Vermisstenfall tats\u00e4chlich auf den unscheinbaren Mann trafen, der nicht nur den nun zweiten T\u00f6tungsfall gestand, sondern auch den an der get\u00f6teten Portugiesin.<\/p>\n<p>Wie schwer wiegt die Schuld?<\/p>\n<p>Womit die akribische Beweiserhebung nicht endete. Und auch nicht Pfeifers Bericht. Denn jetzt ging es darum, den Gerichtsprozess vorzubereiten und beide T\u00f6tungsf\u00e4lle so eindeutig zu belegen, dass der Richter eine belastbare Entscheidungsgrundlage bekam. Und noch etwas musste nun noch gekl\u00e4rt werden: War der T\u00e4ter tats\u00e4chlich vollumf\u00e4nglich f\u00fcr seine Tat verantwortlich? Denn das entscheidet dar\u00fcber, wie hoch das Strafma\u00df am Ende ausf\u00e4llt und ob der Verurteilte \u00fcberhaupt je wieder in die Freiheit entlassen werden kann.<\/p>\n<p>Oft besch\u00e4ftigen sich ganze Verhandlungstage mit dieser Frage und geben den Gerichtsreportern ausgiebig die Gelegenheit, die Schwierigkeiten eines solchen Falles nachzuvollziehen und auch die Polizisten und Gutachter kennenzulernen, die vor dem Gericht ihre Aussagen machen. Bekannte und Verwandte des T\u00e4ters werden befragt. Der T\u00e4ter kann sprechen, muss aber nicht. Und wer nicht mit vorgefertigtem Urteil im Gerichtssaal sitzt, kann nachsp\u00fcren, wie schwer das Ringen um die Wahrheit ist. Und auch oft genug an Grenzen st\u00f6\u00dft, wenn der T\u00e4ter zum Beispiel \u00fcber seine Taten nicht sprechen will oder kann.<\/p>\n<p>Dann bleiben logischerweise auch f\u00fcr Ermittler und Beobachter Fragen offen. Jede Menge Fragen, die es sowieso schon zu jedem aufsehenerregenden Mord gibt. Denn letztlich wollen alle auch verstehen, wie es zu den Taten kam. Wie ein Mensch in Situationen kommen kann, in denen er wehrlose Menschen t\u00f6tet, um sie danach mit geradezu kalter \u00dcberlegung irgendwo in der Stadt zu \u201eentsorgen\u201c. Denn auch hinter der Zerst\u00fcckelung der Leiche steckt ja \u00dcberlegung. Und eine gewaltige Gef\u00fchlsdistanz. Das sp\u00fcrt man auch in Pfeifers Rekonstruktionen diese Szenen.<\/p>\n<p>Wie erz\u00e4hlt man so einen Fall?<\/p>\n<p>Denn J\u00f6rg Pfeifer hat nat\u00fcrlich nicht einfach nur pur die Ermittlungsakten abgeschrieben, sondern versucht die Geschichte auch anhand echter Charaktere zu erz\u00e4hlen. Einige der Auftretenden sind tats\u00e4chlich echte Leipziger Beteiligte an diesem Fall, andere sind eine Konstruktion aus mehreren Ermittlern, wie Pfeifer erkl\u00e4rt. Und auch nicht alle erscheinen unter Klarnamen. Auch nicht der T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Was dann einige Kunstgriffe braucht, um die Ereignisse trotzdem lebendig zu erz\u00e4hlen. Da bekommt dann einer der zentralen Ermittler auch gleich noch eine eigene, ber\u00fchrende Familiengeschichte. Denn Polizisten sind nat\u00fcrlich auch Menschen mit Sorgen, Freuden, Lieben. Nur weil das so ist, k\u00f6nnen sie sich auch in die T\u00e4ter hineinversetzen.<\/p>\n<p>Und Pfeifer arbeitet nat\u00fcrlich einen Aspekt besonders heraus, der ihm wichtig ist, weil er in unserer heutigen Gesellschaft meist nicht wahrgenommen wird: \u201eDiese Geschichte handelt \u2013 neben den Ermittlungen in einem aufsehenerregenden Kriminalfall \u2013 von Gef\u00fchlen der Ausgrenzung, konkret: wenn Menschen nicht mehr wahrgenommen werden. Wenn sie aus einem anderen Sozial- und Kulturkreis stammen. Wenn es keinen regulierenden Austaush mehr gibt. Wenn Menschen ihrer eigenen \u201aBlase\u2018 oder \u201apeer group\u2018 \u00fcberlassen werden. Wenn sie alleine bleiben. Wenn es keinen gibt, der sich f\u00fcr ihre innere Zerr\u00fcttung interessiert. Wenn Angst und R\u00fcckzug vorherrschen.\u201c<\/p>\n<p>Man merkt schon: Da geht es nicht nur um Menschen aus Portugal, der Mongolei oder von anderswo, die in Leipzigs nicht so noblen Ortsteilen gelandet sind. Da geht es um viele solcher Abschottungen und Ausgrenzungen in unserer Gesellschaft. Hier kommen auch die Opfer ins Bild. Denen Pfeifer nat\u00fcrlich auch einige Kapitel widmet. So wird die Welt deutlicher, in der alles geschah.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, denen die damaligen Sensationsgeschichten aus diversen Medien bis heute schlaflose N\u00e4chte machen, ist Pfeifers Buch eine Einladung, auch einen der r\u00e4tselhaftesten F\u00e4lle der j\u00fcngeren Leipziger Kriminalgeschichte ein wenig besser zu verstehen. Was einem \u2013 wie den Ermittlern \u2013 oft erst gelingt, wenn man tats\u00e4chlich ein gewisses Verst\u00e4ndnis entwickelt f\u00fcr die Menschen, die in so einen Fall verstrickt sind.<\/p>\n<p>2020 gab es dann noch ein Nachspiel zum Prozess, in dem es um die Schwere der Schuld ging. <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/leben\/faelle-unfaelle\/2020\/10\/Er-gibt-nicht-auf-Moerder-kaempft-weiter-um-mildere-Strafe-356783\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dar\u00fcber berichtete Lucas B\u00f6hme hier.<\/a><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg Pfeifer <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783947145959@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eSoko Br\u00fccke. Der Frauenm\u00f6rder von Leipzig\u201c<\/a><\/strong> hansanord Verlag, Feldafing 2025, 17 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Verbrechen passieren nicht nur anderswo. Sie passieren auch in Leipzig. 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