{"id":302369,"date":"2025-07-29T06:34:11","date_gmt":"2025-07-29T06:34:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/302369\/"},"modified":"2025-07-29T06:34:11","modified_gmt":"2025-07-29T06:34:11","slug":"zoll-deal-der-eu-mit-den-usa-stellungnahmen-aus-der-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/302369\/","title":{"rendered":"Zoll-Deal der EU mit den USA: Stellungnahmen aus der Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 27. Juli 2025 einigten sich EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen und US-Pr\u00e4sident Donald Trump darauf, dass die meisten der US-Importe aus Europa k\u00fcnftig mit 15 Prozent verzollt werden sollen.<\/strong><\/p>\n<p>Nur als \u201eersten Schritt\u201c hin zu einem umfassenden und fairen Handelsabkommen bewertet Helena Melnikov, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), die jetzt getroffene Grundsatzvereinbarung im transatlantischen Zollkonflikt. \u201eDie deutsche Wirtschaft kann vorerst etwas durchatmen\u201c, kommentiert Melnikov die Vereinbarung: \u201eDie Gefahr einer Eskalation im Handelsstreit mit den USA ist abgewendet \u2013 noch h\u00f6here und unkalkulierbare Z\u00f6lle ab 1. August sind vom Tisch.\u201c F\u00fcr viele Unternehmen sei das \u201eeine dringend ben\u00f6tigte Atempause. Die EU stand unter erheblichem Druck, hat aber mit der Einigung Schlimmeres verhindert. Doch der Deal hat seinen Preis, und dieser Preis geht auch zulasten der deutschen und europ\u00e4ischen Wirtschaft.\u201c<\/p>\n<p><strong>Bitterer Kompromiss<\/strong><\/p>\n<p>Der neu vereinbarte Zollsatz von 15 Prozent auf die meisten EU-Importe l\u00e4gen \u201edeutlich \u00fcber den urspr\u00fcnglichen S\u00e4tzen, die vor Trumps Amtsantritt zwischen zwei und f\u00fcnf Prozent lagen oder ganz entfielen\u201c, stellt Melnikov klar. \u201eGerade f\u00fcr die Automobilindustrie und andere Schl\u00fcsselbranchen bedeutet das massive Mehrbelastungen.\u201c Der Kompromiss sei bitter, nicht nur f\u00fcr die deutsche Wirtschaft, sondern auch f\u00fcr viele US-Betriebe, die von funktionierenden Lieferketten und fairen Partnerschaften profitierten. \u201eF\u00fcr Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks wird es jetzt deutlich teurer\u201c, rechnet Melnikov.<\/p>\n<p>Viele Details blieben noch unklar, \u201einsbesondere, wie die angek\u00fcndigten Energieimporte und Investitionszusagen in der Praxis umgesetzt werden sollen.\u201c Klar sei dagegen: \u201eDie USA sind und bleiben ein attraktiver Markt. Deutsche Unternehmen investieren dort aus unternehmerischer \u00dcberzeugung, nicht aus politischem Kalk\u00fcl. Was sie daf\u00fcr brauchen, ist Verl\u00e4sslichkeit, sowohl in der Zollpolitik als auch bei den allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.\u201c<\/p>\n<p>Melnikov weiter: \u201eDie Einigung schafft kurzfristig Stabilit\u00e4t, mehr nicht. Es ist nur ein erster Schritt. Jetzt muss die EU weiter mit den USA verhandeln und an einem umfassenden, fairen und zukunftsgerichteten Handelsabkommen arbeiten.\u201c Gleichzeitig seien Bundesregierung und EU-Kommission gefordert, die richtigen Schl\u00fcsse zu ziehen: \u201eWir brauchen wettbewerbsf\u00e4hige Standortbedingungen, verl\u00e4ssliche Politik, gezielte Investitionsanreize und vor allem mehr Tempo und weitere Freihandelsabkommen.\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gingen fast 90 Prozent der deutschen Exporte in andere Weltregionen, erinnert die DIHK-Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrerin. \u201eGerade in M\u00e4rkten wie S\u00fcdamerika, Asien und Australien liegt enormes Potenzial. Das Mercosur-Abkommen muss endlich ratifiziert, die Verhandlungen mit Indien, Indonesien und Australien mit Nachdruck weitergef\u00fchrt werden. Eine exportstarke Volkswirtschaft wie Deutschland braucht mehr denn je offene M\u00e4rkte, nicht neue H\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Regelbasierter Welthandel gef\u00e4hrdet<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Dr. Julian Hinz, Experte f\u00fcr internationalen Handel am Kiel Institut f\u00fcr Weltwirtschaft (IfW Kiel), kommentiert den jetzt vereinbarten Handelsdeal zwischen der EU und den USA, der f\u00fcr europ\u00e4ische Exporte in die Vereinigten Staaten Zolls\u00e4tze von 15 Prozent vorsieht:<\/p>\n<p>\u201eDer am 27. Juli vereinbarte Deal zwischen der EU und den USA ist kein guter Deal \u2013 er ist Appeasement, also eine Politik der Beschwichtigung. Die EU versucht kurzfristig, einen Handelskrieg abzuwenden, zahlt daf\u00fcr aber langfristig einen hohen Preis. Sie verl\u00e4sst damit die Prinzipien des multilateralen und regelbasierten Welthandelssystems der Welthandelsorganisation (WTO), das Europas Wohlstand bislang ma\u00dfgeblich garantiert hat.<\/p>\n<p>Die kurzfristigen wirtschaftlichen Folgen des Deals m\u00f6gen begrenzt erscheinen \u2013 so erwarten wir f\u00fcr Deutschland zun\u00e4chst ein verringertes Wachstum von 0,13 Prozentpunkten. Doch der langfristige Schaden f\u00fcr das multilaterale Handelssystem ist weit gr\u00f6\u00dfer. Die EU sollte sich dringend auf ihre St\u00e4rken besinnen und verst\u00e4rkt Handelspartnerschaften mit gleichgesinnten L\u00e4ndern f\u00f6rdern, um dem regelbasierten globalen Handelssystem wieder R\u00fcckhalt zu geben.<\/p>\n<p>Nach WTO-Regeln m\u00fcssen Mitgliedsl\u00e4nder dieselben Zolls\u00e4tze f\u00fcr alle anderen Mitglieder anwenden. Abweichungen sind nur im Rahmen von Freihandelsabkommen erlaubt, bei denen beide Seiten ihre Z\u00f6lle auf null reduzieren. Der aktuelle Deal verst\u00f6\u00dft klar gegen diese Grunds\u00e4tze und schafft einen gef\u00e4hrlichen Pr\u00e4zedenzfall. Er k\u00f6nnte andere L\u00e4nder dazu ermutigen, ebenfalls politisch motivierte und willk\u00fcrliche Zollerh\u00f6hungen durchzusetzen. Langfristig drohen damit eine Eskalation von Handelskonflikten und insgesamt h\u00f6here Z\u00f6lle \u2013 eine Entwicklung, die insbesondere Exportnationen wie Deutschland empfindlich treffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dabei h\u00e4tte die EU Alternativen gehabt: Statt auf einen einseitig nachteiligen Deal einzugehen, h\u00e4tte sie gemeinsam mit anderen betroffenen Wirtschaftsnationen wie Kanada, Mexiko, Brasilien und S\u00fcdkorea eine Koalition bilden k\u00f6nnen. Damit w\u00e4re ein wirkungsvolles Gegengewicht zu den amerikanischen Zolldrohungen entstanden. Stattdessen st\u00e4rkt der heute geschlossene Deal die Strategie von Pr\u00e4sident Trump, andere Wirtschaftsnationen gegeneinander auszuspielen.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eEin fatales Signal an die eng verflochtene Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), kommentiert die Zoll-Einigung zwischen der EU und den USA:<\/p>\n<p>\u201eAuch ein Zollsatz von 15 Prozent wird immense negative Auswirkungen auf die exportorientierte deutsche Industrie haben. Das \u00dcbereinkommen ist ein unzureichender Kompromiss und sendet ein fatales Signal an die eng verflochtene Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks. Durch die Einigung mit den USA nimmt die EU schmerzhafte Z\u00f6lle in Kauf. Denn auch ein Zollsatz von 15 Prozent wird immense negative Auswirkungen auf die exportorientierte deutsche Industrie haben.<\/p>\n<p>Das einzig Positive an dieser Einigung ist, dass eine weitere Eskalationsspirale zun\u00e4chst abgewendet werden konnte. Entscheidend ist jetzt, dass das geschlossene \u00dcbereinkommen verbindlich wird. Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks brauchen Planungssicherheit f\u00fcr ihre Lieferketten und Investitionen. Jetzt m\u00fcssen alle an einem Strang ziehen, um die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen in dieser schwierigen Phase zu stabilisieren. Zugleich bleibt ein fortlaufender Dialog zur grunds\u00e4tzlichen L\u00f6sung des Handelskonflikt weiterhin unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Dass es keine Einigung f\u00fcr die Stahl- und Aluminiumexporte gibt, ist ein zus\u00e4tzlicher Tiefschlag. Das setzt eine Schl\u00fcsselbranche weiter unter Druck, die ohnehin vor enormen Herausforderungen im internationalen Wettbewerb und durch die Transformation steht.<\/p>\n<p>Die EU muss jetzt zeigen, dass sie mehr ist als ein Binnenmarkt \u2013 sie muss Machtfaktor sein: Wir brauchen eine Strategie f\u00fcr eine wettbewerbsf\u00e4hige und resiliente Wirtschaft sowie den politischen Willen, im globalen Machtgef\u00fcge selbstbewusst mitzuspielen. Mit hohem Tempo muss die Europ\u00e4ische Kommission nun Schl\u00fcsseltechnologien vorantreiben, den Binnenmarkt integrieren und schlanke Handelsabkommen abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Europa blockiert sich selbst mit lokaler B\u00fcrokratie, mehrfachen Berichtspflichten und unterschiedlich umgesetzten EU-Verordnungen. Alle Regularien geh\u00f6ren auf den Pr\u00fcfstand, b\u00fcrokratische H\u00fcrden m\u00fcssen konsequent abgebaut werden. Die EU darf ihrer wirtschaftlichen St\u00e4rke nicht l\u00e4nger selbst im Weg stehen. W\u00fcrden bestehende Handelshemmnisse und Einschr\u00e4nkungen im EU-Binnenmarktk\u00fcnftig um die H\u00e4lfte abgebaut, k\u00f6nnten die Exporte der deutschen Industrie in die meisten EU-Mitgliedstaaten bis 2035 um ein zus\u00e4tzliches Prozent pro Jahr wachsen. Bei einem vollst\u00e4ndigen Abbau der H\u00fcrden k\u00f6nnte das Wachstum sogar fast verdoppelt werden.\u201c<\/p>\n<p>Quelle: DIHK, IfW Kiel, BDI<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 27. 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