{"id":302688,"date":"2025-07-29T09:32:29","date_gmt":"2025-07-29T09:32:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/302688\/"},"modified":"2025-07-29T09:32:29","modified_gmt":"2025-07-29T09:32:29","slug":"geschichten-von-flucht-und-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/302688\/","title":{"rendered":"Geschichten von Flucht und Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>Anonym wirken die gro\u00dfen, grauen Zelte, die im Dezember 2023 auf dem <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/krankenhaus-q16917\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Krankenhaus<\/a>gel\u00e4nde an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe aufgebaut wurden. Das Gel\u00e4nde ist eingez\u00e4unt und \u00fcberwacht. Ab und zu kommen Frauen mit Kindern oder M\u00e4nner durch das Tor. Oder sie kehren, mit Einkaufst\u00fcten in der Hand, wieder an diesen Ort zur\u00fcck. Denn dieser Ort ist zurzeit ihr Zuhause \u2013 es ist die Landesaufnahmestelle f\u00fcr Gefl\u00fcchtete an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe. Der WESER-KURIER wollte wissen: Wie sieht das Leben hinter dem Zaun aus?<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" data-w=\"1200 1 Landscape\" alt=\"Heydar Malari (45) leitet zusammen mit seiner Kollegin Mariam Moubarak die Landesaufnahmestelle an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe. Er spricht Farsi (Persisch), Englisch und Deutsch.\" class=\"inline-gallery__image withsrc\" style=\"max-height:unset;aspect-ratio:16\/9\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Landscapeerstunterkunft-st-j-rgen-stra-e.webp.webp\"\/><\/p>\n<p>Heydar Malari (45) leitet zusammen mit seiner Kollegin Mariam Moubarak die Landesaufnahmestelle an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe. Er spricht Farsi (Persisch), Englisch und Deutsch.<\/p>\n<p>                    Foto:<br \/>\n     Christina Kuhaupt <\/p>\n<p>Heydar Malari (45) und Mariam Moubarak (44) begr\u00fc\u00dfen uns am Tor. Sie leiten zusammen im Auftrag der Awo die Landesaufnahmestelle f\u00fcr Gefl\u00fcchtete an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe. Unter unseren F\u00fc\u00dfen ist grauer Schotter, die Sonne brennt hei\u00df an diesem Vormittag. In diesem Moment wird das Metalltor von dem Security-Personal ge\u00f6ffnet und Uwe Eisenhut (58) f\u00e4hrt mit seinem Wagen auf das Gel\u00e4nde. Er ist bei der Awo der Fachbereichsleiter f\u00fcr Asyl. H\u00e4nde werden gesch\u00fcttelt, die F\u00fchrung beginnt.<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" data-w=\"1200 1 Landscape\" alt=\"Mariam Moubarak (44) leitet zusammen mit Heydar Malari die Landesaufnahmestelle an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe. Sie spricht Arabisch, Englisch und Deutsch.\" class=\"inline-gallery__image withsrc\" style=\"max-height:unset;aspect-ratio:16\/9\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1753781548_396_Landscapeerstunterkunft-st-j-rgen-stra-e.webp.webp\"\/><\/p>\n<p>Mariam Moubarak (44) leitet zusammen mit Heydar Malari die Landesaufnahmestelle an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe. Sie spricht Arabisch, Englisch und Deutsch.<\/p>\n<p>                    Foto:<br \/>\n     Christina Kuhaupt <\/p>\n<p>&#8222;In einer Halle leben alleinreisende M\u00e4nner&#8220;, erl\u00e4utert Heydar Malari. &#8222;In zwei weiteren Hallen wohnen Familien. Dann gibt es noch Wohnr\u00e4ume f\u00fcr alleinreisende Frauen und nat\u00fcrlich Veranstaltungsr\u00e4ume, eine Mensa und hier rechts Lernklassen f\u00fcr die Kinder&#8220;, sagt er und zeigt zur Seite. Durch ein Fenster blicken neugierige Kinderaugen durch die Glasscheibe. Interessiert beobachten sie unsere kleine Gruppe.<\/p>\n<p>Wir gehen ein St\u00fcck weiter und betreten das gro\u00dfe Zelt. Ein Wachmann sitzt an einem kleinen Tisch, hinter ihm stehen mehrere B\u00e4nke, auf denen zwei Personen sitzen und warten. &#8222;Hier melden sich die Gefl\u00fcchteten, wenn sie ein Anliegen haben&#8220;, sagt Malari und zeigt auf kleine B\u00fcrocontainer, die gegen\u00fcber auf dem grauen Schotter stehen. &#8222;In den B\u00fcror\u00e4umen k\u00f6nnen die Bewohner sich dann beraten lassen&#8220;, sagt der 45-J\u00e4hrige. &#8222;Das sind zum Beispiel Arzttermine, Fragen zu Antr\u00e4gen oder andere Anliegen, f\u00fcr die sie Hilfe ben\u00f6tigen.&#8220;<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" data-w=\"1200 1 Landscape\" alt=\"Uwe Eisenhut (58) leitet bei der Awo den Fachbereich Asyl.\" class=\"inline-gallery__image withsrc\" style=\"max-height:unset;aspect-ratio:16\/9\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1753781548_9_Landscapeerstunterkunft-st-j-rgen-stra-e.webp.webp\"\/><\/p>\n<p>Uwe Eisenhut (58) leitet bei der Awo den Fachbereich Asyl. <\/p>\n<p>                    Foto:<br \/>\n     Christina Kuhaupt <\/p>\n<p>In dem Zelt sind mit Holzw\u00e4nden R\u00e4ume gebaut worden, die keine Decken haben. &#8222;In dieser Bauweise sind aus Sicherheitsgr\u00fcnden alle Innenr\u00e4ume gestaltet&#8220;, erkl\u00e4rt Malari. Es hallt. Wir h\u00f6ren die Kinder der Lernklasse lachen, reden, lernen. Dann gehen wir weiter zu den Wohnhallen.<\/p>\n<p>&#8222;Nat\u00fcrlich gibt es auch Menschen, die Vorurteile haben&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es erfordert viel Vorbereitung und Organisation, um eine Unterkunft wie diese auf die Beine zu stellen&#8220;, erkl\u00e4rt Uwe Eisenhut, der bei der Awo den Fachbereich Asyl leitet. &#8222;Vor Baubeginn haben wir als Erstes die Anwohner informiert&#8220;, erkl\u00e4rt er. &#8222;Das ist wichtig, da etwas Neues entsteht, womit sich die Menschen, die hier leben, noch nicht auskennen.&#8220; Auf Beiratssitzungen, Informationsgespr\u00e4chen und Flyer-Verteilung seien die Bewohner des Stadtteils \u00fcber die zuk\u00fcnftige Landesaufnahmestelle informiert worden. &#8222;Nat\u00fcrlich gibt es auch Menschen, die Vorurteile haben&#8220;, sagt Eisenhut. &#8222;Aber die meisten haben dieses Projekt sehr freundlich aufgenommen.&#8220; Au\u00dferdem, so erkl\u00e4rt er, h\u00e4tten sich viele Anwohner als ehrenamtliche Helfer gemeldet und w\u00fcrden seitdem in unterschiedlichen Projekten mitarbeiten.<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" data-w=\"1200 1 Landscape\" alt=\"Der 33-j\u00e4hrige Max Petermann arbeitet als Projektkoordinator in der Landesaufnahmestelle.\" class=\"inline-gallery__image withsrc\" style=\"max-height:unset;aspect-ratio:16\/9\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1753781549_944_Landscapeerstunterkunft-st-j-rgen-stra-e.webp.webp\"\/><\/p>\n<p>Der 33-j\u00e4hrige Max Petermann arbeitet als Projektkoordinator in der Landesaufnahmestelle.<\/p>\n<p>                    Foto:<br \/>\n     Christina Kuhaupt <\/p>\n<p>Max Petermann kommt aus den B\u00fcrocontainern zu unserer Gruppe und begr\u00fc\u00dft uns. Der 33-J\u00e4hrige arbeitet als Projektkoordinator in der Landesaufnahmestelle. Er wirkt genauso gut gelaunt wie alle anderen Mitarbeiter, die wir an diesem Ort treffen. Petermann koordiniert die <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/ehrenamt-q188844\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ehrenamt<\/a>lichen und die Projekte, organisiert mit anderen Mitarbeitern Bastelgruppen, Angebote f\u00fcr Erwachsene wie das Frauensprachcaf\u00e9, die mobile Kinderbetreuung, das Sportangebot und vieles mehr. &#8222;Erst gestern war das gro\u00dfe Sommerfest&#8220;, sagt er. &#8222;Mit Musikprogramm, Kinderschminken, Grill, Kuchen und einem Fu\u00dfballprogramm. Das wurde sehr gut von den Bewohnern angenommen. Es war wirklich ber\u00fchrend.&#8220;<\/p>\n<p>Die Menschen, die hier wohnen, haben kein eigenes Zuhause mehr. Sie haben keine Arbeit und d\u00fcrfen auch nicht arbeiten. Bis auf die Essenszeiten gibt es keinen festen Tagesrhythmus. Daf\u00fcr Hoffen auf die Zukunft, Denken an die Heimat und Warten. Warten, dass alles irgendwann besser wird.<\/p>\n<p>&#8222;Zurzeit leben circa 400 Menschen hier&#8220;, erkl\u00e4rt Heydar Malari. &#8222;Davon sind 60 Kinder.&#8220; Zu ihren Herkunftsl\u00e4ndern z\u00e4hlen die Ukraine, Syrien, Afghanistan und L\u00e4nder aus Afrika. &#8222;Die Flucht, bis sie hier ankommen, dauert teilweise Jahre&#8220;, sagt Malari. &#8222;Und das unter teils menschenunw\u00fcrdigen und gef\u00e4hrlichen Bedingungen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir waren sehr gl\u00fccklich \u2013 bis die Taliban kamen&#8220;<\/p>\n<p>Zwei Frauen aus Afghanistan erz\u00e4hlen uns ihre Geschichte. In dem Besprechungsraum nahe der Mensa setzen wir uns an einen Tisch. Eine Frau \u00fcbersetzt aus dem Persischen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin mit meinen vier Kindern hier&#8220;, sagt eine der beiden Frauen, die eine blaue persische Tunika mit Kopftuch tr\u00e4gt. Sie ist Mitte 40 und seit sieben Monaten in Bremen. &#8222;Wir hatten ein wundersch\u00f6nes Leben in Afghanistan&#8220;, beginnt sie zu erz\u00e4hlen. &#8222;Mein Mann und ich haben beide gearbeitet. Es war ein gutes Leben. Wir waren sehr gl\u00fccklich.&#8220;<\/p>\n<p>Dann seien die Taliban an die Macht gekommen. Das Leben sei von einem auf den anderen Tag anders und sehr gef\u00e4hrlich geworden. Sie habe sich nicht mehr auf die Stra\u00dfe getraut und gewusst, dass sie gehen m\u00fcssen, wenn sie eine gute Zukunft f\u00fcr ihre Kinder w\u00fcnschen, sagt sie.<\/p>\n<p>Drei Tage habe ihre erste Fluchtetappe gedauert. Dann seien sie im <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/iran-q794\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Iran<\/a> angekommen. &#8222;Dort wollten wir f\u00fcr immer bleiben&#8220;, sagt sie. Drei Jahre wurden es. &#8222;Wir hatten immer noch keine Papiere. Kein Leben mit Zukunft f\u00fcr unsere Kinder. Deswegen reisten wir mit Schleppern in die T\u00fcrkei.&#8220; &#8222;Dort hat uns die Polizei erwischt&#8220;, berichtet sie. &#8222;Sie sind sehr streng. Sie schlagen auch.&#8220; Ihr Mann, erz\u00e4hlt sie, sei zur\u00fcckgeschickt worden. Sie sei mit den Kindern nach Deutschland gekommen. &#8222;Ich vermisse meine Heimat und meinen Mann so sehr&#8220;, sagt sie. &#8222;Und gleichzeitig bin ich so dankbar f\u00fcr die Hilfe, die ich hier in Bremen erfahre. F\u00fcr die M\u00f6glichkeit, eine bessere Zukunft f\u00fcr meine vier Kinder zu haben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir wurden in einem Schiffscontainer versteckt&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere Frau lebt mit ihrem Mann und ihren f\u00fcnf Kindern in der Unterkunft. Auch sie kommen aus Afghanistan. Auch sie seien mit Schleppern \u00fcber die T\u00fcrkei nach Italien gekommen. &#8222;Wir wurden in einem Schiffscontainer versteckt&#8220;, erz\u00e4hlt sie. &#8222;Ohne Fenster. Ohne irgendwas.&#8220; Sechs Tage, sagt sie, h\u00e4tten sie in diesem Container im Frachtraum ausharren m\u00fcssen. Ohne Licht und ohne die T\u00fcr des Containers \u00f6ffnen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>\n    Am Tag nach unseren Besuch darf die siebenk\u00f6pfige Familie in ein <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/stadtteil-burglesum\/tag-der-offenen-tuer-in-lesum-wohnanlage-muehlenacker-laedt-ein-doc80xio8dzk89us00in09\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00dcbergangswohnheim<\/a> ziehen. Dann werden sie nach Monaten wieder Zimmer mit einer Zimmerdecke haben. Und eine K\u00fcche, um zu kochen, was sie m\u00f6gen. &#8222;Das wird etwas ganz Besonderes&#8220;, sagt die 42-J\u00e4hrige. &#8222;Wenn ich endlich wieder die Lieblingsgerichte der Kinder kochen kann.&#8220;\n<\/p>\n<p>                        <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/\" id=\"home\" class=\"button primary-primary font-size-15_1 m-0a customEvent\" data-layer-event-name=\"customEvent\" data-layer-trigger=\"click\" data-layer-category=\"artikelscoring\" data-layer-action=\"startseite_button\" data-layer-label=\"doc811pragqki910gk0x14u\" data-layer-value=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anonym wirken die gro\u00dfen, grauen Zelte, die im Dezember 2023 auf dem Krankenhausgel\u00e4nde an der St.-J\u00fcrgen-Stra\u00dfe aufgebaut wurden.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":302689,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[2420,3364,29,30],"class_list":{"0":"post-302688","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-bremen","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114935833995061564","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302688","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=302688"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302688\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/302689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=302688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=302688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=302688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}