{"id":302893,"date":"2025-07-29T11:20:17","date_gmt":"2025-07-29T11:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/302893\/"},"modified":"2025-07-29T11:20:17","modified_gmt":"2025-07-29T11:20:17","slug":"walther-rauff-in-chile-philippe-sands-die-verschwundenen-von-londres-38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/302893\/","title":{"rendered":"Walther Rauff in Chile: Philippe Sands &#8222;Die Verschwundenen von Londres 38&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Allein die Vorstellung ist mehr als nur emp\u00f6rend: Der SS-Offizier Walther Rauff beteiligt sich Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs erneut an Folter und an Morden in Chile unter Augusto Pinochet.<\/p>\n<p>Walther Rauff war verantwortlich f\u00fcr die Entwicklung und den Betrieb der Gasw\u00e4gen im Zweiten Weltkrieg. In den mobilen Vorl\u00e4ufern der Gaskammern verloren zwischen 1941 und 1943 Hunderttausende j\u00fcdische und andere KZ-H\u00e4ftlinge ihr Leben. <\/p>\n<p>Nach 1945 setzte sich Rauff, wie so viele NS-Verbrecher, nach S\u00fcdamerika ab. Dort tauchte er aber nicht unter, sondern startete eine zweite Karriere als leitender Angestellter einer Konservenfabrik im chilenischen Patagonien. Nach dem Putsch Augusto Pinochets 1973 suchte der ehemalige SS-Offizier die N\u00e4he zur Macht \u2013 und fand sie auch. <\/p>\n<p>Diesem bisher kaum untersuchten Lebensabschnitt Rauffs widmet sich der bekannte Menschenrechtsanwalt Philippe Sands in seinem neuen Buch \u201eDie Verschwundenen von Londres 38\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eIch stehe hier sozusagen unter Denkmalschutz\u201c\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>In einer Tonbandaufzeichnung von 1980 meinte Walther Rauff:\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u201cIch stehe hier sozusagen unter Denkmalschutz (\u2026) Der General Pinochet war vor round about 12 Jahren in Ecuador, wo wir auch waren. Und damals war er x-mal in meinem Haus.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Acht Jahre lang recherchierte der britisch-franz\u00f6sische Bestsellerautor Sands den Fall Rauff. Er sichtete alle schriftlichen Zeugnisse und unterzog sie einer quellenkritischen \u00dcberpr\u00fcfung. Er durchquerte Chile von S\u00fcd nach Nord, besuchte ehemalige Folterorte der Pinochet-Diktatur und f\u00fchrte zahlreiche Zeitzeugengespr\u00e4che, mit Opfern ebenso wie mit ehemaligen Mitarbeitern der chilenischen Geheimpolizei DINA. <\/p>\n<p>Darauf aufbauend entwickelt er eine erdr\u00fcckende Indizienkette, die Rauffs Verstrickungen in die Machenschaften der DINA aufdeckt. Laut Sands war der gl\u00fchende Nationalsozialist aktiv in Folterungen, Morde und in das massenhafte Verschwindenlassen von Oppositionellen eingebunden.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u201eIch bin ein Engel\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Diese unglaubliche Geschichte, die bis dato lediglich Gegenstand von Vermutungen war, verbindet Sands mit einem zweiten Erz\u00e4hlstrang, n\u00e4mlich jenem \u00fcber die aufsehenerregende Verhaftung Pinochets 1998 in London. <\/p>\n<p>Minuti\u00f6s schildert der Autor das juristische Tauziehen um die Auslieferung des Ex-Diktators, die Spanien von Gro\u00dfbritannien verlangte: Ein komplexer und Neuland betretender Rechtsstreit, der 18 Monate sp\u00e4ter mit einem umstrittenen \u00e4rztlichen Gutachten und der R\u00fccksendung Pinochets nach Chile wegen angeblicher Verhandlungsunf\u00e4higkeit endete.\u00a0\u00a0<\/p>\n<blockquote class=\"quote-blockquote\">\n<p>Das Flugzeug traf am Dienstag, dem 3. M\u00e4rz, in Santiago ein (\u2026).\u00a0<br \/>Den Gehstock zwischen seine Beine geklemmt, wurde er auf eine Hebeb\u00fchne gerollt und dann langsam zu Boden gelassen. Der Rollstuhl wurde auf das Rollfeld geschoben, wo er stehen blieb. Pinochet, in dunklem Anzug und lila Krawatte, wurde aufgeholfen, er ging ein paar Schritte vorw\u00e4rts, umarmte General Izurieta, dann lief er winkend und l\u00e4chelnd zum Flughafengeb\u00e4ude. Die Kapelle spielte, Anh\u00e4nger jubelten, Pinochet strahlte.\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Rauff starb 1984, Pinochet 2006, ohne dass die beiden je f\u00fcr ihre Verbrechen verurteilt worden w\u00e4ren &#8211; und ohne die geringsten Anzeichen von Schuldeingest\u00e4ndnis oder gar Reue. Pinochet beteuerte 2003 in einem TV-Interview:\u00a0\u00a0<\/p>\n<blockquote class=\"quote-blockquote\">\n<p>Ich habe niemanden ermordet, und ich gab keine Befehle, irgendjemanden zu ermorden. Ich bin ein Engel.\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hin zum Primat der Menschenrechte\u00a0<\/p>\n<p>Trotz der skandal\u00f6sen Straflosigkeit, die die F\u00e4lle Rauff und Pinochet verbindet, ist die zentrale Botschaft des Buches keine negative: Die juristische Auseinandersetzung, die mit der Festnahme Pinochets einsetzte, verschob den internationalen Diskurs weg vom Primat der Immunit\u00e4t von Staats- und Regierungschefs hin zum Primat der Menschenrechte.\u00a0<\/p>\n<p>Die Verschwundenen von Londres 38<br \/>\nAus dem Englischen von Thomas Betram und Henning Dedekind<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1752668049117,philippe-sands-die-verschwundenen-von-londres-38-102~_v-icon_-7bcdf069542bbe2d1d9ef71c.jpeg\"  class=\"\" data-copyright=\"Foto: Pressestelle, S. Fischer Verlag\" alt=\"Philippe Sands - Die Verschwundenen von Londres 38. \u00dcber Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien\" title=\"Philippe Sands - Die Verschwundenen von Londres 38. \u00dcber Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien (Foto: Pressestelle, S. Fischer Verlag)\" width=\"320\" height=\"490\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><\/p>\n<p>Philippe Sands &#8211; Die Verschwundenen von Londres 38. \u00dcber Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien<\/p>\n<p><a rel=\"external nofollow\" class=\"link\" tabindex=\"-1\" itemprop=\"url\"><br \/>\nPressestelle<br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><a rel=\"external nofollow\" class=\"link\" tabindex=\"-1\" itemprop=\"url\"><br \/>\nS. Fischer Verlag<br \/>\n<\/a><\/p>\n<dl class=\"review-metadaten\">\n<dt class=\"review-author\">Autor<\/dt>\n<dd class=\"review-author\">\nPhilippe Sands\n<\/dd>\n<dt class=\"review-genre\">Genre<\/dt>\n<dd class=\"review-genre\">Sachbuch<\/dd>\n<dt class=\"review-publisher\">Verlag<\/dt>\n<dd class=\"review-publisher\">S. Fischer (624 Seiten, 29 Euro)<\/dd>\n<dt class=\"review-date-published\">Erscheinungsdatum<\/dt>\n<dd class=\"review-date-published\">23. April 2025<\/dd>\n<dt class=\"review-isbn\">ISBN<\/dt>\n<dd class=\"review-isbn\">978-3-10-397125-5<\/dd>\n<\/dl>\n<p>Inspiriert von fiktionalen Werken wie den Erz\u00e4hlungen von Roberto Bola\u00f1o legt Sands ein kunstvoll zusammengef\u00fcgtes Mosaik vor: Lebendig, vielstimmig, voller Spannungsmomente und mit gro\u00dfem Sinn f\u00fcr den menschlichen Faktor im Mahlstrom der Geschichte. <\/p>\n<p>Dass die vertrackten Rechtsdebatten f\u00fcr Laien verst\u00e4ndlich und bis zum Schluss interessant bleiben, ist nicht die geringste der erz\u00e4hlerischen Leistungen von Philippe Sands.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Allein die Vorstellung ist mehr als nur emp\u00f6rend: Der SS-Offizier Walther Rauff beteiligt sich Jahrzehnte nach Ende des&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":302894,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-302893","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114936258758150817","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=302893"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302893\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/302894"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=302893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=302893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=302893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}