{"id":303906,"date":"2025-07-29T20:40:14","date_gmt":"2025-07-29T20:40:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/303906\/"},"modified":"2025-07-29T20:40:14","modified_gmt":"2025-07-29T20:40:14","slug":"omer-meir-wellber-dieser-israelische-dirigierstar-wird-hamburg-verzaubern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/303906\/","title":{"rendered":"Omer Meir Wellber: Dieser israelische Dirigierstar wird Hamburg verzaubern"},"content":{"rendered":"<p>Der Dirigent Omer Meir Wellber wird Generalmusikdirektor in Hamburg. Er radikalisiert das Musikerlebnis und glaubt an die gemeinschaftsbildende Kraft der Oper. Er hat die Gabe, aus jedem Publikum eine Gemeinschaft zu machen. Begegnung mit einem Magier aus Israel.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Manchmal beginnt ja der Wahnsinn in der totalen Idylle. Der Himmel ist blau \u00fcber Wotersen. \u201eDas Erbe der Guldenburgs\u201c ist hier im Herzogtum Lauenburg mal gedreht worden. Fast vierzig Jahre ist das her. Ein paar Pferde k\u00f6nnten gern herumlaufen. <\/p>\n<p>Da, wo sie vielleicht Piaffen \u00fcben den Rest des Jahres, im Reitstall, ist Schleswig-Holstein Musikfestival. Leicht knarzende St\u00fchle stehen auf leicht knarzenden Bohlen in einer komischen Aufstellung, Stuhlreihen, nicht ausgerichtet auf die B\u00fchne, sondern einander zugewandt. Schlafbrillen, wohl verpackt, liegen auf den St\u00fchlen. \u201eTrau deinen Ohren\u201c steht darauf.<\/p>\n<p>Der sich den Wahnsinn ausgedacht hat, sitzt in der Sonne. Sommerhemd, Jeans, Brille. Kurz geschorener Sch\u00e4del, schlank. Raucht und redet. Er redet schnell. Wof\u00fcr andere anderthalb Stunden brauchen, schafft Omer Meir Wellber locker in der H\u00e4lfte der Zeit. <\/p>\n<p>Vor drei Jahren war er Portr\u00e4tk\u00fcnstler des Musikfestivals. Mehr als ein Dutzend Konzerte hat er kuratieren d\u00fcrfen. In Scheunen und in S\u00e4len. Und irgendwas st\u00f6rte immer irgendwen. Dass man schlecht h\u00f6ren, vor allem schlecht sehen konnte. Dachte er sich \u2013 Demokrat, der er ist, der designierte Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper \u2013 sollen in Wotersen diesmal halt alle gar nichts sehen.<\/p>\n<p>Deswegen die Schlafmasken. Jeden da sitzen lassen, das hatte er vor, jeder in seinem Raum. Musik h\u00f6ren und was man sonst so h\u00f6rt in einem Reitstall, aber vielleicht nicht unbedingt so intensiv, wie man es h\u00f6rt, wann man nichts sieht. Knarzen, atmen und die sonstigen Nebenger\u00e4usche des Nebenmanns. <\/p>\n<p>Aber auch ganz anders Abtauchen in die Musik. Abtauchen in seinen je eigenen Erfahrungskosmos. Am Meer sein mit dem Hirn und dem Herzen beim H\u00f6ren zum Beispiel. Oder in den Bergen. Oder sonst wo.<\/p>\n<p>Volksoper in der Reithalle<\/p>\n<p>Omer Meir Wellber hat ziemlich lange get\u00fcftelt an dem Programm. Irgendwann purzelte es dann in die richtige Reihenfolge. Eine typisch Wellber\u2019sche vielleicht. Von der Oberfl\u00e4che einer verbl\u00fcffend einfachen, aber verspielten Idee in eine gewisserma\u00dfen existenzielle Tiefe. <\/p>\n<p>Mit Mozarts \u201eKleiner Nachtmusik\u201c kommen Wellbers Streicher der Wiener Volksoper auf Socken herein, verteilen sich im Raum. Ralph Vaughan Williams\u2019 doppelch\u00f6rige \u201eTallis-Variationen\u201c spannen ihre bukolischen Fl\u00fcgel durch die Reithalle. Und dann st\u00fcrzen die k\u00fcnstlich Erblindeten Wellber an seinem  wandernden Akkordeon hinterher durch \u201eNear and Far\u201c, die wilde Fantasie des Georgiers Josef Bardanashvili.<\/p>\n<p>Am Ende \u2013 in der Pause hat sich jeder, statt wortlos am Anderen vorbei zum n\u00e4chsten Getr\u00e4nkestand zu sprinten, mit jedem Wildfremden ausgetauscht \u00fcber das, was sich w\u00e4hrend der Blindheit in ihm getan hat \u2013 ist Wellber mit Astor Piazzolla unterwegs durch die Reithalle. <\/p>\n<p>Hat er vorher abgefragt: Akkordeon oder kein Akkordeon, laut oder leise? Die Antwort war eindeutig. Laut und Akkordeon. Omer Meir Wellber hat mal wieder aus einer Ansammlung nicht mehr ganz junger Menschen eine verschworene, verspielte  Gemeinschaft gemacht. Zauberhaft war das. Ein Zauberer ist er ja auch. Aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Das mit dem Akkordeon muss man vielleicht erkl\u00e4ren. Weil es einiges erkl\u00e4rt. Vielleicht alles von Omer Meir Wellber. 13 Kilo wiegt das Teil. Es ist \u2013 ein Kunstwerk aus Tasten und Perlmutt \u2013 eigens f\u00fcr Wellber in Italien gebaut worden. <\/p>\n<p>Akkordeon musste man in Israel damals lernen, sagt Wellber. Oder Mandoline. Er ist in Be\u2019er Sheva geboren und aufgewachsen. In Israels Mitte. Am Rand der W\u00fcste Negev. <\/p>\n<p>Wellber nahm das Akkordeon, das tragbare Orchester, mit dem er all die Lieder, mit denen \u2013 nat\u00fcrlich ist das zionistische Propaganda \u2013 eine Gemeinschaft in Israel gebildet wurde. Um die 300 Lieder als Nation Building. Lieder, auf die sich immer noch die meisten, vielleicht alle \u2013 gerade war das so beim Geburtstag von Wellbers Mutter \u2013 einigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine kleine Geschichte am Rande, die wieder viel erkl\u00e4rt von dem Filouhaften, dem Spielerischen, dem Angstfreien, das Wellbers Wesen ausmacht, ist die von Padua. Da sollte es eine \u201eAida\u201c geben. Padua ist einer der italienischen Orte abseits der Metropolen (in denen er inzwischen auch \u00fcberall dirigiert hat), die er liebt, in der Oper geliebt wird, wo Oper Gemeinschaft schafft. <\/p>\n<p>Einer aus dem S\u00fcden<\/p>\n<p>Anruf bei Wellber. Klar, er kennt die \u201eAida\u201c. Klar, kann er machen. Legt auf. Sprintet zum n\u00e4chstgelegenen Kulturkaufhaus. Dienstagabend war das. Er b\u00fcffelt sich die Partitur ins Hirn. Am Donnerstag ist erste Probe. Ein Sensationserfolg. Wellber wird Dirigent des Jahres. Die Italiener lieben den Mann aus der W\u00fcste. Er ist einer von ihnen. Einer aus dem S\u00fcden.<\/p>\n<p>In Palermo wird er Musikdirektor. Macht aus der ganzen Stadt eine Oper. Holt die Stadt ins Teatro Massimo. Und das Teatro Massimo in die Stadt. Beweist Musiktheater als relevante Kunstform. Weil sie, das hat Wellber mit Leoluca Orlando, der Anti-Mafia-Legende, der B\u00fcrgermeister von Palermo war, ausbaldowert, ein Bollwerk f\u00fcr die Zivilgesellschaft, gegen Rassismus und Antisemitismus, f\u00fcr Queerness und eine liberale Gesellschaft sein kann.<\/p>\n<p>Was sich da so in seinem Kopf abspielt, wenn er da so dirigiert, muss man sich als dauerndes Feuerwerk vorstellen. Er komponiert. Schreibt Romane, der zweite erscheint im August in Israel. Er liest ein halbes Dutzend B\u00fccher in fast einem halben Dutzend Sprachen gleichzeitig. Russisch, erz\u00e4hlt er, hat er gelernt, um Pasternak im Original lesen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Gerade hat er Amos Oz\u2019 \u201eGeschichte von Liebe und Finsternis\u201c im Rucksack. Das liest er zum dritten Mal und zum ersten Mal auf Deutsch. Das alles, was andere in der Gleichzeitigkeit, in der es durch Wellbers Kopf schie\u00dft auch beim Dirigieren, in den Wahnsinn treiben w\u00fcrden, bildet, erz\u00e4hlt er in Wotersen, Netzwerke in seinem Hirn mit der Partitur auf seinem Pult. <\/p>\n<p>Irgendwie h\u00e4ngt alles ja doch mit allem zusammen. Erweitert den Spielraum, er\u00f6ffnet Perspektiven auf alles. Kann er gar nicht abstellen. Seine Freundin hat gesagt, sagt er, er soll doch mal ein bisschen ruhiger machen, wenigstens manchmal. Sie ist Yoga-Lehrerin und betreibt Shiatsu. Das k\u00f6nnte helfen. Eine Yoga-Matte hat er schon mal.<\/p>\n<p>Was Oper heute hei\u00dft<\/p>\n<p>Wenn es im September losgeht in Hamburg, wird er sie sp\u00e4testens brauchen. Dann ist es mit der Ruhe erst mal vorbei. F\u00fcr Hamburg und f\u00fcr Wellber. An der Seite des Intendanten Tobias Kratzer will er in einem Gro\u00dfstadtversuch herauszufinden versuchen, was Oper heute hei\u00dft. Dass Repertoire nicht Routine sein muss, sondern Abenteuer sein kann. Er will kein Museum des Klangs, sagt er, sondern einen Spielplatz, auf dem sich die besten Geschichten und Zaubertricks abspielen, die sich Wellber aus seinem Kopf, der funktioniert wie Professor Dumbledores Denkarium, gezogen hat. <\/p>\n<p>Wellber, daher kommen die ganzen Magiermetaphern, hat in Israel, wenn er nicht gerade Tanzmusik bei Hochzeiten machte oder Trauermusik bei Beerdigungen, als Zauberer gearbeitet. Das schult. Man soll keinen Trick zweimal machen, erz\u00e4hlt er. Und dass er durchs Zaubern gelernt hat, wie man eine Geschichte erz\u00e4hlt. <\/p>\n<p>Man muss sich das Opernhaus am G\u00e4nsemarkt jedenfalls, die Elbphilharmonie und die ganzen anderen Spielst\u00e4tten, in denen Wellber Musik und Oper raus aus den Tempeln, nahe ans Volk bringen will, wie Harry Potters Zauberzelte vorstellen. Die sind unscheinbar, scheinen klein. Betritt man diese geschlossenen R\u00e4ume, kommt man ins Offene, in eine ungeahnte Weite.<\/p>\n<p>Da hat sich Wellber ein ganz perfides Spiel einfallen lassen. Sie wollen neue Musik spielen. Aber nicht so wie \u00fcblich. Als zehnmin\u00fctigen Avantgardeausflug, von dem sich das wei\u00dfm\u00e4hnige Publikum, das immer noch davon \u00fcberzeugt ist, dass Sch\u00f6nberg der philharmonische Antichrist ist, durch schmerzlindernde Dosen Tschaikowsky und Brahms wieder erholen kann. <\/p>\n<p>Es gibt zehn Konzerte in der kommenden Spielzeit. F\u00fcr jedes Konzert schreibt ein Komponist, eine Komponistin ein neues St\u00fcck. Ein neues St\u00fcck in einem alten. <\/p>\n<p>Das geht zum Beispiel so: Der britische Pianist und Komponist Steven Hough spielt Beethovens drittes Klavierkonzert. Der Mittelsatz ist aber ein ganz anderer. Den hat Hough komponiert. Nach Wellbers Vorgaben. Etwa, dass da ein Akkord an einem bestimmten Takt stehen bleibt. <\/p>\n<p>Der zentrale Stadtmusiker<\/p>\n<p>Einen Dialog schaffen, ist das Ziel, ins Gespr\u00e4ch kommen mit der Vergangenheit. Wer den Satz vermisst, kann ihn sich im Netz anh\u00f6ren. Da wird er unter Leitung eines jungen Dirigenten von einem Orchester gespielt, das zur H\u00e4lfte aus Hamburger Musikstudenten besteht. Das Education-Programm der G\u00e4nsemarktoper, die erste und \u00e4lteste deutsche B\u00fcrgeroper, f\u00fcllt in der ziegeldicken Vorschau auf die kommende Spielzeit gef\u00fchlt ein halbes hundert Seiten. Zumindest darin ist Hamburg, so sieht es jedenfalls sein designierter zentraler Stadtmusiker, das neue Berlin.<\/p>\n<p>Ob das gut geht, wird sich weisen. Wellber, der \u00fcberzeugt ist, dass Musik sein kann wie das Leben, das wir eigentlich wollen und der sagt, dass er nie das Nichts, sondern immer das M\u00f6gliche sieht, Wellber wird nicht nachlassen. Wird die Fischk\u00f6pfe verwirren.<\/p>\n<p>Das konnte er \u00fcbrigens auch schon als Kind. Mit dem Kopf seiner Mutter. Morgens um sieben ging das damals los, da am Rand der W\u00fcste. Omer spielte in seinem Zimmer. H\u00e4mmerte, randalierte, machte infernalischen L\u00e4rm. Das ging so, bis es Zeit war f\u00fcrs Abendessen. Und die Mutter, die man sich als eine unendlich geduldige Frau vorstellen muss, rief: \u201eDanke, Omer. Danke, danke, danke.\u201c<\/p>\n<p>Das rufen sie, sagt Omer Meir Wellber, wenn sie zusammenkommen, heute immer noch. Das ist so eine Art Familienruf geworden. Hamburg, denkt man sich angesichts dessen, was Wellber noch so vorhat an Spielen an Transformationen des Klassischen, Hamburg hat in ein paar Jahren die Wahl: \u201eDanke, Omer\u201c, zu rufen, \u201edanke, danke, danke.\u201c Um endlich Ruhe zu haben, bildungsb\u00fcrgerliches Yoga zu betreiben, ohne \u00dcberraschungen, ohne Zaubertricks, Sinfonik so wie damals. Oder eine auf Jahrzehnte verzauberte Stadt zu sein, offen, unberechenbar, unruhig. Wetten d\u00fcrfen angenommen werden. Sie stehen ganz gut f\u00fcr Omer Meir Wellber. In Winterhude jedenfalls, wo er jetzt wohnt, ist er, sagt er, schon weltber\u00fchmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Dirigent Omer Meir Wellber wird Generalmusikdirektor in Hamburg. 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