{"id":303924,"date":"2025-07-29T20:49:16","date_gmt":"2025-07-29T20:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/303924\/"},"modified":"2025-07-29T20:49:16","modified_gmt":"2025-07-29T20:49:16","slug":"stark-unabhaengig-eigensinnig-tageszeitung-junge-welt-30-07-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/303924\/","title":{"rendered":"Stark, unabh\u00e4ngig, eigensinnig, Tageszeitung junge Welt, 30.07.2025"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img211551\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/211551.jpg\" class=\"img-fluid\" alt=\"10.jpg\"\/><\/p>\n<p>Doris Gercke (7.2.1937\u201325.7.2025)<\/p>\n<p>Bei einigen PEN-Tagungen habe ich sie erlebt und nicht ans Unwiederbringliche gedacht. Nie mehr werde ich ihr pers\u00f6nlich begegnen. Am 25. Juli ist Doris Gercke in Hamburg gestorben. Und weil gerade Schulferien sind, f\u00e4llt mir ein Kinderbuch ein, das auch in dieser Sommerzeit spielt. \u00bbVersteckt\u00ab: Zwei Jungs, David und Jonnie, d\u00fcrfen sich bei ihrer Gro\u00dfmutter (da denkt man an die Autorin) ganz frei und geborgen w\u00e4hnen. Doch pl\u00f6tzlich f\u00fchlen sie sich ausgeliefert. Ins Haus ist jemand eingebrochen, und diverse Dinge wurden gestohlen. Dieser Jemand wird im Wald entdeckt: ein Junge aus Polen. Muss man ihn der Polizei ausliefern? Dass keiner im Buch auf die Idee kommt, ist bemerkenswert. Was ist der Unterschied zwischen dem allgemeinen und dem eigenen Gesetz? Und dann tauchen doch noch echte Verbrecher auf, zwei M\u00e4nner, vor denen Krysztoff geflohen ist \u2026<\/p>\n<p>Doris Gerckes Genre war der Krimi. Aber bis dahin war es ein langer Weg. 1937 in einer Greifswalder Arbeiterfamilie geboren, nahmen die Eltern die Zw\u00f6lfj\u00e4hrige mit, als sie 1949 in den Westen gingen. Das sei f\u00fcr sie \u00bbtragisch\u00ab gewesen, bekannte sie sp\u00e4ter. \u00bbAber heute denke ich, dass es der Grund daf\u00fcr war, dass ich schreibe.\u00ab In ihrer Schule in einem vornehmen Stadtteil Hamburgs habe sie begriffen, \u00bbdass ich Prolet bin. Im Osten konnte ich kein Klassenbewusstsein entwickeln, aber im Westen waren die Grenzen klar gezogen.\u00ab Von einem Studium konnte keine Rede sein. Bei drei Kindern hatte es gerade mal f\u00fcrs Schulgeld gereicht. Sie machte eine Ausbildung in der Schulbeh\u00f6rde, lernte ihren Mann kennen, bekam zwei Kinder und litt schrecklich unter der intellektuellen Unterforderung.<\/p>\n<p>Erst mit 40 holte sie das Abitur nach, wie sie Barbara Kaiser in einem ND-Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlte, und studierte danach noch Jura. Dazu kam 1986\/87 ein Jahr an der \u00bbLeninschule\u00ab in Moskau, \u00bbweil die Partei, der ich damals angeh\u00f6rte, keine Juristen, sondern Berufsrevolution\u00e4re wollte\u00ab. Zu einer Zeit, als sich Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika abm\u00fchte.<\/p>\n<p>Es war in den Semesterferien 1987, als sie zu schreiben begann. So sp\u00e4t! Heute will man es angesichts ihrer literarischen Produktivit\u00e4t kaum glauben.<\/p>\n<p>Obgleich sie schon eine Menge Erfahrungen hatte, sollte es keinesfalls Selbsterfahrungsliteratur sein. Sondern Krimis! Eine ersch\u00fctternde Geschichte, die ihr ein Polizist erz\u00e4hlte, hatte sie auf die Idee gebracht. Krimis, die Frauen zu ihrem Recht verhelfen, aber keinesfalls so trivial sein sollten, wie es die sogenannte Frauenliteratur h\u00e4ufig ist. Dass die Buchleser zu 80 Prozent weiblich sind, hat sie ermutigt. Und dass sie sich mit ihren Ermittlerinnen auch selbst best\u00e4rkt f\u00fchlen konnte, hat ihr Freude gemacht.<\/p>\n<p>Zuerst denkt man bei ihr nat\u00fcrlich an Bella Block, die in einer ganzen Krimireihe \u2013 zuerst im Verlag am Galgenberg, dann bei Hoffmann und Campe und bei Ullstein \u2013 im Mittelpunkt stand. Dar\u00fcber sollte man aber nicht vergessen, dass es noch weitere Krimis mit anderen Ermittlerinnen gab. Da f\u00e4llt mir Milena Proh\u00e1ska ein, aber auch die junge Anw\u00e4ltin Lisa, die in Gerckes Roman \u00bbPasewalk\u00ab ermittelt. Denn Lisas Gro\u00dfmutter sitzt wegen Mordes im Gef\u00e4ngnis und schickt die Enkelin in diese Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, damit sie die Tat versteht. Eine deutsche Geschichte von Verbrechen, S\u00fchne und Vers\u00f6hnung wird erz\u00e4hlt, die in die Vergangenheit zur\u00fcckgeht und in die Gegenwart weist.<\/p>\n<p>Was Bella Block betrifft, da mache man sich nichts vor: F\u00fcr ein breites Publikum hat sie durch die rothaarige Hannelore Hoger ein Gesicht bekommen. Von 1994 bis 2018 wurden 38 Folgen vom ZDF ausgestrahlt. Wobei nicht alles in der Filmreihe von Doris Gercke stammt. Auch andere Autoren haben mitgewirkt.<\/p>\n<p>Sie wusste, wie man Krimis schreibt. Aber zur raffinierten Machart kam bei ihr eine Gesinnung, die sie wohl schon von Kindheit an hatte: gesellschaftliche Ungerechtigkeit und Kriegstreiberei abzulehnen, die Gefahr von Neofaschismus zu erkennen und f\u00fcr V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, auch Russland betreffend, einzutreten. Bella Block soll schlie\u00dflich mit dem ber\u00fchmten russischen Dichter Alexander Blok in verwandtschaftlicher Beziehung stehen.<\/p>\n<p>Krimis hielt sie f\u00fcr das geeignetste Genre, um gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse vor Augen zu f\u00fchren. Kurz vor ihrem Tod entschied sie mit der Verlegerin des Argument-Verlages, dass dort aus ihren teils noch handschriftlichen Texten (Prosa und Lyrik) ein letztes Buch entstehen soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Doris Gercke (7.2.1937\u201325.7.2025) Bei einigen PEN-Tagungen habe ich sie erlebt und nicht ans Unwiederbringliche gedacht. 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