{"id":304369,"date":"2025-07-30T00:59:10","date_gmt":"2025-07-30T00:59:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/304369\/"},"modified":"2025-07-30T00:59:10","modified_gmt":"2025-07-30T00:59:10","slug":"maertyrer-von-kaveh-akbar-der-allerschoenste-zungenkuss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/304369\/","title":{"rendered":"&#8222;M\u00e4rtyrer!&#8220; von Kaveh Akbar: Der allersch\u00f6nste Zungenkuss"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph article__item\">Wenn es stimmt, was Orkideh in diesem <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/belletristik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roman<\/a> sagt, dann wurde der Kubismus nicht von Braque oder Picasso erfunden und auch nicht in Paris, sondern Jahrhunderte zuvor in Persien, und das kam so: Safawidische Gesandte aus Isfahan hatten die haushohen Prunkspiegel bestaunt, die in Frankreich, Belgien und Italien die Palasts\u00e4le zierten, und als sie dann ihrem Schah davon erz\u00e4hlten, wollte der so etwas auch haben, ganz gleich, zu welchem Preis. Doch ging die sperrige Fracht zu Bruch auf ihrem Orienttransport, die Architekten des Schahs standen vor einem Berg aus Millionen kleinster, wenn auch kostspieliger Scherben. Sie machten das Beste draus. Und verbastelten das reflektierende Glas h\u00f6chst kunstfertig in Mosaiken, Schreinen und Gebetsnischen, sodass die Perser notgedrungen identisch wurden mit ihren oszillierenden Spiegelbildern. &#8222;Wir waren&#8220;, sagt Orkideh, &#8222;schon seit langer Zeit darin ge\u00fcbt, uns selbst, unsere Natur, als kompliziert und vielschichtig zu begreifen. Zumindest eine Zeit lang. Kein durch und durch guter, heldenhafter Siegfried, der gegen einen durch und durch b\u00f6sen Drachen k\u00e4mpft.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Was ist, zum Beispiel, seitdem geschehen? Das m\u00e4rchenhafte Persien ist heute als der Iran verrufen. Zweitens: Der Lyriker Kaveh Akbar hat seinen Deb\u00fctroman geschrieben, der trotz seines Titels, M\u00e4rtyrer!, auf keine Achse des Guten oder B\u00f6sen geh\u00f6rt. Er war 2024 eines der Lieblingsb\u00fccher von Barack Obama. Spiegelscherbenhaft gebrochen erscheinen darin die Hauptfiguren Cyrus Shams und die besagte Orkideh, wobei die Eckdaten von Cyrus\u2019 Geschichte auch zu Kaveh Akbars Vita passen: Der kam 1989 in Teheran zur Welt und wanderte mit seiner Familie schon als Zweij\u00e4hriger in den Mittleren Westen der USA aus; eine gnadenlose Provinz, wo er, schon seines \u00c4u\u00dferen wegen, als Deplatzierter aufwuchs, was ihn dem Suff, den Drogen und dann den Anonymen Alkoholikern in die Arme trieb. Wie sein Romanheld: Cyrus taumelt durch die &#8222;Welt mit all ihren Auswahlk\u00e4stchen \u2013 weder Iraner noch Amerikaner, weder Muslim noch Nicht-Muslim, weder alkoholabh\u00e4ngig noch sinnstiftend genesen, weder schwul noch hetero. Jedes Lager fand ihn zu sehr dem anderen zugeh\u00f6rig.&#8220;\n<\/p>\n<p>    <a class=\"volume-teaser__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/31\/index\" title=\"Zur Ausgabe DIE ZEIT Nr.\u00a031\/2025\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"volume-teaser__media-item volume-teaser__media-item--landscape\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/original__120x85.jpeg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"86\"\/><\/p>\n<p>        Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31\/2025. Hier k\u00f6nnen Sie die gesamte Ausgabe lesen.<\/p>\n<p>            Ausgabe entdecken<\/p>\n<p>    <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Wie Akbar fabriziert auch Cyrus Gedichte und vielleicht einen Roman, das wei\u00df er noch nicht so genau; worum es geht, verr\u00e4t jedenfalls der Name der Word-Datei, in der er schon ewig herumschreibt: &#8222;BUCHDERM\u00c4RTYRER.docx&#8220;. Ein Dokument der Gottsucherei im Nebel, kein Glaube h\u00e4lt einen verl\u00e4sslichen Sinn mehr parat. Zeichen und Wunder? &#8222;Vielleicht&#8220;, r\u00e4soniert Cyrus, hat &#8222;Gott ja keinen Bock mehr auf spektakul\u00e4re Knalleffekte wie brennende B\u00fcsche und Heuschreckenplagen&#8220;. Die Zeit und Raum \u00fcbergreifende Idee des Martyriums aber fasziniert den Helden. M\u00fcssen wir den &#8222;einen sch\u00f6nen Tod&#8220;, den wir haben, wirklich blo\u00df l\u00e4ppisch vergeuden? Der antike chinesische Dichter Qu Yuan (ertr\u00e4nkte sich aus politischer \u00dcberzeugung in einem Fluss), der IRA-Terrorist Bobby Sands (starb im Hungerstreik), Jeanne d\u2019Arc (landete auf dem Scheiterhaufen): Cyrus hat ihre Konterfeis ausgedruckt und damit die K\u00fcche der Faulenzer-WG tapeziert, in der er mit seinem duldsamen Boyfriend irgendwie \u00fcber die Runden kommt. Es fasziniert ihn, dass es in Teheran eine Bobby-Sands-Stra\u00dfe gibt, er wei\u00df aber auch, was es im Iran-Irak-Krieg bedeutete, wenn iranische Soldaten an der T\u00fcr alter Frauen klopften und die frohe Botschaft \u00fcberbrachten: &#8222;Herzlichen Gl\u00fcckwunsch, Ihr Sohn ist ein M\u00e4rtyrer geworden.&#8220; Frauen, die sich fortan nicht zum dauerbeseelten L\u00e4cheln zwingen konnten, baumelten in Teheran vielleicht schon bald vom Baukran. Da scheinen dem amerikanisierten Nachwuchsdichter die eigenen Suizidgedanken wie koketter Luxus: Cyrus &#8222;kam sich vor wie Hamlet, hing eigentlich nur tr\u00fcbsinnig herum (&#8230;) w\u00e4hrend alle anderen ihm Bananen und Schokoriegel reichten.&#8220;\u00a0\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0ZEIT ONLINE<\/p>\n<p>\n                                        Newsletter<br \/>\n                                        Nat\u00fcrlich intelligent<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">K\u00fcnstliche Intelligenz ist die wichtigste Technologie unserer Zeit. Aber auch ein riesiger Hype. 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Die zivile Maschine war von einem US-Kriegsschiff aus abgeschossen worden, weil sie die Amerikaner mit einem Kampfflugzeug verwechselten. Lebt in Cyrus das Trauma eines zum Halbwaisen gewordenen S\u00e4uglings fort? Und wer, wenn nicht eine sehr ber\u00fchmte Konzeptk\u00fcnstlerin, ist nun diese Orkideh, die er im New Yorker Brooklyn-Museum kennenlernt, weil sie dort, in einer an die Arbeiten von Marina Abramovi\u0107 erinnernden Gespr\u00e4chsperformance (&#8222;Death Speak&#8220;), das eigene Sterben am Krebs inszeniert, und zwar bis zum bitteren Ende? Auch deutsche Leser sollten dieses schillernde Scherbenmosaik zusammensetzen, es ist ein r\u00fchrendes und spannendes Vergn\u00fcgen \u2013 kein Wunder, dass der Roman in den USA frenetisch gefeiert wurde. Unsere Nachrichtenlage (Trump, Netanjahu, die Mullahs) braucht eine Literatur, die das Leben feiert und nicht den Tod. Auf Seite 292: der sch\u00f6nste Zungenkuss aller Zeiten. Das Ausrufezeichen im Romantitel: pure Ironie.\n<\/p>\n<p>    Verlagsangebot<br \/>\n                    <img decoding=\"async\" class=\"bookshop-teaser__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/original__161x263.jpeg\"  alt=\"\" height=\"264\" width=\"161\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<dl class=\"bookshop-teaser__info\">\n<p><dt>Verlag<\/dt>\n<dd>Rowohlt<\/dd>\n<\/p>\n<p><dt>Seitenzahl<\/dt>\n<dd>400<\/dd>\n<\/p>\n<p><dt>Preis<\/dt>\n<dd>24,00 \u20ac<\/dd>\n<\/p>\n<\/dl>\n<p>    <a class=\"bookshop-teaser__button z-button\" href=\"https:\/\/shop.zeit.de\/buchhandlung\/artikeldetails\/9783498003944?affiliateCode=rf-z&amp;campaignCode=buchrezensionen&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=zeitonline&amp;utm_campaign=buchrezensionen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kaufen im ZEIT Buchshop<\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Kaveh Akbar: M\u00e4rtyrer! Rowohlt, Hamburg 2025; a. d. Engl. von Stefanie Jacobs; 400 S., 24,\u2013 \u20ac, als E-Book 19,99 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn es stimmt, was Orkideh in diesem Roman sagt, dann wurde der Kubismus nicht von Braque oder Picasso&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":304370,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[88128,3100,3101,1784,1785,29,214,30,80,93,2879,215],"class_list":{"0":"post-304369","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-maertyrer-von-kaveh-akbar","9":"tag-autor","10":"tag-belletristik","11":"tag-books","12":"tag-buecher","13":"tag-deutschland","14":"tag-entertainment","15":"tag-germany","16":"tag-kultur","17":"tag-literatur","18":"tag-lyrik","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114939479019554321","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=304369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304369\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/304370"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=304369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=304369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=304369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}