{"id":304646,"date":"2025-07-30T03:35:30","date_gmt":"2025-07-30T03:35:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/304646\/"},"modified":"2025-07-30T03:35:30","modified_gmt":"2025-07-30T03:35:30","slug":"insel-westberlin-distanz-und-empathie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/304646\/","title":{"rendered":"Insel Westberlin \u2013 Distanz und Empathie"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img309364\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/309364.jpeg\" alt=\"Dauerparkplatz in der Dresdener Stra\u00dfe, 1981\"\/><\/p>\n<p>Dauerparkplatz in der Dresdener Stra\u00dfe, 1981<\/p>\n<p>Foto: Wolfgang Krolow<\/p>\n<p>Er war der Mann mit der Kamera. Kreuzberg war seine Welt. Als Wolfgang Krolow 1972 von Mannheim nach West-Berlin kommt, hat der Student der Visuellen Kommunikation an der Hochschule der K\u00fcnste, gerade mal 22 Jahre alt, bereits einiges an Lebenserfahrung gesammelt. Freiheitsliebend hatte er, aus gut situiertem Elternhaus stammend, kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen und war per Anhalter in die T\u00fcrkei, nach Syrien, den Iran, nach Afghanistan und schlie\u00dflich in den Irak gereist. Der Trip auf der <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1082530.das-ende-von-nepals-hippie-trail.html?sstr=hippie|trail\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hippie-Route<\/a> findet sein Ende in einem irakischen Lehmloch, in dem er, der Spionage verd\u00e4chtig, gefangengehalten wird. Krolow hatte die Leichen hingerichteter Gegner des Baath-Regimes fotografiert.<\/p>\n<p>Dank der Initiative seiner Mutter und des deutschen Konsulats wird er aus der Haft entlassen und kehrt nach Deutschland zur\u00fcck. Er holt das Abitur in der pf\u00e4lzischen Provinz nach und studiert Bildhauerei und Grafik an der Kunstakademie Mannheim. Doch \u00fcbt die<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1112190.berlin-seufz.html?sstr=wolfgang|m\u00fcller|schlafsack\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> Insel West-Berlin<\/a> mit ihrer gedeihenden alternativen Szene und der Aussicht auf ein Leben ohne Wehrpflicht ihren Zauber als Sehnsuchtsort aus und Krolow erliegt.<\/p>\n<p>Krolow verdingt sich als Gelegenheitsarbeiter, zunehmend gelingt es ihm, als freischaffender Fotograf sein Einkommen zu bestreiten. Seit der Mitte der 1970er Jahre bildet <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1150340.kreuzberg-kreuzberg-wie-haste-dir-veraendert.html?sstr=kreuzberg|meueler\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kreuzberg<\/a> den Mittelpunkt seines Lebens und Schaffens. 1977 zieht er an den Chamissoplatz und verschmilzt k\u00fcnstlerisch mit diesem einzigartigen Biotop, das heute, so muss man es sagen, nicht mehr existiert. Hier leben im Schatten der Mauer am \u00e4u\u00dfersten Ostrand der West-Berliner Insel vor allem T\u00fcrkei-st\u00e4mmige sogenannte Gastarbeiter mit ihren Familien neben alteingesessenem Kleinb\u00fcrgertum \u2013 und der linken Hippie-, Punk- und Hausbesetzerszene.<\/p>\n<p>Wolfgang Krolow, ein freundlicher, hagerer Mann mit l\u00e4ngerem, struwweligem Haar und Lederjacke bewegt sich in diesem von der Politik sich weitgehend selbst \u00fcberlassenen, maroden, fr\u00fchen Boheme-Kiez mit einer unaufgeregten Nahbarkeit und Aufgeschlossenheit in allen hier gedr\u00e4ngten Milieus. Die t\u00fcrkischen Kinder freuen sich, wenn Krolow mit seiner Kamera auftaucht, posieren lachend oder lassen ihn unbefangen ihr kindliches Spiel ablichten. Das Vertrauen der Punks gewinnt er, als \u00bbHippie\u00ab zun\u00e4chst Persona non grata in den Szenekneipen, am Tresen. Und darf schlie\u00dflich das Alltagsleben dieser verschiedenen Kreuzberger Lebenswelten, die dennoch immer wieder Symbiosen eingehen und sich vermischen, mit der Kamera festhalten.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/309386.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Seine Bilder der sozialen Realit\u00e4t verraten, dass der Fotograf mit der abgebildeten Lebenswelt eins ist. Es sind Fotografien auf Augenh\u00f6he, seine Objekte d\u00fcrfen Subjekte sein, gerade in ihrer Ungesch\u00f6ntheit, in der Kaputtheit des Ambientes, das sie beleben. Krolow fotografiert \u00fcber anderthalb Jahrzehnte Demonstrationen, vor allem die Ruhe nach dem Sturm, Stra\u00dfenfeste, besetzte H\u00e4user und deren Bewohner*innen bei Instandsetzung und Protest, Portr\u00e4ts und Stra\u00dfenszenen arbeitender t\u00fcrkischer M\u00e4nner, feiernde Punks und in den Kulissen des von der Politik nur zum Abriss vorgesehenen Stadtteils spielende Kinder. Daneben Hausfassaden und ganze Stra\u00dfenz\u00fcge, die dieser Menschenf\u00e4nger dank seiner Kameradschaft mit dem \u00f6rtlichen Schornsteinfeger von den D\u00e4chern Kreuzbergs in Szene setzt. Die Fotografien Krolows verraten einen hervorragenden Blick f\u00fcr den Bildausschnitt, Geistesgegenwart und enorme Empathie. Es sind Perspektiven eines meisterhaft geschulten Fotok\u00fcnstlers und, so muss man es sagen, Menschenfreundes, dessen Herz links schlug. Die Distanz zu seinen Motiven wird dialektisch von der Sympathie aufgefangen, das macht die Spannung seiner Bilder aus.<\/p>\n<p>Dass Krolows Fotos einen Beitrag zur F\u00f6rderung der Widerstandskultur leisten sollten, daraus hat der 2019 verstorbene K\u00fcnstler nie ein Geheimnis gemacht. Dennoch: Seine Fotos sind kein Agitprop. Sein Werk ist eine Chronik der gesellschaftlichen Konflikte, die West-Berlin und insbesondere Kreuzberg in den 1970er und 1980er Jahren bewegten und die weit \u00fcber das Biotop hinausweisen, die exemplarisch stehen f\u00fcr den Kampf um bezahlbaren Wohnraum, ein gutes Leben ohne Angst vor Repression und Faschismus, f\u00fcr eine Stadt f\u00fcr alle, ein nicht verkauftes Leben.<\/p>\n<p>Heute, da viele der seinerzeit gehegten Hoffnungen vernichtet sind, stimmt das Eintauchen in das Werk Krolows sehns\u00fcchtig und wehm\u00fctig, seine Fotos ber\u00fchren unmittelbar und rufen in Erinnerung, worum es nach wie vor zu k\u00e4mpfen gilt. Vor allem machen sie Hoffnung auf bessere Zeiten, denn sie lassen erahnen, was vieles ver\u00e4ndern w\u00fcrde: Wenn wir uns st\u00e4rker als Teile einer gemeinsamen Welt begriffen. In der Assoziation A ist nun unter dem Titel \u00bbKreuzberg die Welt\u00ab eine gro\u00dfe Werkschau Wolfgang Krolows als epischer Bildband erschienen. Ein ikonischer Bilderschatz Berliner Gegenkultur.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Sigrid Heger, Andreas Homann und Rainer Wendling (Hrsg.): Kreuzberg die Welt. Fotografien von Wolfgang Krolow. Assoziation A, 280 S., geb., 44\u2005\u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dauerparkplatz in der Dresdener Stra\u00dfe, 1981 Foto: Wolfgang Krolow Er war der Mann mit der Kamera. 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