{"id":306531,"date":"2025-07-30T21:08:11","date_gmt":"2025-07-30T21:08:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/306531\/"},"modified":"2025-07-30T21:08:11","modified_gmt":"2025-07-30T21:08:11","slug":"werkschau-von-wang-bing-in-duesseldorf-das-beilaeufige-wunderbar-beobachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/306531\/","title":{"rendered":"Werkschau von Wang Bing in D\u00fcsseldorf: Das Beil\u00e4ufige wunderbar beobachten"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Endzeitliche Stimmung liegt \u00fcber den Bildern. Ein paar M\u00e4nner stehen in einer Tr\u00fcmmerlandschaft, zwei T\u00fcren lehnen an einem Strommasten, im Hintergrund Mauerreste. In den Pausenr\u00e4umen des Metallschmelzwerks sind noch vereinzelt Arbeiter zu sehen, schlafend h\u00e4ngen sie \u00fcber den Tischen oder liegen auf Holzb\u00e4nken.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Noch gibt es einen kleinen Shop, sein Warenangebot ist durch die vergilbten Scheiben jedoch kaum zu erkennen. Die verbliebenen Wohnquartiere haben schon unz\u00e4hlige Menschen beherbergt. Eine Frau und drei M\u00e4nner sitzen auf einem Metallbett, vor dem Fenster h\u00e4ngt notd\u00fcrftig ein St\u00fcck Stoff mit Palmenmuster.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Wang-Bing-gewinnt-in-Locarno\/!5439494\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wang Bing<\/a> hat die Fotografien zwischen 1994 und 2001 im Bezirk Tiexi in Shenyang in der Provinz Liaoning, China, aufgenommen \u2013 in Vorbereitung auf und w\u00e4hrend der Dreharbeiten zu \u201eTie Xi Qu: West of the Tracks (2003)\u201c. Die mehr als neunst\u00fcndige Dokumentation protokolliert den allm\u00e4hlichen Niedergang des einst bl\u00fchenden Industriebezirks in der \u00dcbergangsphase von staatlich gef\u00fchrter Produktion zum freien Markt. Im Kunstverein D\u00fcsseldorf er\u00f6ffnen die Fotos jetzt eine Schau mit Werken des chinesischen, heute 57-j\u00e4hrigen Dokumentarfilmemachers und Fotografen.<\/p>\n<p>      Epische L\u00e4nge<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Seit dem Beginn seiner k\u00fcnstlerischen Laufbahn begleitet Wang Bing die sozio\u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen, die China in den letzten Jahrzehnten gepr\u00e4gt haben. Sein Blick gilt dabei nicht den gro\u00dfen, bildgewaltigen Ereignissen, sondern dem Beil\u00e4ufigen und Marginalen.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Es sind so geduldige wie urteilsfreie Beobachtungen der Lebens- und Arbeitswirklichkeit gew\u00f6hnlicher Menschen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Es sind so geduldige wie urteilsfreie Beobachtungen der Lebens- und Arbeitswirklichkeit gew\u00f6hnlicher Menschen. Schon aufgrund ihrer epischen L\u00e4nge sind Wang Bings Arbeiten au\u00dferhalb der Filmfestivals selten zu sehen. Umso erfreulicher, dass seine Filme auch im Ausstellungsraum zu erfahren sind, nach einer Retrospektive bei der documenta 14, jetzt <a href=\"https:\/\/taz.de\/Persoenliche-Geschichten-in-der-Kunst\/!5954008\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">im Kunstverein D\u00fcsseldorf<\/a>. Die einflussreiche Pariser Galeristin Chantal Crousel hatte Bing vor einigen Jahren in Kunstkreisen bekannt gemacht.<\/p>\n<p>Die Ausstellung<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Wang Bing:<\/strong> \u201eThe Weight of the Invisible. Part II\u201c. Kunstverein f\u00fcr die Rheinlande und Westfalen, D\u00fcsseldorf, bis 24. August<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"7\">Kuratiert ist die Schau von Kathrin Bentele, Direktorin des Kunstvereins und designierte Leiterin der Kunsthalle Friart Fribourg. \u201eThe Weight of the Invisible\u201c, so der Titel der zweiteiligen Ausstellung, spannt dabei einen Bogen von der Gegenwart des chinesischen Kapitalismus zur\u00fcck in die Geschichte und die damit verbundenen Traumata und Verluste.<\/p>\n<p>      Verw\u00fcstungen der Kulturrevolution<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Der Film \u201eBeauty Lives in Freedom\u201c (2018), nun in \u201ePart II\u201c zu sehen, ist ein schmerzhaftes Zeugnis der Verw\u00fcstungen durch die Kulturrevolution. Mit mehr als vier Stunden Laufzeit eignet sich der komplexe Monolog des chinesischen K\u00fcnstlers, Philosophen und Aktivisten Gao Ertai jedoch kaum zur partiellen Sichtung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">\u00dcberhaupt wirkt dieses zweite Ausstellungskapitel ein wenig wie ein Appendix zum ersten, von Wang Bing speziell f\u00fcr den Kunstverein konzipierten Teil. Sein multiperspektivischer Ansatz fand sich darin auf produktive Weise in die r\u00e4umliche Inszenierung \u00fcbersetzt. Material der Installation war damals <a href=\"https:\/\/taz.de\/Pedro-Almodovar-gewinnt-Goldenen-Loewen\/!6032493\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eYouth\u201c, Wang Bings j\u00fcngstes Filmprojekt<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Im Zentrum standen junge ungelernte Wan\u00adder\u00adar\u00adbei\u00adte\u00adr:in\u00adnen aus den l\u00e4ndlichen Provinzen, die \u00fcber Monate in den Textilverarbeitungswerkst\u00e4tten eines grauen Distrikt der Millionenmetropole Huzhou City arbeiten. Anders als man es aus Berichten \u00fcber die riesigen Textilbetriebe in Asien kennt, werden in den privat gef\u00fchrten \u201eWorkshops\u201c nicht Kleider f\u00fcr den globalen Handel, sondern vor allem f\u00fcr den chinesischen Binnenmarkt produziert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Im Ausstellungsraum entfaltete sich der erste Teil der Trilogie \u201eYouth (Spring)\u201c auf neun, durch Sichtachsen verbundene Videoprojektionen. Wang Bing hatte die lineare Filmerz\u00e4hlung in entsprechend viele Episoden zerlegt. N\u00fcchtern registriert darin die handgef\u00fchrte Kamera, wie un\u00fcbersichtliche Stoffberge von wirbelnden H\u00e4nden durch die N\u00e4hmaschinen gezogen werden. Die repetitiven Abl\u00e4ufe, begleitet von Maschinengeratter, lauter Radiomusik und Smalltalk, entwickeln dabei einen ganz eigenen Sog.<\/p>\n<p>      Den Bewegungen folgen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Wiederholt setzt sich die Kamera mit den Arbeitenden in Bewegung und folgt ihnen \u00fcber enge Treppen und zugem\u00fcllte Laubeng\u00e4nge in die angeh\u00e4ngten Schlafbl\u00f6cke. \u201eYouth\u201c bezeugt eine Gegenwart, die von ausbeuterischer Arbeit bestimmt ist, nebenher produziert sie eine soziale Gemeinschaft, tempor\u00e4re Solidarit\u00e4ten, einen Flirt, manchmal auch mehr.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Aus Angst vor Repression hatte der K\u00fcnstler Gao Ertai die Zettel in seine Kleidung eingen\u00e4ht<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Fragil und ungleich h\u00e4rter errungen sind die Freir\u00e4ume in \u201eBeauty Lives in Freedom\u201c (2018). Obgleich nie offen kritisch gegen\u00fcber der Regierung geriet Gao Ertai durch seine Schriften (etwa \u00fcber Sch\u00f6nheit) \u00fcber Jahrzehnte ins Visier staatlicher Verfolgung, wurde mit Zwangsarbeit bestraft, sp\u00e4ter auch mit Lehr- und Publikationsverbot. Im Film bl\u00e4ttert der heute in Las Vegas lebende K\u00fcnstler durch eine dicke Mappe mit halb zerfledderten Papieren, darunter dicht beschriebene, teils winzige Zettel, die er aus Angst vor Repressionen in seine Kleidung einn\u00e4hte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"16\">\u201eMan in Black\u201c dagegen ist ein eindrucksvolles Beispiel performativer Oral History. In einem leeren Theater zeigt sich der nackte K\u00f6rper des 86-j\u00e4hrigen Komponisten Wang Xilin als Instrument f\u00fcr erz\u00e4hlte wie somatische Erinnerung, Laute und stilisierten Geb\u00e4rden lassen Gewalterfahrungen aufscheinen. Eine gefasste D\u00e4monen\u00adaustreibung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Endzeitliche Stimmung liegt \u00fcber den Bildern. 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