{"id":306992,"date":"2025-07-31T01:22:17","date_gmt":"2025-07-31T01:22:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/306992\/"},"modified":"2025-07-31T01:22:17","modified_gmt":"2025-07-31T01:22:17","slug":"ein-film-ueber-die-technoszene-in-berlin-berauscht-sich-am-mythos-der-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/306992\/","title":{"rendered":"Ein Film \u00fcber die Technoszene in Berlin berauscht sich am Mythos der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Die Berliner Technoszene ist vieles: ein Mythos von weltweiter Strahlkraft, fest im Selbstverst\u00e4ndnis der Hauptstadt verwurzelt, zugleich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der zahlreiche Branchen belebt \u2013 und doch angesichts des Club\u00adsterbens akut in ihrer Existenz bedroht. Umso passender scheint der Moment f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Filmfest-Muenchen\/!6095936\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Film wie \u201eRave On\u201c<\/a>, dessen Titel bereits eine entschlossene Weigerung erkennen l\u00e4sst, sich von den durchtanzten N\u00e4chten, dem kollektiven Freiheitsgef\u00fchl und der besonderen Energie irgendwann \u2013 und schon gar nicht in absehbarer Zeit \u2013 zu verabschieden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Allerdings rufen Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski, die hier als Regie- und Drehbuchduo agieren, mit ihrer nostalgiesatten Club-Odyssee gerade nicht diese positiven Assoziationen an die Szene wach, sondern erinnern vor allem an ihre schrecklich erm\u00fcdenden Schattenseiten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Wohl kaum mit Absicht \u2013 aber diese unkritische Selbstsicherheit trifft paradoxerweise sehr gut den Kern dessen, was auch das Nachtleben der Hauptstadt bisweilen so anstrengend macht. Dort \u00e4u\u00dfert es sich etwa im ungefragten Dozieren selbsterkl\u00e4rter Experten zu Musik und Subkultur, im ewigen Prahlen mit \u201elegend\u00e4ren\u201c Raves und sowieso einer Vergangenheit, die oft mehr glorifiziert als gelebt wurde.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">\n        <strong>Besonderes Distinktionsbed\u00fcrfnis<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Der Dunst von Dauerselbstdarstellung und einem besonderem Distinktionsbed\u00fcrfnis \u2013 f\u00fcr manche der eigentliche Kraftakt der Nacht \u2013 durchweht auch die knapp achtzigmin\u00fctige Spielzeit von \u201eRave On\u201c. Nicht zuletzt, weil sie in Hauptfigur Kosmo (Aaron Altaras) ein personifiziertes Sinnbild finden.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\"><strong>\u201eRave On\u201c.<\/strong> Regie: Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski. Mit Aaron Altaras, Clemens Schick u. a. Deutschland 2025, 80 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Kaum ist der Film er\u00f6ffnet, verk\u00fcndet der einst gefeierte Technoproduzent und DJ schon mit missionarischem Eifer, dass Vinyl das einzig Wahre sei \u2013 ausgerechnet dann, als ihn der T\u00fcrsteher dabei ertappt hat, wie er sich durch den Nebeneingang in seinen Lieblingsclub schleichen will. Vorher hatte Kosmo an der T\u00fcr bereits eine Abfuhr kassiert, denn angeblich wartet alle Welt nur auf seinen neuen Track. Er soll also zur\u00fcck ins Studio, anstatt zu feiern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Den Track aber hat der freilich schon dabei, sorgsam im Jutebeutel verstaut, um ihn drinnen der Rave-Legende Troy Porter (gespielt vom <a href=\"https:\/\/taz.de\/Fruehjahrsoffensive-im-House-Sektor\/!5016991\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">House-Produzenten Jamal Moss alias Hieroglyphic Being<\/a>) zu \u00fcberreichen. \u201eEine Platte ist eben etwas ganz anderes\u201c, belehrt Kosmo mit ver\u00e4chtlichem Schnauben den unwissenden T\u00fcrsteher, der irritiert nachfragt, warum er Troy den Track nicht einfach als Link schicken k\u00f6nne.<\/p>\n<p class=\"typo-teaser-text mgt-xsmall\">\nWir w\u00fcrden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,<br \/>\nob Sie dieses Element auch sehen wollen:\n<\/p>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Aber ohne solche H\u00fcrden und Glaubensbekenntnisse g\u00e4be es nun mal weder Film noch Szene: Kosmo wird nach dieser frohen Botschaft doch eingelassen, hinein in die Nacht, die noch viel Zeit bereith\u00e4lt f\u00fcr Begegnungen und Geschichten aus alten Tagen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">\n        <strong>Techno in seiner Urform<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Denn Troy Porter legt erst in den fr\u00fchen Morgenstunden auf, und in den Backstage-Bereich kommt Kosmo auch dann nicht, als er sich auf seinen sakrosankten Auftrag beruft, die Kultur mit seiner Musik wiederzubeleben, mit einer Reminiszenz auf den Techno in seiner Urform, die nat\u00fcrlich nichts mit dem zu tun habe, was mittlerweile so gespielt wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Und so findet er sich zun\u00e4chst am Tresen wieder, wartend und n\u00fcchtern, denn der Fehler von damals, als Kosmo einen gro\u00dfen Auftritt verpatzte, der sein gro\u00dfer Durchbruch h\u00e4tte werden k\u00f6nnen, soll sich nicht wiederholen. Dieser Vorsatz w\u00e4hrt jedoch nicht lange, und auf einen ersten Shot folgen wenig sp\u00e4ter Ketamin, Kokain, Speed und schlie\u00dflich der unvermeidliche Absturz.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Dazwischen l\u00e4uft \u201eRave On\u201c immerhin visuell zu gro\u00dfer Form auf: Raphael Beinders Kamera gleitet schwankend durch klaustrophobische Toilettenkabinen, tastet sich weiter in versteckte Bereiche tief im Untergrund des Clubs, taumelt durch Nebenr\u00e4ume, wo Schattenfiguren mit leerem Blick auf den Weg zur\u00fcck in die Realit\u00e4t warten, und streift immer wieder die flirrenden Tanzfl\u00e4chen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Unter pulsierenden Stroboskopeffekten und zu wummerndem Techno \u2013 unter anderem von Ed Davenport, John G\u00fcrtler und hiesigen Technok\u00fcnstlern \u2013 entfaltet sich ein Sog, der hineinzieht in diesen schwindelerregenden Nachtkosmos, der in seinen intensivsten Momenten beinah an einen surrealen Irrgarten erinnert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">\n        <strong>Verkommenheit der heutigen Szene<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">Kosmo durchl\u00e4uft dabei so etwas wie sein pers\u00f6nliches Purgatorium. Er trifft auf einen ehemaligen Dozenten (Benny Claessens), der sein vergeudetes Talent betrauert, streitet mit einer erfolgreichen DJane (Lucia Lu) \u00fcber die Verkommenheit der heutigen Szene, in der es nur noch um Geld und \u201eLikes\u201c gehe \u2013 vor allem aber muss er sich dem Argwohn von Klaus stellen, seinem einstigen k\u00fcnstlerischen Mitstreiter (Clemens Schick), der den Traum von der Karriere l\u00e4ngst abgehakt zu haben scheint.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">Irgendwo in diesem Taumel verliert Kosmo seine Platte, klar \u2013 ein Einschnitt, den Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski f\u00fcr eine Katharsis nutzen, die ihren Helden schlie\u00dflich wieder von der kollektiven Erfahrung des Techno \u00fcberzeugen wird. Doch dieser Impuls \u00fcbertr\u00e4gt sich nicht, der Film selbst konterkariert ihn sogar. Denn das, wovon \u201eRave On\u201c erz\u00e4hlt, ist weniger die Geschichte von Gemeinschaft oder gar geteilter Ekstase, sondern vor allem eine routinierte Wiederholung von pr\u00e4tenti\u00f6sen Posen, die \u00dcberh\u00f6hung einzelner \u201ePioniere\u201c und vermeintlicher Genies.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">Was bleibt, ist das Gef\u00fchl eines Abgesangs, der Sound von Selbstverkl\u00e4rung, eines besseren Gestern \u2013 und damit letztlich ein r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter Gestus, der schon vielen Subkulturen zuvor eine Bedeutung in der Gegenwart verunm\u00f6glicht hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Berliner Technoszene ist vieles: ein Mythos von weltweiter Strahlkraft, fest im Selbstverst\u00e4ndnis der Hauptstadt verwurzelt, zugleich ein&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":306993,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,30,1940,1938],"class_list":{"0":"post-306992","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-nachrichten-aus-berlin","15":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114945231712263036","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/306992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=306992"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/306992\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/306993"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=306992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=306992"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=306992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}