{"id":308396,"date":"2025-07-31T14:29:11","date_gmt":"2025-07-31T14:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/308396\/"},"modified":"2025-07-31T14:29:11","modified_gmt":"2025-07-31T14:29:11","slug":"fussball-1-fc-nuernberg-sie-werden-nie-mehr-einen-morlock-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/308396\/","title":{"rendered":"Fu\u00dfball \u2013 1. FC N\u00fcrnberg: Sie werden nie mehr einen Morlock haben"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img309469\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/309469.jpeg\" alt=\"Er hatte Strahlkraft, weil er nie strahlen wollte: Max Morlock, 1961 mit der Meisterschale\"\/><\/p>\n<p>Er hatte Strahlkraft, weil er nie strahlen wollte: Max Morlock, 1961 mit der Meisterschale<\/p>\n<p>Foto: imago\/Pressefoto Baumann<\/p>\n<p>Dass der 1. FC N\u00fcrnberg, der ehedem \u00bbRuhmreiche\u00ab, wie er bis heute in Festtagsreden und Chroniken allezeit gepriesen wird, am 4. Mai seinen 125. Geburtstag hat feiern k\u00f6nnen, ist ein welthistorisches Wunder. Denn seit den Siebzigerjahren h\u00e4ufte der nachmalige Rekordabsteiger peu \u00e0 peu und unverdrossen einen Mount Everest an Schiebereien, Schwarzgeldschweinereien, Veruntreuungsgaunereien und sonstigen profunden Skandalen und Finanzkungeleien an. Der DFB h\u00e4tte dem Club mindestens zwanzigmal die Lizenz entziehen m\u00fcssen. Schleppten die hohen Herren vom Valznerweiher auch regelm\u00e4\u00dfig schmucke Ledergeldkoffer zu den Funktion\u00e4ren?<\/p>\n<p>Von alledem war in den nicht enden wollenden, das Jubil\u00e4um umrankenden Publikationen aus dem Hause \u00bbN\u00fcrnberger Nachrichten\u00ab selbstverst\u00e4ndlich nirgendwo die Rede. Wie gewohnt prasselten die semantisch entkernten Stichw\u00f6rter auf einen ein: \u00bbMagie\u00ab, \u00bbFaszination\u00ab, \u00bbTradition\u00ab, \u00bbPh\u00e4nomen\u00ab, \u00bbKult\u00ab und so fort, und nat\u00fcrlich kr\u00f6nte Markus S\u00f6der, geb\u00fcrtig aus N\u00fcrnberg-Schweinau, diese enervierende sprachliche Sprachlosigkeit im Rahmen des Empfangs im st\u00e4dtischen Rathaus mit einem besonders klebrigen Exempel seines unabl\u00e4ssigen Geredes: \u00bb<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1112141.trainer-in-jahren.html?sstr=hans|meyer|trainer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ein Leben ohne den Club<\/a> ist f\u00fcr keinen von uns [meint: von uns Franken] vorstellbar.\u00ab<\/p>\n<p>Man hat selten einen d\u00fcmmeren Satz geh\u00f6rt. Einer satten Mehrheit unseres urfr\u00e4nkischen Familienfreundeskreises ist der Club v\u00f6llig wurscht, meiner Mutter war er schei\u00dfegal, sogar meinem Vater ging er in den letzten Jahren blo\u00df noch auf die Nerven. Am freit\u00e4glichen Stammtisch beim Bischoff interessiert sich so gut wie niemand f\u00fcr ihn, und die Mutter der sch\u00f6nen Frau, die im Zabo Haus an Haus mit den legend\u00e4ren Spielern Uebelein I und Uebelein II aufgewachsen war (was der Zabo ist, muss man nicht erkl\u00e4ren), lachte stets, fragte man sie nach der Bedeutung des FCN f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige, geschichtsblinde und gegenwartsvergessene Zeitungsremmidemmi flankierte zu allem \u00dcberdruss der f\u00fcnfteilige \u00bbN\u00fcrnberger Nachrichten\u00ab-Podcast \u00bbEin Fels in wilder Brandung\u00ab, in dem unter dem Vorsitz des Stilsch\u00e4nders Hans B\u00f6ller stundenlang \u00fcber die \u00bbUnerkl\u00e4rlichkeit\u00ab des einstigen Rekordmeisters und dar\u00fcber schwadroniert wurde, dass der FCN der Fu\u00dfball sei. Und weil das nicht langte, fackelte das Bayerische Fernsehen eine neunzigmin\u00fctige Sondersendung ab, in der \u2013 neben, zugegeben, ein paar sehr brauchbaren TV-Archivsequenzen, die eingespielt wurden \u2013 auf schwachsinnige Fragen jenseitig peinlich-bl\u00f6de Antworten folgten (abermals S\u00f6der: \u00bbClub-Mindset\u00ab, oder: \u00bbDer Club, ein explosives Spannungsfeld f\u00fcr die Legendenbildung\u00ab).<\/p>\n<p>Dass das alles auch anders, gewisserma\u00dfen ehrlich zu handhaben w\u00e4re, bewies der gro\u00dfartige, analytisch immer gl\u00e4nzende Ex-Trainer Hans Meyer, der die deprimierende Humorlosigkeit der Fans bem\u00e4ngelte (man sei \u00bbnie zusammengekommen\u00ab). Und mein Freund <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/41462.doppelrolle.html?sstr=g\u00fcnther|koch|radio\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G\u00fcnther Koch<\/a>, der im Radio die N\u00fcrnberger Spiele kommentierte und der zu Recht keinen Bock hatte, ins TV-Studio zu latschen, lie\u00df in Interviews mit der \u00bbS\u00fcddeutschen Zeitung\u00ab und der \u00bbBild\u00ab die Luft raus: \u00bbAls der Fu\u00dfball noch sauber war, war der Club unerreicht. Als der Fu\u00dfball dreckig wurde, machte der Club nicht mehr mit, zwar nicht absichtlich, aber seitdem hat er keine Chance mehr.\u00ab Er w\u00fcnsche dem Verein daher \u00bbmehr Gen\u00fcgsamkeit und [die] klare Erkenntnis, dass der Club in diesem fern- und fremdgesteuerten Bundesligagesch\u00e4ft nie wieder Meister wird\u00ab.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/309470.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Warum der 1. FC N\u00fcrnberg \u2013 der einerseits, einem Bonmot des in N\u00fcrnberg weltber\u00fchmten \u00bbBehelfsfu\u00dfballreporters\u00ab (Selbstbezeichnung) Klaus Schamberger zufolge, \u00bbein Depp\u00ab ist, andererseits, so ein allzu bekanntes Lied, als Legende lebe \u2013 jenseits der regionalreligi\u00f6sen \u00dcberh\u00f6hung und der systemischen Lumpereien etwas Humanes, R\u00fchrendes verk\u00f6rpert, bringt einem der au\u00dferordentlich gelungene, mit eindr\u00fccklichen Stills gespickte, ambitioniert nicht-chronologisch komponierte, mehr als zwei Stunden lange Dokumentarfilm \u00bbAura einer Legende\u00ab nahe (DVD und Blu-ray, zu beziehen \u00fcber fcn.de). Da werden Br\u00fcche nicht gekittet, schmerzhafte Momente nicht \u00fcbert\u00fcncht, und \u00bbdie Dimension des Clubs\u00ab (Michael Wiesinger) schrumpft auf das zusammen, was einem menschlichen Leben nicht schlecht zu Gesicht steht: auf Bindung, Verl\u00e4sslichkeit, stillen Trotz, auf Nahbarkeit und Sehnsucht, auf Demut, auf ein unaufdringliches Ma\u00df an profaner Sakralit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die interviewten, bisweilen furchtbar selbstgerechten Ultras wirken ab und an zutiefst sympathisch, und die sch\u00f6nsten S\u00e4tze sprechen der ehemalige Fanbetreuer J\u00fcrgen Bergmann und das \u00bbPhantom\u00ab, der mehrfache Torsch\u00fctzenk\u00f6nig Marek Mint\u00e1l in die Kamera. Bergmann: \u00bbWir k\u00f6nnen gegen jeden verlieren.\u00ab Mint\u00e1l: Fu\u00dfball sei manchmal \u00bbwie ein Film, aber dieser Film ist ohne Schauspieler\u00ab. Sowie: \u00bbDer Club war f\u00fcr mich einfach alles.\u00ab<\/p>\n<p>\u00dcber allem aber thront Max Morlock, der Maxl, der Weltmeister und zweimal Deutscher Meister wurde, aber nie auf einen Herrschersessel zu steigen gedachte. \u00bbEr ist das Ehrendenkmal, das kein Denkmal braucht\u00ab, sagt G\u00fcnther Koch in der \u00bbSZ\u00ab: \u00bbBei Max Morlock war ich jedesmal besch\u00e4mt, wie bescheiden und dankbar er war, wenn ich ihn interviewt habe. [\u2026] Man kann Max Morlock gar nicht genug w\u00fcrdigen. Man mu\u00df ihn erlebt haben \u2013 und dann sollte man ruhig sein.\u00ab<\/p>\n<p>Am 25. November 1989 \u2013 der Club wird den FC Bayern auf eisig-wei\u00dfem Boden schlie\u00dflich mit 4:0 rasieren, ein Triumph f\u00fcr die Ewigkeit \u2013 schnappte sich Koch in der Pause den Maxl. Ich hab\u2019 das kurze Gespr\u00e4ch auf Kassette:<\/p>\n<p>Morlock: \u00bbDas is\u2019 doch selbstverst\u00e4ndlich. Wenn Sie sog\u2019n, ich soll ans Mikrophon, komm\u2019 ich doch. Auf Grund des schweren Bodens is\u2019 es ein sehr gutes Spiel beiderseits.\u00ab Koch: \u00bbUnd der Freisto\u00df war raffiniert gemacht, der Trick \u00fcber die Mauer.\u00ab Morlock: \u00bbDes war a sehr guter Trick und war Elfmeter.\u00ab Koch: \u00bbDanke. Max Morlock, wie geht\u2019s aus?\u00ab Morlock: \u00bbIch glaub\u2019, dass die Club-Mannschaft mit dem schweren Schneeboden besser zurechtkommt. Ich hoffe immer noch an mein\u2019 Tip: 2:1.\u00ab<\/p>\n<p>In diesen wenigen S\u00e4tzen ist Max Morlock in seiner charakterlichen Physiognomie g\u00e4nzlich gefasst. Er hatte Strahlkraft, weil er nie strahlen wollte. Er war \u2013 so schildert ihn Heini M\u00fcller, der an der Seite des 36-J\u00e4hrigen als einer der \u00bbJungen Wilden\u00ab 1961 Deutscher Meister wurde \u2013 ein \u00e4lterer Bruder, der niemanden bevormundete, sondern jedermann milde und r\u00fccksichtsvoll Hilfe gew\u00e4hrte. Und er war eine Vaterfigur. So beschreibt ihn der geniale St\u00fcrmer Kurt Haseneder: \u00bbEinen Vater habe ich nie gehabt, aber zum Max hast du mit allem kommen k\u00f6nnen. Mit ihm hat man \u00fcber alles reden k\u00f6nnen \u2013 ein besseres Vorbild kann man sich eigentlich nicht w\u00fcnschen.\u00ab<\/p>\n<p>Bernd Siegler, Ko-Autor von \u00bbAura einer Legende\u00ab und hochverdienstvoller Kurator des Club-Museums, hat im Vorfeld des 100. Geburtstages von Morlock am 11. Mai dieses Jahres in seine akribisch gearbeitete, im historischen Pr\u00e4sens erz\u00e4hlte Biografie \u00bbMax Morlock \u2013 Hoch hinaus\u00ab (F\u00fcrth 2024) all die Zitate eingebettet, die \u00fcber den gr\u00f6\u00dften kleinw\u00fcchsigen Kopfballer aller Zeiten, \u00fcber den Flachpassk\u00f6nig, den beidf\u00fc\u00dfigen Halbrechten, den Ballschlepper, das \u00bbArbeitspferd\u00ab (Zapf Gebhardt), das \u00bbmit dynamischer Gewalt aus der Tiefe des Mittelfeldes kam\u00ab (Sepp Herberger), \u00fcber den Weltmeister von 1954 \u00fcberliefert sind.<\/p>\n<p>Ja, der Maxl war und ist ein \u00bbKulturgut\u00ab (Schamberger). Er f\u00fchrte ein anmutig ereignisarmes, kleinb\u00fcrgerliches Leben \u2013 friedfertig, gutm\u00fctig, \u00bbseelengut\u00ab (Sport-Magazin), bescheiden, gro\u00dfz\u00fcgig, herzlich (so seine Tochter Birgit Bussinger). Er kultivierte die Gespr\u00e4chsfreude, und im Zentrum seines Lebens stand, fr\u00e4nkisch durch und durch, die \u00bbErbert\u00ab. Daher r\u00fchren vermutlich die Ehrpusseligkeit und die Bravheit von Bernd Sieglers Buch. Allein, wenn dein Protagonist keine einzige wilde oder wuchtige \u00c4u\u00dferung get\u00e4tigt hat, was willste dann machen?<\/p>\n<p>Am 4. Mai 2025, zum Jubil\u00e4um, spielte der Club im Max-Morlock-Stadion gegen die SV Elversberg \u2013 Endstand naturgem\u00e4\u00df: 1:3. Morgen um 13 Uhr tritt der FCN zum Saisonauftakt wo an? Bei der SV Elversberg. Mein Tip: 0:4. Sie haben ja keinen Morlock mehr. Sie werden nie mehr einen Morlock haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Er hatte Strahlkraft, weil er nie strahlen wollte: Max Morlock, 1961 mit der Meisterschale Foto: imago\/Pressefoto Baumann Dass&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":308397,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1837],"tags":[88891,772,3364,29,88892,347,30,3783],"class_list":{"0":"post-308396","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nuernberg","8":"tag-2-fussballbundesliga","9":"tag-bayern","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-fc-nuernberg","13":"tag-fussball","14":"tag-germany","15":"tag-nuernberg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114948326375792025","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308396","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=308396"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308396\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/308397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=308396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=308396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=308396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}