{"id":308966,"date":"2025-07-31T19:44:10","date_gmt":"2025-07-31T19:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/308966\/"},"modified":"2025-07-31T19:44:10","modified_gmt":"2025-07-31T19:44:10","slug":"frankreichs-radikales-haftregime-dw-31-07-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/308966\/","title":{"rendered":"Frankreichs radikales Haftregime \u2013 DW \u2013 31.07.2025"},"content":{"rendered":"<p>Meterhohe Mauern, Einzelzellen unter Dauerbeobachtung, Besuch nur durch schusssichere Trennscheiben: In Vendin-le-Vieil, einer Kleinstadt 200 Kilometer n\u00f6rdlich von Paris, hat das erste offiziell ausgewiesene Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/frankreich\/t-17518447\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankreichs<\/a>\u00a0vergangene Woche den Betrieb aufgenommen. Sogar die Armee wurde mobilisiert, um einige der besonders gef\u00e4hrlichen H\u00e4ftlinge in die neuen Zellen zu bringen.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"73485394\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/73485394_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Vendin-le-Vieil: Spezialkr\u00e4fte sichern den Transfer von Drogenh\u00e4ndlern in das Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Vendin-le-Vieil: Spezialkr\u00e4fte sichern den Transfer von Drogenh\u00e4ndlern in das Hochsicherheitsgef\u00e4ngnisBild: AFPTV Teams\/Lucie Carbajal\/Margaux Chauvineau\/AFP<\/p>\n<p>Vendin-le-Vieil mit seinen 450 Videokameras soll ein Herzst\u00fcck im Kampf gegen das organisierte Verbrechen werden und ist Teil einer gr\u00f6\u00dferen Reform, mit der der Staat seinen Kampf gegen die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/drogen\/t-45617295\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Drogenkriminalit\u00e4t<\/a> versch\u00e4rft. Ziel ist es, besonders gef\u00e4hrliche Bosse krimineller Netzwerke\u00a0von jeder Kommunikation mit der Au\u00dfenwelt abzuschneiden. &#8222;Einen radikalen Wandel im Strafvollzug&#8220; nennt Justizminister G\u00e9rald Darmanin das Projekt.<\/p>\n<p>Frankreich im Anti-Drogen-Krieg<\/p>\n<p>Das Land steht vor einem gravierenden Sicherheitsproblem: In St\u00e4dten wie Marseille, Toulouse oder in den Banlieues der Pariser Vororte, aber auch in kleinen D\u00f6rfern der Provinz eskaliert die Gewalt zwischen Drogenbanden. Staatsanw\u00e4lte warnen vor einer Entwicklung, die au\u00dfer Kontrolle zu geraten droht. Zunehmend werden Teenager als Boten oder Auftragsm\u00f6rder eingesetzt, oft rekrutiert \u00fcber soziale Netzwerke.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"73486391\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/73486391_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Besch\u00e4digter Lastwagen nach Unruhen im Stadtteil Les Flamants (Marseille)\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Drogengewalt und Perspektivlosigkeit: Stadttteil Les Flamants im Norden von Marseille (Archiv)Bild: Clement Mahoudeau\/AFP<\/p>\n<p>Der Journalist und Buchautor Jean-Marie Magro hat in Marseille zur Pr\u00e4senz der organisierten Kriminalit\u00e4t recherchiert. &#8222;Es gibt Viertel im Norden der Stadt, wo der Drogenkrieg, von dem die Staatsanwaltschaft spricht, ganz real ist&#8220;, sagt er gegen\u00fcber der DW. &#8222;Man sieht das etwa an Checkpoints, die von Jugendlichen auf der Stra\u00dfe errichtet werden.&#8220;\u00a0Auch die Banalisierung von Gewalt sei dort sp\u00fcrbar. Die Zahlen st\u00fctzen diese Einsch\u00e4tzung: Im Jahr 2024 wurden landesweit 367 F\u00e4lle von Mord oder versuchtem Mord im Drogenmilieu registriert &#8211;\u00a0mit 110 Toten und 341 Verletzten. Rund ein Viertel der T\u00e4ter war j\u00fcnger als 20 Jahre.<\/p>\n<p>Unmenschliche Haftbedingungen?<\/p>\n<p>Gleichzeitig st\u00f6\u00dft das franz\u00f6sische Gef\u00e4ngnissystem an seine Grenzen: Frankreich z\u00e4hlt zu den L\u00e4ndern mit der h\u00f6chsten \u00dcberbelegung in Westeuropa. In manchen der \u00fcber 180 Haftanstalten liegt die Belegungsquote bei mehr als 150 Prozent. Der <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/europ\u00e4ischer-gerichtshof-f\u00fcr-menschenrechte-egmr\/t-64511508\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte<\/a> hat Paris wiederholt wegen &#8222;unmenschlicher Haftbedingungen&#8220;\u00a0verurteilt. Viele Gef\u00e4ngnisse sind nicht nur \u00fcberbelegt, sondern auch alt und feucht. Schimmel, Ratten und Kakerlaken sind vielfach Dauerg\u00e4ste.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68664965\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68664965_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Ein Polizist der Drogenbek\u00e4mpfungseinheit auf Streife in Chen\u00f4ve\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Pr\u00e4senz zeigen: Ein Polizist der Drogenbek\u00e4mpfungseinheit auf Streife in Chen\u00f4veBild: Arnaud Finistre\/AFP<\/p>\n<p>Doch nicht nur aus menschenrechtlicher, sondern auch aus sicherheitspolitischer Sicht gelten die Gef\u00e4ngnisse als Schwachstelle: Anf\u00fchrer krimineller Netzwerke f\u00fchren ihre Gesch\u00e4fte auch hinter Gittern weiter &#8211;\u00a0\u00fcber Mobiltelefone, die per Drohne eingeflogen werden, \u00fcber Mittelsm\u00e4nner in der Anwaltschaft oder durch korrumpiertes Personal.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2025 erreichte die Gewalt eine neue Stufe: In mehreren franz\u00f6sischen St\u00e4dten griffen bewaffnete Gruppen mit Sturmgewehren Gef\u00e4ngnisse an &#8211; offenbar, um rivalisierende H\u00e4ftlinge einzusch\u00fcchtern und Druck auf das Justizsystem auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Vendin-le-Vieil: Gef\u00e4ngnis der maximalen Kontrolle<\/p>\n<p>Die neue Anlage in Vendin-le-Vieil\u00a0im n\u00f6rdlichen Pas-de-Calais in\u00a0der N\u00e4he\u00a0\u00a0<a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/belgien\/t-17520314\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Belgiens<\/a> ist auf rund 100 H\u00e4ftlinge ausgelegt und gilt als derzeit sicherstes Gef\u00e4ngnis Frankreichs. Die Architektur und Organisation orientiert sich an den ber\u00fcchtigten US-amerikanischen &#8222;Supermax&#8220;-Gef\u00e4ngnissen und dem italienischen Anti-Mafia-Modell &#8222;carcere duro&#8220; (&#8222;hartes Gef\u00e4ngnis&#8220;).<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"73485442\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/73485442_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Au\u00dfenansicht des Hochsicherheitsgef\u00e4ngnisses in Vendin-le-Vieil \" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Au\u00dfenansicht des Hochsicherheitsgef\u00e4ngnisses in Vendin-le-Vieil Bild: Michel Euler\/AP Photo\/picture alliance<\/p>\n<p>Die Insassen sitzen in Einzelzellen, haben t\u00e4glich nur eine Stunde Hofgang in kleinen Gruppen und unterliegen einer streng kontrollierten Kommunikation: Telefonate nur zweimal w\u00f6chentlich f\u00fcr jeweils zwei Stunden, Besuche ausschlie\u00dflich durch Trennscheiben. Nach jedem Besuch m\u00fcssen sich die Gefangenen komplett ausziehen, um systematisch durchsucht zu werden. Ziel ist es, jede Form krimineller Steuerung von au\u00dfen zu unterbinden.<\/p>\n<p>Pl\u00e4ne f\u00fcr Gef\u00e4ngnis im Dschungel<\/p>\n<p>An der Nordk\u00fcste S\u00fcdamerikas, im franz\u00f6sischen \u00dcberseegebiet Guayana, plant Paris ein weiteres Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis f\u00fcr bis zu 500 Kriminelle. Der geplante Standort bei Saint-Laurent-du-Maroni liegt im Regenwald, nahe der historischen &#8222;Teufelsinsel&#8220; &#8211; bis 1938 ein ber\u00fcchtigter Ort des kolonialen Strafvollzugs und weltbekannt durch den Roman &#8222;Papillon&#8220; von Henri Charri\u00e8re.<\/p>\n<p>Justizminister Darmanin spricht davon, kriminelle Drahtzieher &#8222;dauerhaft vom Mutterland entfernen&#8220;\u00a0zu wollen. Menschenrechtsgruppen und Oppositionelle warnen vor einem &#8222;franz\u00f6sischen <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/guantanamo\/t-18117937\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Guant\u00e1namo<\/a>&#8222;.<\/p>\n<p>Hoher Preis f\u00fcr mehr Sicherheit<\/p>\n<p>Die Gef\u00e4ngnis-Projekte sind kostspielig: Mit rund\u00a0250 Aufsehern f\u00fcr 100 Insassen in Vendin-le-Vieil liegen neben den Bau- auch die Betriebskosten deutlich \u00fcber denen herk\u00f6mmlicher Haftanstalten. Der Nutzen bleibt umstritten. Kritiker warnen vor psychischen Langzeitsch\u00e4den durch Isolation und bezeichnen insbesondere die regelm\u00e4\u00dfigen Nacktdurchsuchungen als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Technische Ma\u00dfnahmen wie Handy-St\u00f6rsender, Drohnenabwehrsysteme und h\u00e4ufige Zellenkontrollen gelten vielen als bessere Alternativen.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"68933525\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/68933525_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"T\u00fcte mit Kokain\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Der Kokain-Konsum in Frankreich nimmt seit Jahren zuBild: Scott Keeler\/Tampa Bay Times\/Zuma\/picture alliance<\/p>\n<p>Zur Realit\u00e4t geh\u00f6rt aber auch: Das Drogengesch\u00e4ft floriert. Im Jahr 2024 wurden in Frankreich 47 Tonnen Kokain beschlagnahmt und damit mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. W\u00e4hrend viele Dealer aus sozial benachteiligten Milieus stammen, oft mit Einwanderungsgeschichte, finden sich die Konsumenten in allen gesellschaftlichen Schichten.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ischer Sonderweg<\/p>\n<p>Im europ\u00e4ischen Vergleich geht Frankreich mit seinem neuen Hochsicherheitsregime einen Sonderweg. W\u00e4hrend etwa <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/deutschland\/t-17878299\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland<\/a> oder die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/niederlande\/t-18029697\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Niederlande<\/a> auf Sicherheitszellen und intensive \u00dcberwachung setzen, aber den Kontakt zur Au\u00dfenwelt nicht systematisch kappen, orientiert sich Frankreich nun an den restriktivsten Modellen weltweit. Die Regierung verteidigt den Kurs mit dem Hinweis auf rund 600 identifizierte Extremf\u00e4lle in der Haft, bei denen herk\u00f6mmliche Ma\u00dfnahmen versagt h\u00e4tten.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"73485422\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/73485422_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Justizminister G\u00e9rald Darmanin vor dem Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis in Vendin-le-Vieil \" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Justizminister G\u00e9rald Darmanin in Vendin-le-Vieil: Schon als Innenminister setzte der konservative Politiker sehr stark auf das Thema Innere SicherheitBild: Justin Davis\/AFP<\/p>\n<p>Die medienwirksame Inszenierung des Projekts f\u00fcgt sich auch in ein gr\u00f6\u00dferes politisches Kalk\u00fcl: Justizminister Darmanin gilt\u00a0als m\u00f6glicher konservativer Kandidat f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2027. Die Hochsicherheitsgef\u00e4ngnisse sind auch ein Signal an eine wachsende W\u00e4hlerschicht, die eine entschlossenere Reaktion des Staates gegen Gewalt und organisierte Kriminalit\u00e4t erwartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Meterhohe Mauern, Einzelzellen unter Dauerbeobachtung, Besuch nur durch schusssichere Trennscheiben: In Vendin-le-Vieil, einer Kleinstadt 200 Kilometer n\u00f6rdlich von&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":308967,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3974],"tags":[331,332,548,663,3934,3980,156,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-308966","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-france","14":"tag-frankreich","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114949564848816380","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308966","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=308966"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308966\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/308967"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=308966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=308966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=308966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}