{"id":309729,"date":"2025-08-01T02:52:15","date_gmt":"2025-08-01T02:52:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/309729\/"},"modified":"2025-08-01T02:52:15","modified_gmt":"2025-08-01T02:52:15","slug":"die-letzten-aufwuehlenden-lebensmonate-des-joachim-ringelnatz-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/309729\/","title":{"rendered":"Die letzten aufw\u00fchlenden Lebensmonate des Joachim Ringelnatz \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>In Erinnerung hat man ihn als unerm\u00fcdlichen Vortragsk\u00fcnstler, der mit seinen Gedichten durchs Land reiste, meist in Seemanns-Uniform auftrat und der dann viel zu fr\u00fch starb. Oder fr\u00fch genug, um die ganzen Schrecken des Nazi-Reiches nicht mehr voll zu erleben. Vielleicht w\u00e4re er auch noch ihr Opfer geworden. Doch gestorben ist Joachim Ringelnatz an einer Krankheit, die 1934 noch als unheilbar galt: der Tuberkulose.<\/p>\n<p>Und Roland Lampe erz\u00e4hlt hier das letzte, tragische St\u00fcck aus dem Leben des kleinen Sachsen mit seinem unverw\u00fcstlichen Humor.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/7b3d72b4ce3c406aa5692857f33e739f.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Der ihm ja bekanntlich in die Wiege gelegt war, denn sei Vater war ja bekanntlich der Humorist Georg B\u00f6tticher, an den noch heute eine Tafel am Alten Rathaus erinnert. Und Joachims Geburtshaus in Wurzen am Crostigall 14 kann man ebenfalls besuchen. Vergessen ist er nicht.<\/p>\n<p>Doch auch seine Biografen erz\u00e4hlen in der Regel wenig \u00fcber sein letztes Lebensjahr. Auch weil es zu traurig ist, tragisch sowieso. Dass es die Turberkulose sein k\u00f6nnte, ahnte selbst Ringelnatz nicht, als er im M\u00e4rz 1934 unter Erk\u00e4ltungssymptomen litt und glaubte, sie bald wieder auskuriert zu haben.<\/p>\n<p>Er war einer, der auch noch mit Erk\u00e4ltung auf die B\u00fchne ging und sein Publikum in den Bann schlug. Er lebte davon. Die B\u00fchnenauftritte in ganz Deutschland waren seine Lebensgrundlage, auch wenn er mit Ernst Rowohlt inzwischen einen treuen Verleger gefunden hatte, der seine B\u00fccher ver\u00f6ffentlichte. Doch noch waren das keine Millionenauflagen, die ihm den Lebensunterhalt gesichert h\u00e4tten. Und als die Nazis an die Macht kamen, setzten sie auch seine B\u00fccher auf den Index. Und auch seine B\u00fchnenauftritte standen auf einmal infrage.<\/p>\n<p>Ein kleines Kulturpanorama<\/p>\n<p>Es ist nicht nur eine Leidensgeschichte, die Roland Lampe hier erz\u00e4hlt. Er beleuchtet die letzten Lebensmonate des Erfinders von Kuttel Daddeldu nach allen verf\u00fcgbaren zeitgen\u00f6ssischen Quellen. Und da steht nat\u00fcrlich die Klinik Waldhaus Charlottenburg in Sommerfeld im Zentrum, wo Ringelnatz seinen letzten Sommer verbrachte in der Hoffnung, er k\u00f6nnte dort Heilung finden. Doch das Tagebuch, das er dort f\u00fchrte, erz\u00e4hlt die wahre Geschichte.<\/p>\n<p>Auch daraus zitiert Lampe, der aber eben kein Eremitendasein schildert. Im Gegenteil: Gerade weil er auch die Zeitgenossen zitiert, wird deutlich, wie gro\u00df der Kreis von Freunden und Bekannten wer, mit denen Ringelnatz in Verbindung stand. Von seinem Verleger Ernst Rowohlt \u00fcber den Schauspieler Paul Wegener (der dan die Grabrede hielt) bis zu Asta Nielsen, der ber\u00fchmtestn Schauspielerin der Stummfilmzeit.<\/p>\n<p>Aber auch die Kritiker wie Alfred Polgar bewunderten ihn und selbst zu Hermann Hesse bestand ein herzliches Verh\u00e4ltnis. Es ist ein kleines Kulkturpanorama der sp\u00e4ten Weimarer Republik , das sich hier auftut.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck jenes anderen Deutschland, das damals noch lebendig war und das die Nazis dann mit aller Macht zertrampelten.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich wollte Lampe auch wissen, wie Ringelnatz mit seiner Krankheit umging. Denn er war nicht der Typ, der sich einfach aufgab. Auch seine letzten Monate waren noch von Arbeit gepr\u00e4gt. Er begann sogar einen Roman \u2013 seinen ersten und gleichzeitig letzten, der letztlich Fragment blieb. Ein Fragment, das ahnen lie\u00df, dass dieser Ringelnatz auch in diesem Genre w\u00fcrde Furioses zustande gebracht haben. H\u00e4tte ihn nur seine Krankheit nicht nach und nach arbeitsunf\u00e4hig gemacht.<\/p>\n<p>Zuletzt verschlief er ganze Tage, auch wenn er in wachen Stunden die R\u00fcckkehr in die Wohnung am Sachsenplatz in Berlin herbeisehnte, wo er hoffte, wieder arbeiten und malen zu k\u00f6nnen. Die Wohnung, in der er mit seiner geliebten Muschelkalk lebte, die in diesem Buch nat\u00fcrlich ihre eigene B\u00fchne bekommt. Mit ihr hatte Ringelnatz die Frau seines Lebens gefunden, die ihn nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzte, ihn immer wieder in der abgelegenen Klinik besuchte und die von ihm mitrei\u00dfend humorvolle Briefe bekam.<\/p>\n<p>Und ich hatte mich so aufs Arbeiten gefreut \u2026<\/p>\n<p>Denn seinen tiefgr\u00fcndigen, so herrlich abrupten Humor verlor er nie. Aber letztlich half auch der Aufenthalt in der Klinik Waldhaus Charlottenhof nicht. Was wie ein hoffnungsvolles Sommerm\u00e4rchen begann, endete in der Einsicht, dass alles nichts half. Schlafen konnte Ringelnatz nur noch mit Opium. Der Roman blieb Fragment. Nur das Tagebuch erz\u00e4hlt noch von den letzten Wochen des Autors, den seine Leser ins Herz geschlossen hatten.<\/p>\n<p>Gerade die letzten Wochen vor seinem Tod waren nur noch tragisch. Denn sie machten dem Heimgekehrten klar, dass er nicht mehr w\u00fcrde arbeiten k\u00f6nnen. Wohl das Schlimmste f\u00fcr einen unruhigen Geist, der durch das Malen und Dichten lebte, der voller Einf\u00e4lle war \u2013 gern auch mitten im Satz, mitten im Wort.<\/p>\n<p>\u201eEr weinte und sagte: \u2018Und ich hatte mich so aufs Arbeiten gefreut.\u2019 Dax war wohl der schlimmste Tag f\u00fcr ihn\u201c, schrieb Muschelkalk an den Freund Hans Siemsen, der l\u00e4ngst schon im fernen Paris im Exil lebte. \u201eAn diesem Tag ist er eigentlich schon gestorben. Es war der dritte Tag nach seiner R\u00fcckkehr aus dem Krankenhaus.\u201c<\/p>\n<p>Und gerade weil sich Roland Lampe auf diese letzten Monate im Leben von Ringelnatz konzentriert, wird dieser kleine, empfindsame Mensch lebendiger, genauso wie der Dichter, der alles, was in ihm war, eigentlich in Zeilen und Bilder verwandeln wollte, f\u00fcr den das Schaffen reines Leben war. Und genau das war nun nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die vielen Wochen in der Waldklinik (die es heute noch gibt, die unter Denkmalschutz steht und die man besuchen kann) werden so zu einem langen und ersch\u00fctternden Abschied. F\u00fcr die Leser von diesem kleinen, scheinbar immer bestens gelaunten Mann. Und f\u00fcr Ringelnatz selbst, der hier erlebt, wie ihm eine unheilbare Krankheit St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die Kraft zum Schreiben raubt.<\/p>\n<p>Bewahrte Erinnerung<\/p>\n<p>So umfassend hat bis jetzt noch niemand die letzten Lebensmonate von Joachim Ringelnatz beschrieben. Man kommt ihm n\u00e4her, w\u00e4hrend er sich zusehends entfernt. Und wir sind dabei, weil nicht nur seine geliebte Muschelkalk in ihren Briefen an Freunde und Bekannte davon erz\u00e4hlt, sondern auch viele seiner ber\u00fchmten Freunde ihre Erinnerungen aufgeschrieben haben.<\/p>\n<p>Und 1935 kamen dann seine nachgelassenen und unvollendeten Arbeiten noch in einem Buch heraus, das Muschelkalk besorgte, die auch in k\u00fcnftigen Jahren alles daf\u00fcr tat, die Erinnerung an ihren Ringel wach zu halten. Was ihr auch gegl\u00fcckt ist.<\/p>\n<p>Heute gibt es Ringelnatzstra\u00dfen und Ringelnatzschulen. Sein Erbe wird gepflegt.<\/p>\n<p>Sein Buch schlie\u00dft Roland Lampe mit einem Besuch in der Klinik Waldhaus ab, einem Ort, der im Grunde noch genauso aussieht wie zur Zeit von Ringelnatz\u2019 Aufenthalt. Und wer sich so durch die letzten Lebensmonate liest, entdeckt seinen Ringelnatz m\u00f6glicherweise sogar ganz neu \u2013 verletzlicher, ernsthafter. Womit es auch eine Einladung ist, seine B\u00fccher noch einmal mit anderen Augen zu lesen.<\/p>\n<p>Mit dem Wissen um diese frustrierende Endlichkeit im Kopf, die diesen in Leipzig aufgewachsenen Jungen, der das Jungenhafte nie verlor, mitten aus dem Schaffen riss.<\/p>\n<p><strong>Roland Lampe \u201eEines Morgens ist alles fort. Joachim Ringelnatz in Sommerfeld\u201c<\/strong>, Findling Verlag, Wreneuchen 2025, 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Erinnerung hat man ihn als unerm\u00fcdlichen Vortragsk\u00fcnstler, der mit seinen Gedichten durchs Land reiste, meist in Seemanns-Uniform&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":309730,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[7358,3364,29,30,71,89154,1803,89153,859,89152],"class_list":{"0":"post-309729","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-biografie","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-leipzig","13":"tag-literaturgeschichte","14":"tag-rezension","15":"tag-ringelnatz","16":"tag-sachsen","17":"tag-wurzen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114951247928768613","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/309729","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=309729"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/309729\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/309730"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=309729"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=309729"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=309729"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}