{"id":309755,"date":"2025-08-01T03:07:11","date_gmt":"2025-08-01T03:07:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/309755\/"},"modified":"2025-08-01T03:07:11","modified_gmt":"2025-08-01T03:07:11","slug":"gaza-tel-aviv-berlin-hungersnot-in-gaza-das-sagen-die-offiziellen-kriterien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/309755\/","title":{"rendered":"Gaza\/Tel Aviv\/Berlin | Hungersnot in Gaza? Das sagen die offiziellen Kriterien"},"content":{"rendered":"<p>Gaza\/Tel Aviv\/Berlin (dpa) &#8211; Experten warnen mit Nachdruck vor einer Hungersnot im Gazastreifen. Israel hat seit M\u00e4rz nur vereinzelt Hilfslieferungen in das K\u00fcstengebiet gelassen. Seither spitzt sich die humanit\u00e4re Lage dort zu. Fragen und Antworten dazu, was das bedeutet:\u00a0<\/p>\n<p>Was ist eine Hungersnot?<\/p>\n<p>Eine \u00abHungersnot\u00bb ist ein seltenes und extrem dramatisches Ereignis. Ihre Ausrufung basiert auf streng festgelegten Kriterien. Diese sind von Experten der 2004 gegr\u00fcndeten IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification) mit einem Hauptb\u00fcro in Rom definiert. Die Kriterien sind international anerkannt und gelten f\u00fcr die Analyse und Bewertung von Nahrungskrisen in L\u00e4ndern weltweit.<\/p>\n<p>In der IPC-Skala gibt es f\u00fcnf Stufen der Ern\u00e4hrungslage in einem Land oder einer Region. Die allerh\u00f6chste &#8211; und schlimmste &#8211; ist Stufe 5: \u00abKatastrophe\/Hungersnot\u00bb. Darunter spricht man von Hungerkrisen.<\/p>\n<p>Wann wird eine Hungersnot ausgerufen?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Einstufung als Hungersnot (\u00abfamine with solid evidence\u00bb) m\u00fcssen drei Kriterien gleichzeitig erf\u00fcllt sein:\u00a0<\/p>\n<ul class=\"list-normal\">\n<li>Mindestens 20 Prozent der Haushalte einer Region sind von einem extremen Lebensmittelmangel betroffen; <\/li>\n<li>Mindestens 30 Prozent der Kinder leiden unter akuter Mangelern\u00e4hrung; <\/li>\n<li>T\u00e4glich sterben mindestens zwei Erwachsene oder vier Kinder pro 10.000 Einwohner an Hunger oder aufgrund des Zusammenspiels von Unterern\u00e4hrung und Krankheit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn eine unabh\u00e4ngige Datenerhebung nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich ist, kann f\u00fcr eine Region auch eine Hungersnot mit hinreichenden Beweisen (\u00abfamine with reasonable evidence\u00bb) erkl\u00e4rt werden. Dabei sind f\u00fcr zwei der drei oben genannten Kategorien eindeutige Hinweise erf\u00fcllt; f\u00fcr den dritten ziehen Analysten Hinweise aufgrund der Gesamtlage heran.\u00a0<\/p>\n<p>Ein Beispiel hierf\u00fcr ist der Gazastreifen: Die UN-Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) hat elf Mitarbeiter vor Ort, die bei jeder IPC-Erhebung Unterst\u00fctzung leisten. Dennoch fehlen aktuell aufgrund der eingeschr\u00e4nkten Zugangsm\u00f6glichkeiten und den von der Hamas kontrollierten Beh\u00f6rden unabh\u00e4ngige, umfassende Daten.\u00a0<\/p>\n<p>Wer ruft eine Hungersnot offiziell aus?<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich erstellen die IPC-Experten die fachliche Einsch\u00e4tzung. Die offizielle Ausrufung liegt \u00abin der Verantwortung entweder der Regierung und des Staates selbst oder von autorisierten Institutionen\u00bb wie etwa UN-Vertretern, erkl\u00e4rt ein ranghoher FAO-Vertreter, Abdulhakim Rajab Elwaer, der Deutschen Presse-Agentur.<\/p>\n<p>Zwischen der IPC und einer m\u00f6glichen offiziellen Deklaration einer Hungersnot steht das sogenannte Famine Review Committee. Es besteht aus unabh\u00e4ngigen Experten, die einberufen werden, um die Daten und Einsch\u00e4tzungen der IPC zu pr\u00fcfen. Auf dieser Grundlage k\u00f6nnen sie eine Empfehlung abgeben. UN-Vertreter etwa k\u00f6nnen daraufhin eine Hungersnot \u00f6ffentlich ausrufen \u2013 auch wenn betroffene Regierungen das oft nicht anerkennen, wie Elwaer sagt.<\/p>\n<p>Warum wird eine Hungersnot nicht immer sofort erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p>\u00dcblicherweise, weil sie nicht pl\u00f6tzlich beginnt, sondern sich oft \u00fcber Monate hinweg zuspitzt \u2013 und das unter Bedingungen, die eine formale Einstufung erschweren. Eine Besonderheit der IPC-Berichte ist, dass sie einen Trend sichtbar machen, da sie in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden erscheinen, erkl\u00e4rt Elwaer. So kann man beobachten, ob sich die Lage verbessert oder weiter versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: In Kriegsgebieten ist es oft extrem schwierig, verl\u00e4ssliche Daten zu Sterblichkeit oder Gesundheitslage zu erheben, was eine genaue \u00dcberpr\u00fcfung der Lage erschwert. In manchen F\u00e4llen versuchen auch Staaten oder Konfliktparteien, eine Hungerkrise herunterzuspielen, um Kritik oder Konsequenzen zu vermeiden.<\/p>\n<p>Wann wurde zuletzt eine Hungersnot ausgerufen?<\/p>\n<p>In den vergangenen 15 Jahren wurden nach IPC-Angaben vier Hungersn\u00f6te best\u00e4tigt: 2011 in Somalia, 2017 und 2020 im S\u00fcdsudan und zuletzt 2024 im Sudan.<\/p>\n<p>2011 starben durch Hunger in Teilen Somalias mehr als 250.000 Menschen. Die Gebiete wurden von der islamistischen Miliz Al-Shabab beherrscht, die Hilfsleistungen nur bedingt zulie\u00df. Im S\u00fcdsudan f\u00fchrten ein jahrelanger Konflikt und wirtschaftlicher Verfall zu der Notlage, die 2017 erst einige Regionen betraf, 2020 das gesamte Land. Bei der Hungersnot im B\u00fcrgerkriegsland Sudan 2024 wiesen die Experten die Kriterien einer Hungersnot in mindestens f\u00fcnf Gebieten nach.\u00a0<\/p>\n<p>Wieso wurde f\u00fcr den Gazastreifen noch keine Hungersnot erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p>Aktuell gilt f\u00fcr den gesamten Gazastreifen die Stufe vier auf der IPC-Skala (\u00abEmergency\/Notfall\u00bb). Das bedeutet unter anderem, dass nach IPC-Einsch\u00e4tzung viele betroffene Haushalte nicht genug zu essen haben. Das schl\u00e4gt sich in sehr hoher akuter Unterern\u00e4hrung und \u00fcberh\u00f6hter Sterblichkeit nieder. In dieser Phase ist laut IPC Nothilfe mit Nahrungsmittellieferungen n\u00f6tig, damit Menschen nicht an Unterern\u00e4hrung sterben.<\/p>\n<p>Phase f\u00fcnf setzt &#8211; wie oben bereits beschrieben &#8211; formell einen extremen Mangel an Nahrungsmitteln, akute Unterern\u00e4hrung und eine bestimmte Zahl hungerbedingter Todesf\u00e4lle voraus. Die Experten von IPC warnten diese Woche, dass die ersten beiden Kriterien zumindest in Teilen des Gazastreifens bereits erf\u00fcllt werden &#8211; extremer Mangel an Nahrungsmitteln praktisch in den meisten Teilen des Gazastreifens und akute Unterern\u00e4hrung in Gaza-Stadt.\u00a0<\/p>\n<p>Zudem zeichnet sich in dem abgeriegelten K\u00fcstengebiet ein negativer Trend ab: Zwischen den IPC-Berichten vom Dezember, Mai und dem Aktuellen hat sich die Gesamtsituation der Bev\u00f6lkerung verschlechtert.\u00a0<\/p>\n<p>Konkret bedeutet das im Gazastreifen nach IPC-Angaben aktuell: 39 Prozent der Bewohner m\u00fcssen teils mehrere Tage ohne eine einzige Mahlzeit auskommen. Mehr als eine halbe Million Menschen, also fast ein Viertel der Bev\u00f6lkerung, erlebe bereits \u00abhungersnot-\u00e4hnliche Bedingungen.\u00bb Vom Famine Review Committee hei\u00dft es: \u00abOhne rasche und konzertierte Ma\u00dfnahmen ist eine Hungersnot unvermeidlich.\u00bb<\/p>\n<p>Wie neutral ist die Einsch\u00e4tzung von IPC?<\/p>\n<p>IPC ist eine internationale Initiative, in der Regierungen, UN-Organisationen wie die FAO, das Kinderhilfswerk Unicef und das Weltern\u00e4hrungsprogramm (WFP) sowie NGOs und weitere Partner zusammenarbeiten, um Ern\u00e4hrungskrisen verl\u00e4sslich einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>\u00d6rtliche Teams sammeln in den betroffenen L\u00e4ndern Daten zu Ern\u00e4hrung, Preisen oder Gesundheit. Diese flie\u00dfen in standardisierte IPC-Modelle ein. Nationale IPC-Arbeitsgruppen, bestehend aus Regierungsvertretern, UN-Agenturen, NGOs und Wissenschaftlern analysieren anschlie\u00dfend die Lage und f\u00fchren die Klassifizierung durch.\u00a0<\/p>\n<p>Wenn ein Land m\u00f6glicherweise Phase f\u00fcnf erreicht hat, also eine Hungersnot, \u00fcberpr\u00fcft schlie\u00dflich das Famine Review Committee (FRC), eine Gruppe aus hochrangigen, neutralen Experten f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Statistik, laut IPC diese Daten auf technische Genauigkeit und Neutralit\u00e4t der Analyse, bevor die Ergebnisse best\u00e4tigt und kommuniziert werden.<\/p>\n<p>Hat Israel die IPC in der Vergangenheit bereits kritisiert?<\/p>\n<p>Ja, zum Beispiel anl\u00e4sslich eines fr\u00fcheren IPC-Berichts vom Mai dieses Jahres, der auch schon das Risiko einer drohenden Hungersnot unterstrich. Die israelische Milit\u00e4rbeh\u00f6rde Cogat, die die Hilfslieferungen in den Gazastreifen genehmigt (oder blockiert), schrieb damals in einer Erkl\u00e4rung: \u00abSelbst aus der eigenen Analyse der IPC geht hervor, dass im Gazastreifen keine Hungersnot herrscht. Der Begriff &#8222;drohende Hungersnot&#8220; ist irref\u00fchrend, da er sich auf zuk\u00fcnftige Szenarien bezieht, die die IPC prognostiziert, die aber seit Kriegsbeginn wiederholte Male nicht einzutreten pflegten.\u00bb<\/p>\n<p>Wie sieht Israel die Lage im Gazastreifen?<\/p>\n<p>Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu sagte j\u00fcngst: \u00abEs gibt keine Politik des Aushungerns im Gazastreifen, und es gibt keinen Hunger im Gazastreifen.\u00bb Auch andere israelische Politiker betonen stets, dass es keine Hungersnot in dem abgeriegelten K\u00fcstenstreifen gebe.\u00a0<\/p>\n<p>Nach zunehmender internationaler Kritik angesichts der dramatischen Versorgungslage im Gazastreifen l\u00e4sst Israel seit Sonntag wieder gr\u00f6\u00dfere Hilfslieferungen auf dem Landweg in das K\u00fcstengebiet und erlaubt auch Abw\u00fcrfe aus der Luft.<\/p>\n<p>Was bringt die offizielle Ausrufung einer Hungersnot?<\/p>\n<p>Dies hat einerseits einen psychologischen Effekt. Manche Regierungen und Organisationen treten erst richtig in Aktion, wenn eine offizielle Erkl\u00e4rung vorliegt &#8211; obwohl die Anzeichen l\u00e4ngst da sind. Damit werden mehr Gelder zur Unterst\u00fctzung frei. \u00c4hnlich war es bei der Corona-Pandemie: Obwohl Anfang 2020 die Lage zunehmend kritisch wurde, sind viele L\u00e4nder erst in den Krisenmodus gegangen, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell von einer Pandemie sprach.\u00a0<\/p>\n<p>Der FAO-Vertreter betont, eine formelle Ausrufung sei \u00abextrem notwendig\u00bb. Zwar werde bei menschengemachten Krisen eine solche Erkl\u00e4rung von Regierungen oft vermieden, weil sie faktisch belege, dass die Hungersnot nicht naturbedingt, sondern politisch verursacht worden sei. Das mache die Verantwortlichen angreifbar. \u00abEs ist eine direkte Anschuldigung\u00bb, so Elwaer.\u00a0<\/p>\n<p>Eine offizielle Ausrufung durch die IPC-Partner gilt laut Elwaer als ein gemeinsames Urteil der internationalen Gemeinschaft. Sie k\u00f6nne auch als Grundlage f\u00fcr Schritte des Internationalen Gerichtshofs, des UN-Sicherheitsrats oder einzelner Staaten dienen &#8211; etwa f\u00fcr Sanktionen oder politischen Druck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gaza\/Tel Aviv\/Berlin (dpa) &#8211; Experten warnen mit Nachdruck vor einer Hungersnot im Gazastreifen. 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