{"id":310918,"date":"2025-08-01T13:58:13","date_gmt":"2025-08-01T13:58:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/310918\/"},"modified":"2025-08-01T13:58:13","modified_gmt":"2025-08-01T13:58:13","slug":"kasachische-moderne-kunst-auf-der-13-berlin-biennale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/310918\/","title":{"rendered":"Kasachische moderne Kunst auf der 13. Berlin Biennale"},"content":{"rendered":"<p>        Die 13. Berlin Biennale f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst bringt in diesem Jahr \u00fcber 60 internationale K\u00fcnstler*innen zusammen \u2013 darunter erstmals auch K\u00fcnstlerinnen aus Kasachstan, die mit ihren Werken neue Perspektiven er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Unter dem Titel \u201edas fl\u00fcchtige weitergeben\u201c l\u00e4dt die Ausstellung dazu ein, Kunst als ein Medium des Widerstands und der Weitergabe in Zeiten von legislativer Gewalt, Verfolgung und \u00d6kozid zu verstehen. Sie setzt den Fokus auf die Fl\u00fcchtigkeit von Inhalten und die F\u00e4higkeit der Kunst, eigene Gesetze in Unrechtssystemen zu definieren und kollektive Erinnerung lebendig zu halten.<\/p>\n<p>Ein zentrales Beispiel f\u00fcr die Verbindung von Kunst, \u00d6kologie und gesellschaftlichem Engagement liefert das von Frauen geleitete kasachische Kunst- und Forschungskollektiv Artcom Platform. In ihrer Arbeit \u201eBalkhash Zhyry\u201c (Das Lied vom Balchaschsee) setzen sich die K\u00fcnstlerinnen Aigerim Kapar, Aigerim Ospan, Antonina van Lier und Karlygash Akhmetbek mit der Bedrohung des Balchaschsees auseinander, der durch \u00dcbernutzung, Klimawandel und industrielle Projekte wie den Bau eines Atomkraftwerks gef\u00e4hrdet ist. Das Kollektiv entwickelt seit 2020 neue Schutzsysteme f\u00fcr das \u00d6kosystem des Sees und greift dabei auf die Tradition von Qazaqliq zur\u00fcck \u2013 eine Form der Steppendemokratie, die es dem kasachischen Volk erm\u00f6glichte, auch unter den Bedingungen der Zwangssesshaftigkeit und Unterdr\u00fcckung seine Lebensweise zu bewahren.<\/p>\n<p>Zeitgef\u00fchl und Eindr\u00fccke \u00fcber die Ausstellung<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch meine pers\u00f6nlichen Gef\u00fchle zu dieser Ausstellung teilen. Wenn ich die Naturobjekte betrachte, die mich besonders beeindrucken, denke ich oft daran, dass dieser Moment f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Ereignis ist \u2013 etwas, das mir im Ged\u00e4chtnis bleiben wird. F\u00fcr das Objekt selbst aber bin ich nur ein kurzer Blick in seiner langen Geschichte. Selbst wenn ich mein ganzes Leben dem Balchaschsee widmete, w\u00e4re es nur ein kurzer Augenblick in seinem Dasein. Die Zeit verl\u00e4uft f\u00fcr nat\u00fcrliche Objekte nach einem ganz anderen Ma\u00dfstab \u2013 viel langsamer, umfassender, fast unermesslich.<\/p>\n<p>Genau dieses Gef\u00fchl bleibt nach dem Anschauen des Videoessays zur\u00fcck. Der Film erz\u00e4hlt die Geschichte des Sees aus dessen eigener Perspektive. Der See beginnt seine Erz\u00e4hlung in der Gegenwart: \u201eIch verstehe nicht, was mir gerade passiert, warum es mir schlecht geht. Aber ich erinnere mich gut daran, wie es fr\u00fcher war.\u201c Danach greift der See zentrale Ereignisse der kasachischen Geschichte auf, deren stiller Beobachter er war: das Nomadentum, die Steppendemokratie, zahlreiche Kriege, die Etablierung zuerst der russischen und sp\u00e4ter der sowjetischen Herrschaft, Widerst\u00e4nde, Hunger, Atomwaffentests, die Unabh\u00e4ngigkeit und schlie\u00dflich die j\u00fcngsten Proteste im Land.<\/p>\n<p>Ein zentrales Gedankenspiel des Films scheint zu sein, dass all dieses Ged\u00e4chtnis zusammen mit dem See verschwinden k\u00f6nnte \u2013 wenn wir nicht verantwortungsvoll mit unseren nat\u00fcrlichen Ressourcen umgehen. Darauf verweist auch das Lied, das gleich zu Beginn des Films zu h\u00f6ren ist: \u201eAral ist das Herz, Balchasch die Leber.\u201c Dieser Vergleich macht deutlich, dass es nicht bei einer einzelnen \u00f6kologischen Katastrophe bleiben muss. Wir haben solche Fehler bereits einmal gemacht \u2013 und d\u00fcrfen sie nicht wiederholen.<\/p>\n<p>Mit \u201eA Monument to Common Heroes\u201c (Ein Monument f\u00fcr gew\u00f6hnliche Heldinnen*) setzt Artcom Platform ein weiteres Zeichen: Das aus Filz gefertigte Werk w\u00fcrdigt die allt\u00e4glichen Held*innen der kasachischen Proteste und betont die Bedeutung von Solidarit\u00e4t und gemeinschaftlichem Handeln. Beide Werke zeigen, wie Kunst als Medium gesellschaftlicher Reflexion und als Instrument des politischen Handelns fungieren kann \u2013 und wie kasachische K\u00fcnstlerinnen mit lokalen Traditionen und aktuellen Herausforderungen neue k\u00fcnstlerische Ausdrucksformen schaffen.<\/p>\n<p>Ausstellung im ehemaligen Gerichtsgeb\u00e4ude<\/p>\n<p>Symbolisch ist auch der besondere Schauplatz dieser Ausstellung. Das ehemalige Gerichtsgeb\u00e4ude in Berlin-Moabit war einst Ort der Staatsgewalt. Heute dient es als symbolischer Raum f\u00fcr die Auseinandersetzung mit Legalit\u00e4t und Illegalit\u00e4t. Die Spuren der Geschichte \u2013 von den L\u00f6chern in den W\u00e4nden bis zu den Geschichten aus der Zeit als Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis \u2013 machen das Geb\u00e4ude zu einem eindrucksvollen Ort, an dem Kunst gesellschaftliche Prozesse hinterfragt, neue Bedeutungen schafft und Kan\u00e4le der W\u00fcrde \u00f6ffnet. Das Ort hat eine besondere Atmosph\u00e4re und tr\u00e4gt dazu bei, die Kunstst\u00fccke auf verschiedenen Ebenen zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Die Werke der kasachischen K\u00fcnstlerinnen und der Artcom Platform auf der 13. Berlin Biennale zeigen eindrucksvoll, wie Kunst als kollektive Praxis gesellschaftliche und \u00f6kologische Herausforderungen sichtbar macht. Mit poetischen, partizipativen Ans\u00e4tzen und der R\u00fcckbesinnung auf lokale Traditionen gelingt es ihnen, globale Themen wie Klimawandel, Erinnerung und Widerstand in einen spezifisch kasachischen Kontext zu \u00fcbersetzen. Gerade im symbolisch aufgeladenen Rahmen des ehemaligen Gerichtsgeb\u00e4udes wird deutlich, wie Kunst neue R\u00e4ume f\u00fcr Dialog, W\u00fcrde und gesellschaftliche Teilhabe schafft \u2013 und damit weit \u00fcber das Ausstellungsgeschehen hinauswirkt.<\/p>\n<p>Darya Koppel <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die 13. 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