{"id":310990,"date":"2025-08-01T14:36:10","date_gmt":"2025-08-01T14:36:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/310990\/"},"modified":"2025-08-01T14:36:10","modified_gmt":"2025-08-01T14:36:10","slug":"mr-kim-oder-wie-korea-lernte-die-bombe-zu-lieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/310990\/","title":{"rendered":"Mr. Kim, oder: Wie Korea lernte, die Bombe zu lieben"},"content":{"rendered":"<p>S\u00fcdkorea und Japan, zwei L\u00e4nder, die genau wie Deutschland in einer Nachkriegsordnung unter dem nuklearen Schutzschirm der Pax Americana zu wirtschaftlichen Schwergewichten heranreifen konnten, sind L\u00e4nder, in denen sich traditionell die Frage nach nuklearer Bewaffnung verboten hat. Zwar wurde das Thema immer mal wieder von Nationalisten aufgegriffen und in Korea durchaus auch mal mit konkreteren Schritten unterlegt, aber grunds\u00e4tzlich galt: Wir vertrauen auf Washington! Japan mit seiner pazifistischen Verfassung, hatte sich dazu seit 1967 den drei nicht-nuklearen Grundprinzipien (auf Grundlage einer Parlamentsentscheidung, keines Gesetzes) &#8211; kein Besitz, keine Produktion und keine Stationierung von Nuklearwaffen \u2013 verschrieben. Zumindest Letzteres ist etwas, was einige Experten durchaus gern zur Disposition gestellt s\u00e4hen.<\/p>\n<p>Br\u00f6ckelnde Sicherheitszusagen seitens der USA<\/p>\n<p>Nun sind bekanntlich amerikanische Sicherheitszusagen nicht mehr das, was sie vielleicht mal waren. Und schon in besseren Zeiten formulierte man das nukleare Dilemma, das Atom-Waffen, die ein fremder Staat zum Schutz fremden Territoriums einsetzen muss, nicht den gleichen Grad an Sicherheit bieten, wie eine eigene Bewaffnung. W\u00fcrde ein US-Pr\u00e4sident im Ernstfall wirklich einen Nuklearschlag auf Chicago riskieren, um einen Angriff auf Seoul zu r\u00e4chen? In einer Trump-Welt aber, in der der US-Pr\u00e4sident Allianzen im schlechtesten Fall als l\u00e4stige Bindung amerikanischer Macht, im besten Fall noch als eine Bietergemeinschaft f\u00fcr den h\u00f6chsten amerikanischen Profit zu sehen scheint, ist daher in Ost-Asien, genau wie in Europa, die Frage nach der eventuellen Notwendigkeit eigener nuklearer Bewaffnung wieder auf der Tagesordnung.\u00a0<\/p>\n<blockquote class=\"pullquote--fullwidth--big\">\n<p>Anders als S\u00fcdkorea, z\u00e4hlt Japan dabei sogar zu den nuklearen Schwellenl\u00e4ndern, also L\u00e4ndern, die theoretisch \u00fcber sogenannte nukleare Latenz, d.h. das Wissen und die Technik verf\u00fcgen, die jederzeit den Bau einer Waffe erm\u00f6glichen w\u00fcrden.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Beide L\u00e4nder sind starke Bef\u00fcrworter und Exporteure der zivilen Nutzung von Nukleartechnologie. Anders als S\u00fcdkorea, z\u00e4hlt Japan dabei sogar zu den nuklearen Schwellenl\u00e4ndern, also L\u00e4ndern, die theoretisch \u00fcber sogenannte nukleare Latenz, d.h. das Wissen und die Technik verf\u00fcgen, die jederzeit den Bau einer Waffe erm\u00f6glichen w\u00fcrden. Dies beinhaltet die Anreicherung waffenf\u00e4higen Urans. S\u00fcdkorea ist hingegen durch ein sogenanntes bilaterales 123-Abkommen mit den USA vertraglich daran gebunden, ohne Zustimmung keine Urananreicherung \u00fcber 20 Prozent oder eine Wideraufbereitung von Plutonium vorzunehmen. Eine Ungleichbehandlung zu Japan, die seit l\u00e4ngerer Zeit von Seite s\u00fcdkoreanischer Konservativer beklagt wird. Hier gleichzuziehen, w\u00fcrde nicht den Nuklearwaffensperrvertrag (NPT) verletzen und Seoul gleichzeitig erlauben, in Zeiten, in denen amerikanische Sicherheitsgarantien br\u00fcchig geworden sind, eine zus\u00e4tzliche Form der Abschreckung in der Hinterhand zu halten. Die sogenannte Breakout-Time wird f\u00fcr Japan auf nur wenige Monate gesch\u00e4tzt, f\u00fcr Korea aber auf zwei bis drei Jahre. Gleichzeitig stiege allerdings das Risiko, dass Russland oder Nordkorea im Versuch S\u00fcdkorea von der Entwicklung der Bombe abzubringen zu einem Pr\u00e4ventivschlag, \u00e4hnlich dem im Iran, bereit sein k\u00f6nnten.\u00a0<\/p>\n<p>Internationale Isolation als Preis nuklearer Bewaffnung?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Japan, schon aufgrund der gemachten Erfahrung aus Hiroshima und Nagasaki, ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung jegliche nukleare Bewaffnung ablehnt, <a href=\"https:\/\/asaninst.org\/data\/file\/s3_4_2_eng\/f15af67c43af11afd7a990dc4f32fd2b_ClhtB9a5_9eca2136ce8acf9c485de1d452d2d82fd7e2abdc.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bekennen sich in koreanischen Umfragen regelm\u00e4\u00dfig bis zu 75 Prozent der Befragten zu einer solchen Option<\/a>. Auch wenn das Thema in den Debatten immer wieder auftaucht, so war bisher klar, dass Korea, welches milit\u00e4risch noch mehr von den USA abh\u00e4ngig ist, als Deutschland, den Schritt hin zu einer atomaren Bewaffnung nicht vollziehen w\u00fcrde. Experten glauben, dass die hohe Zustimmung in der Bev\u00f6lkerung vor allem aus einer Verkennung der Konsequenzen herr\u00fchre: Koreas Ausstieg aus dem NPT w\u00fcrde das Land auf einen Schlag zum Paria machen, Sanktionen der USA und der EU k\u00f6nnten die Folge sein. Gleichzeitig w\u00fcrde das vitale Verteidigungsb\u00fcndnis mit den USA Schaden nehmen. Wenn man der \u00d6ffentlichkeit diese Konsequenzen vor Augen f\u00fchrte, dass der Preis nuklearer Bewaffnung internationale Isolation w\u00e4re, w\u00fcrden sich, so glauben die Wissenschaftler, die meisten dagegen entscheiden. Nur: in Zeiten der Trumpschen Brechstangen-Diplomatie ist der Automatismus solcher Folgen m\u00f6glicherweise gar nicht mehr ausgemacht. Washington k\u00f6nnte mittelfristig durchaus ein Interesse daran haben, dass sich die nukleare Abschreckung der beiden Verb\u00fcndeten vis a vis China erh\u00f6ht.\u00a0<\/p>\n<blockquote class=\"pullquote--right\">\n<p>Anders als in Europa, scheinen die USA daran \u2013 ganz unabh\u00e4ngig von der Nuklearfrage \u2013 bisher weder in Korea und Japan verst\u00e4rktes Interesse zu haben.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dazu kommt f\u00fcr Seoul die Tatsache, dass die USA wenig Zweifel daran lassen, dass im Fall eines Regionalkonflikts mit China, die Einhegung Nordkoreas nicht die Priorit\u00e4t f\u00fcr amerikanische Truppen in Korea (USFK) sein wird. F\u00fcr Seoul hingegen, dessen neue Regierung immer noch versucht zwischen den USA und China zu lavieren, bleibt Nordkorea die prim\u00e4re Bedrohung. Vielleicht w\u00e4re es da doch gut, etwas mehr Eigenst\u00e4ndigkeit in Verteidigungsfragen zu gewinnen? Anders als in Europa, scheinen die USA daran \u2013 ganz unabh\u00e4ngig von der Nuklearfrage \u2013 bisher weder in Korea noch in Japan verst\u00e4rktes Interesse zu haben. Zwar hat der neugew\u00e4hlte s\u00fcdkoreanische Pr\u00e4sident Lee versprochen, eine h\u00f6here Autonomie des koreanischen Milit\u00e4rs von den USA anzustreben, noch immer aber liegt im Verteidigungsfall der Oberbefehl (Operational Control &#8211; OPCON) \u00fcber koreanische Truppen beim amerikanischen Befehlshaber in Korea. Wie realistisch die Umsetzung dieses langgehegten Autonomiewunsches der koreanischen Linken ist, ist ungewiss. In den letzten Wochen hat die neugew\u00e4hlte koreanische Regierung das Thema jedoch wiederholt mit der Frage nach mehr nuklearer Beinfreiheit verkn\u00fcpft, u.a. k\u00f6nnte es hier um Uran f\u00fcr den Bau von Atom-U-Booten gehen. Angesichts der globalen Verkn\u00fcpfungen der s\u00fcdkoreanischen Wirtschaft mit den USA und der EU, immerhin nach Taiwan der zweitwichtigste Hersteller von Halbleitern, ist auch die Frage, wie hart eventuelle Sanktionen \u00fcberhaupt ausfallen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Pj\u00f6ngjang hingegen d\u00fcrften die Lehren aus dem Angriff auf den Iran klar sein \u2013 besonders nachdem amerikanische und israelische Stimmen die Schl\u00e4ge kurzfristig auch mit einem m\u00f6glichen (wenn auch nicht-realistischen) Regime Change in Verbindung gebracht hatten: Nur nukleare Bewaffnung sch\u00fctzt vor dem Fall des Regimes durch amerikanische Intervention. Einerseits haben die USA durch den Schlag auf den Iran klargemacht, dass sie ggf. zu milit\u00e4rischen Schl\u00e4gen bereit sind. Andererseits ist weiterhin unklar, ob selbst der massive US-Angriff ausreichend war, um das iranische Atom-Programm, um mehr als ein paar Monate zur\u00fcckzuwerfen. Die nordkoreanischen Untergrundanlagen, bei deren Bau die iranischen angeblich Pate gestanden haben sollen, h\u00e4tten im Falle einer Eskalation dann gar nicht so viel zu bef\u00fcrchten.\u00a0<\/p>\n<p>Atom-Verhandlungen mit Nordkorea: Trumps n\u00e4chster Streich?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man sich in Pj\u00f6ngjang also relativ entspannt zur\u00fccklehnen kann in Sachen Atomwaffen, ist die Nervosit\u00e4t in Seoul st\u00e4rker. Man f\u00fcrchtet, dass Trumps Geltungssucht, die ihn nach einem Friedensnobelpreis streben l\u00e4sst, jetzt wo ein Frieden in der Ukraine unrealistisch erscheint und ein Abkommen mit dem Iran zumindest schwierig zu erreichen, ihn ggf. zu Verhandlungen mit Nordkorea f\u00fchren wird. Das Regime in Gestalt von Kim Jong Uns Schwester hatte dazu zuletzt Offenheit signalisiert. Bedingung aber w\u00e4re, dass die USA Nordkorea als Atommacht anerkennen. Die Verhandlungen zu Trumps letzter Amtszeit waren sowohl an der amerikanischen Forderung nach einer vollst\u00e4ndigen De-Nuklearisierung des Regimes, als auch an zu erwartendem Widerstand im Kongress gescheitert. Den Kongress hat Trump bekanntlich dieses Mal besser unter Kontrolle, trotzdem ist unklar, ob die USA zu einem solchen Deal bereit w\u00e4ren, gerade wenn dieser am Ende Trump schwach aussehen lassen k\u00f6nnte. Denn so ein Deal d\u00fcrfte jetzt wesentlich schwieriger zu erreichen sein, als noch in Trumps erster Amtszeit. Der Druck auf das Regime hat durch die verst\u00e4rkte Zusammenarbeit mit Moskau stark abgenommen \u2013 was kann Washington Mr. Kim anbieten, was das Regime nicht auch von den wiederentdeckten Freunden in Russland bekommen kann?\u00a0<\/p>\n<blockquote class=\"pullquote--left\">\n<p>F\u00fcr die USA w\u00fcrde allerdings weiterhin die Frage bestehen bleiben, wie Nordkorea an anderen Fronten agieren wird.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Trotzdem sieht man in S\u00fcdkorea die Gefahr, dass Trump mit seinem \u201eAmerica First\u201c-Ansatz zu Kompromissen bereit sein k\u00f6nnte. Ihn interessiert m\u00f6glicherweise nicht so sehr, dass Nordkorea Atomwaffen besitzt, mit denen es S\u00fcdkorea bedrohen kann, als viel mehr, ob es \u00fcber die Tr\u00e4gersysteme verf\u00fcgt, die die USA erreichen k\u00f6nnen. Trump k\u00f6nnte es daher schon als ausreichenden Verhandlungserfolg sehen, wenn der Norden einfach auf Interkontinentalraketen verzichtet. Die nordkoreanischen Atomwaffen w\u00e4ren dann v.a. ein Problem f\u00fcr Seoul und Tokyo, auch wenn sie weiterhin auch US-Basen in der Region bedrohen k\u00f6nnten. F\u00fcr die USA w\u00fcrde allerdings weiterhin die Frage bestehen bleiben, wie Nordkorea an anderen Fronten agieren wird. Die fortgesetzte Entsendung von Truppen nach Russland spielt f\u00fcr Trump vielleicht keine so gro\u00dfe Rolle, aber als m\u00f6glicher Eskalations-Joker in einem Regionalkonflikt mit China bliebe auch ein post-Deal Nordkorea ein Risiko f\u00fcr die USA.<\/p>\n<p>Die Diskussionen in S\u00fcdkorea und Japan werden daher in der ein oder anderen Form weitergehen. Die Parallelen zur EU sind dabei unverkennbar. Einerseits braucht man mehr strategische Unabh\u00e4ngigkeit, andererseits bleibt eine v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit von den USA, schon wegen konventioneller, aber umso mehr wegen atomarer Bewaffnung eine Illusion. Als notd\u00fcrftige Alternativen bleibt nur das Verst\u00e4rken der regionalen Zusammenarbeit (etwa zwischen S\u00fcdkorea und Japan, aber auch mit Australien), als auch die St\u00e4rkung der internationalen Ordnung im Zusammenspiel mit den Europ\u00e4ern. Bei beiden diesen Strategien verbleibt erhebliche Luft nach oben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"S\u00fcdkorea und Japan, zwei L\u00e4nder, die genau wie Deutschland in einer Nachkriegsordnung unter dem nuklearen Schutzschirm der Pax&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":310991,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3977],"tags":[331,332,1624,89457,662,13,372,14,15,12,613,24894,4017,4018,4016,64,4019,4020,55421],"class_list":{"0":"post-310990","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-usa","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-asien","11":"tag-atomare-abruestung","12":"tag-atomwaffen","13":"tag-headlines","14":"tag-japan","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-schlagzeilen","18":"tag-suedkorea","19":"tag-suedostasien","20":"tag-united-states","21":"tag-united-states-of-america","22":"tag-us","23":"tag-usa","24":"tag-vereinigte-staaten","25":"tag-vereinigte-staaten-von-amerika","26":"tag-vereinigte-staaten-von-amerika-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114954016010798094","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/310990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=310990"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/310990\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/310991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=310990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=310990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=310990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}