{"id":311439,"date":"2025-08-01T18:44:24","date_gmt":"2025-08-01T18:44:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/311439\/"},"modified":"2025-08-01T18:44:24","modified_gmt":"2025-08-01T18:44:24","slug":"reisebildband-von-eric-pawlitzky-seumes-weg-durch-europa-reise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/311439\/","title":{"rendered":"Reisebildband von Eric Pawlitzky: Seumes Weg durch Europa &#8211; Reise"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Wer heutzutage eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Reise unternimmt und dar\u00fcber ein Buch ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte, der kann nicht einfach drauf losfahren und -schreiben. Erstens braucht es eine Motivation, die potenzielle Leserinnen und Leser inspiriert. Da eignen sich die Bew\u00e4ltigung von Traumata, eine Selbstfindung oder zumindest die Erf\u00fcllung eines Lebenstraums ziemlich gut. Und dann muss diese Reise auch noch auf irgendeine Weise originell sein, um auf dem Buchmarkt eine Chance zu haben. Mindestens also sollte man r\u00fcckw\u00e4rts radeln oder irgendein possierliches Tier dabei haben. Die Tollk\u00fchnheit des Unterfangens macht man tunlichst schon durch einen Superlativ im Buchtitel kenntlich.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Wie anders der Schriftsteller und Reisende Johann Gottfried Seume, der die Schilderung seines gro\u00dfes Lebensabenteuers ganz lapidar und bescheiden einen \u201eSpaziergang nach Syrakus im Jahre 1802\u201c betitelt hat. Startpunkt war damals Grimma s\u00fcdlich von Leipzig. Die Strecke, die er zur\u00fccklegte, betr\u00e4gt mehr als 2500 Kilometer. Den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil davon ist Seume zu Fu\u00df gegangen. Seine dokumentarische Reiseerz\u00e4hlung ist l\u00e4ngst ein Klassiker. These: Weil es darin nicht so sehr um ihn selbst geht, sondern man etwas \u00fcber das damalige, zersplitterte Europa inmitten einer &#8211; wenn auch vergleichsweise ruhigen &#8211; Phase der Napoleonischen Kriege erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Noch ziemlich zu Beginn seiner Wanderung durchquert Eric Pawlitzky zwar nicht die sprichw\u00f6rtlichen b\u00f6hmischen D\u00f6rfer, aber b\u00f6hmische Felder.\" data-manual=\"overline, headerImageCaption, headerImageSrc, headerImageSrcSet\" data-testid=\"responsive-image\" loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/3a934c80-80c3-4ba9-a9bd-162cb46e3bcc.jpg\"  role=\"button\" tabindex=\"0\" class=\"css-y4bre2\"\/>Noch ziemlich zu Beginn seiner Wanderung durchquert Eric Pawlitzky zwar nicht die sprichw\u00f6rtlichen b\u00f6hmischen D\u00f6rfer, aber b\u00f6hmische Felder. (Foto: Foto: Eric Pawlitzky)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Der Autor und Fotograf Eric Pawlitzky ist nun Seumes Spuren gefolgt. Das war nicht ganz einfach: \u201eAus Poststra\u00dfen wurden Autobahnen\u201c, schreibt Pawlitzky im Vorwort seines ausnehmend liebevoll gestalteten Buches \u201eSeumes Weg\u201c. Und Seume hat seine Route auch nicht akribisch festgehalten. Pawlitzky hat deshalb nach historischen Verkehrswegen recherchiert und zeitgen\u00f6ssische Karten zu Rate gezogen, musste letztlich aber seinen eigenen Weg finden. \u201eGleichwohl\u201c, das betont er, \u201ehabe ich alle von Seume erw\u00e4hnten Stationen tats\u00e4chlich besucht\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"In Venedig hat Eric Pawlitzky, wie Johann Gottfried Seume 220 Jahre zuvor, ein Boot benutzt, um nach Padua zu gelangen.\" data-manual=\"overline, headerImageCaption, headerImageSrc, headerImageSrcSet\" data-testid=\"responsive-image\" loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/f7d5c5ba-fb08-468d-aa01-f23032c12aee.jpg\"  role=\"button\" tabindex=\"0\" class=\"css-y4bre2\"\/>In Venedig hat Eric Pawlitzky, wie Johann Gottfried Seume 220 Jahre zuvor, ein Boot benutzt, um nach Padua zu gelangen. (Foto: Foto: Eric Pawlitzky)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Wo Seume mit einer Kutsche gefahren ist, hat Pawlitzky einen Bus oder die Bahn benutzt oder ist getrampt. Von Venedig ist er, wie Seume, per Boot \u00fcber die Brenta nach Padua gelangt. 2700 Kilometer betr\u00e4gt die Strecke, ohne jene \u00fcber das Meer von Neapel nach Palermo, 2160 davon ist er gewandert. 105 Tage war Eric Pawlitzky unterwegs, einschlie\u00dflich einiger Ruhetage, von Anfang September bis Mitte Dezember 2022. Er hat sich f\u00fcr diese Tour eine charmante, seinem Projekt sehr dienliche Regel auferlegt: Alle f\u00fcnf Kilometer hat Pawlitzky, egal, wo er gerade stand, jeweils\u00a0ein Foto gemacht.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Rund 2000 Aufnahmen sind auf diese Weise entstanden, f\u00fcr jeden Tag hat er eine ausgew\u00e4hlt. Sein Buch \u201eSeumes Weg\u201c wird bestimmt von diesen Bildern. Sie versammeln nicht die Sehensw\u00fcrdigkeiten entlang der Strecke. Pawlitzky bezieht sich auf das von William Eggleston formulierte Prinzip des democratic view: Fotografien von architektonisch fragw\u00fcrdigen Vorst\u00e4dten stehen gleichberechtigt neben denen verregneter Landschaften, Industrieareale wechseln sich ab als Motive mit bukolischen Landschaften.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Der Herbst ist bereits weit fortgeschritten, als Eric Pawlitzky dieses Tal bei Stare Slemene in Slowenien erreicht.\" data-manual=\"overline, headerImageCaption, headerImageSrc, headerImageSrcSet\" data-testid=\"responsive-image\" loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/60e98fff-26e2-46b1-bb9c-354109944a13.jpg\"  role=\"button\" tabindex=\"0\" class=\"css-y4bre2\"\/>Der Herbst ist bereits weit fortgeschritten, als Eric Pawlitzky dieses Tal bei Stare Slemene in Slowenien erreicht. (Foto: Foto: Eric Pawlitzky)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Beigestellt ist jeder Fotografie jeweils ein kleiner Text: Gedichte, kritische Anmerkungen, Gedanken zum Gesehenen, zum Erlebten. Der erste Eintrag stellt gleich die Sinnfrage: \u201eWarum ich das mache, hast du gefragt. Weil ich nur wissen kann, wer ich bin, wenn ich an all meine Grenzen gehe &#8230; Weil ich alles sein will, was ich sein k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Eric Pawlitzky bedient sich einer poetischen, \u00fcberaus anschaulichen, bilderreichen Sprache: Auf dem Semmerinpass findet er \u201edie Busparkpl\u00e4tze leergeg\u00e4hnt\u201c, ein \u201eschmieriger Kellner schnoddert Schnitzel auf den Tisch\u201c. Bereits in B\u00f6hmen denkt er zum ersten Mal an das Meer, weil ihn der Geruch faulenden Kohls an Tang erinnert. Der Landschaft ist aber auch die Historie eingeschrieben, vor allem die Kriege, die hier ausgefochten worden sind, seit Johann Gottfried Seume diese Landschaften passiert hat. Das gilt insbesondere auch im Gebiet des Flusses Isonzo, der in Slowenien So\u010da hei\u00dft, hart umk\u00e4mpft im Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Mancherorts hat sich das Entscheidende nicht ver\u00e4ndert, die Via Appia s\u00fcdlich von Rom haben beide, Seume und Pawlitzky, mutma\u00dflich in \u00e4hnlichem Zustand vorgefunden. Andernorts w\u00fcrde Seume nichts wiedererkennen, wenn er heute unterwegs w\u00e4re. Diesen Kontinuit\u00e4ten einer- sowie Br\u00fcchen und Ver\u00e4nderungen andererseits gibt das Buch Raum.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Ein gut erhaltenes St\u00fcck der Via Appia s\u00fcdlich von Rom.\" data-manual=\"overline, headerImageCaption, headerImageSrc, headerImageSrcSet\" data-testid=\"responsive-image\" loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/dcba5cc7-bb2f-4cf6-87b5-318295b602e8.jpg\"  role=\"button\" tabindex=\"0\" class=\"css-y4bre2\"\/>Ein gut erhaltenes St\u00fcck der Via Appia s\u00fcdlich von Rom. (Foto: Foto: Eric Pawlitzky)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">\u201eSeumes Weg\u201c ist gestaltet wie ein Faksimile. Eric Pawlitzky hat in ein handgemachtes, leeres Buch erst die ausgew\u00e4hlten Bilder eingeklebt, dann Texte begonnen, die Zettel, auf die sie geschrieben waren, wieder herausgerissen, neue eingeklebt. Diese \u00c4sthetik ist in dem gedruckten Werk erhalten. Die Fotografien, angelehnt an die Farbigkeit der Malerei in der Sp\u00e4tromantik, und die mit einer mechanischen Schreibmaschine getippten Texte sehen aus wie eingeklebt. Verworfene, ausradierte Bleistiftnotizen sind zu erahnen, wo einmal Eingeklebtes beim Heraustrennen das Papier der Seiten besch\u00e4digt hat, ist das noch zu sehen. \u201eSeumes Weg\u201c ist kein polierter Bildband, sondern zeigt die Summe unterschiedlicher Beobachtungen. \u201eIch sah\u201c, schreibt Pawlitzky, \u201eein \u00fcberaus lebendiges Europa abseits touristischer Pfade\u201c. Auch wenn ihn sein Weg durch Wien, Venedig, Rom und Palermo gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Den \u00c4tna im Blick von Colle della Grace aus, das Ziel Syrakus keine hundert Kilometer mehr entfernt.\" data-manual=\"overline, headerImageCaption, headerImageSrc, headerImageSrcSet\" data-testid=\"responsive-image\" loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/d3ba7a23-0c68-4057-9ce1-7bc64a11c203.jpg\"  role=\"button\" tabindex=\"0\" class=\"css-y4bre2\"\/>Den \u00c4tna im Blick von Colle della Grace aus, das Ziel Syrakus keine hundert Kilometer mehr entfernt. (Foto: Foto: Eric Pawlitzky)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">In Venedig sympathisiert Pawlitzky mit den H\u00fctchenspielern: \u201eIch beneide euch. Immer gewinnt ihr das Geld mit der Gier der Ahnungslosen. Endlich kostet Dummheit Geld.\u201c Das Europa, das er durchwandert, hat Ecken und Kanten, mitunter auch Abgr\u00fcnde. Es wirkt auf den Autor hin und wieder verst\u00f6rend. Aber sehr oft auch inspirierend, liebenswert, auf angenehme Weise vielschichtig. Eric Pawlitzky glaubt an den Kontinent, an eine Zusammengeh\u00f6rigkeit, nach dieser Reise mehr denn je. Am Ende fragt er, ein wenig kokett: \u201eDarf ich mich jetzt Europ\u00e4er nennen?\u201c Den Beweis hat er selbst angetreten.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\"><strong>Eric Pawlitzky<\/strong>: Seumes Weg. Lunik Verlag, Berlin 2025. 200 Seiten, 38 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer heutzutage eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Reise unternimmt und dar\u00fcber ein Buch ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte, der kann nicht einfach drauf losfahren&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":311440,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,548,663,158,3934,3935,13,89526,93,14,15,4562,89527,12,149],"class_list":{"0":"post-311439","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europaeische-union","13":"tag-europe","14":"tag-european-union","15":"tag-headlines","16":"tag-italien-reise","17":"tag-literatur","18":"tag-nachrichten","19":"tag-news","20":"tag-reise","21":"tag-reisebildband","22":"tag-schlagzeilen","23":"tag-sueddeutsche-zeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114954991664954990","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=311439"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311439\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/311440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=311439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=311439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=311439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}