{"id":311483,"date":"2025-08-01T19:08:10","date_gmt":"2025-08-01T19:08:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/311483\/"},"modified":"2025-08-01T19:08:10","modified_gmt":"2025-08-01T19:08:10","slug":"stuttgarterin-hat-endometriose-chronisch-krank-im-job-roxane-bubeck-bricht-ein-tabu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/311483\/","title":{"rendered":"Stuttgarterin hat Endometriose: Chronisch krank im Job \u2013 Roxane Bubeck bricht ein Tabu"},"content":{"rendered":"<p>\ufeffSchmerzen aus der H\u00f6lle. Als w\u00fcrde man ein Messer in den Bauch rammen und umdrehen. Mit dem Beginn jeder Periode sind sie bei Roxane Bubeck (39) da. Am ersten Tag kann die Stuttgarterin kaum noch reden, hat Honig im Kopf, die Beine klappen weg. Sie nimmt hochdosiertes Ibuprofen, das nur selten hilft. Dazu die \u00c4ngste, das Gef\u00fchl der Krankheit ausgeliefert zu sein. \u201eDann sage ich zu meinem Mann: Ich muss das erst einmal \u00fcberleben.\u201c<\/p>\n<p>Bubeck hat Endometriose, eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Geb\u00e4rmutterschleimhaut \u00e4hnelt, au\u00dferhalb der Geb\u00e4rmutter w\u00e4chst. Das Gewebe wuchert an den Eierst\u00f6cken, dem Darm oder Bauchfell und f\u00fchrt zu schmerzhaften Entz\u00fcndungen, teils auch zu Unfruchtbarkeit. Etwa jede zehnte Frau im geb\u00e4rf\u00e4higen Alter soll davon betroffen sein, in Deutschland fast zwei Millionen Frauen. Dokumentiert sind derzeit rund 400000 F\u00e4lle, auch weil die Krankheit oft nicht oder erst sp\u00e4t diagnostiziert wird.<\/p>\n<p>Vor allem \u00fcber die psychologische Seite werde kaum gesprochen, sagt Bubeck, auch in den Medien nicht. \u201eEs zerm\u00fcrbt mich, der Krankheit ausgeliefert zu sein. Auch h\u00f6re ich oft, dass ich ja gar nicht krank aussehe.\u201c Bubeck sitzt in der Stuttgarter Zentrale von Vodafone im Stadtteil Fasanenhof. Sie erz\u00e4hlt pr\u00e4zise und gefasst, das Interview ist f\u00fcr sie wie ein Outing, mit der sie auch anderen helfen will. \u201eDas Thema wird vor allem am Arbeitsplatz totgeschwiegen. Wenn man sich Ausreden einfallen lassen muss, ist das f\u00fcr die Betroffenen eine noch gr\u00f6\u00dfere Last.\u201c<\/p>\n<p>Lange hat Bubeck die B\u00fcrde des Schweigens getragen. Dass ihr Arbeitgeber Vodafone in puncto Homeoffice und flexible Arbeitszeiten als Vorreiter gilt, trug ironischerweise dazu dabei. Zum erwarteten Beginn ihrer Periode verlegte Bubeck im Voraus Termine. Am Tag der gr\u00f6\u00dften Schmerzen lie\u00df sie sich krankschreiben und arbeitet die Tage darauf oft von zuhause aus und sp\u00e4ter ihre Aufgaben nach. Es war, als sei sie nie krank gewesen.<\/p>\n<p>Dann macht sie ihre Krankheit \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Bubeck postet auf Linkedin ihre Operation \u2013 \u201ees musste einfach raus\u201c <\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2024 muss Bubeck operiert werden und l\u00e4sst eine Zyste im Eierstock entfernen. Bereits 2021 hatte sich dort eine Zyste gebildet \u2013 \u201eso gro\u00df wie eine Kiwi\u201c sei sie gewesen. Durch einen Zufall erkennen dieses Mal die \u00c4rzte, dass Bubeck unter Endometriose leidet. Die Diagnose ist f\u00fcr sie ist Schock und Befreiung zugleich. Seit ihrer ersten Periode leidet Bubeck unter starken Schmerzen. Schmerzen, die ihr bis dahin kein Mediziner erkl\u00e4ren konnte.<\/p>\n<p>In jenem M\u00e4rz berichten die Medien viel \u00fcber Endometriose. Bubeck teilt auf dem Karrierenetzwerk Linkedin Bilder von ihrem Krankenhausaufenthalt, schreibt dar\u00fcber. Es sind nur einige S\u00e4tze, in der sie \u00fcber die Krankheit spricht und sich mehr Aufmerksamkeit w\u00fcnscht \u2013 in der Medizin, Politik und im Arbeitsleben. \u201eEs musste einfach raus\u201c, sagt sie. \u201eDas war ein absoluter Gamechanger f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n<p> Auch andere sprechen jetzt \u00fcber ihre Endometriose-Erfahrungen <\/p>\n<p> Bubeck ist eine reflektierte Frau, die einst an der Uni Hohenheim Kommunikationswissenschaften studiert hat. Sie wei\u00df, wie schnell sich Beitr\u00e4ge in den sozialen Netzwerken verbreiten k\u00f6nnen, sie selbst hat 2000 Follower. Dass dem Zuspruch die Kritik folgt. Dass es bei k\u00fcnftigen Arbeitgebern Probleme geben k\u00f6nnte, dass sie, die \u201eEndo-Frau\u201c, nicht belastbar sei. Lange denkt sie dar\u00fcber nach, bis sie ihren Beitrag abschickt. Umso schneller erreichen sie die ersten Reaktionen. \u201eDas hat mich im positiven Sinn schockiert.\u201c<\/p>\n<p>Zum einen verbreiten auch M\u00e4nner ihre Posts und sprechen ihr Mut zu. Am meisten aber beeindruckt sie, wie viele Frauen nun ihr Schweigen brechen und \u00fcber eigene Endometriose-Erfahrungen sprechen. \u201eEin \u00fcberw\u00e4ltigendes Gef\u00fchl der Gemeinschaft\u201c sei es f\u00fcr sie gewesen.<\/p>\n<p> Ihr Vorgesetzter ist froh \u00fcber Bubecks Offenheit und \u201etief betroffen\u201c <\/p>\n<p>Mit diesem Gef\u00fchl geht Bubeck zu Burkhard Franke, ihrem Vorgesetzten. <\/p>\n<p>Franke meldet sich per Videocall aus Vodafones Deutschland-Zentrale. Seine Worte klingen pers\u00f6nlich. Er habe selbst einen Sohn und zwei T\u00f6chter, meint er an einer Stelle, \u201edie Mehrzahl meiner Gene sind weiblich\u201c. Als Bubeck auf ihn zukam, habe er sofort gesp\u00fcrt, dass etwas nicht stimme. \u201eIch war sehr froh \u00fcber das Vertrauen und ihre Offenheit. Gleichzeitig hat es mich tief betroffen, dieses Schicksal mitzubekommen.\u201c<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.deb8518e-cc57-4628-933b-53360cba3250.original1024.media.jpeg\"\/>     Der Vorgesetzte Burkhard Franke unterst\u00fctzt Roxane Bubeck im   <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Job\" title=\"Job\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Job<\/a>.    Foto: Vodafone    <\/p>\n<p>Franke meldet sich per Videocall aus Vodafones Deutschland-Zentrale. Seine Worte klingen pers\u00f6nlich. Er habe selbst einen Sohn und zwei T\u00f6chter, meint er an einer Stelle, \u201edie Mehrzahl meiner Gene sind weiblich\u201c. Als Bubeck auf ihn zukam, habe er sofort gesp\u00fcrt, dass etwas nicht stimme. \u201eIch war sehr froh \u00fcber das Vertrauen und ihre Offenheit. Gleichzeitig hat es mich tief betroffen, dieses Schicksal mitzubekommen.\u201c<\/p>\n<p>Franke spricht \u00fcber Unternehmenskultur, seinen F\u00fchrungsstil, der \u201eabsolut vertrauensbasiert und auf Langfristigkeit\u201c angelegt sei. Er halte viel von \u201eRoxy\u201d, wie er sie nennt. Ein Top Talent, er vertraue ihr blind. Deshalb sei ihm ihre Offenheit so wichtig. \u201eJeder gute Vorgesetzte wird das super zu sch\u00e4tzen wissen.\u201c<\/p>\n<p>Auch Bubeck und Franke unterhalten sich im Videocall. Dabei wird deutlich, dass ihr Vertrauensverh\u00e4ltnis sich nicht nur aus Altruismus speist. Es geht auch um die beste Leistung, um das Gesch\u00e4ft. Muss Arbeit umverteilt werden, wenn Bubecks Schmerzen am gr\u00f6\u00dften sind. <\/p>\n<p> Roxys Krankheit sein \u201eeine weitere Variable\u201c, mit der man planen m\u00fcsse <\/p>\n<p>Franke wiederum kann besser planen, \u201ePlanbarkeit\u201c ist eins seiner Lieblingsw\u00f6rter. \u201eRoxys Krankheit ist eine weitere Variable, die wir jetzt eben ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen\u201c, sagt er. Eine, die immer Vorrang habe. \u201eMan kann \u00fcber alles reden und eine L\u00f6sung finden. Aber es ist ein Geben und Nehmen. Am Ende muss Roxy liefern. Sie wird das tun, weil die Wertsch\u00e4tzung und das Vertrauen stimmen.\u201c<\/p>\n<p>Eine Krankheit entbinde nicht von ihrer Verantwortung und ihren Zielen, sagt Bubeck. Jetzt aber habe sie die Sicherheit, alles ansprechen und regeln zu k\u00f6nnen. \u201eWenn man schweigt, entstehen Missverst\u00e4ndnisse.\u201c<\/p>\n<p>Aber ist es tats\u00e4chlich so einfach?<\/p>\n<p>Frage an Ute Brambrink, die seit Jahren Pressesprecherin bei Vodafone ist und in Sachen Personalpolitik im Land immer auf dem neuesten Stand. Sie habe den Eindruck, dass gerade beim Thema Frauengesundheit sich viel in den deutschen Unternehmen bewegt habe, sagt sie \u2013 unter anderem sei die Belastung von Frauen in den Wechseljahren in den Fokus ger\u00fcckt. <\/p>\n<p>Dennoch gebe es noch oft \u201ediesen Irrglauben\u201c, es w\u00e4re teuer, auf die Bed\u00fcrfnisse der Besch\u00e4ftigten einzugehen. \u201eDas Gegenteil ist der Fall. Wenn Frauen wie Roxane Bubeck k\u00fcndigen, weil sie sich nicht verstanden f\u00fchlen, verliert ein Unternehmen nicht nur Expertise, sondern muss eine Nachfolgerin rekrutieren. Und das kostet oft ein halbes Jahresgehalt.\u201c<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.36fb6ce0-04c9-4071-98b1-b16b7af59a65.original1024.media.jpeg\"\/>     Ute Brambrink (links) sagt: \u201eBeim Thema Frauengesundheit hat sich in den Unternehmen viel bewegt.\u201c    Foto: Daniel Gr\u00e4fe    <\/p>\n<p>Der Alltag bleibt f\u00fcr chronisch Kranke wie Bubeck auch so schwierig. Aus medizinischen Gr\u00fcnden. Und wegen der Unberechenbarkeiten im Job. Vor einigen Monaten musste Bubeck wieder ins Krankenhaus, wieder musste eine Zyste entfernt werden. Dieselbe Diagnose, dasselbe Krankenhaus, dasselbe Zimmer. \u201eIch habe gedacht, irgendwas will das Schicksal mir sagen.\u201c<\/p>\n<p> Bubeck will auch andere Arbeitgeber sensibilisieren <\/p>\n<p>Abermals schreibt sie auf Linkedin einen Beitrag, um auf Endometriose aufmerksam zu machen, dar\u00fcber zu informieren. Sie erz\u00e4hlt, wie sie ihren Alltag organisiert. Damit sich Betroffen verstanden f\u00fchlen. Damit sich Arbeitgeber aktiv mit dem Thema besch\u00e4ftigen. Dass es auch Aufmerksamkeit f\u00fcr mehr Forschung schafft.<\/p>\n<p>Sie selbst habe so lange im Stillen mit der Krankheit gek\u00e4mpft. Manchmal frage sie sich, ob sie schon fr\u00fcher h\u00e4tte dar\u00fcber reden k\u00f6nnen. Aber sie sei noch nicht bereit gewesen. Es brauche Zeit, sich weiterzuentwickeln. Auch dieses Interview sei f\u00fcr sie \u201eein Meilenstein\u201c, aber kein Ende ihres Weges, den sie mit ihrem Outing begann. \u201eR\u00fcckblickend ist das ein wahnsinnig erleuchtendes und befreiendes Gef\u00fchl\u201c, meint sie. \u201eMein Leben f\u00fchlt sich jetzt leichter an.\u201c<\/p>\n<p> Chronisch krank im Job <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Kommunikation<\/strong><br \/>Eine chronische Erkrankung muss auf der Arbeitsstelle in der Regel nicht offen kommuniziert werden. Ausnahmen sind Erkrankungen, die im jeweiligen Arbeitskontext \u201eeine Gefahr f\u00fcr sich selbst oder andere darstellen\u201c. Auch freiwillig kann es aber sinnvoll sein, die eigene Erkrankung offenzulegen. Schlie\u00dflich ist das Verbergen einer Krankheit mit viel Aufwand verbunden.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Diskriminierung<\/strong><br \/>Benachteiligungen aufgrund chronischer Erkrankungen sind laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verboten. Arbeitgeber m\u00fcssen Beschwerdestellen gegen Diskriminierungen einrichten und Betroffenen zur Seite stehen, sollten sie Diskriminierungen erleben. dpa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\ufeffSchmerzen aus der H\u00f6lle. Als w\u00fcrde man ein Messer in den Bauch rammen und umdrehen. 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