{"id":311954,"date":"2025-08-01T23:37:16","date_gmt":"2025-08-01T23:37:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/311954\/"},"modified":"2025-08-01T23:37:16","modified_gmt":"2025-08-01T23:37:16","slug":"virale-atemwegsinfektionen-koennten-schlafende-brustkrebszellen-reaktivieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/311954\/","title":{"rendered":"Virale Atemwegsinfektionen k\u00f6nnten schlafende Brustkrebszellen reaktivieren"},"content":{"rendered":"\n<p>Atemwegsinfektionen wie Influenza oder COVID-19 k\u00f6nnten schlafende Brustkrebszellen in der Lunge aufwecken und so zur Entstehung von Metastasen beitragen. Das legt eine im Fachjournal Nature ver\u00f6ffentlichte Studie nahe, die pr\u00e4klinische Ergebnisse aus einem Mausmodell mit epidemiologischen Beobachtungsdaten verkn\u00fcpft [<a onclick=\"showToolTip(this, &#039;references&#039;, 1);\" href=\"https:\/\/deutsch.medscape.com\/artikelansicht\/javascript:void(0);\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">1<\/a>].<\/p>\n<p>Dass durch chronische Infektionen bedingte Entz\u00fcndungsreaktionen zur Krebsentstehung beitragen k\u00f6nnen, ist bekannt \u2013 man kennt das zum Beispiel von der Hepatitis C. \u201eNeu und interessant ist hier, dass akute Atemwegsinfektionen durch die dabei herrschende Entz\u00fcndungsreaktion dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass sich Metastasen bilden\u201c, kommentiert <b>Prof. Dr. Carsten Watzl<\/b>, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie des Leibniz-Instituts f\u00fcr Arbeitsforschung an der TU Dortmund, in einer Stellungnahme gegen\u00fcber dem Science Media Center.<\/p>\n<p>       <b>Schlafende Tumorzellen verweilen langfristig im K\u00f6rper<\/b>  <\/p>\n<p>Die Arbeit stammt von einer internationalen Forschungsgruppe \u2013 unter Federf\u00fchrung von <b>Dr.<\/b> <b>Shi B. Chia<\/b> und <b>Bryan Johnson<\/b> vom University of Colorado Anschutz Medical Campus in Aurora, USA.<\/p>\n<p>In den pr\u00e4klinischen Experimenten nutzten die Autoren ein Mausmodell, bei dem sich HER2-positive Brustkrebszellen bereits fr\u00fch von den Tumorvorl\u00e4uferzellen in der Brustdr\u00fcse abl\u00f6sen, in die Lunge und andere Organe auswandern und dort als dormante Zellen \u00fcber lange Zeit verweilen \u2013bis zu einem Jahr oder l\u00e4nger. Das Modell spiegelt die Situation von Brustkrebspatientinnen wider, bei denen sich \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte nach der Remission noch schlafende Tumorzellen im K\u00f6rper befinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Infektion der Tiere mit Influenza-A oder SARS-CoV-2 f\u00fchrte zu einer massiven Vermehrung dieser zuvor ruhenden Krebszellen: Innerhalb von 2 Wochen entwickelten sich Lungenmetastasen. Zwischen Tag 3 und Tag 15 nach der Influenza-A-Infektion stieg die Metastasenlast im Lungengewebe zum Beispiel um das 100- bis 1000-Fache.<\/p>\n<p>Laut den Autoren war das proinflammatorische Zytokin Interleukin-6 (IL-6) ein zentraler Treiber dieses Prozesses. M\u00e4use, in denen IL-6 gentechnisch ausgeschaltet war, h\u00e4tten trotz Infektion keine Reaktivierung der schlafenden Krebszellen gezeigt \u2013 die Tumorzellen seien im Ruhezustand verblieben.<\/p>\n<p>       <b>Auch nach der Infektion blieben die Tumorzellen aktiv<\/b>  <\/p>\n<p>Die reaktivierten Tumorzellen blieben auch nach Abklingen der Infektion noch \u00fcber Monate aktiv und vermehrungsf\u00e4hig. Beg\u00fcnstigt wurde dies durch ein immunsuppressives Mikromilieu: IL-6 trieb die Rekrutierung von CD4\u207a-T-Helferzellen an, die wiederum die Aktivit\u00e4t zytotoxischer CD8\u207a-T-Zellen hemmten \u2013 also jener Immunzellen, die \u00fcblicherweise Tumorzellen eliminieren.<\/p>\n<p>Den Autoren sei es gelungen zu zeigen, dass es aufgrund der Entz\u00fcndungsreaktion nach einer Influenza- oder SARS-CoV-2-Infektion zu einer Vermehrung dormanter Metastasenzellen kommt, sagt Watzl. Hier gebe es aber eine methodische L\u00fccke: \u201eEs wird nicht gezeigt, ob die M\u00e4use nach der Infektion auch tats\u00e4chlich fr\u00fcher oder h\u00e4ufiger an Metastasen versterben \u2013 das w\u00e4re klinisch besonders relevant.\u201c<\/p>\n<p>In einer weiteren Stellungnahme bewertet <b>Prof. Dr. Hellmut Augustin<\/b>, Leiter der Abteilung f\u00fcr Vaskul\u00e4re Onkologie und Metastasierung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg, die pr\u00e4klinischen Daten positiv: \u201eDie Experimente zeigen sehr deutlich, dass eine Atemwegsinfektion dormante Tumorzellen reaktivieren kann.\u201c<\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>Die Experimente zeigen sehr deutlich, dass eine Atemwegsinfektion dormante Tumorzellen reaktivieren kann.<br \/>\n       Prof. Dr. Hellmut Augustin <\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>Zwar seien viele Komponenten der aktuellen Arbeit nicht v\u00f6llig neu, aber das Ergebnis sei so definitiv bisher noch nicht gezeigt worden. Die Verwendung HER2-positiver Modelle sei zudem praxisnah, da dieser Subtyp beim Mammakarzinom h\u00e4ufig sei.<\/p>\n<p>       <b>Epidemiologische Datens\u00e4tze liefern weniger eindeutige Ergebnisse<\/b>  <\/p>\n<p>Ob sich die Erkenntnisse auf den Menschen \u00fcbertragen lassen, pr\u00fcften die Autoren anhand von 2 epidemiologischen Datens\u00e4tzen. In der UK Biobank zeigte sich bei Brustkrebspatientinnen, deren Diagnose mindestens 5 Jahre zur\u00fccklag, nach einer SARS-CoV-2-Infektion ein fast doppelt so hohes Risiko, an Krebs zu sterben. Besonders ausgepr\u00e4gt war der Effekt im ersten Jahr nach der Infektion \u2013 im Einklang mit dem zeitlichen Verlauf der Tumorreaktivierung im Tiermodell. \u00dcber den Gesamtzeitraum bis Ende 2022 war der Zusammenhang jedoch nicht mehr signifikant.<\/p>\n<p>Zudem analysierte das Team Daten aus dem US-Brustkrebsregister Flatiron Health. Demnach hatten COVID-19-positive Patientinnen ein um 44% erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr Lungenmetastasen (Hazard Ratio 1,44; 95%-Konfidenzintervall; 1,01\u20132,05; p = 0,043). Nach Adjustierung f\u00fcr Begleiterkrankungen verlor der Zusammenhang jedoch an statistischer Signifikanz.<\/p>\n<p>\u201eDie Studie belegt, dass das generelle Ph\u00e4nomen auch bei Menschen gezeigt werden kann\u201c, so Watzl. Ob allerdings auch der gleiche Mechanismus zugrunde liegt wie im Tiermodell, k\u00f6nne anhand epidemiologischer Daten nicht gezeigt werden. Die St\u00e4rke der Analyse liege jedoch darin, dass pandemiebedingte Einfl\u00fcsse wie reduzierte Arztkontakte oder psychosozialer Stress auch in der Kontrollgruppe aufgetreten seien. Die dokumentierte Infektion bleibe somit ein relevanter Unterschied.<\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>Die Studie belegt, dass das generelle Ph\u00e4nomen auch bei Menschen gezeigt werden kann.<br \/>\n       Prof. Dr. Carsten Watzl <\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>       <b>Die Kausalit\u00e4t k\u00f6nnte auch umgekehrt verlaufen<\/b>  <\/p>\n<p>Augustin h\u00e4lt die \u00dcbertragbarkeit auf den Menschen prinzipiell f\u00fcr plausibel: \u201eEin in einem Mausexperiment identifizierter physiologischer oder pathologischer Mechanismus ist in aller Regel genauso im Menschen aktiv.\u201c Unsicher sei weniger die Existenz des Effekts, sondern dessen quantitatives Ausma\u00df: Die definierten Bedingungen pr\u00e4klinischer Settings erm\u00f6glichten die Durchf\u00fchrung sehr genauer mechanistischer Untersuchungen.<\/p>\n<p>\u201eIm Menschen gibt es eine andere Variabilit\u00e4t und sehr viel mehr beeinflussende St\u00f6rfaktoren, was es schwierig macht, Effektintensit\u00e4ten eins zu eins von der Maus auf den Menschen zu \u00fcbertragen\u201c, so der Onkologe. Daher sei fraglich, ob alle epidemiologischen Effekte in der vorliegenden Studie ad\u00e4quat ber\u00fccksichtigt wurden.<\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>Im Menschen gibt es eine andere Variabilit\u00e4t und sehr viel mehr beeinflussende St\u00f6rfaktoren.<br \/>\n       Prof. Dr. Hellmut Augustin <\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>Da es sich um Beobachtungsdaten handelt, kann ein kausaler Zusammenhang nicht sicher nachgewiesen werden. Eine alternative Erkl\u00e4rung w\u00e4re, dass nicht die Infektion die Tumorreaktivierung verursachte, sondern dass Patientinnen mit einem noch unentdeckten Rezidiv und daraus resultierender Immunsuppression ein h\u00f6heres Infektionsrisiko hatten.<\/p>\n<p>       <b>M\u00f6glicherweise k\u00f6nnten Impfungen sch\u00fctzen<\/b>  <\/p>\n<p>Die Autoren kommen dennoch zu dem Schluss, dass Krebs\u00fcberlebende nach Atemwegsinfektionen ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr ein metastatisches Rezidiv haben k\u00f6nnten. Daraus leiten sie einen Bedarf an Strategien ab, um das infektionsassoziierte Metastasierungsrisiko zu verringern. Und da die analysierten Daten aus der Zeit vor der breiten Verf\u00fcgbarkeit von COVID-19-Impfstoffen stammen, spekulieren sie, dass Menschen mit Krebsvorgeschichte von einer Impfung gegen Influenza und SARS-CoV-2 profitieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Auch Watzl sieht darin einen sinnvollen Ansatz: \u201eDurch eine Impfung wird das Risiko f\u00fcr eine schwere Infektion \u2013 und damit f\u00fcr eine starke Entz\u00fcndungsreaktion \u2013 deutlich reduziert. Es w\u00e4re daher zu erwarten, dass auch der Effekt auf die Metastasenbildung durch eine Impfung reduziert werden k\u00f6nnte.\u201c Dies m\u00fcssten allerdings k\u00fcnftige Studien gezielt untersuchen \u2013 etwa in Mausmodellen oder in neu aufgelegten epidemiologischen Kohorten.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend betont Watzl, dass der beobachtete Effekt nicht dramatisch gro\u00df sei. \u201eBrustkrebspatientinnen m\u00fcssen sich wegen dieser Daten nicht komplett isolieren, um Infektionen um jeden Preis zu vermeiden\u201c, sagt er. Aber die Studie sei ein guter Anlass, \u201eAtemwegsinfektionen ernst zu nehmen \u2013 und sich durch verf\u00fcgbare Impfungen vor der Erkrankung und hoffentlich auch vor den Sekund\u00e4rfolgen zu sch\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>Brustkrebspatientinnen m\u00fcssen sich wegen dieser Daten nicht komplett isolieren, um Infektionen um jeden Preis zu vermeiden.<br \/>\n       Prof. Dr. Carsten Watzl <\/p>\n<p>\n        \u00a0\n       <\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Atemwegsinfektionen wie Influenza oder COVID-19 k\u00f6nnten schlafende Brustkrebszellen in der Lunge aufwecken und so zur Entstehung von Metastasen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":311955,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137],"tags":[89644,29,30,141,232,89645,89646],"class_list":{"0":"post-311954","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesundheit","8":"tag-brustkrebs-mammakarzinom-brustkarzinom","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-gesundheit","12":"tag-health","13":"tag-influenza-grippe","14":"tag-lungenkrebs-lungenkarzinom"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114956143563204780","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=311954"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311954\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/311955"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=311954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=311954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=311954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}