{"id":312091,"date":"2025-08-02T00:54:16","date_gmt":"2025-08-02T00:54:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/312091\/"},"modified":"2025-08-02T00:54:16","modified_gmt":"2025-08-02T00:54:16","slug":"tor-ulvens-grabbeigaben-ein-autor-in-bestform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/312091\/","title":{"rendered":"Tor Ulvens \u201eGrabbeigaben\u201c: Ein Autor in Bestform"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Jeden Tag auf f\u00fcnftausendzweihundertf\u00fcnfundf\u00fcnfzig H\u00e4hnchenresten gehend, auf dreihundert Hammelkeulen, einer unbestimmten Anzahl Tonscherben, einem Dutzend get\u00fcrkter W\u00fcrfel, einem Pfau, sechshundertdrei\u00dfig Muscheln (. . .) sowie zahllosen anderen Gegenst\u00e4nden, jeden Tag, nicht wissend um das unter ihnen dort drunten, unter ihrem Stimmengesurre und ihren klackernden Damenschuhabs\u00e4tzen.\u201c So f\u00e4ngt es an, mit einer beliebig zu erweiternden Schilderung dessen, was unter unserer Jetztzeit versch\u00fcttet liegt, wobei, so Tor Ulven an anderer Stelle, \u201edas vor zwei Minuten Geschehene nicht weniger vergangen ist, als was vor zweitausend Jahren geschah\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Verg\u00e4nglichkeit also ist das Thema, das hier angeschlagen wird, auch wenn der Autor sich 1993, eineinhalb Jahre vor seinem Freitod, \u201enicht so sicher\u201c gab, \u201eob Verg\u00e4nglichkeit mein wichtigstes Thema ist. Ich w\u00fcrde eher die Zeit vorschlagen, oder die Erfahrung von Zeit.\u201c Ein genuines Motiv von Literatur also. Nicht nur um das Versch\u00fcttete (und zugleich Konservierte; das Modell ist hier Pompeji, dessen erstarrtes Bild im Text auch hinreichend geschildert und verlebendigt wird) geht es in diesem Buch, dem Ulven zutreffend die Gattungsbezeichnung \u201eFragmentarium\u201c verliehen hat, sondern auch um die zahlreichen Formen von Gleichzeitigkeit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Das Cover zu Tor Ulvens \u201eGrabbeigaben\u201c\" height=\"2480\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/cover-zu-tor-ulvens-buch-grabbeigaben.jpg\" width=\"1535\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Das Cover zu Tor Ulvens \u201eGrabbeigaben\u201cVerlag<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Bereits am Anfang wird eine Schall\u00adplattenaufnahme vom 22. November 1953 vorgestellt. Der greise Toscanini dirigiert in der Carnegie Hall Brahms\u2019 Tragische Ouvert\u00fcre, gespielt vom NBC Symphony Orchestra. \u201eEs verursacht mir ein Gef\u00fchl gewissen historisierenden Schwindels, daran zu denken, dass ich (. . .) faktisch drei Jahre lang zeitgleich mit dem uralten Mann gelebt habe und faktisch, am 22. November 1953, eine knappe Woche alt war, dass ich (. . .) zu dem Zeitpunkt wirklich (. . .) existierte, fernab von New York, in v\u00f6lliger Unkenntnis \u00fcber Brahms (. . .).\u201c Auch das bekannte Faktum, dass das Licht der Sterne uns erreicht, nachdem diese selbst l\u00e4ngst erloschen sind, also aus einer Zeit vor unserer Geburt zu uns kommt, findet Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p>Eine literarische Schulung der Wahrnehmung<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Es wird hier eine Art literarischer Arch\u00e4ologie betrieben, die Zeit und Raum umfasst. Akteure dieser Arch\u00e4ologie sind, wie sich nach und nach herausstellt, zwei Figuren (m\/w, wie es in einer heutigen Stellenausschreibung hei\u00dfen w\u00fcrde), die zumeist in der dritten Person, zuweilen aber auch in der ersten auftreten. Aber wenn auch \u2013 zum Teil explizit in Gestalt von Bildbeschreibungen \u2013 das Stillleben \u00fcberall pr\u00e4sent ist, ist ihre Schilderung auf diesen gerade mal 130 Seiten von enormer Plasti\u00adzit\u00e4t und Sinnlichkeit, das Ganze eine gro\u00dfartige Schule der Wahrnehmung in Gestalt aller f\u00fcnf Sinne, wie sie so nur selten zu finden ist in der Literatur.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Ulven hat Beckett und Claude Simon ins Norwegische \u00fcbersetzt und auch den nouveau roman gr\u00fcndlich rezipiert, aber seine Schreibweise ist fern aller Dogmatik etwa eines Robbe-Grillet, und sie ist auch detailversessener und sinnlicher als die von Beckett. Es ist auf jeden Fall ratsam, die Szenenfolge langsam zu lesen und nicht zu \u201everschlingen\u201c. Mit einer irgendwie gearteten Sperrigkeit des Textes hat das aber nichts zu tun.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Denn der scheut auch vor Slapstick nicht zur\u00fcck. Die m\u00e4nnliche Figur, \u00fcbrigens offenkundig ein Arch\u00e4ologe (\u201eer selbst hatte gerade Urlaub, keine Ausgrabungen\u201c) ist mit dem Auto unterwegs, um pers\u00f6nlich eine Todesnachricht zu \u00fcberbringen, und f\u00e4hrt in einem kleinen Ort an einer Kneipe vorbei, davor \u201eein \u00e4lterer, dicklicher, d\u00fcnnhaariger Mann in komplett grauem Anzug, mit wei\u00dfem Hemd und roter Krawatte, barock genug, bei der Hitze; er stand leicht vorn\u00fcbergebeugt, wie unmittelbar vor einer h\u00f6flichen Verbeugung, und hielt eine rechteckige Pappsch\u00fcssel ungef\u00e4hr auf Brusth\u00f6he, Kartoffelsalat oder etwas \u00c4hnliches, die rechte Hand um eine wei\u00dfe Plastikgabel mit darauf befindlicher Speise geschlossen, den Mund bereits ge\u00f6ffnet\u201c. Bevor aber die Geste abgeschlossen werden kann, treffen sich beider Blicke durch die Windschutzscheibe, und dann ist das Auto vorbei, \u201eer hatte den Anzugtr\u00e4ger seine N\u00e4hrgeb\u00e4rde nie vollenden sehen, der Mann blieb einfach dort stehen, im Wachskabinett seiner Erinnerung\u201c \u2013 ein Tantalus, der seine Speise nie erreichen wird.<\/p>\n<p>Ohne tiefere Symbolik, aber \u00fcberw\u00e4ltigende Bilder<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Dinge sind weniger verg\u00e4nglich als die Menschen, lernen wir bei Ulven, \u201edenn unsere H\u00e4user sind Museen, ohne dass wir es bemerken, die Dinge bleiben wie immer klaffend nach uns zur\u00fcck, schon w\u00e4hrend wir schlafen\u201c. F\u00fcr den \u00adliterarischen Arch\u00e4ologen allerdings verh\u00e4lt es sich so, dass die Spuren schon vor ihm da sind und auf ihn warten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Mehr noch: Die weibliche Figur er\u00adinnert sich an ein Gem\u00e4lde, das aus der Vogelperspektive einen Regentag in einer namenlosen Stadt wiedergibt und das sie in irgendeinem Museum gesehen hat. Ein Bild ohne tiefere Symbolik oder R\u00e4tselhaftigkeit, und dennoch \u00fcberw\u00e4ltigend f\u00fcr die Betrachterin, denn es \u201esaugte, ein Schwamm mit r\u00fcckwirkender Kraft, alle von ihr erlebten Regentage in sich auf oder eigentlich die Erinnerung daran (. . .), sodass das Gem\u00e4lde Erinnerungen besa\u00df, die sie selbst vergessen hatte, als schwelte unter der Leinwand ein ganzes Album unentwickelter Bilder aus ihrem eigenen Leben, oder sogar aus dem v\u00f6llig unbekannten Leben anderer\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr\u00a0Knausg\u00e5rd ist Tor Ulven\u00a0\u201edas H\u00f6chste\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der literarische Arch\u00e4ologe Ulven selbst muss gl\u00fccklicherweise im Deutschen nicht mehr ausgegraben werden. Seit 2012 nimmt sich der Droschl-Verlag des Werks an und ver\u00f6ffentlicht sukzessive Ulvens Prosa in kongenialer \u00dcbersetzung des \u00f6sterreichischen Autors Bernhard Strobel. \u201eGrabbeigaben\u201c, im Original 1988 erschienen, war Ulvens erste Prosaarbeit; vorher hatte er ausschlie\u00dflich Lyrik ver\u00f6ffentlicht. In \u00adNorwegen selbst gilt er seit Langem als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Autoren des Landes. Aus\u00adl\u00e4ndische Verlage haben das Gl\u00fcck, mit Karl Ove Knausg\u00e5rds Satz \u201eTor Ulven, das war das H\u00f6chste\u201c werben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Was literarischen Rang ausmacht (auch den eigenen), hat Ulven im Grunde in dem bereits erw\u00e4hnten Interview selbst so erkl\u00e4rt: \u201eKunst ist immer Ordnung und Form, das Leben ist relative Unordnung und Formlosigkeit.\u201c Wer diese Aussage als Pl\u00e4doyer f\u00fcr l\u2019art pour l\u2019art versteht, wird durch Ulvens Prosa schnell eines Besseren belehrt. Die kreist nicht um sich selbst, sondern um das sogenannte wirkliche Leben in all seinen Spielarten, aber immer im st\u00e4ndigen Bewusstsein seiner Endlichkeit.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Tor Ulvens \u201eFragmentarium\u201c ist das \u00adgenaue Gegenteil eines Sammelsuriums. Dem Anspruch an die Form, die dieser Schriftsteller an die Literatur gestellt hat, ist er selbst im h\u00f6chsten Ma\u00df gerecht geworden, und das kann seine Leser gl\u00fccklich machen.<\/p>\n<p><strong>Tor Ulven: \u201eGrabbeigaben\u201c. Fragmentarium.<\/strong><br \/>Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel. Droschl-Verlag, Graz 2025. 131 S., geb., 22,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Jeden Tag auf f\u00fcnftausendzweihundertf\u00fcnfundf\u00fcnfzig H\u00e4hnchenresten gehend, auf dreihundert Hammelkeulen, einer unbestimmten Anzahl Tonscherben, einem Dutzend get\u00fcrkter W\u00fcrfel, einem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":312092,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-312091","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114956446297261368","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/312091","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=312091"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/312091\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/312092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=312091"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=312091"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=312091"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}