{"id":312643,"date":"2025-08-02T06:15:23","date_gmt":"2025-08-02T06:15:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/312643\/"},"modified":"2025-08-02T06:15:23","modified_gmt":"2025-08-02T06:15:23","slug":"gewalthilfe-ein-sicherer-hafen-fuer-eine-nacht-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/312643\/","title":{"rendered":"Gewalthilfe \u2013 Ein sicherer Hafen f\u00fcr eine Nacht in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img309480\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/309480.jpeg\" alt=\"Im Eingangszimmer des Nachtcaf\u00e9s k\u00f6nnen sich Menschen in Krisen ausruhen und finden Beratung und Unterst\u00fctzung.\"\/><\/p>\n<p>Im Eingangszimmer des Nachtcaf\u00e9s k\u00f6nnen sich Menschen in Krisen ausruhen und finden Beratung und Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Foto: Leonie Hertig<\/p>\n<p>Das Schaufenster des Frauen*Nachtcaf\u00e9s leuchtet am nassen und kalten Sommerabend zwischen den Geb\u00e4uden der kleinen Seitenstra\u00dfe von Neuk\u00f6lln. An das Ladenschild wurden nachtr\u00e4glich die Buchstaben FLINTA angebracht, um alle Frauen, Lesben, inter, nicht-bin\u00e4re, trans und agender Personen anzusprechen. Im Schaufenster k\u00f6nnen sich Passant*innen \u00fcber das Angebot informieren, w\u00e4hrend der restliche Raum von riesigen Topfpflanzen, Lichterketten und einer Pride-Flagge eingenommen wird. Das Frauen*Nachtcaf\u00e9 \u00f6ffnet die T\u00fcren, wenn die meisten anderen Projekte ihre schlie\u00dfen. Von Mittwoch, Freitag und Samstag ist es von 18 bis 24 Uhr ge\u00f6ffnet und bietet Frauen, trans-, inter und nicht-bin\u00e4ren Personen einen Zufluchtsort. Wer in einer Krise steckt, ist willkommen.<\/p>\n<p>Sechs Mitarbeiter*innen betreuen die R\u00e4umlichkeiten, sie m\u00f6chten anonym bleiben. \u00bbWir alle haben Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt\u00ab, sagen Mitarbeitende zu \u00bbnd\u00ab. Dies ist kein Zufall, sondern Teil des betroffenen-kontrollierten Ansatzes des Caf\u00e9s. Die Erfahrungen des Teams werden als Ressource angesehen, die in die Arbeit einflie\u00dfen kann. So k\u00f6nnen Nutzer*innen das Team fragen: \u00bbHey, kennst du das auch?\u00ab Dadurch werde das Thema enttabuisiert und Nutzer*innen sind mit ihren Erfahrungen nicht alleine, erkl\u00e4rt das Team dem \u00bbnd\u00ab. \u00bbWir sind Vorbilder, denn wir zeigen, dass es m\u00f6glich ist, aus den Krisen herauszukommen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Schwerpunkte des Caf\u00e9s sind Psychatrie-Pr\u00e4vention und Unterst\u00fctzung bei Gewalterfahrungen \u2013 egal, ob es um strukturelle, organisierte, sexualisierte, psychische oder physische Gewalt geht. Pro Monat nehmen zwischen 80 und 130 Personen das Angebot wahr. Mit einer offenen T\u00fcr und f\u00fcr alle FLINTA* ab 18 Jahren ist das Frauen*Nachtcaf\u00e9 so gefragt, dass Menschen weite Wege auf sich nehmen. Von Spandau bis Bielefeld kommen Besucher*innen, um im Caf\u00e9 Sicherheit und Solidarit\u00e4t f\u00fcr ein paar Stunden zu finden.<\/p>\n<p>Das Nachtcaf\u00e9 setzt auf Hilfe zur Selbsthilfe, um durch einen sicheren Raum aus eigener Kraft aus einer Krise herauszufinden. \u00bbEs geht nicht darum, jemanden zu retten. Uns geht es darum, was im Moment hilfreich ist\u00ab, so das Team. Ziel sei es, zu vermitteln, dass die Besuchenden so sein d\u00fcrfen, wie sie sind. Bei Bedarf stehen Interventionen und psychiatrische Pr\u00e4vention zur Verf\u00fcgung. \u00bbDie R\u00e4ume sollen Nutzer*innen die M\u00f6glichkeit geben, sich zu stabilisieren\u00ab, so Mitarbeitende. Daf\u00fcr stelle man durch Empathie und Wertsch\u00e4tzung einen Schutzraum zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Das Eingangszimmer des Caf\u00e9s strahlt die gem\u00fctliche Atmosph\u00e4re eines Wohnzimmers aus. Eine Wand wird von Flyern verschiedener Hilfsangebote und einer Zeichnung von einem wilden Fluss bedeckt, es gibt B\u00fccherregale, Sofas und Sessel mit Kissen und Decken. In einer Ecke sitzt eine*r Nutzer*in, auf einem Sofa arbeitet eine zweite Person am Laptop. Wenn in der K\u00fcche kein Beratungsgespr\u00e4ch stattfindet, k\u00f6nnen sich Nutzer*innen dort einen Tee machen oder sich am K\u00fchlschrank an Schokoladenpudding bedienen. In einer kleinen Ecke gibt es einen Free-Shop, von dem sich Nutzer*innen Sachen nehmen k\u00f6nnen, ohne daf\u00fcr bezahlen zu m\u00fcssen. Im Flur gibt es ein Beratungszimmer mit mehr Privatsph\u00e4re.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/309481.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Eine Nutzerin erz\u00e4hlt dem \u00bbnd\u00ab, dass sie um die Ecke wohnt und regelm\u00e4\u00dfig das Frauen*Nachtcaf\u00e9 besucht. Vor zehn Jahren hat sie auf einer Suchtstation schlechte Erfahrungen gemacht. Es sei \u00fcberf\u00fcllt gewesen, sagt sie. Kurz nachdem sie wieder zu Hause gewesen sei, sei es zu einem Sicherheitsvorfall gekommen. Es habe das gesamte Sicherheitspersonal sowie Hunde ben\u00f6tigt, um drei Personen ruhigzustellen. Das Caf\u00e9 bietet ihr Gesellschaft, ein Gef\u00fchl von Sicherheit und gesundes Essen. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung ist schwierig f\u00fcr sie. 2019 musste sie neun Monate auf einen Ergotherapieplatz warten, doch die Therapie wurde dann aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt.<\/p>\n<p>Das gesunde Essen wird durch w\u00f6chentliche Spenden der Tafel m\u00f6glich gemacht. Beim Zubereiten von Salat, Kartoffeln, Zucchini, und Tempeh helfen die sechs Nutzer*innen den Mitarbeiter*innen oder sitzen in geselliger Schweigsamkeit in der K\u00fcche. Aus einer gr\u00fcnen Box werden Messer geholt, sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckgelegt und ins B\u00fcro gebracht. \u00bbDas machen wir auf Wunsch von unseren Nutzer*innen. So sind scharfe Gegenst\u00e4nde nicht allzu zug\u00e4nglich\u00ab, erkl\u00e4rt eine Mitarbeitende. Denn: \u00bbViele Menschen, die uns besuchen, sind hoch suizidal\u00ab. Manche Besucher*innen haben bereits schlechte Erfahrungen in einer Psychiatrie gemacht. \u00bbJetzt suchen sie eine gute ambulante Therapie, k\u00f6nnen diese aber nicht finden\u00ab, sagt eine Mitarbeitende. Die langen Wartezeiten f\u00fcr Therapiepl\u00e4tze in akuten Krisen sieht das Team kritisch. \u00bbDas ist doch kein Zustand, und das funktioniert nur, wenn man Papiere hat.\u00ab<\/p>\n<p>Aktuell sind Angebote f\u00fcr Antidiskriminierung, gegen h\u00e4usliche Gewalt und f\u00fcr psychische Gesundheit von K\u00fcrzungen bedroht oder <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192321.haushalt-berlin-organisationen-gegen-sozialkuerzungen.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wurden schon gestrichen<\/a>. Dazu z\u00e4hlt das Sorgentelefon \u00bbDie Nummer gegen Kummer\u00ab und die Hotline der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen f\u00fcr Opfer von h\u00e4uslicher Gewalt, Kurse gegen T\u00e4tergewalt sowie Anti-Gewaltprojekte an Schulen und Kitas. Angebote, bei denen es um zwischenmenschliche Begegnung geht, w\u00fcrden \u00bbsystematisch weggek\u00fcrzt\u00ab, sagt ein Mitarbeiter. \u00bbDie K\u00fcrzungen werden zu einer Sozialarmut f\u00fchren. Stattdessen werden Gelder in das Milit\u00e4r gesteckt. Das hat eine Entmenschlichung zur Folge.\u00ab<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>\u00bbWir sind Vorbilder, denn wir zeigen, dass es m\u00f6glich ist, aus den Krisen herauszukommen.\u00ab<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nMitarbeitende des Frauen*Nachtcaf\u00e9s<\/p><\/blockquote>\n<p>Daher fordert das Team mehr finanziellen und mentalen Halt. Das Caf\u00e9 wird von der Senatsgesundheitsverwaltung finanziert, die H\u00f6he der F\u00f6rderung sei seit Jahren nicht mehr gestiegen. \u00bbWir sind total unterfinanziert\u00ab, erkl\u00e4rt eine Mitarbeitende. \u00bbWir erhalten keine Nachtzuschl\u00e4ge und keine Feiertagszuschl\u00e4ge.\u00ab Die Bezahlung der Mitarbeitenden sei nicht gen\u00fcgend. Dar\u00fcber hinaus ist das Caf\u00e9 mit steigenden Miet- und Lebensmittelpreisen konfrontiert.<\/p>\n<p>Das hat zur Folge, dass nur zwei Mitarbeitende nachts das Caf\u00e9 betreuen k\u00f6nnen. Eigentlich seien zwei zu wenig, erkl\u00e4rt eine Mitarbeitende. Eine Person betreut die offenen R\u00e4umlichkeiten, hei\u00dft Nutzer*innen willkommen und gibt eine kleine Tour durch das Caf\u00e9. Manche Nutzer*innen brauchen nur Gesellschaft f\u00fcr ein paar Stunden, andere fragen nach Krisengespr\u00e4chen. Daf\u00fcr ist die zweite Mitarbeitende in dem Beratungsraum anwesend.<\/p>\n<p>Doch eigentlich br\u00e4uchte es noch eine dritte Person, um das Telefon zu betreuen. \u00bbMenschen erreichen uns besonders seit der Pandemie verst\u00e4rkt per Telefon\u00ab, erkl\u00e4rt eine Mitarbeitende. Manche rufen an, weil sie aus psychischen oder Sicherheitsgr\u00fcnden das Haus nicht verlassen k\u00f6nnen. Eine Mitarbeitende erz\u00e4hlt von Menschen, die aus Prenzlauer Berg angerufen haben, weil sie Hilfe ben\u00f6tigten, aber es <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190399.haushalt-berlin-kuerzungen-die-krank-machen.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">nicht alleine nach Neuk\u00f6lln geschafft haben<\/a>.<\/p>\n<p>Die aktuelle finanzielle Situation des Projekts sei nicht nachhaltig, so das Frauen*Nachtcaf\u00e9-Team. \u00bbDer Status quo kann nicht gehalten werden, da die Mitarbeitenden aus Mangel an Schutz ausbrennen, retraumatisiert werden, Diskriminierungen erfahren und so die Stelle wieder aufgeben\u00ab, warnte das Team j\u00fcngst den Berliner Senat in einem Brief. Sie fordern mehr Arbeitsstunden und St\u00e4rkung der Mitarbeitenden bei Mehrfachbelastung und Diskriminierungserfahrungen.<\/p>\n<p>Stattdessen beobachtet das Team mit Sorge die K\u00fcrzungen f\u00fcr das Jahr 2026\/2027. \u00bbBei uns ist einfach nichts mehr wegzuk\u00fcrzen\u00ab, so eine Mitarbeitende. Das Caf\u00e9 sei ansonsten nicht mehr zu halten. Das h\u00e4tte zur Folge, dass es keine stabilisierende Krisenintervention insbesondere f\u00fcr suizidale Menschen g\u00e4be. \u00bbUnsere Orte sind essenziell f\u00fcr Menschen, die sonst durch alle institutionellen Raster fallen, die zum Beispiel keinen Aufenthaltsstatus haben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Diese Menschen m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Eingangszimmer des Nachtcaf\u00e9s k\u00f6nnen sich Menschen in Krisen ausruhen und finden Beratung und Unterst\u00fctzung. 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