{"id":313055,"date":"2025-08-02T10:10:17","date_gmt":"2025-08-02T10:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/313055\/"},"modified":"2025-08-02T10:10:17","modified_gmt":"2025-08-02T10:10:17","slug":"80-jahre-nach-kriegsende-als-stuttgart-und-die-kirchen-in-truemmern-lagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/313055\/","title":{"rendered":"80 Jahre nach Kriegsende: Als Stuttgart und die Kirchen in Tr\u00fcmmern lagen"},"content":{"rendered":"<p>Vielen Orten in der Stadt ist Geschichte eingeschrieben. Sich an solche Orte zu begeben, dient der Anschauung. Geschichte wird dann zwar nicht lebendig, sie tritt einem jedoch plastisch vor Augen. <\/p>\n<p>Das war jetzt bei zwei auffallend gut besuchten Stadtspazierg\u00e4ngen der Fall, die um die unmittelbare Nachkriegszeit in Stuttgart kreisten. Im Rahmen der theologischen Sommerakademie des evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof f\u00fchrten sie, begleitet von Leiterin Monika Renninger, Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler, City-Diakonin Doris Beck und Pfarrer Pfarrer Benedikt Jetter, am Mittwoch und Donnerstag zu wichtigen Schaupl\u00e4tzen kirchlichen Lebens nach Kriegsende: Schlosskirche, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Oper\" title=\"Oper\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oper<\/a>, Markuskirche. <\/p>\n<p>Die Stuttgarter Oper spielte dabei eine wichtige Rolle. Weil die gro\u00dfen Innenstadtkirchen \u2013 <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stiftskirche\" title=\"Stiftskirche\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stiftskirche<\/a>, Leonhardskirche und Hospitalkirche, wie auch die katholische Eberhardskirche \u2013 nach den alliierten Bombenangriffen in Tr\u00fcmmern lagen, kamen die Protestanten am 10. Mai, zwei Tage nach Kriegsende, im weitgehend unzerst\u00f6rten Littmannbau zu ihrem ersten Gottesdienst zusammen. Die ebenfalls intakt gebliebene Schlosskirche war daf\u00fcr zu klein. Dort hatten sich w\u00e4hrend der Nazi-Herrschaft die NS-treuen \u201eDeutschen Christen\u201c getroffen. <\/p>\n<p>Der erste Gottesdienst nach dem Krieg <\/p>\n<p>Ein Blick in die 1558 errichtete Kirche im Alten Schloss, die derzeit renoviert und an Pfingsten 2026 wieder er\u00f6ffnet wird, samt Erl\u00e4uterungen des Historikers Hermann Ehmer, bildet am Mittwoch den Auftakt der Tour. Von dort geht es zur Oper, wo W\u00fcrttembergs Landesbischof Theophil Wurm an jenem 10. Mai vor vollbesetztem Haus eine Predigt hielt, die das Stadtarchiv r\u00fcckblickend als \u201eTrostpredigt\u201c charakterisiert. In Anspielung auf den F\u00fchrerkult um Adolf Hitler wandte Wurms sich gegen die \u201eVerg\u00f6tzung\u201c von Menschen. Seine anschlie\u00dfende Ansprache vom Balkon der Oper aus \u201eim Namen der w\u00fcrttembergischen Landeskirche und der bekennenden Kirche in Deutschland\u201c endete mit dem Ausspruch: \u201eZur\u00fcck zu Christus und zur\u00fcck zum Bruder!\u201c <\/p>\n<p>Beim Stadtspaziergang zitieren zwei Schauspieler der Staatstheater, Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller, vor den mehr als 100 Interessierten an der Operntreppe aus Wurms Predigt am Himmelfahrtstag. Ihr stimmgewaltiger Vortrag gibt einen Impuls f\u00fcr Diskussionen \u2013 auch zu Wurms ambivalenter Rolle, der, wie viele Kirchenm\u00e4nner, damals die Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten begr\u00fc\u00dft und es 1938 vermieden hatte, die Reichspogromnacht anzuprangern. Andererseits hatte er die Gleichschaltung der Landeskirche mit den \u201eDeutschen Christen\u201c verhindert, sich \u00f6ffentlich gegen die Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen \u2013 das sogenannte Euthanasie-Programm \u2013 gewandt und Kontakt zu Kreisen des Widerstands unterhalten. Nach dem Krieg wurde Wurm erster Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirchen in Deutschland und z\u00e4hlte zu den Unterzeichnern des Stuttgarter Schuldbekenntnisses, das sich im Oktober zum 80. Mal j\u00e4hrt.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.6363ebe4-c0c5-492e-8b0b-7541640e1f63.original1024.media.jpeg\"\/>     Teilnehmer des Stadtspaziergangs vor der Oper. Im historischen Littmannbau fand am 10. Mai 1945 der erste evangelische Gottesdienst nach Kriegsende statt.    Foto: Jan Sellner    Das Schuldbekenntnis fand zun\u00e4chst keinen Widerhall <\/p>\n<p>Der Schauplatz dieses am 19. Oktober 1945 \u00f6ffentlich verlesenen Schuldbekenntnisses, die ebenfalls intakt gebliebene Markuskirche, stand im Mittelpunkt des zweiten Stadtspaziergangs am Donnerstag. Die zentralen S\u00e4tze dieses Schuldeingest\u00e4ndnisses, das kirchlicherseits die Grundlage f\u00fcr einen Neuanfang schaffen sollte, erklingen an diesem Abend, wie bei einem Quempas-Singen aus den vier Ecken des Kirchenraumes: \u201e. . . wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fr\u00f6hlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben\u201c, sagen Monika Renninger, Doris Beck, Matthias Vosseler und Benedikt Jetter im Wechsel. <\/p>\n<p>Thema ist auch, was die damaligen Verfasser \u2013 Otto Dibelius, Martin Niem\u00f6ller und Hans Christian Asmussen \u2013 nicht in Worte fassten: den V\u00f6lkermord an den Juden und die Verfolgung und Vernichtung anderer Bev\u00f6lkerungsgruppen wie den Sinti und Roma. Bemerkenswert auch der Hinweis von Roland Martin, langj\u00e4hriger Pfarrer der Markuskirche, dass das gleichwohl bedeutsame Schuldbekenntnis innerhalb der Markusgemeinde zun\u00e4chst keinerlei Widerhall fand. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.41927fa3-3691-43a5-8cb5-4ec39eafd9ca.original1024.media.jpeg\"\/>     In diesem Haus bei der Markuskirche wohnte der j\u00fcdische Arzt Robert Gutmann. Ein Stolperstein erinnert an ihn und ein Schicksal.    Foto: Jan Sellner    <\/p>\n<p>Bei dem Stadtspaziergang, der den Fangelsbachfriedhof und ein dort 1963 eingeweihte Mahnmal einschlie\u00dft, ist das Echo umso gr\u00f6\u00dfer. Das erkl\u00e4rt sich auch aus der Schilderung des Schicksals des 1873 in Stuttgart geborenen j\u00fcdischem Arztes Robert Gutmann. Er lebte nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt, am Markusplatz 1. Ein Stolperstein erinnert dort an ihn. <\/p>\n<p>Ute Hechtfischer, Koordinatorin der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen, ruft, stellvertretend f\u00fcr das Schicksal der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, dessen Leben in Erinnerung. Sie listet die NS-Schikanen und -Dem\u00fctigungen auf, die der alleinstehende Arzt, erdulden musste: vom Berufsverbot \u00fcber den erzwungenen Wohnungs- und Ortswechsel bis zur \u201eVerschubung\u201c ins Sammellager auf dem Killesberg und der Deportation des Schwerstkranken ins KZ Theresienstadt, wo Gutmann am 23. August 1942 sein Leben verlor. Die b\u00fcrokratisch verf\u00fcgte und erbarmungslos exekutierte Verfolgung zeigt in den Worten Hechtfischers deutlich: \u201eDer Holocaust begann vor unserer Haust\u00fcre.\u201c<\/p>\n<p> Stolperstein-Magazin <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Neuerscheinung<\/strong><br \/>Das neue Geschichtsmagazin unserer Zeitung mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/stolpersteine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eStuttgarter Stolpersteine\u201c <\/a>enth\u00e4lt eine Auswahl von 24 Portr\u00e4ts von Stuttgarter NS-Opfern, die im Rahmen unserer einj\u00e4hrigen Stolperstein-Serie entstanden sind.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong> Erh\u00e4ltlich ist das Magazin \u201eStuttgarter Stolpersteine\u201c in Buchhandlungen und an Kiosken sowie <\/strong><br \/>im Onlineshop von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten zum Preis von 14,90 Euro: <b>www.shop711.de <\/b> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vielen Orten in der Stadt ist Geschichte eingeschrieben. 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