{"id":314388,"date":"2025-08-02T23:00:19","date_gmt":"2025-08-02T23:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/314388\/"},"modified":"2025-08-02T23:00:19","modified_gmt":"2025-08-02T23:00:19","slug":"gespraech-mit-ulrike-draesner-ueber-astrid-lindgren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/314388\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4ch mit Ulrike Draesner \u00fcber Astrid Lindgren"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was war das erste Buch von Astrid Lindgren, das Sie gelesen haben? <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eDie Kinder von Bullerb\u00fc\u201c und \u201ePippi Langstrumpf\u201c. Wir lebten in einem Vorort von M\u00fcnchen, neben Eva, die bei ihren Gro\u00dfeltern aufwuchs. Ihr Haus war rosa und bauf\u00e4llig. Evas Opa handelte mit Schrott, der Garten stand voller kaputter Autos, durch die Pflanzen wucherten. Eva hatte wahnsinnig viele Freiheiten und immer sehr viel Geld. Sie war es auch, die meine Schwester und mich ins Kino einlud, um \u201ePippi Langstrumpf\u201c anzusehen. Danach war uns klar, dass Eva nur noch einen Affen und ein Pferd brauchte. Ich war sieben oder acht Jahre alt. Dank Pippi gab es ab sofort das Gef\u00fchl: M\u00e4dchen m\u00fcssen nicht Annika sein! Ich musste es nur noch schaffen, mehr Pippi-Langstrumpf-Artigkeit in mein Leben zu inte\u00adgrieren: Freiheit, Abenteuerlust, Kraft. \u201eReal\u201c scheiterte das, doch das mentale Empowerment blieb.<\/p>\n<p><strong>Pippi war f\u00fcr Sie also ein Rollenvorbild als M\u00e4dchen. Haben Sie ihre Lebensweise als Kind auch in Bezug gesetzt zu Ihrem eigenen sozialen Umfeld? <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Evas Leben passte so gar nicht in das heile Familienbild, das meine Mutter predigte. Eva h\u00e4tte, nach meiner Mutter, sehr ungl\u00fccklich sein m\u00fcssen. Stattdessen brachte sie Welt auch in unser Leben: Siebzigerjahre-Pop, Make-up, die \u201eBravo\u201c. Ich war anders als der Rest \u2013 ein linksh\u00e4ndiges, hochbegabtes Kind, evangelisch statt katholisch. Und \u00fcberall sollte diese Andersheit getilgt werden. Pippi hingegen spiegelte mir Abweichung als Freiheitsraum, als Potential. Sie hat meine Einsamkeitsgef\u00fchle ein St\u00fcck weit aufgefangen. Meine Eltern waren sehr streng, wir wurden regelm\u00e4\u00dfig geschlagen. Lindgrens Literatur hingegen zeigte einen Umgang zwischen Menschen, der auch \u00fcber die Generationen hinweg von Verst\u00e4ndnis und Mitgef\u00fchl spricht. Eine Welt, in der M\u00e4dchen wie Jungen starke Hauptfiguren sein k\u00f6nnen. Das waren wichtige Gegenmodelle.<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie als Kind das Gef\u00fchl, dass es unrecht ist, was Ihre Eltern tun? <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eUnrecht\u201c? Ich wei\u00df nicht. F\u00fcr das Kind war es ein Riss in der Wirklichkeit. Mit dem Kochl\u00f6ffel den nackten Hintern versohlt zu bekommen und danach stundenlang ins Zimmer gesperrt zu werden, bedeutet, aus der Welt zu st\u00fcrzen. Wie kommt man davon wieder zur\u00fcck in etwas wie Normalit\u00e4t? Man ist innerlich halb taub und tot. Eine Strategie wurde, m\u00f6glichst fr\u00fch zu erkennen, wann mein Vater den n\u00e4chsten Wutanfall haben w\u00fcrde. Man k\u00f6nnte das auch als starkes Em\u00adpathietraining bezeichnen. Ich versuchte, mir Freir\u00e4ume zu erk\u00e4mpfen. Mit zehn fing ich an, Nachhilfe zu geben. Und ich \u00fcbte mich darin, mich unsichtbar zu machen. Ich h\u00f6rte auf, mit Fremden zu sprechen. Ich riss mir Wimpern und Augenbrauen aus, kaute N\u00e4gel, a\u00df nichts mehr. In meinem Elternhaus wurde all dies ignoriert. Es war, als w\u00fcrde man nicht existieren. Wie soll man das nennen?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Astrid Lindgren lausch dem Mann, der ihre Rede als Friedenspreistr\u00e4gerin gar nicht h\u00f6ren wollte: Die schwedische Schriftstellerin am 14. November 1978 in der Frankfurter Paulskirche neben dem B\u00f6rsenverein-Vorsteher Rolf Keller.\" height=\"1944\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/astrid-lindgren-als-friedenspreistraegerin-1978.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Astrid Lindgren lausch dem Mann, der ihre Rede als Friedenspreistr\u00e4gerin gar nicht h\u00f6ren wollte: Die schwedische Schriftstellerin am 14. November 1978 in der Frankfurter Paulskirche neben dem B\u00f6rsenverein-Vorsteher Rolf Keller.ullstein bild<\/p>\n<p><strong>Kam von der Reformp\u00e4dagogik etwas in Ihrer Familie an? <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Meine Eltern zogen \u00fcber \u201eantiautorit\u00e4re\u201c Familien her. Bei uns galt \u201ePr\u00fcgel haben noch keinem geschadet\u201c. Das war f\u00fcr mich schon als Kind eine gro\u00dfe L\u00fcge, sah ich doch an meinem Vater, dass sie schadeten. F\u00fcr meine Eltern waren Reformp\u00e4dagogik, Studentenproteste und Terrorismus eins. Immer wieder sprach man inzwischen im Radio von einer Ulrike, einer aus meiner Sicht beeindruckenden Terroristin. Ich, die andere Ulrike, sa\u00df unterm Tisch und h\u00f6rte aufmerksam zu. Die realen Gewaltimplikationen waren mir damals nicht klar. Aber ich verstand, dass es drau\u00dfen in der wirklichen Welt Widerstand gegen die alte Ordnung gab.<\/p>\n<p><strong>Als Astrid Lindgren in den Siebzigerjahren den Friedenspreis erhielt, war vieles im Umbruch. Die Welt wurde freier und politischer, man setzte sich mehr mit der Vergangenheit auseinander. Trotzdem war laut unseren Recherchen die Entscheidung f\u00fcr die Jury nicht einfach, zum ersten Mal eine Kinderbuchautorin mit dem Friedenspreis auszuzeichnen, denn sie ist, so die damalige Sicht, etwas anderes als eine Schriftstellerin, als eine Gelehrte.<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, wie eine bestimmte Gruppe, hier das wei\u00dfe m\u00e4nn\u00adliche B\u00fcrgertum des neunzehnten Jahrhunderts, Etiketten schafft, um Macht auszu\u00fcben. Und wie das im zwanzigsten Jahrhundert, auch nach dem Zweiten Weltkrieg, fortgesetzt wird. Ganz oben die Poesie, hehre Literatur, der Genie\u00adgedanke treibt sein Unwesen. Frauen haben kleinere Gehirne, sind also weder genie- noch politikf\u00e4hig. Wenn sie schreiben, dann \u201evoller Gef\u00fchl\u201c \u00fcber Familien und Kinder. In den Siebzigern brach das eben erst auf, es gab eine feministische Bewegung, Protest. Tats\u00e4chlich hat, wer auf Literatur f\u00fcr Kinder herabsieht, nur einen sehr kurzen literarischen Verstand. Kinder sind ein gnadenlos ehrliches, schnell gelangweiltes Publikum. Schreibt man f\u00fcr sie, kommt es auch auf eine innere Wahrhaftigkeit an, die Wahrhaftigkeit der Tr\u00e4ume, der W\u00fcnsche, der Unbekanntheit der Welt und des Hineinwachsens in diese. So etwas wie die Solidarit\u00e4t zwischen Br\u00fcdern oder dem Trio Pippi-Tommy-Annika ist ein unverbr\u00fcchlicher Wert und wichtige Kinder-Nahrung. Dabei ist auch Lindgren ein \u201eKind\u201c ihrer Zeit; ich finde es richtig, das N-Wort aus ihren B\u00fcchern zu tilgen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gewollt h\u00e4tte, dass es stehen bleibt. Meine Tochter ist nicht kaukasisch-wei\u00df, und ich war froh, ihr Lindgrens B\u00fccher geben zu k\u00f6nnen, ohne dass sie sich irgendwo w\u00fcrde angegriffen oder verletzt f\u00fchlen m\u00fcssen. Auch der Versuch, Sprache auf re\u00adspektvolle Weise zu adressieren, ist ein St\u00fcck gelebte \u201eNiemals Gewalt\u201c.<\/p>\n<p><strong>In der Abwertung von Lindgrens Kinderliteratur steckt auch eine Abwertung ihrer Entstehungsbedingungen. Sie hatte kein leichtes Leben, musste ihren un\u00adehelichen ersten Sohn Lasse anonym entbinden und jahrelang im Ausland lassen. Der Einfall zu \u201ePippi Langstrumpf\u201c kam ihr am Krankenbett ihrer Tochter. Die Abwertung vernachl\u00e4ssigt also, warum es \u00fcberhaupt die Notwendigkeit zu Phantasie und Rollenbildern gibt.<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Imaginationsf\u00e4higkeit ist ein wesent\u00adliches Element unseres Menschseins. Ohne sie w\u00e4ren wir weder gemeinschafts\u00adf\u00e4hig noch g\u00e4be es Sprachen, Technik oder Kulturen. In der Abwertung verbirgt sich das hyperrationalistische Bild des \u00f6konomisch bestimmten Menschen. Mit den Kindern werden ja auch Erwachsene und all unsere kindlichen Anteile diffamiert. Lindgren weist in ihrer Rede zu Recht darauf hin, in wie viel \u201egehobener\u201c Literatur sich Kinderhass ausdr\u00fcckt. Das Bild vom \u201ekleinem Tyrannen\u201c, das sie anspricht, wurde im Nationalsozialismus von Autorinnen wie Johanna Haarer stark gemacht. In deren Bestseller \u201eDie deutsche Mutter und ihr erstes Kind\u201c empfiehlt sie, das Kind schreien zu lassen, um sich nicht vom ihm \u201etyrannisieren\u201c zu lassen. Als Lindgren ihre Friedenspreisrede hielt, wurde dieses Buch, nur um ein paar allzu \u201erassebedingte\u201c Kommentare bereinigt, weiterhin eifrig in Deutschland verkauft. Samt seiner Obsession mit Hygiene. Auf meinen Babybildern tr\u00e4gt meine Mutter einen wei\u00dfen Kittel. Meine Nahrung wurde gewogen und in mich hineingepresst, ob ich mochte oder nicht. Gestillt wurde ich ohnehin nicht. Die nationalsozialistische Absicht dahinter ist, m\u00f6glichst wenig Bindung entstehen zu lassen, damit das depravierte, also besonders verletzliche Kind fr\u00fch in die Jugendverb\u00e4nde gesogen werden kann. Abwertung von Kindern und Kinderhass sind grausam und dumm. Lindgren fragt in ihrer Rede, ob die Menschen denn nicht verstehen, dass Kinder die Entscheidungstr\u00e4ger von morgen sind. Und sie betont, dass jeder kleine Mensch seinen Erwachsenen anvertraut ist. Mich ber\u00fchrt das sehr, denn ich h\u00e4tte als Kind Hilfe ben\u00f6tigt. Doch die gab es nicht; alle Nachbarn haben weggeschaut. Das aber eben ist die Bedeutung von \u201eanvertraut sein\u201c: f\u00fcr einen anderen Menschen mitzudenken. Statt sich vor einem mit b\u00f6sen Absichten gezeichneten \u201eFeindbild\u201c zu f\u00fcrchten. Das gilt nicht nur f\u00fcr unseren Umgang mit Kindern.<\/p>\n<p><strong>Ihr aktuelles Buch \u201ezu lieben\u201c er\u00f6ffnet mit einem Motto von <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"58e793f2114c174b32e242f945252ead36bfbcf0\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/pippi-langstrumpf\" title=\"Pippi Langstrumpf\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pippi Langstrumpf<\/a>: \u201eAch was, wenn das Herz nur schl\u00e4gt und warm ist, dann friert man nicht.\u201c Offensichtlich hat Astrid Lindgren Sie bis in die eigene Mutterschaft begleitet. Wie haben Sie denn den Kreislauf von Gewalt durchbrochen? <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">F\u00fcr mich war immer klar, dass die Erziehungsmaximen meiner Eltern nicht meine eigenen sein w\u00fcrden. Gewalt jeglicher Art gegen ein Kind ist ein absolutes No-Go. Man braucht Geduld und noch mal Geduld. Man kommt ans Ende seiner Kraft und seiner Nerven. Das wei\u00df man, damit kann man umgehen: bei sich selbst. Zugleich \u00f6ffnet einem das Zusammensein mit einem Kind einen Raum, den man allein nie betreten k\u00f6nnte. Dort darf ich einem Menschen so vieles zeigen, beibringen und vorleben. Und ich darf mich selbst ansto\u00dfen lassen von der Andersheit dieses kleinen Wesens und der Originalit\u00e4t seines Weltblicks. Lindgrens Literatur ist vielleicht deswegen so wirksam, weil sie derartige Wachstumsr\u00e4ume f\u00fcr alle \u00f6ffnet. Geleitet von einem liebevollen Blick.<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft, Sie w\u00fcrden sagen, dass Lindgrens Literatur auch Erwachsenenliteratur ist?<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Unbedingt. Lest und lasst euch mitnehmen in diese Welt! Heute ist \u201eDie Br\u00fcder L\u00f6wenherz\u201c eines meiner Lieblings\u00adb\u00fccher von Lindgren. Was ist Treue? Wie verstehen wir die Welt? Was bedeutet es, zu sterben oder weiterzuleben? Was ist Geschwisterliebe? Lindgrens B\u00fccher handeln in konziser Form von den wesentlichen Fragen des Menschseins.<\/p>\n<p><strong>Es gab einen, der \u00fcberhaupt nicht damit einverstanden war, dass Astrid Lindgren den Friedenspreis erhalten sollte: der Vorsitzende des B\u00f6rsenvereins und damit Vorsitzender der Jury, Rolf Keller. Er beugte sich nat\u00fcrlich dem Votum der anderen, fand aber, man k\u00f6nne eine Kinderbuchautorin keine Friedenspreisrede halten lassen im Vergleich zu den Gelehrten, Wissenschaftlern, Schriftstellern und allen, die vor ihr kamen. Er schrieb ihr ohne Wissen der Jury, sie k\u00f6nne ihre Rede nicht halten, man habe daf\u00fcr aber einen zweiten Laudator gefunden. Daraufhin schrieb Astrid Lindgren zur\u00fcck: \u201eWenn ich meine Rede nicht halten darf, dann muss ich auch nicht nach Frankfurt kommen, also w\u00fcrde ich Ihnen vorschlagen: Kommen Sie doch nach Stockholm und \u00fcbergeben mir das Geld und die Urkunde, und das war es.\u201c Da war er nun in Verlegenheit, ohne Preistr\u00e4gerin. Rolf Keller entschuldigte sich, und die Rede wurde gehalten, und sie wurde zur erfolgreichsten aller Friedenspreisreden. In manchen Bundesl\u00e4ndern ist sie Schulpflichtlekt\u00fcre, und wir kriegen st\u00e4ndig Anfragen von Sch\u00fclern und anderen, die daraus zitieren wollen. Denn von <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"488e35cf7547d9dc78e8a53908eb2baba521e899\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/astrid-lindgren\" title=\"Astrid Lindgren\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Astrid Lindgrens<\/a> \u201eNiemals Gewalt!\u201c gibt es so viele Bez\u00fcge ins Heute, es klingt irgendwie naiv und altmodisch und gleichzeitig modern und richtig wie nie. <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Was f\u00fcr eine unglaubliche und dabei leider nur zu glaubhafte Geschichte. Der Versuch eines \u00e4lteren Mannes, einer mutigen Frau den Mund zu verbieten. Gepaart mit einem erschreckenden Demokratieverst\u00e4ndnis. Und wie cool Lindgren die R\u00fcckhand spielt! In meinem Buch \u201eEine Frau wird \u00e4lter\u201c beschreibe ich, wie sie mit einer Freundin zu deren achtzigstem Geburtstag mitten in Stockholm auf einen Baum klettert. Die Leute starren. Und Lindgren sagt: \u201eEs gibt kein Verbot f\u00fcr \u00e4ltere Frauen, auf B\u00e4ume zu klettern.\u201c Diese Art von Widerspruchsgeist ist gro\u00dfartig. Man kann ihn, gerade als Frau, immer wieder brauchen. Er speist auch Lindgrens Friedenspreisrede. Kompromisslos bezieht sie ihre Position: \u201eNiemals Gewalt!\u201c solle als Zielvorstellung f\u00fcr alle dienen. Doch bei den Kindern als dem schw\u00e4chsten Glied der Kette muss begonnen werden. Beziehungs- und Herzlosigkeit sind sp\u00e4ter nie mehr aufzuholen. Und sie macht deutlich, dass es beim Kinderschutz um Fragen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite geht. Um unsere Zukunft. Obwohl seit 2001 das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit im BGB verankert ist, berichten auch heute erschreckend viele Kinder, dass sie im Alltag physische Gewalt erfahren. Von psychischer ganz zu schweigen. Ich freue mich, dass Lindgrens Dankesrede viel von jungen Menschen gelesen wird. Offensichtlich ist es weiterhin n\u00f6tig, Aufkl\u00e4rungs- und Unterst\u00fctzungsarbeit zu leisten. Altersforschung zeigt, dass uns \u00adErlebnisse aus der Kindheit und Jugend \u00adirgendwann einholen. Eine gewaltsame Kindheit wird zweimal erlebt. Gewalt an Kindern ist ein jahrzehntelang wirkendes Verbrechen. Die Besch\u00e4mung und Dem\u00fctigung, die in Pr\u00fcgelstrafen liegt, machen es einem schwer, Selbstbewusstsein zu entwickeln, seine W\u00fcnsche und seinen K\u00f6rper zu f\u00fchlen, zu wissen, wer man \u00fcberhaupt ist. Das hat subjektive und gesellschaft\u00adliche Folgen. Wie Lindgren gleich zu Anfang ihrer Rede betont: Auf die Entscheidung des Einzelnen gegen Gewalt kommt es an. Doch wie soll er oder sie dazu kommen, wenn sie selbst in gewaltvollen Verh\u00e4ltnissen aufwuchs? Es ist unsere Aufgabe, zuk\u00fcnftige Erwachsene dazu zu bef\u00e4higen, sich in einer Welt zurecht\u00adzufinden, die jetzt f\u00fcr uns alle noch unvorstellbar ist. Und f\u00fcr diese Welt Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Ein heute in Deutschland geborenes Kind hat eine Lebenserwartung von hundert Jahren. Wie sieht die Welt 2070 aus, wie 2100? Das Wesentliche ist nicht, dass ich einem Kind beibringe, wie ein Handy funktioniert, sondern ihm die Bef\u00e4higung gebe zu entdecken, wer es in einer offenen Zukunft selbst sein kann.<\/p>\n<p><strong>Zu Beginn des Ersten Weltkriegs bildeten sich verschiedene Wohlt\u00e4tigkeitsorganisationen, \u201eSave the Children\u201c zum Beispiel in England, die auch Geld f\u00fcr deutsche und \u00f6sterreichische Kinder sam\u00admel\u00adten. Es ging darum, Kinderrecht un\u00adabh\u00e4ngig von der Nationalit\u00e4t zu wahren.<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Ich m\u00f6chte das zuspitzen: Warum nehmen wir Kinder \u00fcberhaupt in nationale Haftung? Ich verstehe, warum f\u00fcr viele Menschen Herkunft wichtig ist. Das Konzept hilft uns, unserer Identit\u00e4t Kontur zu geben. Doch wir m\u00fcssten viel klarer dar\u00fcber diskutieren, was es bedeuten soll. Es ist grausam, Gefl\u00fcchteten den Nachzug ihrer Kinder zu verweigern. Wem soll das helfen? Seelische Brutalit\u00e4t sorgt f\u00fcr weitere Brutalisierung. Welche Zukunftsszenarien stellen wir uns als Konsequenzen derartigen Handelns vor? Lindgren l\u00e4sst sich von \u00c4ngsten nicht blenden. Das ist so inspirierend an ihr. So kommt sie nie in die furchtbare Versuchung, Nationalit\u00e4t und Fremdenangst \u00fcber Menschlichkeit zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Ulrike Draesner <\/strong>wurde 1962 in M\u00fcnchen geboren. Zuletzt erschien \u201ezu lieben\u201c (Penguin).<\/p>\n<p>Astrid Lindgrens Friedenspreisrede von 1978 ist einzusehen unter https:\/\/www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de\/alle-preistraeger-seit-1950\/1970-1979\/astrid-lindgren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was war das erste Buch von Astrid Lindgren, das Sie gelesen haben? \u201eDie Kinder von Bullerb\u00fc\u201c und \u201ePippi&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":314389,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-314388","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114961660374620937","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314388","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=314388"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314388\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/314389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=314388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=314388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=314388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}