{"id":314667,"date":"2025-08-03T01:44:46","date_gmt":"2025-08-03T01:44:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/314667\/"},"modified":"2025-08-03T01:44:46","modified_gmt":"2025-08-03T01:44:46","slug":"lovis-corinth-und-die-nazis-als-die-kunst-ueber-die-braune-klinge-sprang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/314667\/","title":{"rendered":"Lovis Corinth und die Nazis: Als die Kunst \u00fcber die braune Klinge sprang"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Kunstgeschichte ist sich bis heute nicht einig, ob Lovis Corinth als impressionistischer oder expressionistischer Maler gelten soll. In Wahrheit war er beides und keins davon. Aus akademischen Anf\u00e4ngen, die vom Naturalismus und vom Jugendstil gepr\u00e4gt waren, fand er zu einem freieren, farbsatten, zwischen allen Malschulen liegenden Ausdruck. Schon vor 1900 wird sein Pinselstrich breiter und fl\u00e4chiger, und als Mitglied der Berliner Secession, der er bis zu seinem Tod angeh\u00f6rt, l\u00f6st er sich endg\u00fcltig vom Historismus der Makart-Tradition.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Sein Sp\u00e4twerk, das von bayerischen Landschaften bis zu Bibelszenen reicht, l\u00e4sst sich keiner Stilrichtung zuordnen. Am ehesten erinnert es an den sp\u00e4ten Beckmann, der gleichfalls mit expressionistischen Mitteln zu einer eigenen Mythologie gelangt. Aber Corinth, der Preu\u00dfe in Bayern, ist unberechenbarer, quecksilbriger, schwerer zu fassen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Nationalsozialisten freilich wussten genau, was sie an Corinth hatten: einen Feind ihres Kunstideals. Den Grundton hatte schon ihr Chefideologe Alfred Rosenberg angestimmt: der \u201eSchl\u00e4chtermeister des Pinsels\u201c sei \u201eim lehmig-leichenfarbigen Bastardtum des syrisch gewordenen Berlins\u201c gestrandet. Adolf Ziegler, ab 1936 Pr\u00e4sident der Reichskammer der bildenden K\u00fcnste, spielte dazu die Verhetzungs-Melodie: Corinth habe \u201enach seinem zweiten Schlaganfall nur noch krankhafte und unverst\u00e4ndliche Schmierereien\u201c hervorgebracht. Einen ersten Schlaganfall hatte der Maler 1911 tats\u00e4chlich erlitten; der zweite war eine Erfindung der Nazis.<\/p>\n<p>359 Werke von Corinth wurden in deutschen Museen konfisziert<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Ziegler wusste genau, was er mit seiner Denunziation anrichtete, denn er organisierte im Sommer 1937 die Beschlagnahmungen von Kunstwerken f\u00fcr die Ausstellung \u201eEntartete Kunst\u201c, die vom 19. Juli an in M\u00fcnchen zu sehen war. Im Obergeschoss war eine ganze Wand der Kunst von Lovis Corinth gewidmet. Im selben Saal hing auch Franz Marcs \u201eTurm der blauen Pferde\u201c. Die malerische Elite der Moderne traf sich im braunen Kunstzuchthaus. Insgesamt wurden 359 Werke von Corinth in deutschen Museen konfisziert. Siebzehn davon stammten aus der Sammlung der Berliner Nationalgalerie.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Zum hundertsten Todestag des Malers hat die Alte Nationalgalerie jetzt eine Ausstellung eingerichtet, die von den Folgen der Kunstverfolgung des Dritten Reiches erz\u00e4hlt. Die Bilder Lovis Corinths und seiner Frau Charlotte Berend, deren Arbeiten wie die ihres Mannes zur Neuen Abteilung der Nationalgalerie geh\u00f6rten, hatten dabei ganz unterschiedliche Schicksale. Einige wurden verschont, andere nach dem Ende der Feme-Schau zur\u00fcckgegeben, wieder andere zu Geld gemacht.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der erste Raum der Ausstellung versammelt zehn Gem\u00e4lde, die im Museum bleiben durften, dorthin zur\u00fcckgingen oder sogar neu dazukamen, darunter Corinths sp\u00e4tes Hauptwerk \u201eDas Trojanische Pferd\u201c, sein Por\u00adtr\u00e4t der Malerfamilie Rumpf und Charlotte Berends Bild der alten Tajo-Br\u00fccke von Toledo, das vom preu\u00dfischen Kultusministerium, in dem es hing, an die Nationalgalerie \u00fcberstellt wurde.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Eine \u00e4sthetische Lo\u00adgik der Verschonung ist nicht erkennbar: Das \u201eTrojanische Pferd\u201c tr\u00e4gt stark expressionistische Z\u00fcge, die \u201eDonna Gravida\u201c, in der sich Corinths schwangere Ehefrau verbirgt, kn\u00fcpft dagegen an fr\u00fche Portr\u00e4ts des Malers an, w\u00e4hrend Charlotte Berends \u201eSelbstbildnis mit Modell\u201c eindeutig ein Werk der Neuen Sachlichkeit ist. Berend stammte aus einer j\u00fcdischen Familie; \u201eToledo\u201c, das Selbstbildnis und ein Por\u00adtr\u00e4t des Architekten Hans Poelzig blieben dennoch in Berlin. Die Selektion durch die Kunstwarte des Regimes muss hastig und wahllos vonstattengegangen sei, ein kurzer Blick gen\u00fcgte offenbar, um genehme von \u201eentarteten\u201c Bildern zu trennen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Charlotte Berend-Corinth, \u201eSchachspieler in Lovis Corinths Krankenzimmer in Amsterdam\u201c, 1925\" height=\"1133\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/charlotte-berend-corinth.jpg\" width=\"1737\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Charlotte Berend-Corinth, \u201eSchachspieler in Lovis Corinths Krankenzimmer in Amsterdam\u201c, 1925Andr\u00e9 van Linn\/Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Solche verfemten Werke werden im zweiten Saal gezeigt \u2013 als Reproduktionen, denn keins von ihnen befindet sich mehr in Berlin. Es gen\u00fcgt, den \u201eEcce Homo\u201c aus dem Baseler Kunstmuseum zu sehen, um zu erkennen, welche Verluste das Museum durch die S\u00e4uberungsaktion der Nazis erlitten hat. Corinth hat die Auspeitschung Christi in seinem Todesjahr 1925 als zeitgem\u00e4\u00dfe Folterszene gemalt: Der Henker rechts von Jesus tr\u00e4gt eine Ritterr\u00fcstung aus dem Theaterfundus, jener auf der linken Seite den wei\u00dfen Kittel eines Arztes.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Maler wusste noch nichts von den martialischen Verkleidungen der SS, aber er hat das B\u00fcndnis zwischen Wissenschaft und Unmenschlichkeit, das unter der Diktatur entstand, exakt erfasst \u2013 so wie er auf dem Bildnis Wolfgang Gurlitts von 1917 den neuen Typus des b\u00fcrgerlichen Kunsth\u00e4ndlers mit avantgardistischen Neigungen festhielt. W\u00e4hrend Gurlitts Cousin Hildebrand, der Begr\u00fcnder der ber\u00fcchtigten Privatsammlung, den Verkauf des \u201eEcce Homo\u201c nach Basel organisierte, kaufte Wolfgang Gurlitt sein eigenes Portr\u00e4t nach einer erfolglosen Auktion in der Schweiz zur\u00fcck. Heute h\u00e4ngt es in Linz.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der zweite Teil der Ausstellung handelt von den Anstrengungen, die Verluste des Museums auszugleichen. Nach dem Krieg, der die Nationalgalerie noch zwei weitere Corinth-Originale gekostet hatte, waren ihre Sammlungen zwischen Ost und West geteilt, die verbliebenen sieben Gem\u00e4lde Corinths hingen in Dahlem und sp\u00e4ter in Charlottenburg, die drei Bilder von Charlotte Berend auf der Museumsinsel. Beide Seiten bem\u00fchten sich um Erg\u00e4nzung ihrer Best\u00e4nde: Die DDR-Nationalgalerie bekam zwei Corinth-Bilder aus dem Breslauer Kunstmuseum von der polnischen Regierung und kaufte vier weitere, darunter zwei mit ungekl\u00e4rter Provenienz, auf dem Kunstmarkt; die Westberliner Teilsammlung erwarb f\u00fcnf Gem\u00e4lde Corinths und erhielt ein Bild Charlotte Berends, das den Maler auf seinem Totenbett in Zandvoort bei Amsterdam zeigt, als Geschenk des gemeinsamen Sohns Thomas.<\/p>\n<p>Wie es dem \u201egeblendeten Simson\u201c erging<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Blickfang dieser Sektion ist aber nicht die Totenszene, sondern der \u201eGeblendete Simson\u201c von 1912, ein Kraftkerl mit blutiger Augenbinde im klassischen Corinth-Kolorit, dessen Bildnis das DDR-Museum aus dem Nachlass eines exilierten j\u00fcdischen Sammlers mit dem Kredit einer staatlichen Exportfirma ankaufte. Um das Geld zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen, lie\u00df die Nationalgalerie elf ihrer Gem\u00e4lde bei Christie\u2019s versteigern. Es war das erste Mal, dass DDR-Museumseigentum unter den Hammer kam.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Ausstellung ist nicht das Gro\u00dfereignis, das man sich zu Corinths hundertstem Todestag vielleicht gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Dennoch m\u00f6chte man mehr von ihrer Sorte sehen. Denn Museen haben l\u00e4ngst nicht mehr nur die Aufgabe, Kunst aufzubewahren und zu zeigen, sie m\u00fcssen auch erz\u00e4hlen, wie die Werke dort hinkamen, wo sie jetzt sind. Insofern ist die Schau selbst ein trojanisches Pferd: Sie sch\u00e4rft den Blick auf die Bilder, indem sie deren Wege durch die Geschichte nachzeichnet. W\u00e4re \u201eEcce Homo\u201c in Berlin verblieben, w\u00e4re das Bild heute ein Aush\u00e4ngeschild der Alten Nationalgalerie. So wirkt Corinths \u201eTrojanisches Pferd\u201c mit seinem tiefen Blau, das um die Mauern von Troja wallt, als l\u00e4ge die Stadt Hektors am Meer. Man kann es nicht oft genug betrachten.<\/p>\n<p><strong>Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion \u201eEntartete Kunst\u201c.<\/strong> Alte Nationalgalerie; bis 2. November. Kein Katalog.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Kunstgeschichte ist sich bis heute nicht einig, ob Lovis Corinth als impressionistischer oder expressionistischer Maler gelten soll.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":314668,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-314667","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114962309093729874","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314667","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=314667"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314667\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/314668"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=314667"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=314667"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=314667"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}