{"id":315979,"date":"2025-08-03T14:20:11","date_gmt":"2025-08-03T14:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/315979\/"},"modified":"2025-08-03T14:20:11","modified_gmt":"2025-08-03T14:20:11","slug":"60-jahre-alte-waggons-historische-zuege-retten-bahnfahrplaene-in-nrw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/315979\/","title":{"rendered":"60 Jahre alte Waggons: Historische Z\u00fcge retten Bahnfahrpl\u00e4ne in NRW"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im vergangenen Jahr erreichten P\u00fcnktlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit der Bahn an Rhein und Ruhr einen Tiefpunkt: Jeder vierte Zug war versp\u00e4tet, jeder sechste Zug fiel ganz aus. Jetzt holt sich der regionale Verkehrsverbund Hilfe aus der Vergangenheit. <\/strong><\/p>\n<p>Wenn diese Eisenbahn in den Bahnhof rollt, z\u00fccken manche gar ihr Handy f\u00fcr ein Foto, so ungewohnt ist der Anblick im Jahr 2025: Die Waggons stammen noch aus Bundesbahn-Zeiten &#8211; mit Fenstern zum Runterschieben statt Klimaanlage, schmalen T\u00fcren, die sich mit beherztem Ruck am Hebel \u00f6ffnen lassen, und einem Zugbegleiter, der aus einer kleinen Kabine heraus vor jedem gr\u00f6\u00dferen Bahnhof die Anschlussz\u00fcge durchsagt. Leicht knarrend kommen die Informationen aus den Lautsprechern.<\/p>\n<p>&#8222;Komme ich damit wirklich an?&#8220;, fragt eine Bahnreisende ungl\u00e4ubig, als sie die Trittstufen in den 60 Jahren alten Waggon ihres RE 11 in Richtung D\u00fcsseldorf erklimmt. Wie die meisten Bahnreisenden auf der vielbefahrenen Nahverkehrs-Achse quer durch das Ruhrgebiet bis nach Westfalen ist sie viel modernere Exemplare gewohnt. Mit barrierefreiem Zugang, piepsenden T\u00fcren, die per Knopfdruck \u00f6ffnen, Displays mit Verbindungsinformationen und automatisierten Durchsagen.<\/p>\n<p>Sie wird von umstehenden Pendlern beruhigt: Der Zug mit unverkennbarem Retro-Charme geh\u00f6rt in NRW wieder zum t\u00e4glichen Anblick. Das Bahnunternehmen TRI setzt ihn auf mehreren Linien als Ersatzzug ein. Es soll damit im Auftrag des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) helfen, den Regionalverkehr im Ruhrgebiet etwas zuverl\u00e4ssiger zu machen. 2024 hatten P\u00fcnktlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit einen erneuten Tiefpunkt erreicht: Jeder vierte Zug war versp\u00e4tet, jeder sechste Zug fiel ganz aus.<\/p>\n<p>1000 Kilometer pro Tag<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind immer da, wenn jemand anders nicht kann oder andere Probleme von au\u00dfen ihn nicht lassen&#8220;, erkl\u00e4rt Henrik Feldmann, Leiter Strategie und Vertragsmanagement bei TRI Train Rental. Das 2013 gegr\u00fcndete Unternehmen ist nach eigenen Angaben Marktf\u00fchrer f\u00fcr Not- und Ersatzz\u00fcge in Deutschland &#8211; und das mit historischem Waggons und Loks, die l\u00e4ngst nicht mehr gebaut werden.<\/p>\n<p>Anf\u00e4nglich kamen die Z\u00fcge von TRI vor allem als Fu\u00dfballsonderz\u00fcge oder f\u00fcr Touristiksonderfahrten zum Einsatz. Inzwischen seien sie auch als Ersatzz\u00fcge im Nahverkehr immer h\u00e4ufiger gefragt, sagt Feldmann. In diesem Sommer rollen TRI-Bahnen viermal am Tag zwischen D\u00fcsseldorf und Hamm. Auch auf den Linien RE6, RE3 und RE7 sind sie ersatzweise unterwegs. Etwas mehr als 1000 Zugkilometer kommen so pro Werktag zusammen.<\/p>\n<p>Die Strecken werden eigentlich von National Express und der Eurobahn bedient. Doch wie die gesamte Branche \u00e4chzen die Eisenbahnunternehmen derart unter Lokf\u00fchrermangel, dass immer wieder Z\u00fcge ausfallen. Teilweise wurden ganze Linien \u00fcber Monate hinweg aus dem Fahrplan gestrichen. Damit das seltener passiert, f\u00e4ngt TRI nun einzelne Fahrten zu den Spitzenzeiten auf.<\/p>\n<p>M\u00f6glich ist das, weil die 60 Jahre alten Waggons von einer deutlich moderneren Lok angetrieben werden. Sie schafft die 140 Stundenkilometer, die n\u00f6tig sind, um Fahrpl\u00e4ne auf der Strecke einzuhalten, wie Feldmann erl\u00e4utert. Auch die Waggons seien &#8222;so weit modernisiert, wie es geht&#8220;.<\/p>\n<p>Keine Plumpsklos mehr<\/p>\n<p>Hier plumpst durch das Klo nichts mehr auf die Gleise wie fr\u00fcher. Auch T\u00fcren sind bei der Fahrt fest verriegelt. Nicht mehr bedient wird ein Snack-Point &#8211; &#8222;ein Relikt, was an fr\u00fchere Zeiten erinnert&#8220;, so Feldmann. Der Fahrgast konnte hier einst Erdn\u00fcsse oder einen Kaffee ziehen.<\/p>\n<p>Nach qualifizierten Lokf\u00fchrern sucht auch TRI fortw\u00e4hrend: &#8222;In der gesamten Branche gibt es einen Mangel, da k\u00f6nnen wir nicht einfach aus dem Vollen sch\u00f6pfen&#8220;, erkl\u00e4rt Feldmann. Die alte Technik erfordere dabei auch besondere Kenntnisse, die man nur noch bei wenigen Arbeitgebern lernen k\u00f6nne. Daher habe man einen eigenen Ausbildungsbereich aufgebaut, um junge Menschen, von denen viele noch Lust auf die alte Technik h\u00e4tten, entsprechend aus- oder fortzubilden. Engagement f\u00fcr die Sache und f\u00fcr die Mitarbeiter seien dann ein wichtiger Schl\u00fcssel, diese auch zu halten. &#8222;Wir sind alles Eisenbahner. Wer bei TRI arbeitet, der hat wirklich Lust&#8220;, erkl\u00e4rt Feldmann.<\/p>\n<p>TRI will mit Zuverl\u00e4ssigkeit punkten &#8211; ausdr\u00fccklich nicht trotz, sondern aufgrund der alten Technik. So erkl\u00e4rt es Lokf\u00fchrer Simon Kruck: &#8222;Wenn bei uns etwas mit einem Waggon nicht passt, dann rangieren wir ihn einfach aus und fahren weiter. Eine moderne Triebzugeinheit muss komplett aus dem Verkehr genommen werden, wenn ein einziges Rad kaputt ist.&#8220;<\/p>\n<p>Der 27-J\u00e4hrige ist seit viereinhalb Jahren beim Unternehmen &#8211; und zwar sehr bewusst. Der junge Mann, dessen Bundesbahn-Umh\u00e4ngetasche aus Leder mehr als doppelt so alt sein d\u00fcrfte wie er selbst, hat im Fernverkehr bei der Deutschen Bahn gelernt. Er ist ein ausdr\u00fccklicher Fan der alten Zeit auf der Schiene: Rangieren, Reparieren, manuelles \u00dcberpr\u00fcfen der Technik &#8211; alles Arbeitsschritte eines Lokf\u00fchrers, die in vielen modernen Regionalz\u00fcgen nachrangig sind &#8211; aber nicht bei den Z\u00fcgen von TRI.<\/p>\n<p>\u00dcberdurchschnittlich zuverl\u00e4ssig und sauber<\/p>\n<p>&#8222;Die Lok spricht auch mit einem&#8220;, sagt Kruck und meint die Ger\u00e4usche, wenn er die Hebel umlegt. Quietschen, Ruckeln, Knacken: &#8222;Ein moderner Zug ist leiser. Das w\u00fcnscht sich der Fahrgast. Der Eisenbahner der mag alles, was dazu geh\u00f6rt&#8220;, sagt er. &#8222;Ich bin froh, wenn ich nicht so viele Displays habe, die einen hier und da mit einer Sprachausgabe bevormunden oder irgendeine Phantomst\u00f6rung haben&#8220;, sagt der Lokf\u00fchrer und lacht.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war also alles besser? Man verstehe sich als erg\u00e4nzendes Angebot, nicht mehr und nicht weniger. Denn: &#8222;Die Z\u00fcge sind nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df, wir sind nicht vollst\u00e4ndig barrierefrei.&#8220; Daf\u00fcr sei jeder Zug mit einem Zugbegleiter besetzt, der helfe, wo er k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Den Fahrg\u00e4sten scheint das Angebot zu gefallen: Im Qualit\u00e4tsbericht des VRR schnitt die von TRI betriebene Niers-Erft-Bahn (RB 37) in den Punkten Fahrgastzufriedenheit, Sauberkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit \u00fcberdurchschnittlich gut ab.<\/p>\n<p>Auch an diesem Tag trifft man, neben denen, die schlicht froh sind, von A nach B zu fahren, einige Reisende mit einem Strahlen in den Augen. &#8222;Dieses Einfache, das ist doch toll. Das erinnert mich total an fr\u00fcher&#8220;, sagt Christine Warkotsch, deren Vater fr\u00fcher selbst bei der Bahn arbeitete. &#8222;Nostalgie&#8220;, so bringt es Heinrich-Joachim Kocks auf den Punkt. &#8222;Damit bin ich gro\u00df geworden.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im vergangenen Jahr erreichten P\u00fcnktlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit der Bahn an Rhein und Ruhr einen Tiefpunkt: Jeder vierte Zug&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":315980,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[2030,29,30,13,14,15,3856,12,10,8,9,11,1888,55],"class_list":{"0":"post-315979","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-deutsche-bahn","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-headlines","12":"tag-nachrichten","13":"tag-news","14":"tag-ruhrgebiet","15":"tag-schlagzeilen","16":"tag-top-news","17":"tag-top-meldungen","18":"tag-topmeldungen","19":"tag-topnews","20":"tag-verkehrspolitik","21":"tag-wirtschaft"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114965277929530283","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=315979"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315979\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/315980"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=315979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=315979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=315979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}