{"id":316965,"date":"2025-08-03T23:47:15","date_gmt":"2025-08-03T23:47:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/316965\/"},"modified":"2025-08-03T23:47:15","modified_gmt":"2025-08-03T23:47:15","slug":"uwe-schuettes-buch-ueber-david-bowie-in-gugging-sternenmenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/316965\/","title":{"rendered":"Uwe Sch\u00fcttes Buch \u00fcber David Bowie in Gugging: \u201eSternenmenschen\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Am 8. September 1994 kam David Bowie gemeinsam mit Brian Eno auf Einladung von Andr\u00e9 Heller f\u00fcr drei Stunden in das \u201eHaus der K\u00fcnstler\u201c in Gugging in Nieder\u00f6sterreich. Am folgenden Tag hielt er sich nochmals allein dort auf. Der Psychiater Leo Navratil gr\u00fcndete 1981 das \u201eZentrum f\u00fcr Kunst-Psychotherapie\u201c in der Landesnervenklinik Gugging, das er bis 1986 leitete. Er hatte bei einigen der Patienten k\u00fcnstlerische F\u00e4higkeiten erkannt und f\u00f6rderte sie, was dem Ort \u00fcber die Grenzen \u00d6sterreichs hinaus einen Namen in der Kunstwelt verschaffte. Ihre Werke werden der Outsider Art oder dem Art Brut zugerechnet. Navratils Nachfolger Johann Feilacher benannte das Zen\u00adtrum dann um in \u201eHaus der K\u00fcnstler\u201c. Diese Besuche Bowies, dessen Starruhm 1972 mit dem Konzeptalbum \u201eThe Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars\u201c begann und der Anfang 2016 in New York verstarb, sind bekannt; er war damals siebenundvierzig Jahre alt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eThere\u2019s a starman waiting in the sky \/ He\u2019d like to come and meet us \/ But he thinks he\u2019d blow our minds&#8230;\u201c Diese Liedzeilen aus dem Stardust-Album nimmt der Titel des Essays auf, in dem der Kulturjournalist und Autor Uwe Sch\u00fctte Gedanken \u00fcber den begnadeten Musiker mit seinen eigenen Erfahrungen bei Besuchen in Gugging verbindet. Er beschreibt Begegnungen mit den K\u00fcnstlern dort, schildert Lebensl\u00e4ufe der Bekannteren unter ihnen. Zugleich liefert er eine Einf\u00fchrung in die Historie der Nervenklinik aus seiner Sicht.<\/p>\n<p>Angst vor dem Wahnsinn<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Getragen ist der Text, dessen Subjektivit\u00e4t sein Verfasser klar offenlegt, von der Emphase f\u00fcr David Bowie. Sch\u00fctte verkn\u00fcpft seine \u00dcberlegungen zu Bowie und dessen kurzem Aufenthalt in Gugging vor allem mit dem Album \u201e1. Outside\u201c von 1995, mit vollst\u00e4ndigem Titel \u201e1. Outside: The Nathan Adler Diaries \u2013 A Hyper Cy\u00adcle\u201c. Es inszeniert im experimentellen musikalischen wie textlichen Modus eine enigmatische Story, in der es um Kunst(-verbrechen), Mord und Irrsinn geht. Bowie arbeitete daf\u00fcr wieder mit dem Musiker und Produzenten Brian Eno zusammen, mit dem er im Jahr zuvor Gugging besucht hatte. Sch\u00fctte ordnet \u201e1.Outside\u201c als \u201epostmoderne Kunstmusik\u201c ein, Bowie habe ein \u201etransmediales Monster\u201c geschaffen, keine \u201eR\u00fcckkehr zu den Maskenspielen\u201c der Siebziger: \u201eVielmehr emuliert die Platte eine dissoziative Identit\u00e4tsst\u00f6rung, was man fr\u00fcher multiple Pers\u00f6nlichkeit nannte.\u201c Ob beabsichtigt oder nicht, die Formulierung legt eine Pathologisierung Bowies selbst mindestens nahe \u2013 eine Anmutung, die man problematisch finden kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Uwe Sch\u00fctte: \u201eSternenmenschen\u201c. Bowie in Gugging.\" height=\"2539\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/uwe-schuette-sternenmenschen.jpg\" width=\"1701\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Uwe Sch\u00fctte: \u201eSternenmenschen\u201c. Bowie in Gugging.starfruits publications<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Wie allgemein \u00fcblich identifiziert auch Sch\u00fctte \u201eDavid Bowie\u201c als eine Kunstfigur, die zwar in Anteilen, aber keinesfalls vollst\u00e4ndig mit ihrem Sch\u00f6pfer David \u00adJones, wie der b\u00fcrgerliche Name Bowies lautete, identisch ist. Dass Jones\/Bowie die Begegnung mit den K\u00fcnstlern von Gugging suchte, sieht Sch\u00fctte in engem Zusammenhang mit der Geisteskrankheit des Halbbruders Terry Burns, mit dem Bowie gemeinsam aufwuchs und der ihn mit den Schriftstellern und Musikern der F\u00fcnfzigerjahre vertraut machte. Seit den Sechzigern h\u00e4uften sich psychotische Sch\u00fcbe bei Terry, immer wieder wurde er in die Psychiatrie eingeliefert. Im Januar 1985 beging er Suizid, indem er sich auf Bahngleise legte.<\/p>\n<p>\u201eUnkontrollierbare Kr\u00e4fte brechen hervor\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Es ist dokumentiert, dass David Bowie in der Angst vor dem Wahnsinn lebte, wom\u00f6glich aufgrund famili\u00e4rer Vorbelastung. Man k\u00f6nnte vermuten, dass er auch deshalb schon fr\u00fch psychische Grenzerfahrungen suchte, nicht blo\u00df im Drogenkonsum. Denn bereits mit dem \u201eStarman\u201c Ziggy Stardust, mehr als zwei Jahrzehnte vor \u201e1. Outsider\u201c, erfand er ein gef\u00e4hrlich charismatisches und gef\u00e4hrdetes Alter Ego, an dem psychisch zugrunde zu gehen er schlie\u00dflich bef\u00fcrchtete; am Schluss eines Auftritts 1973 in London erkl\u00e4rte er Ziggy symbolisch f\u00fcr tot. Der Titel des folgenden Studioalbums \u201eAladdin Sane\u201c ist bekanntlich genauso lesbar als \u201ea lad in\u00adsane\u201c. Ob die angeblich zu dieser Zeit dem zehn Jahre \u00e4lteren Bruder gestellte Diagnose Schizophrenie der Ausl\u00f6ser auch daf\u00fcr war, muss dahingestellt bleiben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">David Bowie war zugleich bildender K\u00fcnstler, obschon l\u00e4ngst nicht mit der Publikumswirksamkeit des Musikers und Performers. Sch\u00fctte geht darauf ein, wie auch auf Bowies Kunstsammlung. Dass diese eigenst\u00e4ndig, im Wesentlichen fern der Orientierung an Marktkriterien und zugleich qualitativ hochkar\u00e4tig war, konnte man in London besichtigen, bevor Sotheby\u2019s 2016 Teile daraus versteigerte. Entsprechend finden sich im volumin\u00f6sen Katalog zu dieser Auktion auch die K\u00fcnstler aus Gugging, unter der Rubrik \u201eBowie\/Art Brut\u201c: Johann Fischer, Johann Garber, Oswald Tschirner und August Walla. Alle acht Werke hatte Bowie laut Katalog 1997, mithin nach seinem Besuch in Gugging, bei einer Londoner Versteigerung erworben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">An einigen Stellen geht Uwe Sch\u00fctte \u2013 wo er nicht von Gugging, sondern eben von Bowie handelt \u2013 mit seinen plastisch formulierten kulturkritischen Diagnosen vielleicht doch etwas weit. Wenn er versucht, \u201e\u00e4sthetischen Extremismus\u201c auf zweieinhalb Seiten zu umrei\u00dfen, wird es eng: \u201eUnkontrollierbare Kr\u00e4fte brechen hervor, die dem klassischen Ideal der Harmonie zuwiderlaufen; pl\u00f6tzliche Ausbr\u00fcche, in denen ungez\u00fcgelte Energien sichtbar werden; zensierte Bezirke, in denen zur Sprache kommt, was der Verdr\u00e4ngung unterliegt&#8230;\u201c Mit \u201e1. Outside\u201c habe Bowie, hei\u00dft die Schlussfolgerung, \u201edem \u00e4sthetischen Extremismus ein musikalisches Denkmal\u201c gesetzt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Von Bowies Starruhm konnten die \u201eSternenmenschen\u201c im Gugginger Haus der K\u00fcnstler, die ihm f\u00fcr ein paar Stunden begegnen, nichts wissen. Diese Ahnungslosigkeit ist so ernsthaft wie ber\u00fchrend. Die Fotografin Christine de Grancy, die zuvor schon 1988 in Gugging gewesen war, hat solche Momente festgehalten: Ein zur\u00fcckhaltender Mann in legerer Kleidung isst, trinkt Kaffe und raucht Zigaretten mit ihnen. Er dr\u00e4ngt sich ihnen nicht auf; er schaut ihnen aufmerksam, doch unauff\u00e4llig zu, macht st\u00e4ndig Skizzen auf seinem Block.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">De Grancy, die im M\u00e4rz 2025 in Wien verstarb, begleitete Bowie und Eno mit ihrer Kamera und war dabei so wenig Voyeurin wie diese beiden. Ihre Fotografien sind die einzigen Bilddokumente der Zusammenkunft (2017\/18 wurden sie unter dem Titel \u201eBowie in Gugging\u201c in der Galerie Crone in Wien ausgestellt). Diese Bilder tragen wesentlich zum Reiz des Bandes bei. Sie zeigen Bowie konzen\u00adtriert, die M\u00e4nner im \u201eHaus der K\u00fcnstler\u201c interessiert, obwohl verbale Verst\u00e4ndigung schwierig gewesen sein muss. Auch Bowie selbst tritt de Grancy nicht zu nahe, versucht nicht, Blicke auf seinen Block zu erhaschen. Es gibt nur zwei Aufnahmen, auf denen vage Skizzen \u00fcberhaupt zu erkennen sind. So federn diese behutsam diskreten Fotografien Uwe Sch\u00fcttes muskul\u00f6sen Essay gleichsam ab, sind Gegenpol seiner anregenden, dabei mitunter ein wenig \u00fcberzogenen Gedanken und Thesen.<\/p>\n<p><strong>Uwe Sch\u00fctte: \u201eSternenmenschen\u201c. Bowie in Gugging. <\/strong>Mit Fotografien von Christine de Grancy. starfruit publications, F\u00fcrth 2025. 248 S., Abb., geb., 26,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 8. 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