{"id":317357,"date":"2025-08-04T03:37:15","date_gmt":"2025-08-04T03:37:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/317357\/"},"modified":"2025-08-04T03:37:15","modified_gmt":"2025-08-04T03:37:15","slug":"charta-der-vertriebenen-phantomschmerzen-vor-der-ruine-des-neuen-schlosses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/317357\/","title":{"rendered":"Charta der Vertriebenen: Phantomschmerzen vor der Ruine des Neuen Schlosses"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber einem Meer von K\u00f6pfen, H\u00fcten, Schirmen und Transparenten erhebt sich eine Kulisse wie ein Mahnmal: leere Fensterh\u00f6hlen, die W\u00e4nde halb eingefallen. Das Neue Schloss in der Mitte Stuttgarts ist in jener Zeit noch ein altes, eine Ruine der Vergangenheit, Fassade einer fernen, sch\u00f6neren <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Geschichte\" title=\"Geschichte\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geschichte<\/a>. \u201eHeimat\u201c ist auf einem der Transparente zu lesen. In den Ruinen des zerbombten <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> suchen die vielen, die sich hier versammelt haben, eine neue Heimat. <\/p>\n<p>Es ist der 6. August 1950, f\u00fcnf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Stuttgart hat sich davon noch keineswegs erholt. 4,9 Millionen Kubikmeter Schutt haben die Nazis hinterlassen. Von den 80\u2009000 im Krieg zerst\u00f6rten Wohnungen sind viele nur notd\u00fcrftig wiederhergestellt, viele komplett abgerissen. Ruiniert (und noch lange nicht renoviert) ist auch das Neue Schloss \u2013 und die Vergangenheit der vielen, die sich an jenem Sonntag vor dem Gerippe seiner Fassade versammeln. 70\u2009000 bis 100\u2009000 sind es.<\/p>\n<p>Sie kamen mit Sonderz\u00fcgen, manche auch mit Pferdefuhrwerken: allesamt haben sie ihre alte Heimat eingeb\u00fc\u00dft. Die Trauer und der Schmerz \u00fcber diesen Verlust sind noch nicht vergessen. Dennoch sind sie gekommen, um eine Art Schlussstrich zu ziehen und den Blick nach vorne zu wenden \u2013 auch wenn sie Phantomschmerzen plagen.<\/p>\n<p>12 bis 14 Millionen Deutsche wurden in den letzten Kriegsmonaten und den Jahren danach aus ihren Herkunftsregionen vertrieben. Zwei Millionen sind dabei umgekommen. Die meisten \u00dcberlebenden haben nur mit M\u00fche, viele noch gar nicht wieder Fu\u00df gefasst. Ihre neuen Nachbarn behandeln sie oft als Fremde. Sie werden nicht \u00fcberall mit offenen Armen empfangen. Jeder sechste Einwohner Westdeutschlands ist in jener Zeit ein Heimatvertriebener.<\/p>\n<p>1949 haben die sich zu einem Zentralverband vertriebener Deutscher zusammengeschlossen. Gerade im S\u00fcdwesten der neuen Bundesrepublik \u201eentstand innerhalb weniger Monate ein dichtes Organisationsnetz\u201c, so der Historiker Christopher Dowe vom Stuttgarter Haus der Geschichte. An jenem Augustwochenende versammeln sich die Vertriebenen in Stuttgart, um eine \u201eMagna Charta\u201c ihrer Anliegen zu formulieren, wie der Publizist Axel de Vries es formuliert hat, Mitbegr\u00fcnder der deutsch-baltischen Landsmannschaft in W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>Adenauer lie\u00df sich entschuldigen <\/p>\n<p>Aus der \u201eMagna Charta\u201c wird die \u201eCharta der deutschen Heimatvertriebenen\u201c, beschlossen am 5. August 1950 im Cannstatter Kursaal, unterzeichnet in der Villa Reitzenstein, verk\u00fcndet am Tag danach auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Das Datum ist bewusst gew\u00e4hlt: F\u00fcnf Jahre zuvor hatten die Alliierten das Potsdamer Protokoll verabschiedet, das \u201edie Vertreibungen quasi legalisiert\u201c habe, wie der W\u00fcrzburger Historiker Matthias Stickler anmerkt.<\/p>\n<p> Die Inszenierung in Stuttgart, so dessen G\u00f6ttinger Kollege J\u00f6rg Hackmann, \u201esollte die Erkl\u00e4rung als gleichsam offizi\u00f6sen Staatsakt pr\u00e4sentieren\u201c. Bundeskanzler <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Konrad_Adenauer\" title=\"Konrad Adenauer\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konrad Adenauer<\/a> reist deswegen aber nicht extra nach Stuttgart \u2013 er schickt seinen Vizekanzler Franz Bl\u00fccher. Bei der Stuttgarter Charta handelt sich um ein schmales Papier, das drei Grunds\u00e4tze und vier Forderungen umfasst. Unterzeichnet haben 30 Vertreter verschiedener Verb\u00e4nde und Landsmannschaften, unter ihnen auch de Vries \u2013 und der eine oder andere ehemalige SS-Offizier.<\/p>\n<p>Die \u201eCharta\u201c postuliert erstmals ein \u201eRecht auf Heimat\u201c und reklamiert daf\u00fcr g\u00f6ttlichen Segen. Es hei\u00dft dort: \u201eWir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste t\u00f6ten.\u201c Ein Heimatrecht wird weder in der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte der Vereinten Nationen noch im deutschen Grundgesetz erw\u00e4hnt, die kurz zuvor verfasst worden waren. Die Architekten der bundesrepublikanischen Verfassung h\u00e4tten ein solches Recht sogar dezidiert abgelehnt, betont der Historiker Hackmann.<\/p>\n<p>Die Heimatvertriebenen erkl\u00e4ren dar\u00fcber hinaus \u201eernst und heilig\u201c den Verzicht auf \u201eRache und Vergeltung\u201c \u2013 damals f\u00fcr viele \u00fcberraschend und bei manchen umstritten. Ein Teil der Landsmannschaften protestiert gegen diese Selbstverpflichtung, die den Radikaleren im eigenen Milieu M\u00e4\u00dfigung auferlegt. Zu den Anspr\u00fcchen, welche die Charta bekundet, z\u00e4hlt das Verlangen, \u201egleiches Recht als Staatsb\u00fcrger\u201c zu genie\u00dfen wie die Alteingesessenen. Zudem fordern die Vertriebenen eine \u201egerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges\u201c \u2013 ein brisanter Punkt, da zeitgleich \u00fcber ein Lastenausgleichsgesetz verhandelt wird, das ab 1952 regeln sollte, wie Verm\u00f6gensverluste und andere Nachteile infolge des Kriegs entsch\u00e4digt werden. Vertriebene konkurrieren da mit j\u00fcdischen Opfern, Kriegerwitwen und -waisen.<\/p>\n<p> \u201eIn Polen praktisch nicht wahrgenommen\u201c <\/p>\n<p>Den beiden Stuttgarter Tageszeitungen ist die Charta ein Aufmacher auf den Titelseiten wert. Kommentiert wird das Ereignis aber nicht. Insgesamt sei \u201edie erzielte Medienresonanz f\u00fcr die Vertriebenenvertreter entt\u00e4uschend\u201c gewesen, urteilt der Historiker Dowe. Ihr Anspruch, \u201eein Zeichen an die Welt\u00f6ffentlichkeit zu setzen\u201c, wie es im Text der Charta hei\u00dft, sei gescheitert. J\u00f6rg Hackmann vermerkt, dass die Deklaration \u201ein Polen praktisch nicht wahrgenommen\u201c werde. Die Wirkung der Charta, schreibt er, \u201ewar von Beginn an geringer, als von den Initiatoren erwartet\u201c. F\u00fcr Stickler ist die Charta hingegen \u201eein nicht zu untersch\u00e4tzender Prestige-Erfolg\u201c. <\/p>\n<p> \u201eHistorisches Signal des Neubeginns\u201c <\/p>\n<p>Bernd Fabritius, Pr\u00e4sident des 1957 gegr\u00fcndeten Bundes der Vertriebenen, wertet das programmatische Papier aus heutiger Sicht als \u201eein historisches Signal des Neubeginns\u201c. Der ausdr\u00fccklich deklarierte Verzicht auf Rache und Vergeltung sei f\u00fcr die Zeitgenossen \u201ekeineswegs selbstverst\u00e4ndlich\u201c gewesen. Fabritius deutet die Charta als \u201eklares Bekenntnis zu Frieden, zu einem vereinten Europa und zum Wiederaufbau Deutschlands\u201c. Wertsch\u00e4tzung brachte auch der Christdemokrat Wolfgang Sch\u00e4uble der Charta entgegen. Als er noch Bundesinnenminister war, nannte er die Erkl\u00e4rung bei einem Treffen von Russlanddeutschen zum 65. Jahrestag ihrer <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Vertreibung\" title=\"Vertreibung\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vertreibung<\/a> \u201eein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Gr\u00f6\u00dfe und Lernf\u00e4higkeit\u201c. Sch\u00e4uble betonte: \u201eNicht Revanchismus, nicht Niedergeschlagenheit bestimmen diese Charta, sondern der Glaube an die Zukunft, Europ\u00e4ertum, christliche Humanit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Nicht alle haben die Charta der deutschen Heimatvertriebenen so wohlwollend interpretiert. Der j\u00fcdische Publizist Ralph Giordano (1923 bis 2014) hatte in seinem Buch \u201eOstpreu\u00dfen ade\u201c bem\u00e4ngelt, dass die Vorgeschichte der Vertreibung ausgeblendet werde, vom Nationalsozialismus keine Rede sei und als Opfer allein die Vertriebenen genannt w\u00fcrden. Sein Kollege Micha Brumlik befand gar, dass in der Charta \u201eVerleugnung und Verdr\u00e4ngung des Nationalsozialismus in geradezu idealtypischer Weise zum Ausdruck kommen\u201c.<\/p>\n<p>Die Vertriebenen h\u00e4tten mit ihrer Stuttgarter Charta \u201eeinem nationalistisch verengten Opferdiskurs Vorschub geleistet\u201c, schreibt der Historiker J\u00f6rg Hackmann. Auch dessen Kollege Stickler spricht von einer \u201egeradezu autistischen Sicht der Dinge\u201c. Allerdings sei das \u201eSelbstbild, schuldlos Opfer geworden zu sein, keineswegs eine Besonderheit der Vertriebenen\u201c gewesen. <\/p>\n<p> \u201eEine Art Grundgesetz\u201c <\/p>\n<p>Der erkl\u00e4rte \u201eVerzicht\u201c auf Rache und Vergeltung sei fast schon eine Provokation, da man nur auf etwas verzichten k\u00f6nnte, das einem rechtens zustehe. Insofern unterstelle die Charta gar einen grunds\u00e4tzlichen Anspruch auf Rache und Vergeltung. Brumlik bem\u00e4ngelt zudem, dass etwa ein Drittel der Erstunterzeichner \u00fcberzeugte Nationalsozialisten gewesen seien. F\u00fcr ihn handelt es sich um \u201eeine im Geist von Selbstmitleid und Geschichtsklitterung getragene v\u00f6lkisch-politische Gr\u00fcndungsurkunde\u201c. <\/p>\n<p>Zu v\u00f6llig anderen Schl\u00fcssen kommt naturgem\u00e4\u00df Vertriebenen-Pr\u00e4sident Fabritius, der die strittigen Formulierungen in ihrer Entstehungszeit verortet sieht. Aus seiner Sicht war die Stuttgarter Charta \u201ef\u00fcr die junge Bundesrepublik ein stabilisierendes Element\u201c. F\u00fcr die Vertriebenen sei sie \u201e\u00fcber die Jahre zu einer Art ,Grundgesetz\u2019 geworden\u201c. Sie erinnere zudem daran, \u201edass selbst unter schwierigsten Umst\u00e4nden Verst\u00e4ndigung m\u00f6glich ist\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcber einem Meer von K\u00f6pfen, H\u00fcten, Schirmen und Transparenten erhebt sich eine Kulisse wie ein Mahnmal: leere Fensterh\u00f6hlen,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":316075,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,8036,30,2989,90381,25617,1441,61613],"class_list":{"0":"post-317357","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-flucht","12":"tag-germany","13":"tag-geschichte","14":"tag-heimatvertriebene","15":"tag-konrad-adenauer","16":"tag-stuttgart","17":"tag-vertreibung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114968411779282999","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317357","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=317357"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317357\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/316075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=317357"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=317357"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=317357"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}