{"id":317835,"date":"2025-08-04T08:15:10","date_gmt":"2025-08-04T08:15:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/317835\/"},"modified":"2025-08-04T08:15:10","modified_gmt":"2025-08-04T08:15:10","slug":"unterschaetzte-kalabrische-mafia-als-die-ndrangheta-in-die-entfuehrungsindustrie-einstieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/317835\/","title":{"rendered":"Untersch\u00e4tzte kalabrische Mafia: Als die &#8218;Ndrangheta in die &#8222;Entf\u00fchrungsindustrie&#8220; einstieg"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um schnell an Geld zu kommen, entf\u00fchrt die kalabrische Mafia in den Sechzigerjahren knapp 700 Menschen. Nicht alle \u00fcberleben &#8211; so wie Cristina Mazzotti. Ein Prozess erinnert an die 18-J\u00e4hrige und die Anf\u00e4nge einer der gef\u00e4hrlichsten kriminellen Organisationen weltweit.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Jahre sind seit jener Nacht verstrichen, als Cristina Mazzotti von der kalabrischen Mafia entf\u00fchrt wurde. Sie war die erste Frau, die die &#8218;Ndrangheta entf\u00fchrte, davor beschr\u00e4nkte man sich auf m\u00e4nnliche Geiseln. Mit den Entf\u00fchrungen baute sich die Mafia-Organisation, heute weitaus m\u00e4chtiger und verzweigter als die sizilianische Cosa Nostra, ihr Startkapital auf.<\/p>\n<p>Cristina war 18 Jahre alt und gerade mit dem Abitur fertig, als sie am 30. Juni 1975 entf\u00fchrt wurde. Sie lebte mit ihrer Familie in Mailand, im Sommer fuhr man in die Villa in Eupilio, einer Ortschaft in der N\u00e4he vom Comer See. An jenem Abend hatte sie sich mit Freunden getroffen und bis Mitternacht unterhalten. Danach fuhr ihr Freund und sie und ihre Schwester nach Hause. An einer Abzweigung wurde ihnen jedoch der Weg abgeschnitten. Drei M\u00e4nner sprangen aus einem Versteck, zwangen die Jugendlichen auf den Hintersitz und befahlen ihnen, auf den Boden zu schauen.<\/p>\n<p>Nach ungef\u00e4hr einer Stunde hielt der Fahrer an, einer der M\u00e4nner fragte: &#8222;Welche von euch ist Cristina?&#8220; Als das M\u00e4dchen sich zu erkennen gab, zogen die Mafiosi sie in ein anderes Auto und fuhren mit ihr davon. Nach einer Woche meldeten sich die Entf\u00fchrer und forderten f\u00fcnf Milliarden Lire L\u00f6segeld (Anm. d. Red.: in Euro umgerechnet und an heute angepasst w\u00e4ren das knapp 23<b> <\/b>Millionen Euro). <\/p>\n<p>Christinas Familie war sicher reich, aber so viel Geld besa\u00df die Familie dann doch nicht. Vater Helios Mazzotti war ein gro\u00dfer Getreideh\u00e4ndler, jedoch kein Multimilliard\u00e4r. Am Ende einigte man sich auf etwas mehr als 1 Milliarde Lire (circa 4,8 Millionen Euro heute), die der Vater dank einer von Freunden gestarteten Sammelaktion zusammenbringen konnte. Das Geld wurde am vereinbarten Ort hinterlegt, doch Cristina kam trotzdem nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wochenlang in ein Loch gepfercht<\/p>\n<p>Den Rekonstruktionen zufolge war das M\u00e4dchen zu jenem Zeitpunkt wahrscheinlich schon tot. Cristina hatte die ganze Gefangenschaft in einem 1,40 Meter tiefen und 2,5 Meter langen Loch verbringen m\u00fcssen und wurde au\u00dferdem t\u00e4glich mit Beruhigungspillen bet\u00e4ubt. Das alles erfuhren die Ermittler sp\u00e4ter von einem Hehler, der versucht hatte, einen Teil des L\u00f6segelds in die Schweiz zu bringen. Er war es auch, der den Ermittlern sagte, wo die Leiche von Cristina ist.<\/p>\n<p>Schon 1977 wurden 13 Freiheitsstrafen gegen M\u00e4nner der &#8218;Ndrangheta verh\u00e4ngt. Ein Puzzlestein fehlte aber: die Klage gegen die M\u00e4nner, die Cristina entf\u00fchrten. Es sind drei Calabresi, die bereits hinter Gittern sitzen. Vor ein paar Wochen hat die Staatsanwaltschaft ihr Abschlusspl\u00e4doyer gehalten; im September ist die Verteidigung an der Reihe. Dann soll das Urteil fallen.<\/p>\n<p>Abgeschnittenes Ohr als Drohung<\/p>\n<p>Entf\u00fchrungen der &#8218;Ndrangheta geh\u00f6rten von Mitte der Sechzigerjahre bis Anfang der Neunziger fast schon zur allt\u00e4glichen Berichterstattung. W\u00e4hrend dieser Zeit entf\u00fchrte diese kriminelle Organisation fast 700 Menschen.<\/p>\n<p>Zu den ersten Geiseln z\u00e4hlt auch der mittlerweile verstorbene John Paul Getty III. Gerade einmal 16 Jahre alt, wurde er am 10. Juli 1973 in Rom entf\u00fchrt. Dass es sich um einen Amerikaner handelte, noch dazu um einen Spr\u00f6ssling des Getty-Imperiums, sorgte f\u00fcr internationales Aufsehen.<\/p>\n<p>Anfangs weigerte sich sein Gro\u00dfvater Jean Paul Getty, das geforderte L\u00f6segeld von 17 Millionen US-Dollar (heute etwa 120 Millionen US-Dollar) zu bezahlen. Einerseits glaubte er, sein Enkel h\u00e4tte die Entf\u00fchrung inszeniert; andererseits meinte er: &#8222;Ich habe 14 Enkelkinder, und wenn ich nur einen Penny L\u00f6segeld bezahle, habe ich tags darauf alle anderen auch gekidnappt.&#8220;<\/p>\n<p>Daraufhin schnitten die Entf\u00fchrer dem Jungen ein St\u00fcck Ohr ab und schickten es an die r\u00f6mische Tageszeitung &#8222;Il Messaggero&#8220; mit der Drohung, sollte nicht bezahlt werden, w\u00fcrde man den Jungen in St\u00fccken zur\u00fcckgeben. Daraufhin zahlte Getty Senior, und zwar 2,89 Millionen Dollar. Am 15. Dezember 1973 wurde John Paul Getty wieder freigelassen. Die Geschichte dieser Entf\u00fchrung verfilmte Regisseur Ridley Scott. &#8222;Alles Geld der Welt&#8220; kam 2017 heraus. <\/p>\n<p>Zu Entf\u00fchrungen kam es in Rom, Neapel, Mailand und Pavia. Gefangen gehalten wurden die meisten Geiseln aber in der unwegsamen kalabrischen Bergregion des Aspromonte. <\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend sich die Clans der sizilianischen Cosa Nostra zun\u00e4chst bek\u00e4mpften und danach dem Staat den Krieg ansagten und unz\u00e4hlige Morde an Staatsdienern ver\u00fcbten, hortete die &#8218;Ndrangheta Unmengen an Geld.<\/p>\n<p>Utopische L\u00f6segeldforderungen<\/p>\n<p>Wie viel Geld die &#8222;Entf\u00fchrungsindustrie&#8220; der &#8218;Ndrangheta einbrachte, ist schwer zu sagen. Es muss ein Verm\u00f6gen sein: Die L\u00f6segeldforderungen lagen zwischen einer Milliarde und vier Milliarden Lire (das w\u00e4ren heute zwischen 4,5 und 18 Millionen Euro). <\/p>\n<p>Das Geld erm\u00f6glichte es ihnen, ins lukrative Drogengesch\u00e4ft einzusteigen &#8211; bis heute die ertragsreichste Geldquelle. Und in Bauvorhaben: So wurde etwa ein Teil des Getty-Geldes in ein Viertel der kalabrischen Gemeinde Bovalino investiert. Das Viertel tr\u00e4gt heute den Spitznamen &#8222;Paul Getty&#8220;.<\/p>\n<p>Gegen Ende der 80er-Jahre begann die Zahl der Entf\u00fchrungen nachzulassen. Sicherheitskr\u00e4fte und Ermittler \u00fcbten mehr Druck aus, f\u00fcr die betroffenen Familien wurde es immer schwieriger, das L\u00f6segeld zu bezahlen. Sobald die Entf\u00fchrung bekannt wurde, sperrten Gerichte die Konten der Betroffenen. <\/p>\n<p>Zum anderen \u00e4nderte die &#8218;Ndrangheta ihre Strategie: Man wollte weniger Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen, sondern im Verborgenen arbeiten. Jetzt hie\u00df es, sich auszubreiten, ein Netzwerk aufzubauen, mit Handlangern weit \u00fcber die Grenzen von Italien und Europa, \u00fcber die USA nach S\u00fcdamerika und weiter nach Kanada und Australien. <\/p>\n<p>Die Strategie ist aufgegangen: Heute z\u00e4hlt die &#8218;Ndrangheta zu den m\u00e4chtigsten und gef\u00e4hrlichsten kriminellen Organisationen weltweit. Wenngleich sie au\u00dferhalb Italiens noch immer untersch\u00e4tzt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Um schnell an Geld zu kommen, entf\u00fchrt die kalabrische Mafia in den Sechzigerjahren knapp 700 Menschen. 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