{"id":319155,"date":"2025-08-04T20:10:17","date_gmt":"2025-08-04T20:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/319155\/"},"modified":"2025-08-04T20:10:17","modified_gmt":"2025-08-04T20:10:17","slug":"60-jahre-fernsehturm-vom-ddr-machtsymbol-zum-wahrzeichen-berlins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/319155\/","title":{"rendered":"60 Jahre Fernsehturm &#8211; vom DDR-Machtsymbol zum Wahrzeichen Berlins"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 04.08.2025 15:55 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>F\u00fcr die DDR galt er als Symbol der \u00dcberlegenheit, der Westen versuchte lange, ihn trotz seiner 368 Meter quasi zu \u00fcbersehen. Es gibt viel zu erz\u00e4hlen \u00fcber den Berliner Fernsehturm &#8211; etwa, was DDR-Staatschef Ulbricht daran angeblich \u00e4rgerte.<\/strong>\n    <\/p>\n<p>Von Von Nikolaus Bernau, rbb\n                        <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDer Berliner Fernsehturm ist mit 368 Metern seit mehr als einem halben Jahrhundert das h\u00f6chste Geb\u00e4ude Deutschlands. Und mit 1,2 Millionen Besucherinnen und Besuchern im Jahr &#8211; etwa so viel wie Schloss Neuschwanstein &#8211; eine der erfolgreichsten Touristenattraktionen der Republik. Heute vor 60 Jahren wurde der Grundstein gelegt. Geplant wurde der Bau von der Staatspartei der DDR, der SED. Er sollte zeigen, welcher deutsche Staat die Zukunft beherrschen werde.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nInnerhalb von vier Jahren wuchs der schlanke, konische Turmschaft, auf den die blitzende Kugel gesetzt wurde. Mit der \u00dcbergabe dieses Sendemasts mit Besucherterrasse und Drehrestaurant 1969 begann in der DDR das Zeitalter des Farbfernsehens.<\/p>\n<p>    Systemkonkurrenz befl\u00fcgelte das Bauen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEs gab einige Vorg\u00e4ngerprojekte, die jedoch scheiterten. Einmal kam die Einflugschneise zum Flughafen Sch\u00f6nefeld in die Quere, beim zweiten Versuch explodierten die Baukosten. Als dieser Vorschlag 1963 gestoppt wurde, ging es aber schon nicht mehr darum, nur einen &#8222;Gro\u00dfsender&#8220; zu bauen. Man befand sich schlie\u00dflich im Kalten Krieg. Die Systemkonkurrenz befl\u00fcgelte das Bauen in Ost wie West.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEin &#8222;Wahrzeichen&#8220; musste her. Man griff auf einen Wettbewerbsentwurf von Hermann Henselmann f\u00fcr einen sozialistischen &#8222;Turm der Signale&#8220; von 1958 zur\u00fcck. Aber kann man Wahrzeichen \u00fcberhaupt planen? Zur schieren Gr\u00f6\u00dfe muss sich auch die Sympathie gesellen. Verordnen l\u00e4sst sich die nicht.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Am 4. August 1965 wurde der Grundstein gelegt, im Oktober 1969 wurde der Berliner Fernsehturm er\u00f6ffnet. Ein Foto aus der Bauphase.\n                    <\/p>\n<p>    Die DDR brauchte ein &#8222;Wahrzeichen&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDer Ma\u00dfstab waren der sensationelle Florian-Turm in Dortmund, der 1959 mit 220 Metern H\u00f6he als damals h\u00f6chster Turm Deutschlands entstand und erstmals Besuchergeschosse und ein sich drehendes Caf\u00e9 im raumkapselartigen Turmkopf anbot. Auch die DDR sollte nun einen solchen Turm erhalten &#8211; nat\u00fcrlich erheblich h\u00f6her, als Zeichen der \u00dcberlegenheit des sozialistischen Systems.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEin solches Zeichen war auch dringend n\u00f6tig: 1953 hatte die SED als &#8222;Arbeiter- und Bauernpartei&#8220; beim Arbeiteraufstand am 17. Juni schmachvoll erleben m\u00fcssen, dass nur die Rote Armee ihr Regime st\u00fctzte. 1961 lie\u00df Staatsf\u00fchrer Walter Ulbricht die Mauer errichten, um die anhaltende Massenflucht aus seinem Staat zu stoppen. Die Wirtschaftskrise von 1963 delegitimierte die SED zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDer Fernsehturm geh\u00f6rt also &#8211; darin vergleichbar mit mittelalterlichen Kathedralen oder Rathaust\u00fcrmen des 19. Jahrhunderts &#8211; zu jener eher kleinen Gruppe der Wahrzeichen, die von vorneherein als solche geplant wurden. Am 23. Mai 1964 forderte die Staatliche Plankommission der DDR, dass der Turm mit 360 Metern H\u00f6he &#8222;zu einem eindrucksvollen architektonischen Anziehungspunkt&#8220; werden solle. Die &#8222;H\u00f6hendominante&#8220;, wie der Architekturhistoriker Bruno Flierl schrieb.<\/p>\n<p>    Bautechnik wurde aus dem Westen importiert<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nIn Ost-Berlin, soweit man das angesichts der Zensur rekonstruieren kann, waren gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung stolz auf diesen Turm und seine modernistisch gestaltete Umgebung mit den monumental langen Wohnbauten, den Hochh\u00e4usern, Garten- und Parkanlagen zwischen Alexanderplatz und Spree.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nHier war, wie in der DDR sonst allenfalls noch an der Dresdner Prager Stra\u00dfe und der Magdeburger Breiten Stra\u00dfe, zu erleben, &#8222;dass wir es k\u00f6nnen&#8220;: eine moderne Gro\u00dfstadt auf internationaler H\u00f6he. Kaum jemand wusste schlie\u00dflich, dass der Fernsehturm bis in die Betriebs- und Bautechnik der Kugel hinein teilweise aus &#8222;dem Westen&#8220; importiert werden musste.<\/p>\n<p>    West-Berliner Medien: Peinliche Machtgeste<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDen West-Berliner Medien dagegen gelang \u00fcber Jahrzehnte das Kunstst\u00fcck, den Turm, der auch ihre Stadth\u00e4lfte \u00fcberstrahlte, quasi auszublenden. Und wenn sie nicht umhinkamen, seine Existenz zu registrieren, wurde er als Bruch mit den st\u00e4dtischen Proportionen, als &#8222;Schornstein&#8220; oder peinliche Machtgeste des Systems diskreditiert. Die Vorstellung schreckte zutiefst, &#8222;der Osten&#8220; k\u00f6nne ein mit dem Europa-Center, der Kongresshalle im Tiergarten, der Philharmonie oder der Kaiser-Wilhelm-Ged\u00e4chtniskirche vergleichbares Wahrzeichen schaffen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEin Wahrzeichen Gesamtberlins wurde der Fernsehturm tats\u00e4chlich erst nach 1990. Er wurde auf Bechern, Untersetzern und als Kerze, auf unz\u00e4hligen Postkartenmotiven, Drucken und B\u00fcchern vermarktet. Die k\u00fcrzliche \u00dcbernahme des Restaurantbetriebs durch den Starkoch Tim Raue besch\u00e4ftigte die regionale Presse \u00fcber Wochen.<\/p>\n<p>    Der Turm wurde unpolitischer<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEin zentraler Grund f\u00fcr diesen Erfolg ist sicher seine schiere Gr\u00f6\u00dfe. &#8222;Size matters&#8220; &#8211; das gilt auch f\u00fcr Wahrzeichen: Prominente Beispiele sind das Empire State Building, das seit der Zerst\u00f6rung des World Trade Centers 2001 wieder die Skyline von New York beherrscht, oder der Eiffelturm, der \u00fcber Paris ragt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nVor allem aber ist die Symbolik des Fernsehturms schon zu DDR-Zeiten systematisch entpolitisiert worden. Aus dem Pathos des &#8222;Turms der Signale&#8220; wurde der &#8222;Fernsehturm&#8220; im Hintergrund des Sandm\u00e4nnchens. Erst diese Entpolitisierung machte seine allgemeine Annahme nach 1990 als Wahrzeichen m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Die Spiegelung in der Kugel sieht mitunter aus wie ein Kreuz &#8211; was Walter Ulbricht sehr ge\u00e4rgert haben soll.\n                    <\/p>\n<p>    Ulbricht z\u00fcrnte \u00fcber &#8222;Rache des Papstes&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAber es braucht auch immer Legenden, um Wahrzeichen zu schaffen: Die Arbeiter, die auf dem Stahlbalken des Empire State Building sitzen; die Proteste der Maler und K\u00fcnstler gegen den Bau des Eiffelturms. Zum Fernsehturm geh\u00f6rt die Sache mit dem Kreuz auf der Kugel.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEs ist ein optisch-physikalischer Reflex des Sonnenlichts auf den Prismen, mit denen sie verkleidet ist. Staatschef Ulbricht soll sich wahnsinnig ge\u00e4rgert haben \u00fcber diese &#8222;Rache des Papstes&#8220;. Angeblich sollen darauf die Prismen an der Kugel neu poliert worden sein. Ein sichtbares Ergebnis gab es nicht. Auch eine Legende &#8211; ohne sie gibt es eben keine Wahrzeichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 04.08.2025 15:55 Uhr F\u00fcr die DDR galt er als Symbol der \u00dcberlegenheit, der Westen versuchte lange, ihn&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":319156,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,7446,30],"class_list":{"0":"post-319155","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-fernsehturm","11":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114972316452281658","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/319155","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=319155"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/319155\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/319156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=319155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=319155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=319155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}