{"id":319550,"date":"2025-08-04T23:44:11","date_gmt":"2025-08-04T23:44:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/319550\/"},"modified":"2025-08-04T23:44:11","modified_gmt":"2025-08-04T23:44:11","slug":"polenaktion-1938-die-vergessene-deportation-juedischer-familien-aus-nuernberg-und-fuerth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/319550\/","title":{"rendered":"Polenaktion 1938: Die vergessene Deportation j\u00fcdischer Familien aus N\u00fcrnberg und F\u00fcrth"},"content":{"rendered":"<p>Es war die erste organisierte Deportation von als j\u00fcdisch verfolgten Menschen im Nationalsozialismus: Die sogenannte Polenaktion, bei der im gesamten Deutschen Reich am 28. und 29. Oktober 1938 in einer Massenaktion rund 25.000 Menschen nach Polen ausgewiesen wurden. In N\u00fcrnberg und F\u00fcrth wurden insgesamt 273 j\u00fcdische Bewohner in den fr\u00fchen Morgenstunden des 28. Oktober 1938 von Gestapo und Schutzpolizisten aus ihren Wohnungen geholt.<\/p>\n<p>&#8222;Das Thema ist bei Historikern hinten runtergefallen&#8220;, sagt Rebekka Eberhardt. Sie hat f\u00fcr ihre Masterarbeit an der Freien Universit\u00e4t Berlin das Schicksal der sogenannten Ostjuden im nationalsozialistischen Deutschland unter die Lupe genommen. Die entstandene Ausstellung, die zun\u00e4chst vom Verein &#8222;Aktives Museum Faschismus und Widerstand&#8220; nur f\u00fcr Berlin gedacht war, wurde wegen des gro\u00dfen Interesses zu einer Wanderausstellung.<\/p>\n<p>F\u00fcr N\u00fcrnberg, die erste und bislang einzige geplante Station in Bayern, \u00fcbernahm Eberhardt die Aufbereitung j\u00fcdischer Schicksale und schildert die Lebenswege dreier j\u00fcdischer Familien aus der Region. Bis zum 12. Oktober ist die Ausstellung im Stadtarchiv zu sehen.<\/p>\n<p>Polnische Juden wussten nicht, was passiert<\/p>\n<p>Als in N\u00fcrnberg und F\u00fcrth der Ausweisungsbefehl kam, &#8222;wussten die polnischen Juden \u00fcberhaupt nicht, was passiert&#8220;, fasst Eberhardt die \u00dcberrumplung zusammen. Hanni Gutkind, j\u00fcngste Tochter des Schuhmachermeisters Abraham Gutkind, \u00fcberlebte das Dritte Reich und erinnerte sich 1960, wie ihre Eltern und ihre gr\u00f6\u00dfere Schwester Regina ohne vorherige Ank\u00fcndigung mitten in der Nacht nach Polen abgeschoben wurden.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Es bestand dabei keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr meinen Vater, noch einmal in seinen Laden zu gehen. Es blieb daher darin alles so, wie er ihn bei Arbeitsschluss am Abend zuvor verlassen hatte.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Sonderzug brachte sie mit anderen N\u00fcrnbergern und F\u00fcrthern nach Neu-Bentschen (heute: Zbaszynek), wo sie zum Grenz\u00fcbertritt gezwungen wurden.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich erging es der F\u00fcrther Familie Landau. Hermann Landau und seine Eltern wurden um 7 Uhr morgens in ihrer Wohnung von F\u00fcrther Schutzpolizisten verhaftet. Auch sie blieben v\u00f6llig im Unklaren, als sie in den Sonderzug verfrachtet wurden, berichtet Rebekka Eberhardt: &#8222;Ihnen wurde nicht mitgeteilt, dass sie abgeschoben werden sollten. Sie hatten daher weder Gep\u00e4ck noch Geld bei sich.&#8220;<\/p>\n<p>Rechnung f\u00fcr die Reisekosten der Abschiebung<\/p>\n<p>Sowohl Gutkind als auch Landau durften Monate sp\u00e4ter noch einmal zur\u00fcck, um ihre hinterlassenen Angelegenheiten zu regeln. Gutkind musste jedoch feststellen, dass seine Werkstatt inklusive beachtlicher Lederbest\u00e4nde bereits ger\u00e4umt und weitervermietet worden war. Sein Verm\u00f6gen war von den NS-Beh\u00f6rden beschlagnahmt. Landau erging es vergleichbar.<\/p>\n<p>Bei seiner R\u00fcckkehr entdeckte er, dass Gegenst\u00e4nde aus der F\u00fcrther Wohnung entwendet worden waren. Die Anzeige verlief ergebnislos. Stattdessen bekam er vom F\u00fcrther Polizeiamt eine Rechnung in H\u00f6he von 45,90 Reichsmark f\u00fcr die &#8222;Reisekosten&#8220; der Abschiebung im Oktober 1938. Hermann Landaus Eltern wurden im Vernichtungslager Belzec ermordet, die Spuren der Gutkinds verlieren sich in Treblinka.<\/p>\n<p>Die Ausstellung &#8222;Ausgewiesen&#8220; zeigt auch, wie J\u00fcdinnen und Juden 1938 zum Spielball zwischen Polen und dem Dritten Reich wurden. Nach der Annexion \u00d6sterreichs durch die Nazis im Fr\u00fchjahr verabschiedete Polen das &#8222;M\u00e4rzgesetz&#8220;, erz\u00e4hlt die Historikerin Eberhardt. Es entzog zum Ende Oktober des Jahres allen Polen die Staatsb\u00fcrgerschaft, die dauerhaft l\u00e4nger als f\u00fcnf Jahre im Ausland gelebt hatten. Dieses Gesetz sollte verhindern, dass polnische Juden aus den annektierten Gebieten zur\u00fcck nach Polen kamen &#8211; man wollte sie schlicht nicht im Land haben. Die &#8222;Polenaktion&#8220; der Nazis war eine direkte Reaktion auf das Gesetz. Allein in \u00d6sterreich lebten damals rund 20.000 Juden aus Polen. Vor Ende der Frist am 30. Oktober wollte man m\u00f6glichst viele zur\u00fcck dorthin abschieben.<\/p>\n<p>Migration aus Osteuropa nach Deutschland<\/p>\n<p>Deutschland war bereits seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert ein zentrales Ziel f\u00fcr Migration aus dem Osten Europas. &#8222;Familien aus dem damaligen Galizien und dem heutigen Gebiet der Ukraine fl\u00fcchteten beispielsweise aufgrund von zunehmenden Pogromen und Ausschreitungen im Russischen Reich oder wirtschaftlicher Not&#8220;, wei\u00df Eberhardt. Allein aus dem damaligen Russland emigrierten \u00fcber zwei Millionen Juden. Dabei sei das Deutsche Reich f\u00fcr viele nur ein Zwischenstopp auf dem Weg in die USA, nach Kanada oder S\u00fcdamerika gewesen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung wirft auch Schlaglichter auf die Nachkriegsgeschichte. Hanni Gutkind, inzwischen mit Scholem Friedmann verheiratet, kehrte in den 1950er Jahren zur\u00fcck nach F\u00fcrth. Ihr Antrag auf Entsch\u00e4digung wurde zun\u00e4chst abgelehnt, da laut den deutschen Beh\u00f6rden &#8222;Nachweise f\u00fcr nationalsozialistische Verfolgungsma\u00dfnahmen&#8220; fehlten. Die damalige Argumentation: &#8222;Es waren keine deutschen J\u00fcdinnen und Juden, sondern Polen.&#8220; Erst nach l\u00e4ngerem Rechtsstreit gab es eine Teilentsch\u00e4digung.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Historikerin Eberhardt ist das Kapitel &#8222;Polenaktion&#8220; mit der Wanderausstellung l\u00e4ngst nicht abgeschlossen. &#8222;Es m\u00fcsste noch mehr aufgearbeitet werden&#8220;, sagt sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war die erste organisierte Deportation von als j\u00fcdisch verfolgten Menschen im Nationalsozialismus: Die sogenannte Polenaktion, bei der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":319551,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1837],"tags":[3274,772,3364,29,9485,30,5508,14,15,3783,575,9486],"class_list":{"0":"post-319550","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nuernberg","8":"tag-kirche","9":"tag-bayern","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-evangelisch","13":"tag-germany","14":"tag-journalismus","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-nuernberg","18":"tag-religion","19":"tag-sonntagsblatt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114973157898255548","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/319550","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=319550"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/319550\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/319551"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=319550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=319550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=319550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}