{"id":319743,"date":"2025-08-05T01:34:14","date_gmt":"2025-08-05T01:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/319743\/"},"modified":"2025-08-05T01:34:14","modified_gmt":"2025-08-05T01:34:14","slug":"kaputte-dinge-vom-rostigen-spielplatz-blicken-wir-nach-innen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/319743\/","title":{"rendered":"Kaputte Dinge: Vom rostigen Spielplatz blicken wir nach innen"},"content":{"rendered":"<p>    Inhalt<br \/>\n    <a class=\"article-toc__fullview z-text-button\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-07\/kaputte-dinge-alltag-berlin-perfektion\/komplettansicht\" data-ct-label=\"all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n        Auf einer Seite lesen    <\/a><\/p>\n<p>            Inhalt        <\/p>\n<ol class=\"article-toc__list\">\n<li class=\"article-toc__list-item\"><a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-07\/kaputte-dinge-alltag-berlin-perfektion\" data-ct-label=\"1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                    Seite 1Dieser Txt ist kaputtt<br \/>\n                <\/a><\/li>\n<li class=\"article-toc__list-item\">\n<p>Seite 2Vom rostigen Spielplatz blicken wir nach innen<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"paragraph article__item\">Professorin Gehring nickt bei dem Gedanken. &#8222;Perfektion<br \/>\nkann eine ablehnende Reaktion hervorrufen, wenn man sich zum Beispiel<br \/>\nHochglanz-Fantasy-KI-Bilder ansieht. Wir empfinden sie als eklig, weil das Makellose hier<br \/>\nseinen fiktionalen Charakter zeigt. Es kann nie echt sein.&#8220; Obwohl etwa<br \/>\ndie artifiziell erschaffenen Gesichter sogenannter KI-Influencer immer<br \/>\nschwieriger zu erkennen sind, bleibt man doch weniger aus Bewunderung an ihnen h\u00e4ngen als aus Irritation. Sie f\u00fchlen sich falsch an \u2013 und das sind die meist<br \/>\nweiblichen, willen- und eigenschaftslosen Avatare ja auch. &#8222;Vielleicht<br \/>\nist das der Defekt der KI&#8220;, sagt Gehring. &#8222;Sie bringt nur wenige<br \/>\nabstrakte Aspekte zur Geltung, nicht die ganze F\u00fclle der Welt. Neue<br \/>\nTechnologien reagieren zwar auf unseren Wunsch nach einer perfekten Umgebung.<br \/>\nAber wenn wir uns wirklich in einer solchen Umgebung wiederf\u00e4nden, w\u00fcrde sie<br \/>\nuns wahnsinnig machen. Sie w\u00fcrde uns zu Tode langweilen oder deprimieren.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Anders als k\u00fcnstliche Intelligenzen, die an einer vermeintlich perfekten Umgebung f\u00fcr unsere Leben arbeiten, lenkt das Kaputte unsere<br \/>\nAufmerksamkeit nach innen. Beispiel Smartphone: Wenn ich feststelle, dass mein<br \/>\nHandy, das ich erst vor ein oder zwei Jahren gekauft habe, bereits<br \/>\nVerschlei\u00dfspuren aufweist, der Akku schneller leer ist oder Funktionen sich<br \/>\nverlangsamen, \u00fcberdenke ich eventuell mein Konsumverhalten. Wie dringend<br \/>\nbrauche ich einwandfreie Funktionalit\u00e4t in meinem Leben? Wann habe ich das<br \/>\nletzte Mal etwas in der Preisklasse eines modernen Smartphones angeschafft? Wie<br \/>\nsorglos tue ich das?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der Autor und Unternehmer <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/Y\/Gabriel_Yoran\/index\" class=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gabriel Yoran<\/a> besch\u00e4ftigt sich in seinem dieses Jahr bei Suhrkamp ver\u00f6ffentlichten Buch Die Verkrempelung der Welt\u00a0ebenfalls mit der Selbstreflexion im Kaputten. Besser und schlechter zugleich seien die Gegenst\u00e4nde unseres Alltags heute, schreibt er, wobei die Verschlechterung ebenso unn\u00f6tig wie beabsichtigt erscheine.\u00a0Unsere Konsumbiografien erz\u00e4hlen etwas \u00fcber uns, glaubt der Autor, vor allem in der heutigen Zeit. Man hat es zu etwas gebracht, wenn man gewisse Dinge besitzt: das erste Auto, die erste eigene Wohnung. Was wir kaufen, bringt f\u00fcr Yoran zum Ausdruck, wer wir sind.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Gleiches kann aber auch f\u00fcr die Dinge gelten, die wir nicht kaufen. Gerade weil sich die Qualit\u00e4t von Alltagsgegenst\u00e4nden wie Smartphones oder Duschk\u00f6pfen laut Yoran verschlechtert, geht mit ihrem Besitz die Aufforderung einher, sie regelm\u00e4\u00dfig zu ersetzen oder wenigstens zu reparieren. Diese Verkettung von Kauf und Neukauf zu durchbrechen, bringt ebenfalls zum Ausdruck, wer wir sind.\u00a0 Nicht mehr das neueste iPhone dient heute als Distinktionsmerkmal, sondern im Gegenteil ein \u00e4lteres, auff\u00e4lliges, mit Macken behaftetes Modell. Yoran hat etwas \u00c4hnliches im Podcast Apokalypse &amp; Filterkaffee an einem anderen Beispiel verdeutlicht. Menschen, die Autos als reine Gebrauchsgegenst\u00e4nde betrachteten, h\u00e4tten laut dem Autor eine genaue Vorstellung davon, wer sie sind. Wenn sie ein altes Auto besitzen, solle dieses zum Ausdruck bringen, dass ihnen Autos egal sind.\u00a0\n<\/p>\n<p>                        Das Kaputte erzeugt Geschichten        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Angewandt auf meine Handysituation k\u00f6nnte das bedeuten: Wenn ich mein pfeifendes, zersplittertes Smartphone seit Monaten nicht repariere oder durch ein neues ersetze, obwohl ich es k\u00f6nnte, will ich damit etwas kommunizieren. Ich bin eine Person, der ihr Handy und alles, wof\u00fcr es steht (und das ist vieles), nicht so wichtig sind. Das Kaputte geht also tiefer, als ein paar oberfl\u00e4chliche Kratzer und Risse zun\u00e4chst durchschimmern lassen.\n<\/p>\n<p>            Perfektionismus        <\/p>\n<p>Mehr zum Thema<\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/entdecken\/2024-10\/perfektionismus-ansprueche-aengste-ratgeber-podcast\" data-ct-label=\"Perfektionismus: Wie Sie Ihren Perfektionismus \u00fcberwinden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>                        Perfektionismus:<br \/>\n                        Wie Sie Ihren Perfektionismus \u00fcberwinden<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2021\/35\/positive-sprueche-trend-perfektionismus-selbstakzeptanz-kritik\" data-ct-label=\"Positive Spr\u00fcche: Perfektions\u00fcberschuss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>                        Positive Spr\u00fcche:<br \/>\n                        Perfektions\u00fcberschuss<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-wissen\/2017\/05\/perfektion-psychologie-puenktlichkeit\" data-ct-label=\"Psychologie: K\u00f6nnen Perfektionisten weniger genie\u00dfen?\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (registrierungspflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Psychologie:<br \/>\n                        K\u00f6nnen Perfektionisten weniger genie\u00dfen?<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Wer in der Gro\u00dfstadt wohnt, wird solche Gedanken problemlos auf die eigenen Lebensumst\u00e4nde \u00fcbertragen k\u00f6nnen.<br \/>\nKonfrontiert mit dem Kaputten, einem verm\u00fcllten Stadtpark, einem Spielplatz,<br \/>\nder vor sich hin rostet oder \u2013 noch etwas abstrakter gedacht \u2013 der Tatsache, dass<br \/>\nes vielerorts nahezu unm\u00f6glich geworden ist, eine bezahlbare Mietwohnung zu<br \/>\nfinden, kann sich unser Fokus von oberfl\u00e4chlichen auf strukturelle Probleme<br \/>\nverschieben. Das Kaputte dient dabei wieder als Impulsgeber, es wirft Fragen an mich auf. Welche Konsequenzen ziehe ich aus den Besch\u00e4digungen und Unzul\u00e4nglichkeiten, die ich immer und \u00fcberall wahrnehme?\u00a0Welchen Firmen gebe ich mein Geld?\u00a0Wen w\u00e4hle ich<br \/>\nzum Beispiel n\u00e4chstes Mal? Wenn etwas kaputt ist, dann hat es eventuell jemand kaputt gemacht. Wer war das?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Kaputte Fassaden haben den Vorteil, dass man hinter sie blicken kann. Das gilt f\u00fcr eigene<br \/>\nebenso wie f\u00fcr jene der Au\u00dfenwelt. Schon der persische Gelehrte und Dichter Rumi<br \/>\nsoll im 13. Jahrhundert gesagt haben: Durch den Riss dringt das Licht ein.<br \/>\n&#8222;Ja, das kann man so sehen&#8220;, meint Professorin Gehring. &#8222;Aber<br \/>\nmanchmal ist so ein Riss auch einfach Mist.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Das stimmt nat\u00fcrlich. Mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Leben fallen der Verfall, die Vernachl\u00e4ssigung und die Misswirtschaft<br \/>\nder analogen Welt umso bitterer auf. An kaputtgesparten Schulen erkennt man sie,<br \/>\nan l\u00f6chrigen Stra\u00dfen und den zerrissenen Zelten der Obdachlosen, die unter der<br \/>\nU-Bahntrasse der U1 im Wind wehen, w\u00e4hrend dort mal wieder Schienenersatzverkehr herrscht. Das ist nicht romantisch. Es<br \/>\nist einfach Mist. Aber: Wenn der Mist dazu f\u00fchrt, dass wir unseren Blick in andere<br \/>\nRichtungen lenken und Konsequenzen ziehen, k\u00f6nnen wir aus der<br \/>\nKaputtheit vielleicht etwas lernen \u2013 und Reparaturen vornehmen, die weiter reichen als ein schn\u00f6der Smartphone-Neukauf.\n<\/p>\n<p>                            Bild aus (vermeintlich) besseren Zeiten: die Autorin mit noch intakter Handyh\u00fclle            \u00a9\u00a0Privat<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ich frage also Professorin Gehring: Brauchen wir Menschen das Kaputte? Oder ist das Streben nach seiner<br \/>\n\u00dcberwindung unser ultimatives Ziel? &#8222;Wir sind sehr schnell bereit, uns<br \/>\nselbst als das Imperfekte und die Technik als das Perfekte wahrzunehmen&#8220;,<br \/>\nsagt sie. &#8222;Aber mit Fehlern beginnen Geschichten. Das Kaputte erzeugt<br \/>\nGeschichten! Wenn sich eine Patina \u00fcber eine Ledertasche legt, hat der<br \/>\nGegenstand pl\u00f6tzlich eine Biografie. Deshalb wollen wir beides. Wir wollen,<br \/>\ndass alles funktioniert, und wir wollen zugleich, dass die Welt nicht perfekt<br \/>\nist.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Mein Telefon wird deshalb f\u00fcrs Erste kaputt bleiben. Mittlerweile sorgt der Riss auf meiner Kameralinse f\u00fcr einen verschwommenen Spiegeleffekt. &#8222;Cooler Filter&#8220;, kommentierte k\u00fcrzlich jemand unter einen meiner Social-Media-Posts. Wahrscheinlich habe ich das gelesen, w\u00e4hrend ich wieder einmal auf eine versp\u00e4tete U1 gewartet habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Seite 1Dieser Txt ist kaputtt Seite 2Vom rostigen Spielplatz blicken wir nach&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":319744,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,22083,3101,296,1937,2030,29,30,91121,80,91122,1940,1938,769],"class_list":{"0":"post-319743","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-alltag","11":"tag-belletristik","12":"tag-berlin","13":"tag-berlin-news","14":"tag-deutsche-bahn","15":"tag-deutschland","16":"tag-germany","17":"tag-kaputte-dinge","18":"tag-kultur","19":"tag-martin-heidegger","20":"tag-nachrichten-aus-berlin","21":"tag-news-aus-berlin","22":"tag-smartphone"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114973590481442228","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/319743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=319743"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/319743\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/319744"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=319743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=319743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=319743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}