{"id":320623,"date":"2025-08-05T09:46:10","date_gmt":"2025-08-05T09:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/320623\/"},"modified":"2025-08-05T09:46:10","modified_gmt":"2025-08-05T09:46:10","slug":"bernardine-evaristo-blondes-herz-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/320623\/","title":{"rendered":"Bernardine Evaristo &#8211; \u201eBlondes Herz\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eM\u00e4dchen, Frau etc.\u201c hei\u00dft der vielstimmige und kraftvolle Roman, f\u00fcr den Bernardine Evaristo 2019 als erste Schwarze Frau den renommierten Booker Prize erhielt. Er erz\u00e4hlt von elf Frauen und einer non-bin\u00e4ren Person im London der Gegenwart und f\u00e4chert lustvoll ein breites Spektrum von Verschiedenheiten auf. <\/p>\n<p>Gro\u00dfe Preise bringen es mit sich, dass auch fr\u00fchere B\u00fccher ins Scheinwerferlicht geraten. Das gilt besonders f\u00fcr Preise mit internationaler Ausstrahlung, die zu \u00dcbersetzungen f\u00fchren. So erscheint nun ein Roman auf Deutsch, den die 1959 in London geborene Schriftstellerin schon 2008 unter dem Titel \u201eBlonde Roots\u201c in ihrer Muttersprache publizierte. H\u00f6ren wir doch gleich in den Roman hinein, der in der \u00dcbersetzung von Tanja Handels \u201eBlondes Herz\u201c hei\u00dft:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eTief im Innern war mir klar, dass jene, die mit Versklavten Handel trieben, diese Geldquelle niemals aufgeben w\u00fcrden. Schlie\u00dflich handelte es sich dabei um den lukrativsten internationalen Wirtschaftszweig aller Zeiten, der nicht zuletzt gro\u00df angelegte Menschentransporte umfasste: Millionen von uns Wai\u00dfen wurden vom Kontinent Europa auf die sogenannten Westjapanischen Inseln verschifft, die so genannt wurden, weil der ach so gro\u00dfe Entdecker und Abenteurer Chinua Chikwuemeka sie auf seiner Suche nach einem neuen Seeweg nach Asien gefunden und geglaubt hatte, er sei auf den sagenumwobenen Inselstaat Japan gesto\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Wer spricht hier? Man mag es kaum glauben, aber es ist Doris, eine junge wei\u00dfe Engl\u00e4nderin, aufgewachsen als Tochter eines leibeigenen Bauern, die auf ein Sklavenschiff gebracht und auf einen anderen Kontinent, \u201eAphrika\u201c mit \u201eph\u201c, verschleppt wurde. Und so geht es weiter:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eDa sa\u00df ich nun also, im Vereinigten K\u00f6nigreich von Gro\u00dfambossanien (VK oder GA sind die g\u00e4ngigen Abk\u00fcrzungen), das zum Kontinent Aphrika geh\u00f6rt. Das Festland liegt gleich jenseits des Ambossa-Kanals und ist auch als Sonniger Kontinent bekannt, weil es hier immer so br\u00fcllend hei\u00df ist.\u201c<\/p>\n<p>              Die Geschichte der Sklaverei anders erz\u00e4hlen<\/p>\n<p>Bernardine Evaristo wollte die Geschichte eines versklavten Menschen anders erz\u00e4hlen, als man es erwartet. Doch sie dreht die kolonialen Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse einfach um. Die Heldin wird aus dem r\u00fcckst\u00e4ndigen Europa entf\u00fchrt, ins industrialisierte \u201eAphrika\u201c gebracht und schlie\u00dflich in die Karibik verschifft. Topografie und klimatische Verh\u00e4ltnisse bleiben gleich, nur die Namen werden kalauernd verfremdet. In ihrem Memoir \u201eManifesto\u201c spricht sie von ihrem \u2013 so nennt sie es\u2013 \u201eExperimentiergen\u201c. Aber ist das schon ein Experiment? Sie selbst hat eine englische Mutter und einen Vater, der 1949 aus Nigeria eingewandert ist. Im Gro\u00dfbritannien ihrer Jugend wurde sie immer als Schwarze Person gelesen, obwohl ihre Vorfahren, wie ein Gen-Test zeigte, aus verschiedenen afrikanischen und europ\u00e4ischen L\u00e4ndern stammen mussten. In \u201eManifesto\u201c schreibt sie: <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eMein kreativer Geist ist abenteuerlustig, er m\u00f6chte das Unbekannte erforschen, hat den Drang, Gewohntes in Neues zu verwandeln. Ich schreibe, weil es mich dazu treibt, Geschichten zu erz\u00e4hlen, auch wenn ich nie wei\u00df, zu was diese Geschichten noch werden und was sie schlie\u00dflich offenbaren, wenn sie fertig sind.\u201c <\/p>\n<p>Ihre Freude am Geschichtenerz\u00e4hlen f\u00fchrte oft zu gelungenen Romanen, neben \u201eM\u00e4dchen, Frau etc.\u201c etwa auch zu ihrem Roman \u201eMr. Loverman\u201c. In \u201eBlondes Herz\u201c ger\u00e4t die Heldin jedoch zwischen die Klippen eines nicht zu Ende gedachten Projekts. Offenbar war der Roman als eine Mischung aus Satire und Trag\u00f6die geplant, doch das geht auf Kosten der Plausibilit\u00e4t. Einerseits soll Doris vom Land kommen, hineingeboren in geradezu mittelalterliche Feudalverh\u00e4ltnisse, andererseits reflektiert sie auf einem Niveau \u00fcber Versklavung, das durch die Debatten des Postkolonialismus hindurchgegangen ist.\u00a0 <\/p>\n<p>              Toxische \u00dcberlegenheit und Rassismus<\/p>\n<p>Manches ist durchaus erhellend. Was man hier wei\u00dfen K\u00f6rpern antut \u2013 etwa der Transport auf einem Sklavenschiff in grauenhafter Enge unter unvorstellbaren k\u00f6rperlichen Strapazen \u2013 ist in den kulturellen Codes unseres Geschichtsbilds so sehr mit schwarzen K\u00f6rpern verbunden, dass man sich die Versuchsanordnung immer wieder vor Augen f\u00fchren muss. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass die \u201eschwaarzen\u201c Kolonialherren \u2013 \u201eschwaarz\u201c als Kunstwort mit doppeltem a \u2013 all die toxischen Eigenschaften der \u00dcberheblichkeit und des Despotismus aufweisen, die zur Vorstellung einer \u201eWhite Supremacy\u201c geh\u00f6ren, die eine wei\u00dfe Vorherrschaft behauptet. Die rassistischen Erkl\u00e4rungen \u201eschwaarzer\u201c \u00dcberlegenheit h\u00f6ren sich dann so an:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201e\u00dcber die Jahrtausende hinweg hat dieser ger\u00e4umige negride Sch\u00e4del das Wachstum eines auffallend gro\u00dfen Gehirns in seinem Innern bef\u00f6rdert. Dies wiederum beg\u00fcnstigte die Herausbildung einer hoch entwickelten Intelligenz. (&#8230;) Mehr noch, die Negriden geh\u00f6ren zur Gattung der \u201aMenschheit\u2018, w\u00e4hrend die Mongoliden sowie die Europiden den breiter gefassten \u201aMenschlichen\u2018 angeh\u00f6ren, die alles von der voll ausgebildeten Spezies \u201aMensch\u2018 bis hin zu den unterentwickelten \u201aNeo-Primaten\u2018 einschlie\u00dft.\u201c <\/p>\n<p>              Fazit der Lekt\u00fcre: Ersch\u00fctternd bieder &#8211; und m\u00e4\u00dfig einfallsreich<\/p>\n<p>Drei Kinder bringt Doris als Sklavin zur Welt, die ihr allesamt weggenommen werden. Auch ihre Eltern und die drei Schwestern wurden versklavt. Mit Hilfe einer Widerstandgruppe gelingt ihr nach Jahren der Qualen die Flucht, nur um alsbald in eine Falle zu geraten und zur\u00fcckgebracht zu werden. Es ist dann wie ein Wunder, als ihr eine der verlorenen Schwestern, aufgestiegen als M\u00e4tresse eines Kolonialherrn, erneut zur Flucht verhilft. \u201eBlondes Herz\u201c ist m\u00e4\u00dfig einfallsreich, zuweilen ersch\u00fctternd bieder und trotz der gelegentlich Erkenntnis stiftenden Verwirrung von Kategorien so schwerf\u00e4llig, dass man sich nach all den anderen \u2013 wirklich guten \u2013 B\u00fcchern von Bernardine Evaristo sehnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eM\u00e4dchen, Frau etc.\u201c hei\u00dft der vielstimmige und kraftvolle Roman, f\u00fcr den Bernardine Evaristo 2019 als erste Schwarze Frau&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":320624,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[4249,46252,46253,1784,1785,9557,29,214,30,6371,93,28082,215],"class_list":{"0":"post-320623","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-rassismus","9":"tag-bernardine-evaristo","10":"tag-blondes-herz","11":"tag-books","12":"tag-buecher","13":"tag-buchkritik","14":"tag-deutschland","15":"tag-entertainment","16":"tag-germany","17":"tag-kolonialismus","18":"tag-literatur","19":"tag-sklaverei","20":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114975525001721541","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320623","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=320623"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320623\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/320624"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=320623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=320623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=320623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}