{"id":320727,"date":"2025-08-05T10:45:11","date_gmt":"2025-08-05T10:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/320727\/"},"modified":"2025-08-05T10:45:11","modified_gmt":"2025-08-05T10:45:11","slug":"schostakowitsch-blick-in-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/320727\/","title":{"rendered":"Schostakowitsch \u2013 Blick in die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img309658\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/309658.jpeg\" alt=\"Gegen Unterdr\u00fcckung und Gewalt: Zum Leipziger Schostakowitsch-Festival passte die zeitgleich stattfindende Bernhard-Heisig-Ausstellung, mit Bildern wie \u00bbAls ich die V\u00f6lkerschlacht malen wollte\u00ab.\"\/><\/p>\n<p>Gegen Unterdr\u00fcckung und Gewalt: Zum Leipziger Schostakowitsch-Festival passte die zeitgleich stattfindende Bernhard-Heisig-Ausstellung, mit Bildern wie \u00bbAls ich die V\u00f6lkerschlacht malen wollte\u00ab.<\/p>\n<p>Foto: IMAGO\/Eberhard Thonfeld<\/p>\n<p>Schostakowitsch stellte sich auf die Seite der Russischen Revolution. Davon legt die 11. Sinfonie op. 103 mit dem Titel \u00bbDas Jahr 1905\u00ab, die im Mai beim Leipziger Schostakowitsch-Festival vom Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons erklang, eindrucksvoll Zeugnis ab. Das Werk erinnert an den Petersburger Blutsonntag vom 9. Januar 1905: In den Maschinenfabriken, Werften, Manufakturen und Webereien fand ein Generalstreik statt, und an besagtem Sonntag zogen Zehntausende von Arbeitern, unterst\u00fctzt von weiten Teilen der Zivilbev\u00f6lkerung Petersburgs, vor den Winterpalast des Zaren, um f\u00fcr menschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen, Agrarreformen, die Abschaffung der Zensur, aber auch f\u00fcr die Schaffung einer Volksvertretung zu demonstrieren. Im 1. Satz seiner Sinfonie, \u00bbPlatz vor dem Palast\u00ab, hat Schostakowitsch eine seiner sch\u00f6nsten Musiken geschrieben, was nat\u00fcrlich keine \u00dcberraschung ist, denn was gibt es Wunderbareres als Zehntausende von Menschen, die gegen die Tyrannei f\u00fcr ihre Rechte eintreten? Doch die erste, oder sollen wir sagen: urspr\u00fcngliche, Russische Revolution von 1905 wurde vom zaristischen Milit\u00e4r auf brutalste Weise niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Ged\u00e4mpfte Pianissimo-Kl\u00e4nge der Streicher, Quinten und Oktaven, unterst\u00fctzt von Harfen, verleihen dem Auftakt der Sinfonie etwas Zauberisches. Der Sound, den Andris Nelsons in Leipzig eindrucksvoll beschwor, erinnert an die herrliche Morgend\u00e4mmerung, mit der Mussorgskis \u00bbChowantschina\u00ab beginnt, auch dies ein musikalisches Volks-Drama (und hier wie da spielen Glocken eine gewichtige Rolle). Bei Schostakowitsch h\u00f6ren wir ein viert\u00f6niges Motto der Pauke, Fanfarenrufe der ged\u00e4mpften Trompeten, liturgische \u00bbHerr, erbarme dich unser\u00ab-Bitten der Streicher leiten zu einem Revolutionslied \u00fcber. Man kann das statisch nennen, aber mir scheint dieser Satz so, wie er in Leipzig erklang, eher von banger Erwartung zu strotzen, die gespannte Atmosph\u00e4re voller Unsicherheit angesichts des gro\u00dfen Wagnisses zu reflektieren, das Arbeiter und Bev\u00f6lkerung bei ihrem Protest gegen den Zaren eingehen.<\/p>\n<p>Im 2. Satz erhebt sich die Demonstration, bis die Soldaten des Zaren auf die wehrlosen Menschen schie\u00dfen, wir h\u00f6ren gnadenlos tosendes Blech und Schlagwerk: Feuer auf die friedlichen Demonstranten, Gewehrsalven, Perkussionsdonner. Eine letzte Trompetenfanfare, das Revolutionslied in den Fl\u00f6ten, das Pauken-Motiv des 1. Satzes kehrt zur\u00fcck und leitet in das gro\u00dfe Adagio des 3. Satzes \u00fcber, \u00bbIn Memoriam\u00ab, ewiges Gedenken. Ein Trauermarsch, in dem Schostakowitsch das Arbeiterlied \u00bbUnsterbliche Opfer\u00ab einbaut. Und im letzten Satz ein furioses Sturmgel\u00e4ut, Andris Nelsons lie\u00df es knallen, das ist ein Blick in die Zukunft, eine verbissene Hoffnung auf politische Ver\u00e4nderung, ohne die Verzweiflung angesichts des Massakers an den Demonstrierenden auszublenden.<\/p>\n<p>Am Ende von wilden Trommeln begleitetes fortissimo-Glockengel\u00e4ut, immer abwechselnd zwei Takte in der g-Moll- und der G-Dur-Terz, also den Ausgang offenlassend. Im Leipziger Programmheft nannte es Ann-Katrin Zimmermann ein \u00bbwortloses Verk\u00fcndigungspathos\u00ab: Die heftigen Glockenschl\u00e4ge \u00bbrufen zusammen und k\u00fcndigen etwas Gro\u00dfes, Bedeutsames\u00ab an. Die Oktoberrevolution, \u00bbDas Jahr 1917\u00ab, also Schostakowitschs 12. Sinfonie?<\/p>\n<p>Erschienen ist die 11. Sinfonie im Jahr 1957, vier Jahre nach dem Tod Stalins. In den Fake-Memoiren von Schostakowitsch, die Solomon Volkov 1979 in den USA und der BRD ver\u00f6ffentlichte, soll der Eindruck erweckt werden, der Komponist habe damit an den ungarischen Volksaufstand im Jahr 1956 erinnern wollen. Andere meinen, das Werk zeuge von der Unterdr\u00fcckung der Menschen durch den Diktator Stalin. Dabei scheint es auf der Hand zu liegen, dass die Sinfonie, deren Auff\u00fchrung f\u00fcr den 40. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917 geplant war, sich eher auf die Wurzeln der bolschewistischen Revolution bezieht, eben auf das Jahr 1905, als die erste Russische Revolution noch nicht siegreich sein konnte.<\/p>\n<p>Zweifelsohne kann man das Werk auch einfach als Fanal gegen Unterdr\u00fcckung, gegen Gewalttaten an Wehrlosen h\u00f6ren. Parallel zu der eindrucksvollen Auff\u00fchrung im Gewandhaus konnte man im Fr\u00fchjahr im Leipziger Museum der Bildenden K\u00fcnste die nicht minder eindrucksvolle Bernhard Heisig-Sonderausstellung \u00bbGeburtstagsstilleben mit Ikarus\u00ab mit seinen albtraumhaften Gem\u00e4lden (\u00bbAls ich die V\u00f6lkerschlacht malen wollte\u00ab) und den Antikriegs-Lithografie-Mappen (\u00bbProbleme der Milit\u00e4rseelsorge\u00ab, \u00bbMarschierende Soldaten auf dem Schlachtfeld\u00ab) betrachten.<\/p>\n<p>Die Siebte und Elfte sind ganz sicher Programmmusik. Sie enthalten Einblicke in Schostakowitschs Kompositionsweise in nuce. Man wird Schostakowitsch nicht ohne Gustav Mahler denken k\u00f6nnen: Das von Mahler erfundene \u00bbSampling\u00ab, also das Nebeneinanderstellen unterschiedlichster Motive, ohne diese auszuarbeiten; das Verwenden von Motiven aus Alltagsmusiken, Volks- oder Revolutionsliedern gibt es auch bei Schostakowitsch. Bei ihm sind es immer wieder j\u00fcdische Melodien und Lieder, was auch ein Statement gegen den latenten Antisemitismus nicht nur der Stalin-Zeit darstellt. Da sind die gro\u00dfen Orchester, die gewaltige Klangwelten auf die Zuh\u00f6rer*innen niederdr\u00f6hnen lassen, die aber auch so leise spielen k\u00f6nnen m\u00fcssen, dass die Musik kaum noch h\u00f6rbar ist. Beeindruckend der Hang zur \u00dcbertreibung, zu ins Groteske \u00fcberf\u00fchrten Scherzi; nicht zuletzt auch der Mut, Sinfonien dann, wenn es n\u00f6tig ist, einfach verklingen und geradezu ersterben zu lassen, statt ein mutwilliges Finalfurioso vom Zaun zu brechen \u2013 wobei ihm wie auch Mahler furiose Orchestertutti und Blechbl\u00e4ser- oder Schlagwerk-Attacken keineswegs fremd sind. Und kein Zufall, dass einer der gr\u00f6\u00dften Schostakowitsch-Dirigenten, Kirill Kondraschin, sein Freund und Dirigent einiger Urauff\u00fchrungen, auch ein hervorragender Mahler-Interpret war.<\/p>\n<p>Nehmen wir Schostakowitschs <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1159293.schostakowitsch-grosse-gedanken-und-grosse-leidenschaft.html?sstr=12|sinfonie|schostakowitsch\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">4. Sinfonie c-Moll op. 43<\/a>, die 1935\/36 komponiert, aber erst 1961 von Kondraschin uraufgef\u00fchrt wurde. Der Komponist hatte sie am Vorabend der geplanten Premiere aufgrund einer Warnung, sie w\u00fcrde einen neuerlichen Skandal entfachen und k\u00f6nnte ihm gef\u00e4hrlich werden, zur\u00fcckgezogen, und auch die vierh\u00e4ndige Klavierversion, die der Komponist 1945 mit seinem Freund Mieczyslaw Weinberg vor dem Moskauer Komponistenverband auff\u00fchrte, fand keine offizielle Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>In der Vierten erleben wir katastrophische Weltunterg\u00e4nge und Zerfall im Chaos. Das Orchester marschiert Mahler-haft drauflos. Eine m\u00e4chtige Tamtam-Wand. \u00dcbrig bleibt \u2013 eine einsame, wehklagende Fagottmelodie. Sp\u00e4ter dann ein Englischhorn, das sich in seiner melodi\u00f6sen Zaubrigkeit mit der alten Hirtenweise zu Beginn des dritten Akts von Wagners \u00bbTristan\u00ab misst. Es gibt eine furiose Streicher-Fuge, Fanfaren und geradezu gewaltt\u00e4tige Schlagwerk-Teufeleien. Eine Groteske. Die sechs Fl\u00f6ten mit schrillen, in den Ohren schmerzenden T\u00f6nen. Und schlie\u00dflich ein endlos stehender, ersterbender Akkord. Leise Paukenschl\u00e4ge. Das Skelett einer Melodie. Die Celesta und ein letztes c-Moll.<\/p>\n<p>Diese Sinfonie ist ein Wunderwerk, erst recht, wenn sie so gro\u00dfartig aufgef\u00fchrt wird wie in Leipzig vom Gewandhausorchester unter Andris Nelsons, der ja nicht nur Chefdirigent der Boston Symphony, sondern zugleich Gewandhauskapellmeister ist. Hier sp\u00fcrte man die Leipziger Schostakowitsch-Kompetenz, die sp\u00e4testens seit der weltweit ersten zyklischen Auff\u00fchrung aller Schostakowitsch-Sinfonien unter <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/995429.fast-alles-verlangte-er-sich-selbst-ab.html?sstr=kurt|masurs\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kurt Masur<\/a> von 1976 bis 1978 besteht (damals wurden die Werke \u00fcbrigens in Beziehung zu Beethovens Sinfonien gesetzt).<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Online sind auch <a href=\"http:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193037.schostakowitsch-revolution-und-komposition.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Teil 1<\/a> und Teil 3 von Berthold Seliger zu Schostakowitsch abrufbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gegen Unterdr\u00fcckung und Gewalt: Zum Leipziger Schostakowitsch-Festival passte die zeitgleich stattfindende Bernhard-Heisig-Ausstellung, mit Bildern wie \u00bbAls ich die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":320728,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,71,810,307,859],"class_list":{"0":"post-320727","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-leipzig","12":"tag-musik","13":"tag-russland","14":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114975757015981925","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=320727"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320727\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/320728"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=320727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=320727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=320727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}