{"id":320884,"date":"2025-08-05T12:09:17","date_gmt":"2025-08-05T12:09:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/320884\/"},"modified":"2025-08-05T12:09:17","modified_gmt":"2025-08-05T12:09:17","slug":"flucht-vor-zwangsehe-untertauchen-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/320884\/","title":{"rendered":"Flucht vor Zwangsehe &#8211; Untertauchen in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p>In den Ferien zwangsverheiratet \u2013 auch Perwin drohte dieses Schicksal, bis sie in Stuttgart eine neue Identit\u00e4t annahm. Sie erz\u00e4hlt, wie sie in ein freies Leben fand.<\/p>\n<p>A n einem klaren Junimorgen endet Perwins altes Leben. Zwei Stunden hat sie Zeit, bevor die Eltern misstrauisch werden k\u00f6nnten, bevor die Ausrede, zum Arzt zu m\u00fcssen, br\u00f6ckelt. Perwin packt zwei Unterhosen und ein Familienfoto in ihre Handtasche, schl\u00fcpft in T-Shirt und Jeans,<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.strassburg-eu-einigung-auf-schaerfere-massnahmen-gegen-gewalt-an-frauen.82e1140b-e9e1-43d1-a3de-6f836ccec3e0.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> zieht eine Basecap tief ins Gesicht, \u00f6ffnet die Haust\u00fcr wie ein schweres Tor ins Freie und schlie\u00dft sie hinter sich.<\/a> Im Zug schreibt sie eine Whatsapp-Nachricht an die Schwester: \u201eIch bin weg. Ich werde nicht zur\u00fcckkommen. Lasst mich mein Leben leben.\u201c Dann schaltet sie dieses Handy f\u00fcr immer aus.<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter sitzt Perwin, die mit einem anderen Namen auf die Welt kam, auf dem Sofa der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.das-wohnprojekt-rosa-in-stuttgart-erste-schritte-in-die-freiheit.cf41c6f5-89a3-4a88-a5f2-14866c6f7f7f.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beratungsstelle Yasemin in Stuttgart und denkt an diesen Sommertag, an dem sie die Fesseln ihrer Herkunft l\u00f6ste, ach was: sprengte. In einem unerh\u00f6rten Akt.<\/a> Einem lebensgef\u00e4hrlichen auch. F\u00fcr das, was sie tat, wurden andere Frauen von ihren Familien ermordet.<\/p>\n<p>Die Frauen d\u00fcrfen kein \u201eIch\u201c haben <\/p>\n<p>Neben Perwin sitzt Aischa Kartal von der Evangelischen Gesellschaft (Eva), auch sie tr\u00e4gt zu ihrem Schutz einen anderen Namen. Kartal begleitet die heute 23-J\u00e4hrige seit deren Ankunft in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a>. Perwin lebt im <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Wohnprojekt\" title=\"Wohnprojekt\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wohnprojekt<\/a> Rosa, das seit 40 Jahren jungen Frauen hilft unterzutauchen, zu sich selbst und in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.kinder-und-frauenschutz-zwangsehen-im-kreis-esslingen-nur-die-spitze-des-eisbergs.c413ad2e-94af-4cbe-93b2-9eec5591ed8e.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jungen Frauen wie Perwin, die aus ihren Familien fliehen, weil sie eingesperrt, geschlagen, gegen ihren Willen verheiratet werden.<\/a> Weil sie in einer patriarchalen Struktur kein \u201eIch\u201c haben d\u00fcrfen, so beschreibt es Aischa Kartal. Und Perwin sagt: \u201eFrauen sind bei uns nur zum Heiraten und Geb\u00e4ren da.\u201c<\/p>\n<p>Wie ist das, wenn man alles zur\u00fcckl\u00e4sst? Wenn das Aufwachsen, die Familie, all die eingebrannten Regeln und Glaubenss\u00e4tze nicht mehr gelten d\u00fcrfen? Wenn man also dieses \u201eIch\u201c erst finden muss?<\/p>\n<p>Perwin stammt aus einer jesidischen Familie. Als Sechsj\u00e4hrige flieht sie aus dem Irak nach Deutschland, w\u00e4chst au\u00dferhalb Baden-W\u00fcrttembergs auf. Ihre Kindheit verl\u00e4uft im engen Korsett der Sitten- und Erziehungsvorstellungen ihrer Kultur. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.gewaltambulanz-in-stuttgart-jeder-blaue-fleck-wird-untersucht.bea419c0-4146-48b7-9f9c-0427bd428ac0.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Eine Frau muss rein sein, darf der Familie keine Schande machen, muss ihre W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume und Gef\u00fchle der m\u00e4nnlichen Moral des Kollektivs unterordnen.<\/a> Das M\u00e4dchen Perwin darf keine Freundinnen und Freunde haben, kaum mit anderen sprechen, schon gar nicht mit Jungen. Als sie das erste mal ihre Periode bekommt, wei\u00df sie gar nicht, warum das Blut aus ihr flie\u00dft.<\/p>\n<p>Wenn die Mitsch\u00fcler auf der Stra\u00dfe rennen, sitzt Perwin im Kinderzimmer, das sie sich mit vier Geschwistern teilt. Immerhin Filme darf sie sehen, viele sogar. Ein erstes Tor geht auf. \u201eKevin allein zu Haus\u201c mag Perwin zum Beispiel, diese chaotische, kinderreiche Familie darin, in der jeder gleich viel z\u00e4hlt und darf. Br\u00fcder wie Schwestern. \u201eWarum ist das bei mir nicht so?\u201c, denkt Perwin manchmal.<\/p>\n<p>Der Vater schl\u00e4gt den Kopf der Schwester an die Wand <\/p>\n<p>Was mit Frauen passiert, die sich nicht einf\u00fcgen, aber auch nicht radikal genug frei machen, erlebt Perwin bei ihrer \u00e4lteren Schwester. Die will lieben, wen sie will. Der Vater schl\u00e4gt ihr daf\u00fcr den Kopf gegen die Wand. Die Schwester flieht mehrfach ins Frauenhaus und kehrt jedes Mal zur\u00fcck. Am Ende heiratet sie einen Mann, den die Familie gew\u00e4hlt hat. Der Sog der Pr\u00e4gung war zu stark, sagt Perwin. Aber es habe der Schwester auch an Hilfe und Anleitung gefehlt.<\/p>\n<p>Perwin will es anders machen. Dass sie gehen muss, die Hoheit \u00fcber ihren K\u00f6rper zur\u00fcckbekommen will, wei\u00df sie, als sie sich zum ersten Mal in einen Mitsch\u00fcler verliebt. Was f\u00fcr ein m\u00e4chtiges Gef\u00fchl f\u00fcr eine, die sich selbst nicht leiden kann! Es macht s\u00fcchtig, sagt Perwin. Weil sie noch auf die Realschule geht und danach ein Freiwilliges Soziales Jahr anschlie\u00dft, kann sie die Heiratsantr\u00e4ge ablehnen, die schon ins Haus flattern, seit sie 16 Jahre alt ist. Aber sp\u00e4testens nach dem FSJ wird sie einen Mann nehmen m\u00fcssen. Die Zeit zu fliehen dr\u00e4ngt. Jetzt oder nie.<\/p>\n<p>Die Familie zu verlassen, unterzutauchen ein Leben lang \u2013 das w\u00fcrden wenige schaffen, sagt Aischa Kartal. Durch die Abschottung daheim ohne Lebenspraxis, zu emotionalen Analphabeten geworden, w\u00fcssten viele gar nicht um diese M\u00f6glichkeit. Dazu br\u00e4uchte es Helfer. Freundinnen, Lehrkr\u00e4fte, Erzieherinnen, Nachbarn, Beh\u00f6rdenmitarbeiter, die hinsehen.<\/p>\n<p>Perwin hat so eine Vertraute, eine Frau, die sie aus der Hausaufgabenbetreuung kennt. Im verdunkelten, abgeschlossenen Zimmer f\u00fcllen sie im Geheimen Antr\u00e4ge f\u00fcr das Jugendamt aus, um bei Rosa aufgenommen zu werden. In dem Hilfsangebot im fernen Stuttgart leben Betroffene zwischen drei und f\u00fcnf Jahre. Diese Frau ist es auch, die Perwin zum Bahnhof f\u00e4hrt, an diesem Junimorgen vor vier Jahren, im Gep\u00e4ck die Kleidung und Dokumente, die die junge Frau zuvor \u00fcber Wochen aus der elterlichen Wohnung geschmuggelt hat. Am Abend vor ihrer Flucht kuschelte sich Perwin vor dem Fernseher an ihre Mutter. Das hatte sie zuvor nie getan.<\/p>\n<p> Absturz mit Drogen und Alkohol <\/p>\n<p>Es ist sicher auch dieser Abbruch aller Wurzeln, der Perwin in Stuttgart in einen Abgrund treibt \u2013 da hilft zun\u00e4chst auch nicht das k\u00fcmmernde Netz der Fachkr\u00e4fte bei Rosa. Alkohol, Zigaretten, Cannabis. Feiern, rausgehen, rummachen \u2013 das erste Jahr verbringt sie im Nebel. Bis es nicht mehr geht. Sie entscheidet sich f\u00fcr eine Suchtklinik. Danach beginnt ihr \u201enormales Leben\u201c, sagt Perwin.<\/p>\n<p>In kleinen Schritten baut sie sich eine neue Geschichte auf: neuer Name, neues Geburtsdatum, neue Frisur und Kleidung, neue Herkunft und Familienhistorie. Die Gefahr, von ihren Eltern, Geschwistern, Volksleuten gefunden zu werden, ist sonst zu gro\u00df. Nur drei gute Freundinnen wissen heute, wer sie einmal war.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.af149a67-faee-4eb2-af8f-2fda5dc10f94.original1024.media.jpeg\"\/>     Zwangsverheiratung ist ein Straftatbestand, der aber nur selten angezeigt wird.    Foto: IMAGO\/Steinach    <\/p>\n<p>Bei Rosa, wo bis zu 15 M\u00e4dchen und Frauen wie sie leben, lernt sie, damit umzugehen. Wie lebt man mit einer fiktiven Biografie? Wie hinterl\u00e4sst man keine Spuren zu sich in den Sozialen Medien oder anderswo? Jeder Kontoauszug, der versehentlich an ihre alte Adresse ginge, k\u00f6nnte sie in Lebensgefahr bringen. Das sind Dinge, die Perwin \u00fcben muss. Aber eben auch, wie man sich zwischen Ursprungs- und Schutzexistenz nicht verliert, im Gegenteil zu sich findet, mit allen Rechten, die eine Frau in Deutschland hat. Nein zu sagen, Grenzen zu setzen, einen Streit zu kl\u00e4ren ohne Gewalt, Beistand von Polizei und Beh\u00f6rden \u2013 solche Dinge.<\/p>\n<p>Perwin hat im Sommer eine kaufm\u00e4nnische Ausbildung abgeschlossen, lebt in einer eigenen Wohnung. Im Herbst wird Rosa f\u00fcr sie zu Ende gehen. Wei\u00df sie nun, wer sie ist? \u201eMan kennt sich doch nie 100 Prozent\u201c, sagt Perwin, aber sie habe die \u201eBasis f\u00fcr eine starke Pers\u00f6nlichkeit\u201c aufgebaut. Zu ihrer Familie will sie auch in Zukunft keinen Kontakt aufnehmen. Zu gro\u00df sei die Gefahr, in alte Muster zu fallen. \u201eDen Geschmack der Freiheit geb\u2019 ich nicht mehr her.\u201c<\/p>\n<p> Angebote f\u00fcr junge Frauen in Not <\/p>\n<p class=\"infobox\"><strong>Zwangsehe <\/strong><br \/>Wie viele M\u00e4dchen und Frauen in Baden-W\u00fcrttemberg gegen ihren Willen im In- oder Ausland, oft in den Ferien, heiraten m\u00fcssen, l\u00e4sst sich nicht genau bestimmen. Seit 2011 ist Zwangsverheiratung ein Straftatbestand, doch die Polizeistatistik bildet nur die Spitze des Eisbergs ab. Deutschlandweit weist sie 68 F\u00e4lle f\u00fcr 2024 aus, f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg war es zuletzt eine einstellige Anzahl. An die Stuttgarter Kontaktstelle Yasemin, die Frauen und M\u00e4nner ber\u00e4t, die von jeglicher Gewalt im Namen der sogenannten Ehre betroffen waren, wenden sich jedes Jahr mehr Hilfesuchende. 250 waren es zuletzt. Ein Gro\u00dfteil sind Gefl\u00fcchtete aus L\u00e4ndern wie Syrien, Afghanistan, dem Irak, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p class=\"infobox\"><strong>Rosa<\/strong><br \/>1985 wurde das Langzeit-Wohnprojekt Rosa von engagierten Fachfrauen ins Leben gerufen, seit 2002 ist es in der Tr\u00e4gerschaft der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva) und bietet 15 Pl\u00e4tze an. In drei Phasen helfen Fachkr\u00e4fte den jungen Migrantinnen, die Gewalt und Zwang in ihren Familien erleben, in ein selbstbestimmtes Leben. Schritt f\u00fcr Schritt lernen sie, wie sie mit einer fiktiven Biografie und allein leben k\u00f6nnen. Von den 202 Bewohnerinnen, die bislang bei Rosa Hilfe fanden, blieben viele ihr Leben lang ohne Kontakt zu ihren Familien.<\/p>\n<p class=\"infobox\"><strong>Nadia <\/strong><br \/>Seit f\u00fcnf Jahren besteht au\u00dferdem die anonyme Kurzzeit-Zuflucht Nadia der Eva mit vier Pl\u00e4tzen f\u00fcr M\u00e4dchen ab 14 Jahren, die von Gewalt im Namen der sogenannten Ehre betroffen sind. Zwei weitere Pl\u00e4tze f\u00fcr Frauen ab 18 Jahren werden vom Sozialministerium Baden-W\u00fcrttemberg finanziert. Bei Nadia kommen die Hilfesuchenden zur Ruhe, werden mit Essen, Trinken, einem Schlafplatz versorgt und beraten, wie es weiter gehen soll.<\/p>\n<p class=\"infobox\"><strong>Dieser Artikel erschien erstmals am 2. August 2025 und wurde am 5. August aktualisiert.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In den Ferien zwangsverheiratet \u2013 auch Perwin drohte dieses Schicksal, bis sie in Stuttgart eine neue Identit\u00e4t annahm.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":320885,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,91407,37153,4480,30,91406,11290,1441,25914,89736,91405],"class_list":{"0":"post-320884","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-evangelische-gesellschaf","12":"tag-familiengeschichten","13":"tag-familienleben","14":"tag-germany","15":"tag-hile","16":"tag-sommerferien","17":"tag-stuttgart","18":"tag-wohnprojekt","19":"tag-zwangsehe","20":"tag-zwangsverheiratung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114976087525554884","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=320884"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320884\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/320885"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=320884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=320884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=320884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}