{"id":321674,"date":"2025-08-05T19:19:12","date_gmt":"2025-08-05T19:19:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/321674\/"},"modified":"2025-08-05T19:19:12","modified_gmt":"2025-08-05T19:19:12","slug":"doris-knecht-ja-nein-vielleicht-faible-fuer-verrueckte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/321674\/","title":{"rendered":"Doris Knecht: Ja, nein, vielleicht: Faible f\u00fcr Verr\u00fcckte"},"content":{"rendered":"<p> Wenn die Kinder erst einmal ausgezogen sind, bleibt ein leerer Raum zur\u00fcck. Das dadurch entstandene Vakuum im Leben einer alleinerziehenden Mutter hat die \u00f6sterreichische Schriftstellerin Doris Knecht mit dem Erstellen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.neuer-roman-von-doris-knecht-das-ist-es-noch-lange-nicht-gewesen.b3d4cd94-1a81-49c0-87cb-f85bf3e78e0c.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eEiner vollst\u00e4ndigen Liste aller Dinge, die ich vergessen habe\u201c<\/a>, so der Titel ihres letzten Romans, ausgef\u00fcllt. In den Umzugskisten des \u00dcbergangs von einer Phase in die andere, in der man beginnt, sich f\u00fcr Todesanzeigen zu interessieren, sammelt sich der Ertrag eines Frauenlebens: Manches davon kommt mit, anderes kann weg. Aber wie sieht es im Hinblick auf letzteres eigentlich mit M\u00e4nnern aus? Darauf gibt der neue <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Roman\" title=\"Roman\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roman<\/a> eine Antwort: \u201eJa, nein, vielleicht\u201c.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.db076d1c-c923-47e3-b3da-9b34bac34918.original1024.media.jpeg\"\/>     Doris Knecht    Foto: Heribert Corn    <\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst drohen erst einmal neue Hohlr\u00e4ume, und zwar im Mund der Autorin, die man so nennen darf, weil die Ich-Erz\u00e4hlerin nicht nur bereitwillig Einblicke in das Innenleben ihrer Mundh\u00f6hle gew\u00e4hrt, sondern auch in die Entstehung eines Romans \u2013 desselben, den man gerade in den H\u00e4nden h\u00e4lt. Ein Zahn ist dabei, sich zu verabschieden, Parodontose: \u201eJetzt bin ich ein beginnender Reparaturfall.\u201c Und es ist nicht der einzige. In ihrem Landhaus ziehen sich Risse durch Decken und W\u00e4nde, unter dem Dach w\u00fctet ein unsichtbarer Marder, was, wie die Autorin bemerkt, ein wiederkehrendes Thema in der deutschsprachigen Literatur ihrer Generation zu sein scheint: \u201eUnsichtbare Tiere, die in den D\u00e4chern rumoren, sie ver\u00e4ngstigen uns und rauben uns den Schlaf.\u201c<\/p>\n<p>Dass sie sich zum Schreiben ihres neuen Romans aufs Land zur\u00fcckgezogen hat, h\u00e4ngt mit einem weiteren Schadensfall zusammen. In ihrer Stadtwohnung rumort ein fremder Mann, den eine ihrer Schwestern eingeschleppt hat, die dort vor\u00fcbergehend um Asyl gebeten hat, offenbar steht es in deren Ehe nicht mehr zum Besten. Mit diesem Kapitel hat die Autorin l\u00e4ngst abgeschlossen: \u201eDie meisten M\u00e4nner machen einem nur Schwierigkeiten\u201c, zumal wenn man wie sie ein Faible f\u00fcr Verr\u00fcckte hat: \u201eNarzissten, Borderliner, Depressive, Sexs\u00fcchtige, Junkies, whatever, ich kenne sie alle, und immer schnalle ich es erst hinterher, wenn der Vorhang schon gefallen ist.\u201c Doch damit soll Schluss sein. Ihre Zwillinge hat sie alleine aufgezogen und sich mit einem Leben jenseits aller Paarbildungen in heiterer Selbstgen\u00fcgsamkeit arrangiert. <\/p>\n<p>Unruhe in die abgekl\u00e4rte Verabschiedung der Imperative einer \u201eliebesbegl\u00fcckungss\u00fcchtigen Gesellschaft\u201c bringen einzig die Wiederverheiratungsanstalten der besten Freundin \u2013 und die Begegnung mit einem fr\u00fcheren Bekannten im Supermarkt mit dem sie sich einmal, lange ist es her, in das neue Millenium geknutscht hat. <\/p>\n<p>Solit\u00e4re Kauzigkeit  <\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich sch\u00e4lt sich dieser Friedrich bei einem zuf\u00e4lligen Besuch aus seiner Radlermontur, bekanntlich tr\u00e4gt man darunter nicht viel, um ein Bad in dem Fl\u00fcsschen zu nehmen, das \u00fcber ihr Grundst\u00fcck flie\u00dft. Damit w\u00e4ren die Elemente beisammen. Und wenn Doris Knecht nicht eine so kluge Autorin w\u00e4re wie ihre Protagonistin, w\u00fcsste man nun schon ungef\u00e4hr, wo es lang ginge, selbst wenn man nicht unbedingt auf den gemeinsamen Besuch eines Suzi-Quatro-Konzerts gekommen w\u00e4re: \u201eNa kuckstu, Suzy Quatro, die gibt es auch noch, wie alt muss die denn jetzt sein.\u201c Aber so leicht gibt man nicht preis, was man sich aufgebaut hat \u2013 ohne M\u00e4nner. Die Freiheit, sich nicht mehr f\u00fcr einen fremden Blick aufbrezeln zu m\u00fcssen, den Gang der Dinge einigerma\u00dfen gelassen beobachten zu k\u00f6nnen, die eigene Hinf\u00e4lligkeit, auch wenn sie sich zun\u00e4chst vorwiegend im dentalen Raum abspielt. <\/p>\n<p>Aber man sollte das Erz\u00e4hlen des zwischenmenschlichen Geschehens der \u00fcberlassen, die etwas davon versteht. Und sich stattdessen auf die Beziehung konzentrieren, die sich zwischen den Lesenden und der Autorin entspinnt. Denn w\u00e4hrend die Protagonistin das F\u00fcr und Wieder eines Abenteuers in reiferen Jahren erw\u00e4gt, ob ein Friedrich nun in ihrem Leben Platz h\u00e4tte, oder lieber doch nicht, verstr\u00f6mt die Lekt\u00fcre die ganze Kunst einer reifen Schriftstellerin: die feine Balance zwischen Witz und Ernst, Selbstpreisgabe und Stolz, solit\u00e4rer Kauzigkeit und utopischem Gemeinsinn. Cooler wurde selten \u00fcber das Altern geschrieben, entspannter der Feminismus nicht verteidigt. Wer \u00fcber diese Gaben verf\u00fcgt und einen Sinn f\u00fcr Rhythmus, das Ineinander gepflegten Satzbaus und lockerer Umgangssprache, kann es sich leisten, die Ratschl\u00e4ge der Lektorin in den Wind zu schreiben und Figuren einzuf\u00fchren, die machen, was sie wollen. <\/p>\n<p>Dem entstehenden Roman bekommt der Landaufenthalt mindestens so gut wie der Schwester die Auszeit von ihrer Ehe. Auch wenn es am Schluss zu regnen beginnt, in diesem \u00dcberma\u00df, an das man sich wohl gew\u00f6hnen muss. Der Bach tritt \u00fcber die Ufer. Was das f\u00fcr die Leidenschaften bedeutet? Jedenfalls denkt man mit einem Gef\u00fchl an dieses Buch zur\u00fcck, das man durchaus mit romantischer Liebe verwechseln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p> Info <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Autorin <\/strong><br \/>Doris Knecht, 1966 in Vorarlberg geboren, ist Kolumnistin (u. a. beim Falter und den Vorarlberger Nachrichten) und Schriftstellerin. Sie lebt in Wien und im Waldviertel. <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Werk<\/strong><br \/>Der erste Roman von Doris Knecht, \u201eGruber geht\u201c (2011), war f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde f\u00fcrs Kino verfilmt. Zuletzt erschienen \u201eWald\u201c (2015), \u201eAlles \u00fcber Beziehungen\u201c (2017), \u201eweg\u201c (2019) und \u201eDie Nachricht\u201c (2021). Die Verfilmung von Wald kommt im Herbst 2023 in die Kinos. Sie erhielt den Literaturpreis der Stiftung Ravensburger und den Buchpreis der Wiener Wirtschaft. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn die Kinder erst einmal ausgezogen sind, bleibt ein leerer Raum zur\u00fcck. 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