{"id":321785,"date":"2025-08-05T20:22:12","date_gmt":"2025-08-05T20:22:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/321785\/"},"modified":"2025-08-05T20:22:12","modified_gmt":"2025-08-05T20:22:12","slug":"21-jaehriger-verletzt-sich-selbst-schulzeit-fuer-sohn-mit-autismus-vorbei-was-wird-aus-nikolai-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/321785\/","title":{"rendered":"21-J\u00e4hriger verletzt sich selbst: Schulzeit f\u00fcr Sohn mit Autismus vorbei \u2013 was wird aus Nikolai?"},"content":{"rendered":"<p>Es passiert ganz unvermittelt, ohne Vorwarnung. Pl\u00f6tzlich saust Nikolais Stirn runter auf das gro\u00dfe Spielzeugflugzeug in seiner Hand. Er trifft es genau an der Stelle, an der sich eine gro\u00dfe Beule dunkelrot abzeichnet. Einmal, zweimal haut sich <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.behindertentestament-und-betreuung-was-muss-man-beachten-wenn-das-behinderte-kind-18-wird.74a89959-b13c-47bd-bea9-eb03c37b458a.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der 21-J\u00e4hrige<\/a> das Flugzeug an die Stirn. Dann nimmt Gabriele K. ihm das Spielzeug aus der Hand. Nikolai l\u00e4sst es geschehen. Er geht in sein Zimmer, um ein neues Flugger\u00e4t zu holen. Als w\u00e4re nichts passiert. <\/p>\n<p>Die Beule werde nie mehr verheilen, ihr Sohn verletze sich regelm\u00e4\u00dfig selbst, erz\u00e4hlt Gabriele K. Wenn ihm langweilig sei, sei es besonders schlimm. \u201eDann haut er sich auf die Stirn\u201c, sagt die 62-j\u00e4hrige Stuttgarterin. Gerade sind Sommerferien. Entsprechend ist Nikolai oft langweilig. <\/p>\n<p>Mutter ist rund um die Uhr mit Sohn zuhause  <\/p>\n<p>Seine Mutter wiederum ist im Dauereinsatz. Nikolai hat eine <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.steigende-fallzahlen-in-stuttgart-immer-mehr-kinder-mit-autismus-und-zu-wenig-therapieangebote.1e6a552b-498f-45dd-99eb-d15027ebef2f.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Autismus-Spektrums-St\u00f6rung<\/a>. Die zeigt sich bei ihm nicht nur an seinem ausgepr\u00e4gten Interesse an Flugger\u00e4ten und Z\u00fcgen aller Art. Nikolai kann schreien, aber nicht sprechen. Vor allem l\u00e4uft er weg und kann Gefahren nicht einsch\u00e4tzen. Weil er zu gro\u00df ist, als dass sie ihn festhalten k\u00f6nnte, geht Gabriele K. mit ihrem Sohn nicht mehr alleine raus. \u201eIch bin 24 Stunden mit ihm eingeschlossen zuhause\u201c, schildert sie ihr aktuelles Leben. Nur Nikolais Vater traue sich, mit ihm etwas zu unternehmen. Sie leben aber getrennt und er arbeitet. <\/p>\n<p>Seit Monaten kreisen die Gedanken der Mutter um die gleichen Fragen: Wird Nikolai in Zukunft noch am Leben teilhaben k\u00f6nnen? Wie sieht ihr eigener Alltag aus, wenn er die Schule verl\u00e4sst? Wie lange wird sie wohl zuhause mit ihm \u201eeingesperrt\u201c sein? <\/p>\n<p>Ende Juli hatte Nikolai seinen letzten Schultag an der Margarete-Steiff-Schule, einem sonderp\u00e4dagogischen Bildungs- und Beratungszentrum in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> mit F\u00f6rderschwerpunkt k\u00f6rperliche und motorische Entwicklung. Er war zwei Jahre l\u00e4nger als \u00fcblich dort. Der Grund: Wegen seiner <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.erwachsener-sohn-mit-behinderung-aus-stuttgart-fuer-immer-kind-auch-mit-schuhgroesse-51.60b36417-874b-48cf-94f6-b74ee643d1bf.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Weglauftendenzen<\/a> fand sich zun\u00e4chst keine Einrichtung der Behindertenhilfe, die ihn aufnehmen wollte. Der \u00dcbergang in den \u201enachschulischen Bereich\u201c gestaltet sich immer wieder holprig f\u00fcr Familien von Kindern mit <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Behinderung\" title=\"Behinderung\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Behinderung<\/a>. Aber Nikolais Fall sticht heraus. <\/p>\n<p>F\u00fcr ihn komme nur der F\u00f6rder- und Betreuungsbereich infrage, wo es vergleichsweise wenig Pl\u00e4tze gebe, so seine Mutter. Er sei zu stark beeintr\u00e4chtigt f\u00fcr eine klassische Behindertenwerkstatt. Auch in der F\u00f6rdergruppe ben\u00f6tige er aber eine Begleitung \u2013 wie zuvor in der Schule. Dort hatte ein Schulbegleiter Nikolai stets im Auge, der sofort den Raum verl\u00e4sst, wenn es ihm zu laut wird.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/1754425332_630_media.media.51675921-c8d3-4e7e-84af-81fa3abbb5d2.original1024.media.jpeg\"\/>     Nikolai liebt Flugzeuge, aber verletzt sich auch an ihnen.    Foto: LG\/Max Kovalenko    <\/p>\n<p>Die Verabschiedungsfeier an der Schule war f\u00fcr Gabriele K. emotional belastend. Mit wem sie auch sprach, alle hatten einen Anschlussplatz f\u00fcrs Kind \u2013 auch Familien, deren Kinder st\u00e4rker beeintr\u00e4chtigt seien als ihr Sohn. Und bei Nikolai? Stand zu dem Zeitpunkt alles wieder auf der Kippe. Zwar hat auch sie mit den Neckartalwerkst\u00e4tten der Caritas endlich eine Einrichtung gefunden, die ihn aufnehmen w\u00fcrde \u2013 aber nat\u00fcrlich nur mit Begleitung. <\/p>\n<p> Integrationshelfer im F\u00f6rder- und Betreuungsbereich werden jedoch kaum bewilligt. \u201eEs ist tats\u00e4chlich eine seltene Ausnahme, dass eine Person in der F\u00f6rdergruppe zus\u00e4tzliche Fachleistungsstunden erh\u00e4lt\u201c, hei\u00dft es dazu auf Anfrage von der Pressestelle der Stadt. Zum Stichtag 30. Juli h\u00e4tten nur vier Personen solche zus\u00e4tzlichen Stunden erhalten, bei denen das Sozialamt Kostentr\u00e4ger war. In der Regel seien die im Pauschalsatz F\u00f6rdergruppe enthaltenen Leistungen ausreichend, so die Auskunft.<\/p>\n<p>Gabriele K. musste lange um die Bewilligung bangen und um den Platz f\u00fcr Nikolai. 150 Stunden im Monat hatte sie im Dezember 2024 f\u00fcr die Begleitung ihres Sohnes beim Sozialamt beantragt. 85 Stunden standen zwischenzeitlich im Raum, wodurch der Platz wieder gef\u00e4hrdet war. 103 individuelle Assistenzstunden sind nun nach Auskunft der Stadt bewilligt worden \u2013 in Abstimmung mit der Caritas. Zuvor hatten sich die st\u00e4dtische Beauftragte f\u00fcr Menschen mit Behinderung und unsere Zeitung eingeschaltet. <\/p>\n<p> Der erste Klient mit permanenter Eins-zu-Eins-Betreuung  <\/p>\n<p>Nikolai kann also Mitte September in einer F\u00f6rdergruppe der Neckartalwerkst\u00e4tten starten \u2013 erstmal auf Probe bis Ende Oktober. Aufgrund des \u201eau\u00dfergew\u00f6hnlich hohen Aufwands\u201c habe das Amt f\u00fcr Soziales in Aussicht gestellt, den Bedarf zeitnah zu \u00fcberpr\u00fcfen, so der zust\u00e4ndige p\u00e4dagogische Leiter bei der Caritas, Eckhard Juwig. Sie hofften, dass \u201edie zeitintensive Begleitung \u2013 und damit die wichtige Entlastung f\u00fcr die Familie\u201c fortgef\u00fchrt werden k\u00f6nne. Nikolai sei der erste Klient der Neckartalwerkst\u00e4tten \u201emit einer permanenten Eins-zu-Eins-Betreuung\u201c. <\/p>\n<p>Gabriele K., die kurz vor dem Zusammenbruch stand, ist nun \u201eein bissle\u201c erleichtert. Sie fragt sich zwar, wie es mit 103 Stunden beziehungsweise knapp f\u00fcnf Stunden am Tag praktisch laufen soll, schlie\u00dflich sei nicht der ganze Tag abgedeckt. Aber sie ist froh, dass Nikolai im September starten kann. \u201eEs geht in die richtige Richtung\u201c, sagt sie. Zumindest eines hat der Kompromiss schon bewirkt: Sie k\u00f6nne nun besser schlafen. Ihr Kollaps ist abgewendet \u2013 vorerst. <\/p>\n<p> Mehr Betroffene, zu wenig Angebote  <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Entwicklung<\/strong><br \/>Die Zahl der Menschen mit einer <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Autismus\" title=\"Autismus\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Autismus<\/a>-Spektrums-St\u00f6rung (ASS) steigt seit Jahren weltweit an. Wie die Ober\u00e4rztin Barbara Ladwig vom Sozialp\u00e4diatrischen Zentrum (SPZ) des Olgahospitals des Klinikums Stuttgart k\u00fcrzlich im Beirat f\u00fcr Menschen mit Behinderung darlegte, h\u00e4tten 1966 nur rund 5,5 von 10 000 Menschen die Diagnose erhalten. 2016 dann einer von 100 und 2024 zwei Prozent. In den USA liege der Wert bei drei Prozent der Achtj\u00e4hrigen.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>R\u00fcckmeldung<\/strong><br \/>Auch in der Behindertenhilfe der Caritas merkt man diese Entwicklung. Die Anzahl junger Menschen mit einer Autismus-Spektrum-St\u00f6rung nehme stark zu, so Juwig. In einer regul\u00e4ren Werkstatt k\u00f6nne man ein bis zwei Personen mit ASS in einer 12-er Gruppe aufnehmen. \u201eDa ist also ein wachsender Bedarf, der im Moment kaum gedeckt werden kann\u201c, berichtet Juwig. Insgesamt n\u00e4hmen psychische Erkrankungen und damit einhergehend herausforderndes Verhalten bei der Zielgruppe \u201edeutlich zu\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es passiert ganz unvermittelt, ohne Vorwarnung. 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