{"id":322070,"date":"2025-08-05T23:14:12","date_gmt":"2025-08-05T23:14:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/322070\/"},"modified":"2025-08-05T23:14:12","modified_gmt":"2025-08-05T23:14:12","slug":"initiative-in-stuttgart-gemeinsam-gegen-einsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/322070\/","title":{"rendered":"Initiative in Stuttgart: Gemeinsam gegen Einsamkeit"},"content":{"rendered":"<p>Nach Jahrzehnten gemeinsamen Lebens ist der Ehemann von Kathrina Bleicher (78) aus Stuttgart-Weilimdorf (*Name auf Wunsch ge\u00e4ndert) im vergangenen Juli gestorben. Sein Tod kam pl\u00f6tzlich, innerhalb von zwei Monaten. Nach einem erf\u00fcllten gemeinsamen Leben blieb eine gro\u00dfe Leere. \u201eIch bin schon in ein Loch gefallen\u201c, sagt Bleicher. \u201eWir haben hier in der Gegend nicht viele Freunde\u201c, sagt Bleicher. Sie seien erst mit Mitte 30 nach S\u00fcddeutschland gezogen.<\/p>\n<p>Und jetzt als Rentnerin falle es ihr schwer, pl\u00f6tzlich neue Kontakte kn\u00fcpfen zu m\u00fcssen. Allein ins Kino oder ins Theater zu gehen, hilft auch oft <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.einsamkeit-unter-jugendlichen-extrem-einsam.c450c453-03b5-49ce-872a-8f76d7b2ab3c.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kaum gegen die Einsamkeit<\/a>. Einige Monate nach dem Tod ihres Mannes st\u00f6\u00dft Kathrina Bleicher im Amtsblatt Weilimdorf auf eine Anzeige f\u00fcr eine neue Initiative: \u201eGemeinsam gegen Einsam\u201c. <\/p>\n<p>Die Gruppe trifft sich auch heute noch regelm\u00e4\u00dfig <\/p>\n<p>Bleicher meldet sich direkt bei dem Organisator Alexander M\u00fcller (76). Er ist Psychologe und hat in seiner Arbeit oft erlebt, dass vor allem Senioren sich schwertun, neue tragf\u00e4hige Kontakte aufzubauen, weil ihnen daf\u00fcr die Strukturen im Alltag fehlen. \u201eIch habe Alexander dann direkt angemailt und mitgemacht\u201c, sagt Bleicher.<\/p>\n<p>\u00dcber mehrere Wochen hat sie die moderierte Gruppe besucht \u2013 einmal die Woche, zehn Menschen. F\u00fcr sie pers\u00f6nlich war die Gruppe ein Gl\u00fccksfall. Seit dem Ende des Projekts haben sie eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe. Mehrmals die Woche unternehmen sie etwas zusammen. Wer ins Theater will oder einen Spielenachmittag veranstaltet, postet einfach, ob noch jemand mit m\u00f6chte. <\/p>\n<p>Die f\u00fcnf Gruppen von M\u00fcller hatten unterschiedliche Schwerpunkte. Bleicher hat sich f\u00fcr den Schwerpunkt Kunst und Kultur entschieden. \u201eIch liebe Theater sehr. Das hat f\u00fcr mich gut gepasst\u201c, sagt sie. Jede Woche h\u00e4tten sie im Kurs ein Programm gehabt, wie verschiedene Spiele, bei denen es darum ging, sich zu \u00f6ffnen. Manchmal h\u00e4tten sie auch K\u00f6rper\u00fcbungen gemacht. \u201eIch habe da wirklich sehr viel f\u00fcr mich mitgenommen\u201c, sagt Kathrina Bleicher. <\/p>\n<p>Einsamkeit entsteht oft auch dadurch, dass Menschen nur oberfl\u00e4chliche Kontakte haben, mit denen sie kaum \u00fcber Probleme und Sorgen sprechen k\u00f6nnen. Sich anderen zu \u00f6ffnen, sich verletzlich zu zeigen, st\u00e4rkt Bindungen. <\/p>\n<p>Menschen brauchen einander, betont auch M\u00fcller. Dies sei ein evolution\u00e4res Erbe aus der Steinzeit, in der N\u00e4he kein Wohlf\u00fchlfaktor allein gewesen sei, sondern Lebensversicherung. Eine Gruppe bedeutete Schutz, Nahrung und \u00dcberleben. \u201eDieses uralte Erbe wirkt bis heute in uns nach. Unser Gehirn denkt in Steinzeit, auch wenn wir l\u00e4ngst Zentralheizung, Netflix und Lieferdienst haben\u201c, so glaubt M\u00fcller. Er ist \u00fcberzeugt davon, dass digitale Beziehungen unser Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he nur unzureichend erf\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>K\u00f6rperliche N\u00e4he setzt zum Beispiel Oxytocin frei, das Stress reduziert, unser Immunsystem st\u00e4rkt und den Blutdruck senkt. Eine Whatsapp-Nachricht habe nicht diesen Effekt. \u201eUnser K\u00f6rper braucht echte Resonanz, geteilte Erlebnisse und k\u00f6rperliche N\u00e4he\u201c, davon ist M\u00fcller \u00fcberzeugt. <\/p>\n<p> Wer einsam ist, hat nicht versagt  <\/p>\n<p>Einsamkeit sei auch kein pers\u00f6nliches Versagen, erg\u00e4nzt M\u00fcller. Dennoch sei das Gef\u00fchl schambehaftet und tabuisiert. Biologisch gesehen, sei es jedoch ein Alarmsignal, ein Zeichen, dass das soziale Netz zu d\u00fcnn ist. <\/p>\n<p>Was M\u00fcller aus der Praxis kennt, best\u00e4tigt auch die Forschung. Die Universit\u00e4t Harvard hat vor einiger Zeit eine viel zitierte Studie ver\u00f6ffentlicht, wonach es vor allem <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.psychische-gesundheit-bei-jugendlichen-junge-menschen-gelten-als-die-einsamste-generation.a61ce9c6-b12c-4ba8-87aa-a35fbafaab49.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verl\u00e4ssliche und enge Beziehungen sind, die unsere Lebenszufriedenheit<\/a> und Gesundheit bis ins hohe Alter garantieren \u2013 nicht etwa viel Geld. <\/p>\n<p>Die Idee zu dem Einsamkeitsprojekt kam Alexander M\u00fcller als er selbst auf der Suche nach Sinn war. Mit Beginn seines Ruhestandes reduzierte er seine Arbeitszeit in seiner psychologischen Praxis in Bad Cannstatt auf einen Tag die Woche. Er sei aber \u201esehr umtriebig\u201c und habe daher nach einem ehrenamtlichen Projekt gesucht. Zeitgleich habe sich sein 94-j\u00e4hriger Nachbar aus Einsamkeit das Leben genommen. <\/p>\n<p>In einer Zeitschrift sei er auf das in Finnland entwickelte Gruppenprojekt \u201eCircle of Friends\u201c gesto\u00dfen. Dies hatten finnische Forscher entwickelt, um \u00e4lteren Menschen zu helfen, neue soziale Bindungen aufzubauen. Das Programm gilt international als eines der wirksamsten Modelle gegen Einsamkeit im Alter. In moderierten Kleingruppen sollen Vertrauen und neue Bindungen entstehen. <\/p>\n<p>M\u00fcller hat unter anderem Forscher in Helsinki angeschrieben und von dort Material bekommen. Danach hat er selbst sein Projekt in Weilimdorf gestartet mit anfangs 30 Personen. Moderatoren begleiten die Gruppen. Inzwischen sind weitere Gruppen gestartet, eine nur f\u00fcr M\u00e4nner. Die ehemalige Berufsschullehrerin Britta Lindner moderiert derzeit eine Gruppe. \u201eIch arbeite gerne mit Menschen und es ist mir wichtig, menschliche Beziehungen zu st\u00e4rken\u201c, sagt Lindner.<\/p>\n<p> Einsamkeit ist auch ein gesellschaftliches Thema  <\/p>\n<p>Einsamkeit ist in den vergangenen Jahren ein gro\u00dfes Thema in der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Gesellschaft\" title=\"Gesellschaft\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gesellschaft<\/a> geworden. In Gro\u00dfbritannien gibt es ein Einsamkeitsministerium, die deutsche Bundesregierung hat eine \u201enationale Strategie\u201c gegen Einsamkeit. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.einsamkeit-im-alter-herr-weingartner-verschenkt-seine-zeit.6f06ca47-70eb-4cf9-9b05-ed449cae98c8.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In vielen St\u00e4dten und Kommunen existieren Projekte, um Menschen zu Begegnungen zu animieren<\/a>. <\/p>\n<p>Politisch steht das Thema seit Jahren auf der Agenda, weil Einsamkeit nicht nur individuelle Folgen hat, sondern auch gesellschaftliche. Die Soziologen Claudia Neu und Berthold Vogt fanden in einer Untersuchung zum Beispiel heraus, dass einsame Menschen sich h\u00e4ufiger aus demokratischen Prozessen zur\u00fcckziehen. Ihnen fehlt das Vertrauen in Institutionen, sie beteiligen sich seltener an Wahlen und sind anf\u00e4lliger f\u00fcr Polarisierung und Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p> Vor allem drei Gruppen sind h\u00e4ufig von Einsamkeit betroffen  <\/p>\n<p>Rund zehn bis 15 Prozent der Menschen f\u00fchlen sich laut Befragungen sehr h\u00e4ufig einsam. Betroffen sind vor allem <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.psychische-gesundheit-bei-jugendlichen-junge-menschen-gelten-als-die-einsamste-generation.a61ce9c6-b12c-4ba8-87aa-a35fbafaab49.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00e4ltere Menschen, Alleinlebende und junge Erwachsene<\/a>. Die 2023 ver\u00f6ffentlichte Studie \u201eExtrem einsam\u201c zeigte, dass junge, einsame Menschen in den letzten Jahren besonders anf\u00e4llig f\u00fcr extreme politische Positionen wurden. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 w\u00e4hlten 18- bis 25-J\u00e4hrige mehrheitlich die AfD oder die Linke.<\/p>\n<p>Diskutiert wird in den vergangenen Jahren auch immer wieder, ob Einsamkeit in modernen Gesellschaften zunimmt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Einsamkeit zum Beispiel als \u201eglobale Epidemie\u201c. Der Forscher Janosch Schobin von der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen hat sich in seinem Buch \u201eZeiten der Einsamkeit\u201c intensiv damit auseinandergesetzt. In seiner Analyse stellt er sechs wissenschaftliche Thesen zur Einsamkeit gegen\u00fcber: Drei deuten auf eine Zunahme hin, drei auf eine m\u00f6gliche Abnahme von Einsamkeitsgef\u00fchlen in der Gesellschaft hin. Die Alterungsthese, die These der verlorenen Gemeinschaft und die politische Entfremdung sprechen daf\u00fcr, dass Menschen k\u00fcnftig einsamer werden. <\/p>\n<p> Traditionelle Bindungen machten viele Menschen einsam  <\/p>\n<p>Doch es gibt auch Argumente daf\u00fcr, dass besonders Emanzipation, Wohlstand und Inklusion Einsamkeit entgegenwirken. \u201eSie reduzieren Armut, mehren den Wohlstand und erm\u00f6glichen eine freiere Entfaltung des Einzelnen\u201c, schreibt Schobin. Die Lockerung traditioneller Bindungen an Familie, Klasse oder Religion schaffe Raum f\u00fcr \u201egewaltfreie, intensive Bindungen, die auf wechselseitiger Zuneigung basieren\u201c.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig sind es Umbruchsituationen, wie ein Umzug, eine Trennung, die Geburt eines Kindes oder eben auch der Tod des Partners, die Einsamkeitsgef\u00fchle hervorrufen. \u201eDas Fatale: Wer sich einsam f\u00fchlt, zieht sich oft noch weiter zur\u00fcck. So entsteht ein Teufelskreis aus Isolation und seelischem Schmerz\u201c, sagt Alexander M\u00fcller.<\/p>\n<p>Kathrin Bleicher betont, dass in ihrer Gruppe die wenigsten unter extremer Einsamkeit gelitten h\u00e4tten. Aber sie seien alle verwitwet. \u201eWir waren nicht die Alten, die zu Hause sind und verkommen\u201c, sagt sie und lacht. Dennoch sei sie es nicht gewohnt gewesen, allein zu leben. Durch die vielen Aktivit\u00e4ten der Gruppe k\u00f6nne sie sich jederzeit bei etwas anschlie\u00dfen \u2013 und f\u00fchle sich seitdem vor Ort sehr aufgehoben.<\/p>\n<p> Projekt in Weilimdorf <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Initiative<\/strong><br \/>Das Projekt \u201eGemeinsam gegen Einsam\u201c in Weilimdorf hat zum Ziel, Menschen \u00fcber 60 zusammenzubringen, die sich einsam f\u00fchlen oder einfach nur neue Kontakte und Freunde finden m\u00f6chten. Anfangs finden die Treffen in moderierten Gruppen statt. Es gibt Gruppen f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen. <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Kontakt <\/strong><br \/>Weitere Informationen gibt es bei dem Organisator Alexander M\u00fcller; E-Mail: info@GemeinsamGegenEinsam.org oder unter der Website www.weilimdorf.de (nay) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach Jahrzehnten gemeinsamen Lebens ist der Ehemann von Kathrina Bleicher (78) aus Stuttgart-Weilimdorf (*Name auf Wunsch ge\u00e4ndert) im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":322071,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,13112,91648,21907,30,1724,88123,13353,1441,91647],"class_list":{"0":"post-322070","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-einsamkeit","12":"tag-extr","13":"tag-extra","14":"tag-germany","15":"tag-gesellschaft","16":"tag-liebes-leben","17":"tag-psychologie","18":"tag-stuttgart","19":"tag-stz-extra"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114978702196202900","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/322070","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=322070"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/322070\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/322071"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=322070"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=322070"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=322070"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}