{"id":322109,"date":"2025-08-05T23:35:16","date_gmt":"2025-08-05T23:35:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/322109\/"},"modified":"2025-08-05T23:35:16","modified_gmt":"2025-08-05T23:35:16","slug":"debuetfilm-milch-ins-feuer-authentisch-weil-die-laien-wissen-was-sie-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/322109\/","title":{"rendered":"Deb\u00fctfilm \u201eMilch ins Feuer\u201c: Authentisch, weil die Laien wissen, was sie spielen"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Er ist wahrlich ein Berg von einem Ochsen. Riesig, massig und rotbraun, scheint sein breiter R\u00fccken die Leinwand zu sprengen. Eine junge B\u00e4uerin striegelt das Tier sorgf\u00e4ltig; wenn sie schlie\u00dflich auf ihm reitet, schwebt sie wie in einer holprigen S\u00e4nfte \u00fcber die gr\u00fcne Wiese. Der \u201eAnton\u201c sei so gro\u00df geworden, erkl\u00e4rt eine Frauenstimme im weichen, hohenlohischen Dialekt dazu, weil er kastriert wurde. Denn \u201eKaschtratione schlie\u00dfe die Wachstumsfuge an de Knoche sp\u00e4dder. Und der wo gre\u00dfer ist, kann mehr schaffe.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">In \u201eMilch ins Feuer\u201c handelt es sich beim \u201eSchaffe\u201c \u2013 wenn man mal vom \u201eAnton\u201c absieht \u2013 fast ausschlie\u00dflich um Frauenarbeit: Justine Bauers Deb\u00fctfilm erz\u00e4hlt vom B\u00e4uerinnenleben dreier T\u00f6chter und deren Mutter (<a href=\"https:\/\/taz.de\/Neuer-Polizeiruf-110-aus-Muenchen\/!6086344\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Johanna Wokalek<\/a>), von Anne, der Tochter des Nachbarn, und von Oma Emma, die Spezialistin im Tomatenz\u00fcchten ist. Eher unter \u201eferner liefen\u201c rangieren der Bauer vom Nachbarhof, der als Protest gegen die hinten und vorn nicht ausreichenden Milchpreise gr\u00fcne Kreuze aufstellt und ein Feuer symboltr\u00e4chtig mit Milch l\u00f6schen l\u00e4sst, und ein Freund (Simon Steinhorst).<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Regisseurin Bauers Bilder (Kamera: Pedro Carncier) sind hochpoetisch, gleichzeitig wirken sie durch die ruhige Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Handelnden fast dokumentarisch. In langen Einstellungen mit satter Tiefe und Farbe, atmosph\u00e4rischen Nahaufnahmen und einer rhythmischen, beobachtenden Montage scheint der Film einen \u201elandwirtschaftlichen\u201c Diskurs zum Thema Gender und Selbstverwirklichung anzubieten: Die Kastration \u2013 des braven Ochsen, sp\u00e4ter kommt eine Tier\u00e4rztin vorbei, kastriert ein Lama und soll auch gleich noch am Kater herumschnippeln, denn vom Preis her machen Lama- oder Katerhoden doch wohl keinen Unterschied \u2013 findet ihr thematisches Pendant in Annes Ank\u00fcndigung, schwanger zu sein, geplant war das nicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">W\u00e4hrend eine Geschichte von ungewollten, darum ertr\u00e4nkten K\u00e4tzchen die Runde macht, und Mutter und Tochter mit ruhigen, ge\u00fcbten Parallelgriffen die Melkmaschinen anwerfen, damit die Milchproduktion der K\u00fche nie versiegt, erkennt man in der b\u00e4uerlichen Umgebung jene Topoi, die das menschliche Miteinander und die Gendergerechtigkeit schon immer beeinflussen: Wenn Fortpflanzung nicht kontrolliert werden kann, ver\u00e4ndert sie das Leben von weiblichen Wesen weit mehr als das von den Erzeugern. Und wenn sie dabei weiterarbeiten m\u00fcssen, sind sie doppelbelastet.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">\u201eMilch ins Feuer\u201c. Regie: Justine Bauer. Mit Karolin Nothacker, Johanna Wokalek u. a. Deutschland 2025, 79 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Dass die Mutter sich f\u00fcr ihre T\u00f6chter etwas anderes w\u00fcnscht als eine Zukunft auf dem Hof, wirkt somit so resigniert wie wohl\u00fcberlegt \u2013 obwohl lebenswichtig, ist Landarbeit schlecht bezahlt und angesehen, dazu anstrengend. Katinka liebt das Bauernleben trotzdem \u2013 vielleicht wird sie zu einer neuen Generation von B\u00e4uerinnen. Ihre schwangere Freundin dagegen \u00fcberlegt, zu drastischen Mitteln zu greifen.<\/p>\n<p>      Das Agieren mit den Tieren gewohnt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Regisseurin Bauers Entscheidung, bis auf Wokalek (und Steinhorst in einer Nebenrolle) Lai\u00aden\u00addar\u00adstel\u00adle\u00adr:in\u00adnen vor die Kamera zu holen, die tats\u00e4chlich von H\u00f6fen aus der Gegend stammen, die die Arbeit und das Agieren mit den Tieren gewohnt sind, gibt dem Film eine seltene Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Der freundlich-lakonische, wie alles andere auch im Dialekt eingesprochene Off-Text tut ein \u00dcbriges: \u201eEin Dialekt \u00e4ndert den Sprachrhythmus\u201c, sagt Schauspielerin Wokalek, die selbst aus dem Badischen kommt, und den Klang des dortigen Idioms tief in ihrer Erinnerung tr\u00e4gt, im Interview, \u201eund dieser andere Rhythmus \u00e4ndert etwas am Atem und der K\u00f6rperlichkeit, er bringt eine neue Farbe mit hinein. Das ist faszinierend.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Wieso diese M\u00f6glichkeit der sch\u00e4rferen Figurenzeichnung durch Dialekte in deutschen Filmen immer noch kaum genutzt wird, kann sie sich nicht erkl\u00e4ren: \u201eAlles in Hochdeutsch zu spielen, kann bestimmte Rollen einengen \u2013 schlie\u00dflich haben wir ja diesen Sprachreichtum.\u201c<\/p>\n<p>      Die Szenen zeugen von Vertrauen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Wokalek erz\u00e4hlt vom Arbeiten mit den Nicht-Schau\u00adspiele\u00adr:in\u00adnen: \u201eEs gibt bei den Frauen eine starke k\u00f6rperliche Pr\u00e4senz \u2013 man sp\u00fcrt, dass das,Schaffe&#8216; deren Realit\u00e4t ist.\u201c Dennoch ist die Beziehung zwischen der Filmmutter und Filmb\u00e4uerin Wokalek und ihren \u201eKindern\u201c glaubhaft \u2013 Regisseurin Bauer tupft zarte Szenen in ihre Geschichte, die von Vertrauen zeugen \u2013 Schwimmen im Fluss, das wacklige Trompetenspiel einer Tochter oder das gegenseitige Haareb\u00fcrsten der M\u00e4dchen, die schlie\u00dflich auch ihrer Mutter einen neuen Zopf verpassen. Jenes geduldige, kontemplative Striegeln, egal ob Ochs, ob Mensch, gewinnt nach einer Weile eine zweite Ebene.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Dass im Nachspann die Namen der Tiere vor denen der menschlichen Dar\u00adstel\u00adle\u00adr:in\u00adnen rollen, ist nur konsequent<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">Fast scheint es das komplexe Verh\u00e4ltnis zur Landwirtschaft selbst zu symbolisieren: Es ist notwendig, redundant und eine Liebkosung. Dass im Nachspann am Ende die Namen der Tiere vor denen der menschlichen Dar\u00adstel\u00adle\u00adr:in\u00adnen rollen, ist somit nur konsequent \u2013 man lebt nicht nur zusammen, sondern voneinander.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"13\">Regisseurin Bauer hat ihr Deb\u00fct, das als Abschlussfilm der Kunsthochschule f\u00fcr Medien in K\u00f6ln entstand, situativ inszeniert: Es gibt zwar eine Dramaturgie und sich vorsichtig zuspitzende Konflikte \u2013 die von den schlechten Preisen betroffene Milchbauerfamilie, die ein Foto f\u00fcr die Hofladen-Joghurtgl\u00e4ser machen soll, erlebt eine private Katastrophe; die T\u00f6chter der B\u00e4uerin m\u00fcssen sich f\u00fcr m\u00f6gliche Lebenswege entscheiden. Doch der Film verzichtet auf eine klassisch-stringente Erz\u00e4hlweise.<\/p>\n<p>      Deb\u00fctfilm frei von Konventionen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Er \u00e4hnelt, zumindest strukturell, damit <a href=\"https:\/\/taz.de\/Cannes-Deutsche-Regisseurin-Mascha-Schilinski-ueberrascht-mit-In-die-Sonne-schauen\/!6088034\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mascha Schilinskis dichtem Zeitenportr\u00e4t \u201eIn die Sonne schauen\u201c<\/a>, das ebenfalls durch den sinnigen Gebrauch von Dialekt auff\u00e4llt und Frauengeschichten verschiedenster Generationen auf einem Vierseithof in der Altmark verwebt. Die nat\u00fcrliche Darstellung l\u00e4sst auch an Joseph Vilsmaiers \u201eHerbstmilch\u201c von 1989 denken, der auf Erinnerungen einer B\u00e4uerin und Autorin beruht.<\/p>\n<p class=\"typo-teaser-text mgt-xsmall\">\nWir w\u00fcrden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,<br \/>\nob Sie dieses Element auch sehen wollen:\n<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Bildschirmfoto-2025-08-05-15-04-44-1.png\" loading=\"lazy\" height=\"998\" type=\"image\/png\"\/><\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"16\">Musikalisch bleibt \u201eMilch ins Feuer\u201c frei von Konventionen: Der sparsame, soundlich runde Score von Cris Derksen spielt mit elektronischen und Streicherkl\u00e4ngen, die nichts von Heimatfilmromantik oder Nostalgie haben. Leichth\u00e4ndig entsteht bei alldem eine Solidarit\u00e4t mit den Belangen von Landwirt:innen. Denn jene grundlegenden, lebensentscheidenden Verbindungen, Geburt und Tod, Bedarf und Nachfrage, Ausbeutung und Freizeit, kennt eh jeder \u2013 ob Bauer oder St\u00e4dterin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Er ist wahrlich ein Berg von einem Ochsen. 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