{"id":322527,"date":"2025-08-06T03:50:12","date_gmt":"2025-08-06T03:50:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/322527\/"},"modified":"2025-08-06T03:50:12","modified_gmt":"2025-08-06T03:50:12","slug":"gertraude-clemenz-kirsch-nimmt-abschied-von-einem-ganz-besonderen-paris-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/322527\/","title":{"rendered":"Gertraude Clemenz-Kirsch nimmt Abschied von einem ganz besonderen Paris \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Von dieser Stadt haben viele getr\u00e4umt. Gerade im Osten, als Paris f\u00fcr die meisten praktisch unerreichbar war. Es war die wahre Stadt der Tr\u00e4ume. Und dieser Traum wurde jedes Mal lebendig, wenn man die gro\u00dfen S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger im Radio h\u00f6rte: Piaf, Becaud, Aznavour. Dann ging die Seele auf Reisen. So ging es auch Gertraude Clemenz, f\u00fcr die der Fall der Mauer die Erf\u00fcllung eines Traums war. Ab da stand Paris jedes Jahr auf ihrem Reiseplan.<\/p>\n<p>Schon 2012 ver\u00f6ffentlichte sie eine gro\u00dfe Liebeserkl\u00e4rung an die Stadt ihrer Tr\u00e4ume: <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2013\/03\/gertraude-clemenz-kirsch-suechtig-nach-paris-47278\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eS\u00fcchtig nach Paris\u201c.<\/a> Aber schon da durfte man beim Lesen bemerken: Es war nicht das Paris der Postkarten und Sehensw\u00fcrdigkeiten, jenes \u00fcberlaufene Paris, in dem alles sich um Eiffelturm und Louvre dr\u00e4ngt, als g\u00e4be es in der franz\u00f6sischen Hauptstadt nichts anderes zu sehen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/fbe403a9ffc14a3a8e2366cf909be7ad.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\"\/><\/p>\n<p>Doch wer im Osten mit der Sehnsucht nach dem Paris der Chansons, der Malerei und der gro\u00dfen Romane aufgewachsen ist, den interessierte etwas v\u00f6llig anderes. Der wollte die Caf\u00e9s sehen, in denen Sartre, de Beauvoir und Vian gesessen hatten. Der wollte die kleinen Cabarets und die gro\u00dfen B\u00fchnen sehen, wo die Guilbert, die Gr\u00e9co, Piaf und B\u00e9ranger aufgetreten waren. Der wollte den Montmartre besteigen und die Orte sehen, wo die Ber\u00fchmten einst lebten und malten und schrieben. Der wollte ins K\u00fcnstlerquartier Montparnasse. Die Orte sehen, an denen der Ruhm dieser Stadt geboren wurde.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach dem Chanson<\/p>\n<p>Und genauso reiste Gertraude Clemenz-Kirsch \u00fcber 30 Jahre lang mit ihrem Mann und ihren Freundinnen jedes Jahr wieder nach Paris, jedes Jahr mit neuen Zielen, neuen Orten, die sie unbedingt sehen wollten. \u201eAuf der Suche nach dem Chanson\u201c, wie eines der Kapitel in diesem Buch betitelt ist. Das ein Buch des Abschieds ist. Denn der Geist ist zwar immer auf Reisen.<\/p>\n<p>Nur der K\u00f6rper macht irgendwann nicht mehr so mit, wenn er die 80 erreicht. Und wenn dann auch noch das kleine Hotel schlie\u00dft, in dem man jahrelang stets gastfreundlich untergekommen war, dann wird es noch schwerer. Dann bleibt noch die Sehnsucht. Und ein Berg von Erinnerungen, Fotos und B\u00fcchern.<\/p>\n<p>Denn die Autorin war nicht nur \u2013 wie sie selbst eingesteht \u2013 eine durchaus hartn\u00e4ckige Reisende, die sich auch in H\u00e4user und Hinterh\u00f6fe schummelte, die normalerweise Besuchern versperrt sind. Sie hat sich auch mit all den Frauen und M\u00e4nnern intensiv besch\u00e4ftigt, die sie in diesem Buch noch einmal auftreten l\u00e4sst. Berge von Memoiren und Biografien hat sie gelesen.<\/p>\n<p>Sich intensiv mit dem Leben der Picasso, Bruant, Villon und Gertrude Stein besch\u00e4ftigt. Das ist der Kosmos, dem man in diesem Abschied von Paris begegnet. Einem Kosmos, dem man noch begegnen kann, weil Paris die Orte ihres Auftretens bewahrt hat. Paris vergisst seine K\u00fcnstler nicht. Anders als etliche deutsche St\u00e4dte, zu denen auch Leipzig geh\u00f6rt. Dieses Klein-Klein-Paris mit seiner n\u00f6rgelnden Vergesslichkeit.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist in Paris alles viel gr\u00f6\u00dfer. Die Stadt hat \u00fcber Jahrhunderte die kl\u00fcgsten und rebellischsten K\u00f6pfe angezogen. Exilanten aller Art. Nicht grundlos bl\u00fchte hier das Chanson, das sich mit einer einzigen Definition nicht fassen l\u00e4sst. Weshalb dieses Buch zur H\u00e4lfte im Grunde eine Reise durch die gro\u00dfe Geschichte des Pariser Chansons ist. Jedes Kapitel verbunden mit einem sehr konkreten Ort in Paris \u2013 manchmal heute noch ein Ort des Gesanges, oft nur noch durch eine Tafel am Haus erkennbar.<\/p>\n<p>Aber so wird auch sichtbar, wie die Stadt sich ver\u00e4nderte, wie auch die Orte wanderten, an denen sich neue Generationen von K\u00fcnstlern heimisch f\u00fchlten. Oder wo sie die Miete noch bezahlen konnten. Denn auch Paris ist eine Stadt, die ihre armen Schlucker verdr\u00e4ngt, wo aus billigen K\u00fcnstlerquartieren teure Eigentumswohnungen werden.<\/p>\n<p>Auch das ein Abschied. Nichts bleibt, wie es war. Und wenn das Geld sich breit macht, verschwinden in der Regel die billigen Absteigen und die verruchten Caf\u00e9s, wenn sie sich nicht \u2013 frisch aufgepeppt \u2013 in Nobelrestaurants f\u00fcr zahlungskr\u00e4ftige Touristen verwandeln.<\/p>\n<p>Das Ged\u00e4chtnis von Paris<\/p>\n<p>Aber letztlich lernt der Leser mit diesem Buch eben doch ein anderes, unverwechselbares Paris kennen, wie es die \u00fcblichen Stadtf\u00fchrer nicht zeigen. Eben das weltber\u00fchmte Paris der Chansons, der Maler und der Autoren, von denen viele auch auf den ber\u00fchmten Pariser Friedh\u00f6fen ihre letzte Ruhest\u00e4tte gefunden haben.<\/p>\n<p>Eine Ruhest\u00e4tte, die nicht bedroht ist von der Einebnung nach 25 Jahren, weil Paris seine Ber\u00fchmtheiten nicht vergessen will. Oder weil es im Rathaus jemanden gibt, der genau nachf\u00fchlen kann, wie sehr sich Menschen in aller Welt w\u00fcnschen, einmal am Grab der Piaf stehen zu k\u00f6nnen, einen Stein auf Gertrude Steins Grab legen zu k\u00f6nnen, Guy de Maupassant, Samuel Beckett oder Susan Sonntag an ihrem Grab zu besuchen.<\/p>\n<p>Voller Dankbarkeit, weil ihre Musik geblieben ist, ihre B\u00fccher, in denen die Zeit bewahrt ist. Und da sich Clemenz-Kirsch intensiv mit der erreichbaren Lekt\u00fcre \u00fcber all die von ihr Besuchten besch\u00e4ftigt hat, entsteht auch ein Geflecht der Beziehungen. Denn nat\u00fcrlich kannten sich die Ber\u00fchmten, bildeten vertraute Zirkel, trafen sich in den ber\u00fchmten Caf\u00e9s.<\/p>\n<p>Auch wenn am Ende doch die pers\u00f6nlichen Schicksale dominieren, Liebe und Verlust. Manchmal aufgehoben in Gedichten, die auch in der DDR in zumeist kongenialen \u00dcbersetzungen erschienen, wenn man an Villon und B\u00e9ranger denkt. Oder in dicken Romanen und Autobiografien. Es war ja nicht so, dass man sie im Osten nicht lesen konnte, was das intellektuelle Leben in Paris bewegte. Sartre und de Beauvoir etwa. Was die Sehnsucht nur zus\u00e4tzlich befeuerte.<\/p>\n<p>Und mit all dem Wissen und der Sehnsucht nach dieser unvergleichlichen Stadt reiste Clemenz-Kirsch immer wieder nach Paris. Und l\u00e4sst, was sie erfahren hat, hier lebendig werden, macht nachvollziehbar, wie man mit ungeb\u00e4ndigter Neugier den Spuren der Menschen folgen kann, die man aus der Ferne geliebt und verehrt hat. Die Faszination der Stadt an der Seine verblasst nicht. So wenig, wie der Zauber des Chansons verblasst oder der Glanz der Autoren, die in diesem Paris neue Wege beschritten, die Welt und das Leben zu beschreiben. Oder kritisch zu betrachten wie Simone de Beauvoir.<\/p>\n<p>Abschied und Einladung<\/p>\n<p>Das Buch ist im Grunde eine Einladung an alle, die Paris so noch nie betrachtet haben, weil es so in touristischen Stadtf\u00fchrern schlicht nicht erscheint. Als einen Ort, wo man ganz real auf den Wegen von Menschen wandeln kann, die das geistige und k\u00fcnstlerische Leben der Welt im 19. und 20. Jahrhundert nachhaltig beinflusst haben. Bereichert sowieso, beschenkt mit dem Zauber des Immer-Unerwarteten.<\/p>\n<p>Nur zu verst\u00e4ndlich, dass Gertraude Clemenz-Kirsch dieser Abschied schwerf\u00e4llt. Diese Art Zauber erlebt man nirgendwo sonst. Und oft ist es gerade so, als w\u00e4ren die so Ber\u00fchmten eben noch da gewesen, gerade um die Ecke verschwunden. Und wer sie noch nicht kennt, weil er da noch viel zu jung war, als ihre Lieder im Radio zu h\u00f6ren waren, der wird mit all diesen lebendig geschilderten Fast-Begegnungen regelrecht neugierig gemacht, sich all die B\u00fccher und CDs zu besorgen, mit denen der Zauber dieses zutiefst musischen Paris immer wieder neu zu entdecken ist.<\/p>\n<p>Von den faszinierenden Menschen, die dieses Paris der Musik und der intellektuellen Begegnungen pr\u00e4gten, ganz zu schweigen.\u00a0Ein Buch als Abschied und Einladung zugleich. Es lohnt sich, auf den Spuren von Gertraude Clemenz-Kirsch durch Paris zu laufen.<\/p>\n<p><strong>Gertraude Clemenz-Kirsch \u201eAu revoir, Paris\u201c<\/strong>, Morio Verlag, Heidelberg 2025, 30 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Von dieser Stadt haben viele getr\u00e4umt. Gerade im Osten, als Paris f\u00fcr die meisten praktisch unerreichbar war. 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