{"id":323839,"date":"2025-08-06T16:03:10","date_gmt":"2025-08-06T16:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/323839\/"},"modified":"2025-08-06T16:03:10","modified_gmt":"2025-08-06T16:03:10","slug":"ein-kritischer-blick-auf-elisabeth-bronfens-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/323839\/","title":{"rendered":"Ein kritischer Blick auf Elisabeth Bronfens Buch."},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Die Idee hat etwas Bestechendes: In den mehr als 30 Dramen, die Shakespeare, der Weltmeister des Theaters, verfasst hat, wiederholen sich Figurenkonstellationen und Handlungsmuster,<a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/Auffuehrungskritik-Neuer-Fallstaff-an-der-Staatsoper-Muenchen-Dann-spielen-wir-eben-Premiere-id58661351.html\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\"> teils als Kom\u00f6die,<\/a> <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/oberammergau-spielt-wieder-theater-in-diesem-jahr-shakespeares-liebespassion-romeo-und-julia-110383851\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">teils als Trag\u00f6die.<\/a> Auf diese Weise beleuchten sich die St\u00fccke auch untereinander. Bieten die Variationen von Motiven, sich wechselseitig kommentierend, m\u00f6glicherweise neue Einblicke? Der Frage geht Elisabeth Bronfen in ihrem Buch \u201eShakespeare und seine seriellen Motive\u201c nach.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Ein erstes Beispiel: Es ist keine Frage, dass einzelne Dinge und Requisiten zu Akteuren auf dem Welttheater Shakespeares werden k\u00f6nnen. Hier geht es um Taschent\u00fccher als Liebespfand (wie im \u201eOthello\u201c) oder als blutgetr\u00e4nkte Erinnerung an einen Mord (in den Historienst\u00fccken), um Juwelen und Briefe, um Ringe &#8211; oder auch abgeschlagene K\u00f6pfe, die in der Tat eine Rolle spielen.\n  <\/p>\n<p>            Zu oft ger\u00e4t Elisabeth Bronfen ins blo\u00dfe Nacherz\u00e4hlen<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Aber in der F\u00fclle und Kurzatmigkeit kleiner Textausschnitte ger\u00e4t Elisabeth Bronfen zu oft ins Nacherz\u00e4hlen und Berichten. Die Komplexit\u00e4t gerade der Kom\u00f6dien mit ihren Verwechslungen und Verkleidungen l\u00e4sst sich nur schwer einholen. Und dass manche Szenen \u2013 aus Shakespeares \u201eSommernachtstraum\u201c oder \u201eCymbeline\u201c \u2013 aus unterschiedlichen Perspektiven mehrfach erz\u00e4hlt werden, tr\u00e4gt eher zur Desorientierung bei. Und dies, obwohl zun\u00e4chst eine sehr anspruchsvolle Terminologie eingef\u00fchrt wird, wenn von \u201eDenkfiguren\u201c und \u201eDenkr\u00e4umen\u201c im Anschluss an Walter Benjamin und Aby Warburg die Rede ist, ohne dass daraus erkennbare Folgerungen gezogen w\u00fcrden, wenn sich die Darstellung dann doch vielfach auf der Motivebene bewegt.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Es gibt in Bronfens Buch aber durchaus erhellende Beobachtungen und Interpretationen, etwa wenn die Schlafwandlerszene der Lady Macbeth im Rahmen von Traumwelten und Geistererscheinungen verhandelt wird. Oder wenn die Verkleidung der Portia als Richter im \u201eKaufmann von Venedig\u201c nicht nur Shakespeares vielfache Praxis des Kleidertauschs illustriert, sondern auch als Auseinandersetzung mit der m\u00e4nnlichen \u00dcbermacht gelesen wird. Ein eigenes Kapitel ist auch der \u201eSouver\u00e4nin\u201c gewidmet, die als weibliche Machthaberin die Verwundbarkeit der M\u00e4nner zeigt.\n  <\/p>\n<p>            Versp\u00fcrte Shakespeare einen \u201eseriellen Drang\u201c?<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Aber einen \u201eWiederholungszwang\u201c oder \u201eVersatzst\u00fccke\u201c anzunehmen, wird dem Raffinement der St\u00fccke nicht gerecht, selbst wenn deutlich erkennbar Spiegelungen zwischen ihnen bestehen. Von einer \u201eseriellen Logik\u201c, gar einem \u201eseriellen Drang\u201c bei Shakespeare zu sprechen, erscheint eher Ausdruck der gewollten Interpretation zu sein denn eine Beobachtung am Werk. Bedarf es wirklich der Beschreibung von \u201eStaffeln\u201c, \u201eEpisoden\u201c und \u201eCliffhangern\u201c, dem angeblichen \u201eSpiel des Recyclings\u201c, gar der These, dass Shakespeare \u201esich selbst rezykliert\u201c, um Parallelen und Analogien der St\u00fccke sichtbar zu machen?\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Bleibt man etwas ratlos, wenn Ophelias Wahnsinn als \u201eAbleben der Vernunft\u201c beschrieben wird, oder warum einmal von einem \u201etransgressiven Beischlaf\u201c die Rede sein soll, so steigert sich das Befremden im Lauf der Lekt\u00fcre erheblich. Freilich, es handelt sich bei der Autorin um eine angesehene, renommierte Expertin, die in Z\u00fcrich und New York Anglistik unterrichtet hat. 2020 hatte sie ein Buch \u201eSerial Shakespeare. An Infinite Variety of Appropriations in American TV Drama\u201c herausgebracht. Das sch\u00f6n gestaltete und hier zu besprechende Buch ist in einem Verlag mit gro\u00dfem Namen erschienen. Aber das Vertrauen der Leser oder Leserinnen wird immer wieder entt\u00e4uscht.\n  <\/p>\n<p>            Shakespeares Figuren werden unterschiedlich geschrieben<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Wie kommt es, dass Shakespeares Verse durchweg in fortlaufende Prosa niedergeb\u00fcgelt werden? Dass ein Lektorat nicht aufpasst, wenn immerhin zwanzig Mal von einem \u201eklandestinen\u201c Vorgang die Rede ist? Oder dass es gar die leider \u00e4rgerlich zahlreichen Verst\u00f6\u00dfe gegen die Rechtschreibung oder die Grammatik nicht ausbessert? Aber auch die Figuren und Orte Shakespeares werden mitunter unterschiedlich (Silvia und Sylvia, Helsing\u00f6r und Elsinor) geschrieben, Verwechslungen sind angesichts der F\u00fclle fast unvermeidbar (Leontes statt Laertes, Viola statt Portia). Auch wenn es der Absicht entspricht, Fragen der Philologie und der Epoche zu vernachl\u00e4ssigen, d\u00fcrfte doch nicht von \u201eTriumvirs\u201c und \u201eTribune\u201c in Rom die Rede sein.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    So bietet das Buch mitunter anregende, mitunter verwirrende Kreuz- und Querlekt\u00fcren Shakespeares; wer sich bei ihm auskennt, mag den werk\u00fcbergreifenden Spiegelungen aufmerksam folgen. F\u00fcr Insider bietet der Anhang mit den Hinweisen zur Forschung weiteres, reiches Material. Aber der unersch\u00f6pfliche Witz und der Abgrund dieses Welttheaters erscheint in diesem Buch eher in einzelnen Blitzen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Elisabeth Bronfen: Shakespeare und seine seriellen Motive. S. Fischer, 398 Seiten, 29 Euro.\n  <\/p>\n<ul data-module-id=\"DragDropModule\" class=\"flex flex-wrap justify-start group-[.no-bookmarks]:hidden\">\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Walter Benjamin<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Richter<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Venedig<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Idee hat etwas Bestechendes: In den mehr als 30 Dramen, die Shakespeare, der Weltmeister des Theaters, verfasst&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":323840,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-323839","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114982669771687323","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=323839"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323839\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/323840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=323839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=323839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=323839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}