{"id":324323,"date":"2025-08-06T20:17:11","date_gmt":"2025-08-06T20:17:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/324323\/"},"modified":"2025-08-06T20:17:11","modified_gmt":"2025-08-06T20:17:11","slug":"5000-jahre-un-gleichheit-im-karpatenbecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/324323\/","title":{"rendered":"5000 Jahre (Un-)Gleichheit im Karpatenbecken"},"content":{"rendered":"<p class=\"text-justify\">Die weltweite Verteilung von Wohlstand ist aktuell Gegenstand kontroverser Diskussionen. Vor diesem Hintergrund untersuchen Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften intensiv, wie soziale Hierarchien in menschlichen Gemeinschaften entstehen und wo diese Prozesse ihre Urspr\u00fcnge haben. Eine bislang weit verbreitete These lautet, dass die Einf\u00fchrung der Landwirtschaft in Europa zu Beginn der Jungsteinzeit vor etwa 8000 Jahren unvermeidlich zu sozial ungleichen Gemeinschaften gef\u00fchrt habe. Die Einf\u00fchrung des Pflugs und die damit einhergehende Vererbung von landwirtschaftlichem Kapital habe diesen Prozess weiter intensiviert.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Jetzt erscheint in der internationalen Fachzeitschrift Science Advances eine Studie, die dieser These am Beispiel des Karpatenbeckens widerspricht. \u201eWir zeigen, dass im Laufe von f\u00fcnftausend Jahren nach der Einf\u00fchrung der Landwirtschaft in S\u00fcdosteuropa die sozialen Ungleichheiten nicht zugenommen haben und dass auch der Einsatz des Pflugs weder das Ausma\u00df noch die Dauerhaftigkeit der Ungleichheiten rapide gef\u00f6rdert hat\u201c, sagt der Erstautor der Studie, der Arch\u00e4ologe Dr. Paul R. Duffy vom Exzellenzcluster ROOTS an der Christian-Albrechts-Universit\u00e4t zu Kiel.<\/p>\n<p>Gute Datenlage zur Urgeschichte des Karpatenbeckens<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Die Studie beruht auf mehreren Jahren Forschung zur Urgeschichte des Karpatenbeckens, die Forschende im ROOTS-Subcluster \u201eROOTS of Inequalities\u201c (Urspr\u00fcnge von Ungleichheiten) zusammen mit Kollegen aus den USA durchgef\u00fchrt haben. Das Karpatenbecken eignet sich f\u00fcr die Fragestellung besonders gut, weil es eine Zwischenstation f\u00fcr die Ausbreitung der fr\u00fchen Landwirtschaft aus dem Nahen Osten \u00fcber Anatolien und den Balkan nach Mitteleuropa darstellt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"text-justify\">\u201eIn den vergangenen Jahrzehnten hat es eine gro\u00dfe Zahl an Ausgrabungen in der Region gegeben. Die reichhaltigen arch\u00e4ologischen Daten machen das Karpatenbecken zus\u00e4tzlich ideal f\u00fcr die Erforschung der Entwicklung sozio\u00f6konomischer Ungleichheiten in der Urgeschichte\u201c, sagt Dr. Duffy.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Als Indikator f\u00fcr Ungleichheit haben die Forschenden unter anderem die arch\u00e4ologisch fassbare Gr\u00f6\u00dfe von H\u00e4usern genutzt. Deren Bau ist kostspielig und sie stellen einen greifbaren, vererbbaren Reichtum dar.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen f\u00fchrten nicht automatisch zu greifbaren Ungleichheiten<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch, dass sich die soziale Ungleichheit gemessen an der Hausgr\u00f6\u00dfe zwischen dem fr\u00fchen Neolithikum und der Bronzezeit nicht wesentlich ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Die Forschenden sammelten auch Daten zu anderen Aspekten pr\u00e4historischer Gesellschaften, darunter die Gr\u00f6\u00dfe der Siedlungen, ihre Dauer und das Ausma\u00df, in dem die Menschen gemeinsam Erdarbeiten und Grabenbauarbeiten durchf\u00fchrten.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Dabei stellten sie fest, dass die Menschen seit kurz nach der Ankunft der Bauern in S\u00fcdosteuropa bis mindestens zum ersten Jahrtausend v. u. Z. Gr\u00e4ben zu Verteidigungs- oder zeremoniellen Zwecken gegraben haben; aber erst in der sp\u00e4ten Bronzezeit um ca. 1400 v. u. Z. nahmen diese massiv an Gr\u00f6\u00dfe zu.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Auch die Dauer der Besiedlung zeigt klare Trends: Fr\u00fchere Siedlungen in der Jungsteinzeit bestanden viel l\u00e4nger als die Mega-Festungen und andere Siedlungen der Bronzezeit.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">\u201eDiese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die F\u00e4higkeit der Gesellschaften, sich f\u00fcr kollektives Handeln zu organisieren, im Laufe der Vorgeschichte zunahm. Die Ver\u00e4nderungen f\u00fchrten jedoch nicht automatisch zu greifbaren Ungleichheiten im materiellen Wohlstand. Erst sp\u00e4tere Gruppen weisen ein gr\u00f6\u00dferes Spektrum an Ungleichheiten auf\u201c, sagt Co-Autor Dr. Fynn Wilkes, derzeit Postdoc im Exzellenzcluster ROOTS.\u00a0<\/p>\n<p>Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Gleichzeitig deuten arch\u00e4ologische Daten wie zum Beispiel die k\u00fcrzere Nutzungsdauer der bronzezeitliche Siedlungen darauf hin, dass die Menschen Siedlungen verlie\u00dfen, in denen sich erste Hierarchien bildeten. \u201eOffenbar konnten sie mit den F\u00fc\u00dfen abstimmen und so die F\u00e4higkeit ambitionierter Anf\u00fchrer untergraben, den fr\u00fchen Gemeinschaften ihren Willen aufzuzwingen\u201c, erkl\u00e4rt Dr. Duffy.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Einen notwendigen Zusammenhang zwischen der Einf\u00fchrung der Landwirtschaft und immer gr\u00f6\u00dferer Ungleichheit zeigen die Daten also nicht. Die Studie best\u00e4tigt so an einem detaillierten regionalen Beispiel fr\u00fchere globale Studien, die ebenfalls den lange postulierten Automatismus zu sozialer Ungleichheit ab der Jungsteinzeit infrage stellen. \u201eWeitere Detailstudien an gut untersuchten Regionen sind sicherlich notwendig, um die Mechanismen, die zu Ungleichheiten f\u00fchren oder diese verhindern, besser zu verstehen\u201c, res\u00fcmiert Dr. Duffy.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die weltweite Verteilung von Wohlstand ist aktuell Gegenstand kontroverser Diskussionen. 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