{"id":324747,"date":"2025-08-07T00:04:17","date_gmt":"2025-08-07T00:04:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/324747\/"},"modified":"2025-08-07T00:04:17","modified_gmt":"2025-08-07T00:04:17","slug":"maria-judite-de-carvalhos-ein-haeuflein-asche-in-der-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/324747\/","title":{"rendered":"Maria Judite de Carvalhos: Ein H\u00e4uflein Asche in der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph\">Dora Ros\u00e1rio lebt nicht im Hier und Jetzt. Sie lebt auch nicht im Gestern; sie lebt im Vorgestern, und wahrscheinlich w\u00e4re ihrer 17-j\u00e4hrigen Tochter Lisa selbst das noch nicht vorsintflutlich genug. Zehn Jahre ist ihr Mann jetzt tot. Eine Krankheit hatte ihn dahingerafft. Das passte, so schlaff und willenlos, so ganz ohne Ehrgeiz und Leidenschaft, wie er war. Da hatte der Tod leichtes Spiel. Er machte Dora Ros\u00e1rio mit Mitte drei\u00dfig zur Witwe. Gewisserma\u00dfen hat auch sie mit dem Tod ihres Mannes ihr Leben beendet. Sie, ihr Mann Duarte und Lisa, nur das allein z\u00e4hlte f\u00fcr Dora Ros\u00e1rio. Alle Menschen um sie herum, das waren die Anderen. &#8222;Die Anderen waren der Feind, von dem nichts Gutes, eher alles Schlechte zu erwarten war&#8220;, so beschreibt es die in Lissabon geborene Schriftstellerin Maria Judite de Carvalho (1921\u20131998) in ihrem <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/belletristik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roman<\/a> Leere Schr\u00e4nke, der nun erstmals ins Deutsche \u00fcbersetzt vorliegt. In Portugal erschien er 1966. Dort hat sich Carvalho als Autorin von Romanen, Kurzgeschichten und Novellen l\u00e4ngst einen Namen gemacht. Die Literaturkritik verglich sie mit Anton Tschechow und Katherine Mansfield. Carvalhos Erz\u00e4hlweise ist nicht nur minimalistisch und von funkelnder Ironie, sie ist sp\u00f6ttisch und scharfsichtig. Es geht auch hier um die gro\u00dfen Emotionen, aber die Autorin blickt auf Liebe, Verzweiflung, Entt\u00e4uschung und Verrat wie eine Pathologin und seziert alles mit ruhiger Hand. Leere Schr\u00e4nke ist das Portr\u00e4t einer Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes zwar als handlungsf\u00e4hig und zupackend erweist, innerlich aber l\u00e4ngst erloschen ist; die vielleicht sogar nie f\u00fcr etwas brannte, am wenigsten f\u00fcr sich selbst. Im Portugal der Sechzigerjahre \u2013 die Salazar-Diktatur n\u00e4hert sich ihrem Ende \u2013 erf\u00fcllt sie alle Vorstellungen eines konventionellen Ehelebens. Sie bewegt sich folgsam an der Seite ihres Mannes und tritt dabei ganz beil\u00e4ufig die kleinen Feuer in ihrem Innern aus. Lodert doch noch einmal Glut auf, wei\u00df Duarte es mit seinen Reden \u00fcber die bestialische Gesellschaft zu ersticken. Er hat es zu nichts gebracht und verbirgt sein Scheitern hinter der Maske des ewig n\u00f6rgelnden und alles durchschauenden Gutmenschen. Dora liebt ihn, widerspricht nicht und verschweigt ihre eigenen Gedanken, um Duarte nicht zu verletzen: &#8222;Er war ein guter Mann, ein unverdorbener Mann, gefeit gegen die Schlechtigkeit und Gier der Welt. Er lie\u00df sich nicht verderben. Und ein wenig verachtete Dora sich selbst f\u00fcr ihre kritischen Gedanken, die sie sogar ihm gegen\u00fcber hegte, weil sie nicht uneingeschr\u00e4nkt an seine Idole glaubte, weil sie seine Heiligkeit nicht noch mehr bewunderte, weil sie mit einem heimlichen L\u00e4cheln das unsichtbare Podest betrachtete, auf das er sich selbst gestellt hatte.&#8220; Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes wirkt sie selbst nur noch wie ein H\u00e4uflein Asche inmitten seiner Devotionalien. Das Leben ohne Duarte ist ihr eine W\u00fcste, die Einsamkeit ihr bester Freund. Mit Ende drei\u00dfig ist sie weder besonders h\u00fcbsch noch besonders h\u00e4sslich. Sie ist etwas viel Schlimmeres: Sie ist unscheinbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dora Ros\u00e1rio lebt nicht im Hier und Jetzt. 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