{"id":324894,"date":"2025-08-07T01:23:16","date_gmt":"2025-08-07T01:23:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/324894\/"},"modified":"2025-08-07T01:23:16","modified_gmt":"2025-08-07T01:23:16","slug":"fotoexperte-christoph-wiesner-das-ist-fuer-mich-der-beweis-dafuer-dass-bilder-etwas-zu-sagen-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/324894\/","title":{"rendered":"Fotoexperte Christoph Wiesner: \u201eDas ist f\u00fcr mich der Beweis daf\u00fcr, dass Bilder etwas zu sagen haben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Als Donald Trump ank\u00fcndigte, unliebsame Fotos aus Regierungsarchiven zu l\u00f6schen, kam Christoph Wiesner auf die Idee, die Widerst\u00e4ndigkeit der Bilder zu feiern. Ein Besuch beim Chef des gr\u00f6\u00dften und wichtigsten Fotofestivals der Welt in Arles.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Streift man an diesen Tagen durch das hei\u00dfe und von Erwartung gleichsam elektrisch aufgeladene Arles, jene s\u00fcdfranz\u00f6sische Kleinstadt, die sich Sommer f\u00fcr Sommer in das Mekka der Fotografie verwandelt, dann kann es passieren, dass man einen Mann auf einem \u00e4lteren Fahrrad durch die Stadt radeln sieht, das Hemd verschwitzt, das blonde Haar leicht licht und ein wenig zerrupft, die Augen blaugrau, der Blick stets freundlich, als bringe ihm nichts aus dem Gleichgewicht.<\/p>\n<p>Tr\u00e4gt der Radfahrer an den F\u00fc\u00dfen blaue Espadrilles, dann handelt es sich mit Sicherheit um Christoph Wiesner, den Chef der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article232513555\/Fotofestival-in-Arles-Wo-die-Schoenheit-weder-weiblich-noch-maennlich-ist.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article232513555\/Fotofestival-in-Arles-Wo-die-Schoenheit-weder-weiblich-noch-maennlich-ist.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rencontres d\u2019Arles<\/a>, des weltweit \u00e4ltesten, gr\u00f6\u00dften und erfolgreichsten Fotofestivals, der von Termin zu Termin jagt.\u00a0<\/p>\n<p>Dieses Jahr kommt sein Festival auf die stolze Zahl von 47 Ausstellungen, verteilt auf die unterschiedlichsten Orte, darunter Kloster, Kirchen, antike Katakomben, Kulturzentren und selbst die oberste Etage eines Kaufhauses ist dabei. An die 4000 Fotos sind zu sehen. Und es werden gef\u00fchlt jedes Jahr mehr.<\/p>\n<p>Die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.rencontres-arles.com\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.rencontres-arles.com\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Rencontres d\u2019Arles<\/a> waren seit Gr\u00fcndung 1970 ein Erfolg, inzwischen ist es ein Event, das sich Fotografinnen aus New York, Werber aus Hamburg, Designer aus Berlin nicht entgehen lassen, ein freudig erwarteter Pflichttermin im Sommerkalender von \u00c4stheten. Allein in der ersten Woche hat das Festival 23.000 Menschen in das abgelegene Arles gezogen, Fotografen, K\u00fcnstler, Journalisten und interessierte Amateure.<\/p>\n<p>Mittendrin steht Wiesner und l\u00e4chelt. Er freut sich \u00fcber den Erfolg. Aber der Erfolg gehe vor allem auf das Konto der \u201eunbelehrbaren Bilder\u201c, das ist der Titel des diesj\u00e4hrigen Festivals. Gemeint sind damit \u201eWerke, die Widerstand leisten und den dominierenden Diskurs infrage stellen\u201c, wie er es formuliert. Auf die Idee kam er, als US-Pr\u00e4sident Donald Trump auf einer Pressekonferenz ank\u00fcndigte, wie er gegen Minderheiten vorzugehen gedenke. <\/p>\n<p>Im Februar kam die Anweisung, aus den Fotos der Regierungsarchive einschlie\u00dflich der des Verteidigungsministeriums alle Inhalte, die mit Trumps gehasster DEI-Dreifaltigkeit \u201ediversity\u201c, \u201eequity\u201c und \u201einclusion\u201c (Diversit\u00e4t, Gleichberechtigung und Inklusion) zu tun haben, zu entfernen. Es hei\u00dft, 26.000 Bilder sollen gel\u00f6scht worden sein, darunter auch versehentlich das des Hiroshima-Atombombers Enola Gay, benannt nach der Mutter des Piloten. Die k\u00fcnstliche Intelligenz (KI) machte bei der Suche nach anst\u00f6\u00dfigen Inhalten im Schlagw\u00f6rterkatalog keinen Unterschied zwischen \u201egay\u201c (schwul) und dem amerikanischen Familiennamen.#<\/p>\n<p>\u201eDas ist f\u00fcr mich der Beweis daf\u00fcr, dass Bilder etwas zu sagen haben. Sie m\u00fcssen Macht haben, wenn sie ausgel\u00f6scht werden sollen. Aber Menschen an amerikanischen Universit\u00e4ten haben sich hingesetzt und Back-ups gemacht. Das zeigt die Widerstandsf\u00e4higkeit von Bildern, aber das Wort Widerstand ist zu stark und in Frankreich besetzt. Unbelehrbar gefiel mir gut\u201c, sagt Wiesner, \u201eweil es zum Nachdenken anregt und R\u00e4tsel aufgibt.\u201c<\/p>\n<p>Wiesner, seit 2020 an der Spitze des Fotofestivals, sticht in der Landschaft der franz\u00f6sischen Kuratoren, Experten, Museums- und Festivalchefs heraus, weil er Deutsch-Franzose ist, oder, wie man in Frankreich sagen w\u00fcrde, \u201efranco-allemand\u201c. Die Reihenfolge z\u00e4hlt in diesem Fall. 15 Jahre hat er in Deutschland verbracht, f\u00fcnf in K\u00f6ln, wo er f\u00fcr die Galeristin Esther Schipper gearbeitet hat, zehn in Berlin im damals neu er\u00f6ffneten Projektraum. Deshalb kann er Deutsch sprechen, mit einem leisen, leicht singendem Akzent, denn aufgewachsen ist er mit dem Franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p>Seine franz\u00f6sische Mutter und sein deutscher Vater lernten sich in der T\u00fcrkei kennen. 1965 kam er in Gem\u00fcnden am Main zur Welt, im unterfr\u00e4nkischen Landkreis Main-Spessart. Als er drei Jahre alt war, beschlossen die Eltern, nach Frankreich zu gehen. Am Anfang fragte Sohn Christoph immer nach \u201eWurscht\u201c, aber die Leute verstanden nicht, was das Kind wollte, erz\u00e4hlte sp\u00e4ter seine franz\u00f6sische Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>Die Kindheit in Frankreich, sagt Wiesner, war eine eher einsame. Er wuchs in Senlis, bei Chantilly auf. \u201eIch war sch\u00fcchtern, ich habe lieber allein gespielt.\u201c Dem Vater haben die franz\u00f6sischen Kollegen das Leben mitunter schwer gemacht und ihn als \u201eboche\u201c bezeichnet, ein Schimpfwort f\u00fcr die Deutschen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag keine 25 Jahre zur\u00fcck, die Ressentiments waren noch nicht von der Zeit verschluckt.<\/p>\n<p>Seine Karriere in der Kunstwelt hat Wiesner einem Streik in seinem Gymnasium zu verdanken. Weil der Unterricht ausfiel, setzte sich der Teenager heimlich mit einem Freund in einen Zug nach Paris. Der Plan war, in ein Museum zu gehen und sich einen Film von Woody Allen anzusehen. \u201eAls ich das Centre Pompidou betrat und vor Henri Matisses Gem\u00e4lde \u201aLuxus, Ruhe und Sinnlichkeit\u2018 stand, wusste ich, dass ich etwas mit Kunst machen will.\u201c <\/p>\n<p>Wiesner studierte Museumskunde an der Pariser \u00c9cole de Louvre. Nach seiner Berliner Zeit folgte ein kurzes Intermezzo in der Galerie von Yvon Lambert in Paris, 2015 wurde er k\u00fcnstlerischer Leiter der Messe Paris Photo, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wurde ihm die Leitung des Festivals von Arles angeboten.<\/p>\n<p>Unter den \u201eunbelehrbaren Bilder\u201c ist alles zu finden: Fotos der First Nations People aus Australien. Die neue Szene Brasiliens. Die sizilianische Fotografin Letizia Battaglia, die mutig den Terror der Mafia dokumentierte. Der Amerikaner Louis Stettner, dessen Arbeit eine Br\u00fccke zwischen der amerikanischen Street Photography und der humanistischen Schule Frankreichs bildete. Das Auge des Modesch\u00f6pfers Yves Saint-Laurent, das des Fotografen, aber auch das des Fotografierten. Faszinierend und ber\u00fchrend ist die \u201eEloge auf die anonyme Fotografie\u201c, die die beiden Galeristen Marion und Philippe Jacquier aus ihrem reichen Fundus zusammengestellt haben.<\/p>\n<p>Das Treffen von Arles hat im Jahr nach der Pandemie 145.000 Besucher angezogen. 2024 waren es 160.000. Dieses Jahr rechnet Wiesner mit noch mehr Andrang. Ob er nicht Angst habe, dass zu viel Erfolg das Festival killt? \u201eDie Frage ist berechtigt\u201c, sagt er bei einem Espresso im kleinen Hof des Festivalgeb\u00e4udes sitzend. Aber er sieht darin eher eine Chance als eine Gefahr. \u201eArles ist eine kleine Stadt, aber die Kulturszene hat sich in den vergangenen Jahren vollkommen ver\u00e4ndert, \u00fcberall sind Stiftungen entstanden, die Stadt ist sehr dynamisch geworden, voller Energie.\u201c<\/p>\n<p>Die Entwicklung war rapide. Nur gut zehn Jahre hat es gedauert, aus einem schl\u00e4frigen 55.000-Einwohner-St\u00e4dtchen, bekannt f\u00fcr seinen Mistral, seine Monumente aus der R\u00f6merzeit, seine Tauromachie und seine legend\u00e4re Armut, einen Magneten der Kulturszene zu machen. Als erstes er\u00f6ffnete 2013 die Fondation van Gogh. Es folgte <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article232138949\/Maja-Hoffmanns-Luma-in-Arles-Der-wahrgewordene-Traum-einer-Milliardaerin.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article232138949\/Maja-Hoffmanns-Luma-in-Arles-Der-wahrgewordene-Traum-einer-Milliardaerin.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Luma, das gro\u00dfz\u00fcgige, leicht gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Projekt<\/a> der Schweizer Kunstm\u00e4zenin Maja Hoffmann, Miterbin des Baseler Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche, die Arles mit einem Bau des amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry und Ausstellungen von Weltklasse einen Platz auf der Landkarte der zeitgen\u00f6ssischen Kunst verschafft hat. 2022 er\u00f6ffnete der koreanische K\u00fcnstler Lee Ufan seine Stiftung in einem Stadtpalast aus dem 16. Jahrhundert, den wiederum der japanische Stararchitekt Tadao Ando behutsam entkernt und in eine Art Kunst-Kloster der Moderne verwandelt hat.<\/p>\n<p>In diesen Tagen erz\u00e4hlte man sich in Arles, dass der franz\u00f6sische K\u00fcnstler Jean-Marc Bustamante, der bis vor zehn Jahren eine Professur an der M\u00fcnchner Akademie der Bildenden K\u00fcnste innehatte, die Kirche Sainte-Croix gekauft hat, aus der er ebenfalls eine Stiftung f\u00fcr Gegenwartskunst machen will. Rachida Dati, die franz\u00f6sische Kulturministerin, hat bei ihrem Besuch auch noch ein Museum f\u00fcr Fotografie angek\u00fcndigt. Die Kulturszene ist so unbelehrbar wie die Bilder: Sie wird langfristig das alte Arles verschlucken. Nur noch Erinnerungen werden \u00fcbrig bleiben. Nur unbelehrbare Bilder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Donald Trump ank\u00fcndigte, unliebsame Fotos aus Regierungsarchiven zu l\u00f6schen, kam Christoph Wiesner auf die Idee, die Widerst\u00e4ndigkeit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":324895,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,2704,5204,29,214,67417,92284,30,33045,1794,42923,215,92285],"class_list":{"0":"post-324894","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-ausstellungen","10":"tag-christoph","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-fotografie-ks","14":"tag-fotokunst-ks","15":"tag-germany","16":"tag-kulturkampf","17":"tag-kunst-und-design","18":"tag-meister-martina","19":"tag-unterhaltung","20":"tag-wiesner"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114984871758409704","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/324894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=324894"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/324894\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/324895"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=324894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=324894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=324894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}