{"id":326503,"date":"2025-08-07T16:12:14","date_gmt":"2025-08-07T16:12:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/326503\/"},"modified":"2025-08-07T16:12:14","modified_gmt":"2025-08-07T16:12:14","slug":"heinz-strunk-kein-geld-kein-glueck-kein-sprit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/326503\/","title":{"rendered":"Heinz Strunk: &#8222;Kein Geld, kein Gl\u00fcck, kein Sprit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Lekt\u00fcre dieses Bandes mit Erz\u00e4hlungen und K\u00fcrzesterz\u00e4hlungen, manche umfassen nur wenige S\u00e4tze, hat eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit dem Besuch einer Pr\u00e4paratensammlung. Keine medizinhistorisch-anatomische Sammlung allerdings gibt es zu betrachten, vielmehr hat Heinz Strunk mit &#8222;Kein Geld, kein Gl\u00fcck, kein Sprit&#8220; ein Kompendium der Einsamen, Hoffnungslosen und Durchschnittlichen geschaffen, die ihre Misere entweder gar nicht erst erkennen oder ihrem Schicksal mal mit Gleichmut, mal mit Verzweiflung begegnen.<\/p>\n<p>Oder auch mit mehr oder minder aggressiver, mitunter l\u00e4ppischer Bosheit. In einer Erz\u00e4hlung von nur etwas mehr als einer halben Seite schildert Strunk, wie im vorweihnachtlichen Einkaufswahnsinn eine Frau an der Supermarktkasse bemerkt \u2013 hinter ihr die nicht enden wollende Schlange anderer Konsumgestresster \u2013, dass sie etwas Entscheidendes vergessen hat, n\u00e4mlich &#8222;ausgerechnet Zitronen, Dreh- und Angelpunkt ihrer Weihnachtsmen\u00fcs (Pasta mit Lachs und Zitronen, Zitronenrisotto, Lammkotelett mit Zitronen-Knoblauch-Marinade)&#8220;.<\/p>\n<p>Dem Nervenzusammenbruch nah gelingt es ihr, in einem unauff\u00e4lligen artistischen Akt, die f\u00fcnf Biozitronen aus dem Einkauf des vor ihr anstehenden Kunden auf ihren Abschnitt des Bands zu bugsieren.<\/p>\n<p>Bei\u00dfende Ironie \u00fcber die Verspanntheiten und die Ellenbogenmentalit\u00e4t des gutb\u00fcrgerlichen Milieus? Wom\u00f6glich. Der Titel der Erz\u00e4hlung, &#8222;Ihr gr\u00f6\u00dfter Coup&#8220;, legt es nah. Zugleich l\u00e4sst der pr\u00e4zise, lakonische Realismus von Strunk offen, ob er das Zitronendilemma nicht einfach nur als das erz\u00e4hlt, was es aus der inneren Logik der Figur heraus ist: ein vorweihnachtlicher Super-GAU, den man von au\u00dfen l\u00e4cherlich finden kann, der es aber aus der Binnenperspektive nicht ist.<\/p>\n<p>              Alltagsberichte aus dem mittelm\u00e4\u00dfigen bis erb\u00e4rmlichen Leben<\/p>\n<p>Dass auf dem Cover die Worte &#8222;Geld, Gl\u00fcck und Sprit&#8220; durchgestrichen sind, also nur ein dreifaches &#8222;Kein&#8220; \u00fcbrig bleibt, ist dabei durchaus programmatisch zu verstehen. In den Erz\u00e4hlungen geht es vor allem um jene, deren Dasein sich auf ganz allt\u00e4gliche, wenig Aufsehen erregende Weise irgendwo auf einer Skala zwischen mittelm\u00e4\u00dfig und erb\u00e4rmlich abspielt und sich durch die Abwesenheit von verzeichnungsw\u00fcrdigen Ausschl\u00e4gen jeglicher Art auszeichnet.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Die einzige Fa\u0308higkeit, u\u0308ber die er verfu\u0308gt, ist, dem Briefkasten anzusehen, ob Post drin ist. Neun von zehn Treffern, er wei\u00df auch nicht, wie er das macht. Aber was soll er damit anfangen?<\/p>\n<p class=\"media-content-box-quote-author\">Heinz Strunk K\u00fcrzestgeschichte &#8222;Sein einziges Talent&#8220; in voller L\u00e4nge<\/p>\n<p>Eine Vignette nat\u00fcrlich vielmehr als eine Erz\u00e4hlung, die illustriert, dass das Drama gerade darin besteht, dass es \u00fcber das Leben dieser Figur nichts Nennenswertes zu erz\u00e4hlen gibt. Oder auch: dass diese Belanglosigkeit das Selbstverst\u00e4ndnis des Mannes \u2013 wie wom\u00f6glich vieler anderer Menschen \u2013 ausmacht, eine Selbstwahrnehmung, die er scheinbar stoisch akzeptiert.<\/p>\n<p>              Suizid wegen eines Dauerschluckaufs<\/p>\n<p>                Dramatischer schon trifft es Sonja \u2013 ja, Heinz Strunk, dem gern attestiert wird, dass er sich vor allem auf m\u00e4nnliche Figuren fokussiere, pr\u00e4sentiert auch Frauen in seiner fatalistischen Sammlung, wenngleich in geringer Anzahl. Wenn man die Erz\u00e4hlungen in statistischer Hinsicht als repr\u00e4sentativ nimmt, kann man nur sagen: ihr Gl\u00fcck. Zumal wenn man an das traurige Schicksal der Frauenfiguren aus Strunks Roman <a title=\"Link auf: Heinz Strunk: &quot;Der goldene Handschuh&quot; - Empathisches Portr\u00e4t eines Erniedrigten\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/heinz-strunk-der-goldene-handschuh-empathisches-portraet-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Der goldene Handschuh&#8220;<\/a> denkt.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Sie hing noch nie besonders am Leben. Aus vielen Gru\u0308nden erscheint es ihr besser, tot als lebendig zu sein. Die Liste ist lang und wird la\u0308nger, je la\u0308nger sie daru\u0308ber nachdenkt: Kein Geld, kein Glu\u0308ck, kein Sprit. Keine Eltern (mehr), kein Mann, keine Kinder. Leider, eigentlich ha\u0308tte sie gerne welche gehabt, aber es hat sich irgendwie nie ergeben, und ku\u0308rzlich hat ihr Reproduktionsorgan den Betrieb eingestellt. <\/p>\n<p>Sonja wird zu allem \u00dcberfluss auch noch von einem hartn\u00e4ckigen, von keinem Hausmittel oder Arzt zu stoppenden Schluckauf heimgesucht, der sie pausenlos und bis zur Ausweglosigkeit maltr\u00e4tiert: &#8222;Die Frequenz der Gluckser, Hitzgi, Schnackerl, Hickeschlicks steigert sich auf qua\u0308lende 30\/min. Nach einem halben Jahr ist Sonja am Ende, ist ihr Zerrei\u00dfpunkt erreicht.&#8220;<\/p>\n<p>Sie fasst deshalb den Beschluss, ihrem ohnehin nicht sonderlich gesch\u00e4tzten Leben ein Ende zu setzen: durch einen Sprung von der Hamburger K\u00f6hlbrandbr\u00fccke, was Heinz Strunk f\u00fcr einen knappen Exkurs nutzt:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Zwischen 1974 und 2009 sind von der K\u00f6hlbrand 83 Menschen in den Tod gesprungen (seit 2009 werden keine Zahlen mehr vero\u0308ffentlicht). Nur zwei Personen haben den Sprung aus fu\u0308nfundfu\u0308nfzig Meter Ho\u0308he u\u0308berlebt, zweihundertzwei Sprungversuche konnten erfolgreich verhindert werden. Auf 4,8 ma\u0308nnliche Selbstto\u0308tungen kommt eine weibliche. Ein Drittel der Suizidenten hinterlie\u00df einen Abschiedsbrief, die Ha\u0308lfte richtete darin perso\u0308nliche Worte an die Hinterbliebenen, nur die wenigsten a\u0308u\u00dferten Bestattungswu\u0308nsche oder machten Angaben zu Erbregelung und Hinterlassenschaft. In den Jahren 1987, 1995, 2000 und 2008 gab es auf der Bru\u0308cke keinen nachweislichen Suizid.<\/p>\n<p>Wer dieses Herunterbrechen individueller Verzweiflung auf Statistik als den Zynismus Strunkscher Fiktion verstehen will, m\u00f6ge sich in den digital zug\u00e4nglichen Hochschulschriften der Hamburger Universit\u00e4t eines Besseren belehren lassen.<\/p>\n<p>Die bitterb\u00f6se und zugleich himmelschreiend traurige Pointe der Erz\u00e4hlung sei an dieser Stelle unbotm\u00e4\u00dfigerweise vorweggenommen. Zwei Wochen hat Sonja sich zur ad\u00e4quaten Vorbereitung auf ihr Vorhaben in einem maximal deprimierenden Hotel einquartiert, dann schafft sie es eines nachts auf die Br\u00fccke. Und pl\u00f6tzlich ist der Schluckauf verschwunden. Was sich f\u00fcr die \u00fcberm\u00e4\u00dfig alkoholisierte Sonja nicht als Erl\u00f6sung, sondern als weitere Entt\u00e4uschung darstellt.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">&#8222;K\u00f6nnen wir Ihnen helfen?&#8220; Die Polizei. Ein Mann, eine Frau. War ja klar. &#8222;Nei, eignlich nich.&#8220; Lall. &#8222;Was hatten Sie denn vor? Sie wissen, dass die Br\u00fccke f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger verboten ist?&#8220; &#8222;Jaja. Kla&#8220;, nuschelt und spr\u00f6tzelt sie. Ihr ist schwindelig, sie schwankt. &#8222;Wie bitte?&#8220; &#8222;Jajaja.&#8220; &#8222;Was hei\u00dft das?&#8220; &#8222;Der Schluckauf is weg, und nu bleib mir gar nichts mehr.&#8220;<\/p>\n<p>              Humor im Angesicht des Horrors der Realit\u00e4t<\/p>\n<p>In der Schilderung des Zitronendiebstahls, in den lakonischen drei S\u00e4tzen \u00fcber den Briefkasten-Propheten wie auch in der Erz\u00e4hlung \u00fcber die schluckaufgeplagte Sonja blitzt zugleich eine der wesentlichen Qualit\u00e4ten Strunks auf: sein humoristisches Verm\u00f6gen, das sich geschickt zwischen Kalauer, b\u00f6ser Ironie und einem Witz bewegt, der angesichts des oftmals kaum ertr\u00e4glichen Horrors der Realit\u00e4t &#8211; etwas pathetisch gesprochen &#8211; zum \u00dcberlebensmodus wird.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr die Frau, die nach einer Sch\u00f6nheitsoperation surrealerweise eine Mohrr\u00fcbe anstelle einer Nase in ihrem Gesicht vorfindet genauso wie f\u00fcr den gut situierten Rentner, der nach einer Phase qu\u00e4lender Langeweile seine Erf\u00fcllung darin glaubt gefunden zu haben, dass er mit gr\u00f6\u00dftem Aufwand und noch gr\u00f6\u00dferer Geste Puppentheater-Auff\u00fchrungen in seinem Wohnzimmer inszeniert \u2013 im Publikum allerdings nur eine Versammlung seiner Haushaltsger\u00e4te.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Heinz Strunk blickt in einer lichten Wohnung ernst in die Kamera\" alt=\"Heinz Strunk blickt in einer lichten Wohnung ernst in die Kamera\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/heinz-strunk-114-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Der Schriftsteller Heinz Strunk in seiner Wohnung im Hamburg\u00a9 picture alliance \/ dpa \/ Christian Charisius<\/p>\n<p>Dieser Humor hat schon Strunks Deb\u00fct &#8222;Fleisch ist mein Gem\u00fcse&#8220; aus dem Jahr 2004 zu einem Publikumserfolg gemacht. \u00dcber Jahre konnte man ihn auch in seiner Kolumne in dem Satiremagazin &#8222;Titanic&#8220; lesen. Und brillant nat\u00fcrlich die anarchischen Albernheiten, die er gemeinsam mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger als Studio Braun produziert.<\/p>\n<p>                Die Combo Studio Braun genauso wie Heinz Strunk als Schriftsteller zollen dabei unverkennbar einem der vielleicht verschrobensten und tragischsten Hamburger K\u00fcnstler Tribut: <a title=\"Link auf: Zum 20. Todestag von Heino Jaeger  - Surrealist des deutschen Humors  \" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/zum-20-todestag-von-heino-jaeger-surrealist-des-deutschen-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heino Jaeger<\/a>, dem Strunks Kompagnon Rocko Schamoni mit <a title=\"Link auf: Rocko Schamoni kommt zum &quot;Buchbesuch&quot; - &quot;Man muss die Worte sagen, die man sich nicht zu sagen traut&quot;\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/rocko-schamoni-kommt-zum-buchbesuch-man-muss-die-worte-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer Jaeger und sein Meister\u201c<\/a> sogar einen Roman gewidmet hat. <\/p>\n<p>Jaeger, Maler und Satiriker, der als Kind die Bombardierung Dresdens miterlebte, an Alkoholsucht und psychischen Zerr\u00fcttungen litt, hat in seinen fiktiven und komplett selbst gesprochenen H\u00f6rst\u00fccken auf sicher einzigarte Weise das von Krieg und Nachkrieg gezeichnete Kleinb\u00fcrgertum verewigt.<\/p>\n<p>                Seit seinem wohl spektakul\u00e4rsten Erfolg, dem Roman &#8222;Der goldene Handschuh&#8220; aus dem Jahr 2016, in dem er dem historischen Frauenm\u00f6rder Fritz Honka und dem von Alkohol und Gewalt durchtr\u00e4nkten St. Pauli der 1970er-Jahre eine schwer ertr\u00e4gliche, aber umso nachdr\u00fccklichere literarische Gestalt gab, gilt der 1962 als Mathias Halfpape geborene Heinz Strunk zudem als Experte f\u00fcr das exzessiv Abgr\u00fcndige und Morbide. Hubert Fichte und <a title=\"Link auf: J\u00f6rg Fauser zum 80. - Taumler, Zaungast, Zeitgenosse\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/joerg-fauser-104.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Fauser<\/a> werden ihm seither als literarischen Vorl\u00e4ufer attestiert.<\/p>\n<p>              Erz\u00e4hlungen aus den Mittellagen der Vergeblichkeit<\/p>\n<p>Nicht ganz neu ist mit Blick auf Strunks in erstaunlicher Dichte erscheinende B\u00fccher, aber dennoch bemerkenswert, dass er in \u201eKein Geld, kein Gl\u00fcck, kein Sprit\u201c eben nicht das ganz gro\u00dfe Elend, sondern vorwiegend die Mittelagen der Vergeblichkeit betrachtet.<\/p>\n<p>Wie im Falle der Bergers, dem Prototyp eines mausgrauen Wirtschaftswunder-Ehepaars, das in Kinder- und Jugendzeiten des Erz\u00e4hlers in der Nachbarschaft vor sich hin lebte:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Frau Berger, aschgraues, wie von Staub bedecktes drahtiges Haar, kein Hals, hatte immer einen Gesichtsausdruck, als w\u00e4re sie lebenslang beleidigt, weil sie irgendwann mal an der Endstation im Zug vergessen wurde. Sie hatte eine Vorliebe f\u00fcr motor\u00f6lbraune R\u00f6cke und Blusen in passenden Farben. Herr Berger trug im Gesch\u00e4ft Anzug und Krawatte, daheim einen gr\u00fcnen Overall (seinerzeit nannte man die noch Blaum\u00e4nner, aber wie klingt denn das: gr\u00fcner Blaumann?). Seinen henkelohrigen, fast kahlen Eierkopf hielt er immer leicht schief, als h\u00e4tte er sich verlegen, verhoben, verrenkt oder eine Fehlstellung der Halswirbels\u00e4ule.<\/p>\n<p>In &#8222;Adolf vs. Adolf&#8220;, so der Titel dieser Erz\u00e4hlung, klingt ausnahmsweise einmal eine kommentierende Tonspur durch, w\u00e4hrend Strunk in der Regel seine Erz\u00e4hlperspektive den Figuren so unmittelbar anpasst, dass eine m\u00f6gliche Wertung nahezu unkenntlich wird. Ein feiner \u2013 wom\u00f6glich sogar latent p\u00e4dagogischer Zug dieser Erz\u00e4hlungen: die H\u00e4me etwa oder \u00dcberlegenheit, die nicht wenige spontan f\u00fcr die eine oder andere Figur empfinden werden, erz\u00e4hlt wohl mehr \u00fcber das Menschenbild der Leserinnen und Leser als \u00fcber das des Autors.<\/p>\n<p>Ausgerechnet den Bergers, diesen beiden bedauernswerten Spie\u00dfb\u00fcrgern, begegnet der Erz\u00e4hler mit ausgesprochener Empathie: &#8222;Sollte ihr Ziel aber tats\u00e4chlich gewesen sein, ganz spurlos zu leben und ganz spurlos zu verschwinden, so ist ihnen das nicht gelungen, da ihnen dieser Text ein \u2013 wenn auch nicht sonderlich monumentales \u2013 Denkmal setzt.&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich spricht hier nicht der Autor, sondern der Erz\u00e4hler. Und nat\u00fcrlich lie\u00dfe sich eine gewisse S\u00fcffisanz unterstellen. Dennoch k\u00f6nnte man diese S\u00e4tze auch als eine Art Credo von Strunks Erz\u00e4hlen nicht nur in \u201eKein Gl\u00fcck, kein Geld, kein Sprit\u201c verstehen: auch der mediokren Tragik Geh\u00f6r zu verschaffen.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich ist dieser Zug lange Zeit deshalb eher \u00fcbersehen worden, weil er im medialen Scheppern der Kunstfigur Heinz Strunk untergegangen ist oder weil man schlichtweg unterstellte, dass neben Musik und Entertainment das Buch nur ein weiterer, einfach zu nutzender Ausspielweg dieses Dauerproduktiven sein konnte.<\/p>\n<p>              Im Literaturbetrieb angekommen<\/p>\n<p>                Die Auszeichnung mit dem \u2013 von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk vergebenen \u2013 <a title=\"Link auf: Wilhelm-Raabe-Preis f\u00fcr Heinz Strunk - &quot;Einen gr\u00f6\u00dferen Pechvogel als den Frauenm\u00f6rder Honka hat es nicht gegeben&quot;\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/wilhelm-raabe-preis-fuer-heinz-strunk-einen-groesseren-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wilhelm-Raabe-Literaturpreis<\/a> f\u00fcr \u201eDer goldene Handschuh\u201c im Jahr 2016 war eine erste, dabei zugleich \u00e4u\u00dferst renommierte Auszeichnung, durch die Strunk den &#8222;ernsthaften&#8220; Literaturbetrieb \u00fcber die Hinterb\u00fchne betreten konnte. In seiner Dankesrede hat Strunk ein paar Koordinaten seines Schreibens angesprochen. Zum einen die oftmals diskutierte Frage nach Sympathie oder Empathie gegen\u00fcber seinen Figuren.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Oft werde ich gefragt, ob ich Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Honkas Taten h\u00e4tte oder ihn irgendwie sympathisch f\u00e4nde. Nat\u00fcrlich nicht. Nach allem, was ich \u00fcber ihn wei\u00df, war er so ziemlich der unsympathischste Mensch, der sich denken l\u00e4sst. Aber das spielt keine Rolle. Es ist die vornehmste Aufgabe eines Autors mit seinen Figuren mitzuf\u00fchlen. Ich m\u00f6chte in diesem Zusammenhang die Gerichtsreporterin Peggy Parnass zitieren: &#8218;Honka, dieses \u00e4rmste aller armen W\u00fcrstchen, hatte auch noch das Pech, zum M\u00f6rder zu werden.&#8216; Das bringt es auf den Punkt. <\/p>\n<p class=\"media-content-box-quote-author\">Aus Heinz Strunks Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis<\/p>\n<p>Sehr wohl ernst nehmen, auch wenn das komische Elemente zu seinem Recht kommt, kann man die wirkungs\u00e4sthetischen Bekenntnisse am Ende seiner Rede.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Zum Schluss m\u00f6chte ich noch eine von vielen Zuschriften verlesen, die ich erhalten habe: &#8218;Hallo, Herr Strunk. Meine Schwiegermutter ist Ur-Hamburgerin, geboren 1939 und aus normalen Verh\u00e4ltnissen. Vor der Lekt\u00fcre hatte sie, wie so viele Menschen aus dieser Generation, ein eindeutiges Bild von Herrn Honka (Monster, eindeutig schuldig, h\u00e4tte man kurzen Prozess machen sollen, etcetera). Als sie uns letzte Woche besuchte, gab sie mir das Buch mit den Worten zur\u00fcck: &#8218;Der Mann ist unschuldig und er kann da nichts daf\u00fcr.&#8216; Ich kenne meine Schwiegermutter schon recht lange und habe sie selten &#8211; Ausrufezeichen! &#8211; ihre Meinung \u00e4ndern sehen, zumal bei einer Meinung, die sie schon seit 40 Jahren hat. Vielen Dank daf\u00fcr.&#8216;<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich sind diese beiden Aspekte in den j\u00fcngeren Romanen Strunks, die sich allzu sehr auf selbstmitleidige M\u00e4nner in der Midlife-Crisis kapriziert haben, ein wenig ins Hintertreffen geraten, nachdem in den ersten B\u00fcchern wiederum die eigene Kindheit und Jugend zum Stoff geworden sind. Vielleicht \u2013 dies einmal in einer Mischung aus These und Wunsch formuliert \u2013 ist Heinz Strunk jetzt mit &#8222;Kein Geld, kein Gl\u00fcck, ein Sprit&#8220; endlich bei seiner Kernkompetenz und seinem eigentlichen Anliegen. Das gilt auch dort, wo er in einzelnen Erz\u00e4hlungen dann doch wieder mit viel Effekt ins Abgr\u00fcndige und Sinistere schaut.<\/p>\n<p>              Shit happens<\/p>\n<p>Das gilt auch dort, wo eine Erz\u00e4hlung nicht vollends \u00fcberzeugt. Etwa in jener, in der sich wiederum ein Ich-Erz\u00e4hler \u2013 der Strunks b\u00fcrgerlichen Vornamen Mathias tr\u00e4gt &#8211; auf den Weg in die eigene Vergangenheit, eine Reihenhaussiedlung in R\u00f6nneburg, Teil des Hamburger Bezirks Harburg, macht. Mathias sucht \u2013 leider, ohne dass seine Motivation besonders \u00fcberzeugend geschildert w\u00fcrde \u2013 nach dem Haus ehemaliger Bekannter seiner Mutter, der Br\u00fcnings. Damals stach es als &#8222;schmuckes&#8220; Anwesen, sogar mit Swimmingpool, aus \u00fcbrigen schmucklosen Einfamilienh\u00e4usern heraus.<\/p>\n<p>Beunruhigt durch merkw\u00fcrdige Ger\u00e4usche aus dem Innern des Hauses der Br\u00fcnings, das er bald gefunden hat, und weil sich an einen fr\u00fcher immer unter dem Briefkasten versteckten Schl\u00fcssel erinnert, gelangt Mathias hinein. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass der Dramaturgie dieser Erz\u00e4hlung einer Brechstangenlogik folgt.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Im Flur schla\u0308gt mir eisige Ka\u0308lte entgegen, gra\u0308sslicher Moder\u00ad und Verwesungsgeruch, Da\u0308mpfe von alter Kotze, ranzigem Fett und Fa\u0308kalien. Seit Ewigkeiten wurde hier keine Heizung mehr aufgedreht, wurde nicht gelu\u0308ftet. Ich werfe einen Blick in die Ku\u0308che. Auf dem Esstisch ein Kanten glasig harter Ka\u0308se, Fleisch, das mit gru\u0308nlich phosphoreszierendem Flaum bedeckt ist. Blaupelzige Flaschen, Kaffeetassen mit Schimmelklu\u0308mpchen.\u00a0<\/p>\n<p>Den Hausherrn findet Mathias anders als der vermoderte Zustand des Hauses erwarten l\u00e4sst, lebendig, wenngleich heftig l\u00e4diert vor, ein Auge zugeschwollen, eine Hand wie gebrochen herunterh\u00e4ngend.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u2018Gibt es hier irgendwo Licht\u2018, frage ich. &#8218;Nein\u2018, sagt Herr Br\u00fcning. &#8218;Schon lange nicht mehr&#8216;, wispert die Frauenstimme. Mit der Handytaschenlampe leuchte ich in die Schw\u00e4rze hinein. In einer Art Drahtverhau hockt Frau Br\u00fcning auf einer Matratze und starrt mich auf aufgerissenen Augen an. Ihr Kopf ist zu gro\u00df f\u00fcr den K\u00f6rper, sie sieht aus wie ein konservierter F\u00f6tus. Die Augen liegen so tief in ihren H\u00f6hlen, als h\u00e4tte sie zwei gro\u00dfe Veilchen.<\/p>\n<p>Ein albtraumgleiches Szenario, das an die Brutalit\u00e4t und Verkommenheit aus dem &#8222;Goldener Handschuh&#8220;-Kosmos erinnert, in dem aber jenseits des Schockeffekts auch Symptomatisches f\u00fcr das Strunksche Schreiben zu stecken scheint.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u2018Es muss doch eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Irrsinn geben.&#8216; &#8218;Nein, keine Erkl\u00e4rung&#8216;, sagt Herr Br\u00fcning. &#8218;Keine Erkl\u00e4rung&#8216;, pflichtet Frau Br\u00fcning ihm bei. &#8218;So und nicht anders&#8216;, sagt Herr Br\u00fcning. &#8218;Geh jetzt mal besser.&#8216; &#8218;Ja, du musst jetzt gehen&#8216;, echot Frau Br\u00fcning, nun wieder ganz mit ihrem Mann vereint. Es ist, wie es ist. &#8218;Aber erst, wenn Sie mir verraten haben, wie es so weit kommen konnte.&#8216; Schweigen. Tiefes Schweigen. Stillschweigen. Tja, denke ich beim Gehen, dumme Frage, sieht man doch: Shit happens.<\/p>\n<p>Shit happens. So lie\u00dfe sich die Heinz Strunks Weltsicht vielleicht recht gut subsumieren. Das kann man nun Fatalismus nennen oder auch Realismus.<\/p>\n<p>Zweifelsohne ein Gewinn aber ist, dass Heinz Strunk sich dem omnipr\u00e4senten Mist mit solcher Hingabe, Unerm\u00fcdlichkeit und literarischer Finesse annimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Lekt\u00fcre dieses Bandes mit Erz\u00e4hlungen und K\u00fcrzesterz\u00e4hlungen, manche umfassen nur wenige S\u00e4tze, hat eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":326504,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,9557,92738,29,214,30,92737,92739,215],"class_list":{"0":"post-326503","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-buchkritik","11":"tag-der-goldene-handschuh","12":"tag-deutschland","13":"tag-entertainment","14":"tag-germany","15":"tag-heinz-strunk","16":"tag-kein-geld-kein-glueck-kein-sprit","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114988367406436471","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/326503","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=326503"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/326503\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/326504"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=326503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=326503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=326503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}