{"id":327246,"date":"2025-08-07T22:48:13","date_gmt":"2025-08-07T22:48:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/327246\/"},"modified":"2025-08-07T22:48:13","modified_gmt":"2025-08-07T22:48:13","slug":"wohnungslose-kinder-ohne-eigenes-bett-16-000-berliner-wohnunglose-unter-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/327246\/","title":{"rendered":"Wohnungslose \u2013 Kinder ohne eigenes Bett: 16.000 Berliner Wohnunglose unter 18"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img309773\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/309773.jpeg\" alt=\"Aussichtslos: Der Blick von jugendlichen Wohnungslosen auf den Berliner Mietmarkt\"\/><\/p>\n<p>Aussichtslos: Der Blick von jugendlichen Wohnungslosen auf den Berliner Mietmarkt<\/p>\n<p>Foto: imago\/Frank Sorge<\/p>\n<p>Mit gerade einmal 17\u2005Jahren ist Alex von zu Hause abgehauen. Er hatte es, wie er im nd-Gespr\u00e4ch schildert, nicht mehr ausgehalten. Zu Hause sei die H\u00f6lle los gewesen, die Schule habe er kaum besucht, er habe sich isoliert gef\u00fchlt. \u00bbIch wurde erniedrigt, niemand war da f\u00fcr mich.\u00ab Dann begann eine weitere schwierige Zeit. Die n\u00e4chste H\u00f6lle quasi. Nur diesmal: auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>24\u2005Jahre sp\u00e4ter ist Alex heute gl\u00fccklicher Vater von zwei Kindern, arbeitet und hat ein ruhigeres Leben. \u00bbDas, was derzeit in Berlin passiert, das ist f\u00fcr mich ein Alarmsignal.\u00ab Es k\u00f6nne nicht sein, dass knapp 15\u2009000 minderj\u00e4hrige <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192672.recht-auf-wohnen-mein-letzter-hungerstreik-ist-noch-nicht-so-lange-her.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192672.recht-auf-wohnen-mein-letzter-hungerstreik-ist-noch-nicht-so-lange-her.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wohnungslose<\/a> in Berlin untergebracht werden m\u00fcssen, weil sie sonst auf den Stra\u00dfen schlafen m\u00fcssten. Dass die Zahl der von den Berliner Beh\u00f6rden untergebrachten wohnungslosen Minderj\u00e4hrigen seit 2020 massiv gestiegen ist, ist laut Alex eine Katastrophe. Er spricht von einer \u00bbPolitik, die ihre Priorit\u00e4ten eindeutig verfehlt\u00ab.<\/p>\n<p>Aus eigener Erfahrung wisse er, dass hinter der Zahl das Leben von Kindern steht, die in einer instabilen Umgebung aufwachsen. Wie Alex sagt, \u00bboft in \u00fcberf\u00fcllten Sammelunterk\u00fcnften, ohne Privatsph\u00e4re, ohne Sicherheit. Diese Bedingungen zerst\u00f6ren nicht nur ihre Gegenwart, sondern pr\u00e4gen ihre Zukunft: schlechtere Bildungschancen, psychische Belastungen, Misstrauen gegen\u00fcber einer Gesellschaft, die sie im Stich gelassen hat.\u00ab<\/p>\n<p>Ende Januar 2025 waren in der Hauptstadt 15\u2009710 Minderj\u00e4hrige, also Personen unter 18\u2005Jahren, in der Obhut der Wohnungsnotfallhilfe. Das hatte j\u00fcngst die Senatsverwaltung f\u00fcr Soziales auf eine Anfrage der Gr\u00fcnen-Fraktion im Abgeordnetenhaus geantwortet. Die Minderj\u00e4hrigen werden also in Obdachlosen- und Notunterk\u00fcnften untergebracht. Die Statistik unterscheidet in diesem Fall nicht, ob die jungen Menschen allein oder mit ihren Familien zusammenleben.<\/p>\n<p>Eine, die sich tagein, tagaus mit wohnungslosen jungen Menschen in Berlin besch\u00e4ftigt, ist Ines Forna\u00e7on. Die P\u00e4dagogin ist Niederlassungsleiterin von \u00bbOff Road Kids\u00ab. Die deutschlandweite Stiftung k\u00fcmmert sich um wohnungslose junge Menschen. \u00bbFamilien, die ihre Wohnung verloren haben oder keine finden, werden folglich untergebracht\u00ab, sagt Forna\u00e7on. Dazu seien die Berliner Bezirke verpflichtet. Sie vermutet viele ukrainische Familien mit ihren Kindern unter den Bed\u00fcrftigen. \u00bbWenn junge M\u00fctter mit ihren Babys und Kleinkindern zu uns kommen, werden diese von uns untergebracht und in betreuten Wohnformen.\u00ab In beiden F\u00e4llen gelten die Betroffenen als wohnungslos.<\/p>\n<p>Aber auch deutschst\u00e4mmige Minderj\u00e4hrige, die nicht unbedingt aus Berlin kommen und die die Anonymit\u00e4t der Metropole anzieht, finden sich in den Zahlen wieder, meint Taylan Kurt von den Gr\u00fcnen. Er sitzt im Abgeordnetenhaus und ist Sprecher seiner Fraktion f\u00fcr Soziales und Armutsbek\u00e4mpfung.<\/p>\n<p>Wie Alex blicken viele Wohnungslose auf ein nicht intaktes Elternhaus zur\u00fcck oder auf eine Jugendhilfe, mit der die Zusammenarbeit endete oder abgebrochen wurde. Dann folgte allzu oft ein Leben auf den Stra\u00dfen Berlins und in Unterk\u00fcnften. \u00bbEs fehlt f\u00fcr diese jungen Menschen klar an ad\u00e4quaten Unterk\u00fcnften, Jugendhilfe wird nicht (mehr) gew\u00e4hrt\u00ab, moniert P\u00e4dagogin Forna\u00e7on von \u00bbOff Road Kids\u00ab.<\/p>\n<p>Der Statistik des Senats zufolge machen die Minderj\u00e4hrigen fast 30\u2005Prozent aller derzeit wohnungslosen und obdachlosen Menschen in Berlin aus. Die meisten wohnungslosen Minderj\u00e4hrigen \u00bbwohnten\u00ab in Einrichtungen in Charlottenburg-Wilmersdorf und Marzahn-Hellersdorf. Gefolgt von Unterk\u00fcnften in den Bezirken Lichtenberg, Mitte, Pankow und Steglitz-Zehlendorf.<\/p>\n<p>Besonders krass und daher alarmierend ist der Anstieg der Zahl der minderj\u00e4hrigen Wohnungslosen innerhalb nur eines Jahres. Im Vergleich zu 2024, als es noch 13\u2009480 wohnungslose Kinder und Jugendliche waren, sind es nur zw\u00f6lf Monate sp\u00e4ter gut 2000 mehr \u2013 das entspricht einem Plus von 16\u2005Prozent. Sie werden zum allergr\u00f6\u00dften Teil nach dem sogenannten Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) untergebracht. Die Unterbringung erfolgt dem Berliner Senat zufolge prim\u00e4r durch dritte Tr\u00e4ger, die f\u00fcr die konkrete Ausf\u00fchrung und Umsetzung von den Bezirks\u00e4mtern beauftragt w\u00fcrden. Dort gebe es, anders als in den Einrichtungen des Landesamtes f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten (LAF), laut der Linke-Abgeordneten Elke Breitenbach, keine verbindlichen Vertragsbestimmungen und Standards.<\/p>\n<p>Die Unterbringung erfolge aber auch in den Einrichtungen des Landesamtes f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten. Aktuell sind laut Sozialverwaltung 12\u2009565 Minderj\u00e4hrige in diesen LAF-Einrichtungen untergebracht. Das betreffe unter anderem Gefl\u00fcchtete, deren Asylverfahren positiv abgeschlossen wurde, teilt der Senat auf nd-Anfrage mit.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>\u00bbWir brauchen die M\u00f6glichkeit, Wohnraum bei Zwangsr\u00e4umungen beschlagnahmen zu k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nTaylan Kurt (Gr\u00fcne)<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00bbStatusgewandelte Fl\u00fcchtlinge werden zu wohnungslosen Menschen nach ASOG, aber bleiben in den Einrichtungen des LAF\u00ab, erkl\u00e4rt Breitenbach, die f\u00fcnf Jahre lang Senatorin f\u00fcr Integration, Arbeit und Soziales war. Grund f\u00fcr diese Ma\u00dfnahme und b\u00fcrokratische Verwirrung: Die Berliner Bezirksbeh\u00f6rden stellen kaum bis keinen freien Wohnraum zur Verf\u00fcgung. Auf dem freien Wohnungsmarkt haben besonders <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192022.obdachlosikgeit-bedrohter-unterschlupf-in-kreuzberg-mehr-als-nur-ein-raum.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192022.obdachlosikgeit-bedrohter-unterschlupf-in-kreuzberg-mehr-als-nur-ein-raum.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">diese vulnerablen Gruppen<\/a> keine Chance. \u00bbAlso verbleiben sie in den LAF-Unterk\u00fcnften\u00ab, so Breitenbach.<\/p>\n<p>\u00bbEs ist kein individuelles, sondern l\u00e4ngst ein strukturelles Problem\u00ab, meint der Gr\u00fcnen-Abgeordnete Kurt. Denn die Zahl wohnungsloser Familien nehme seit Jahren zu und damit zwangsl\u00e4ufig auch die Zahl der betroffenen Kinder. Warum aber besonders in Berlin? \u00bbWeil hier der Wohnungsmarkt f\u00fcr Familien extrem angespannt ist, Mieten explodieren, geraten zunehmend auch Alleinerziehende und Familien in Wohnungslosigkeit\u00ab, erkl\u00e4rt der Gr\u00fcnen-Politiker. \u00c4hnlich \u00e4u\u00dfert sich auch die Sozialverwaltung. Allein, dem Senat fehlt ein tragf\u00e4higes Konzept oder eine Gegenstrategie. Stattdessen wird auf noch ausstehende Studienergebnisse und auf langwierige Abstimmungsprozesse verwiesen.<\/p>\n<p>Alex r\u00fcckt indes die f\u00fcr die extrem angespannte Wohnraumsituation verantwortliche Politik in den Vordergrund: \u00bbJahrzehntelange Fehlentscheidungen in Bau- und Stadtentwicklungspolitik haben Berlin in eine Lage gebracht, in der selbst Durchschnittsverdiener kaum noch eine Wohnung finden.\u00ab Wenn Sozialwohnungen ab-, nicht aufgebaut werden, r\u00e4che sich das \u00bbauf dem R\u00fccken von Kindern\u00ab. Es brauche endlich einen \u00bbechten sozialen Wohnungsbau\u00ab als \u00bbPr\u00e4vention gegen Wohnungslosigkeit und das klare Bekenntnis: Kein Kind schl\u00e4ft in dieser Stadt ohne eigenes Bett.\u00ab<\/p>\n<p>Stattdessen wird es aber wohl noch dramatischer: Die Sozialverwaltung rechnet damit, dass die Zahl der Wohnungslosen bis zum Ende des Jahrzehnts weiter zunimmt und damit auch die Zahl der Minderj\u00e4hrigen. Dann k\u00f6nnte es in Berlin mehr als 86\u2009500 wohnunglose Menschen geben.<\/p>\n<p>Die Abgeordneten Kurt und Breitenbach zeigen sich entt\u00e4uscht angesichts des \u00bbmangelnden politischen Willens\u00ab der aktuellen Regierung. \u00bbEs fehlt ein konsequenter Ausbau von Hilfsangeboten\u00ab, sagt Kurt. Stattdessen werde im sozialen Bereich weiter gek\u00fcrzt. Das schr\u00e4nkt den Handlungsspielraum f\u00fcr die Verwaltung ein. \u00bbEs wird die dringend ben\u00f6tigte Ausweitung von Housing-First-Projekten und 24\/7-Einrichtungen nicht weiter forciert\u00ab, kritisiert Taylan Kurt. Konkret fordert er: \u00bbWir brauchen die rechtliche M\u00f6glichkeit, Wohnraum <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1188790.mietenwahnsinn-raeumungsmetropole-berlin.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1188790.mietenwahnsinn-raeumungsmetropole-berlin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bei Zwangsr\u00e4umungen<\/a>, die vulnerable Gruppen betreffen \u2013 wie Haushalte mit Kindern \u2013, durch den Staat beschlagnahmen zu k\u00f6nnen, wenn es keine ad\u00e4quaten Ersatzwohnungen f\u00fcr Betroffene gibt.\u00ab Auch m\u00fcssten gesetzliche Hilfen ausgebaut werden, um Personen mit multiplen sozialen Problemlagen ganzheitlich unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Elke Breitenbach ist ver\u00e4rgert, dass die aktuelle Regierung nicht an den Projekten aus der Legislaturperiode festgehalten hat, in der Die Linke mit Breitenbach noch mitregieren durfte. Die ASOG-Unterk\u00fcnfte seien oft in \u00bberb\u00e4rmlichem Zustand\u00ab, m\u00fcssten dringend und rasch umgebaut werden zu Wohnraum- und Appartement-Strukturen. \u00bbDas ist durchaus m\u00f6glich und schaffe mehr Privatsph\u00e4re f\u00fcr die Menschen, die dort leben.\u00ab Kurz: Es brauche Wohnraum statt Schlafpl\u00e4tze. Alex, der fr\u00fchere Obdachlose, findet das richtig. \u00bbWohnungs- und Obdachlose d\u00fcrften nicht noch mehr stigmatisiert werden.\u00ab<\/p>\n<p>Immerhin soll dieses Jahr noch die \u00bbgesamtst\u00e4dtische Steuerung der Unterbringung\u00ab (GStU) erfolgen. Dahinter verbirgt sich ein Mechanismus, der die Unterbringung wohnungsloser Menschen koordinieren und \u00bbbestehende Kapazit\u00e4ten\u00ab, wie es die Sozialverwaltung nennt, effizienter nutzen soll. Dadurch soll der bisherige Flickenteppich der Wohnungslosenunterbringung der einzelnen Bezirke ersetzt werden. Taylan Kurt begr\u00fc\u00dft diesen ersten Schritt. Auch er ist sich aber sicher: \u00bbEs wird das Problem nicht an der Wurzel l\u00f6sen.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Aussichtslos: Der Blick von jugendlichen Wohnungslosen auf den Berliner Mietmarkt Foto: imago\/Frank Sorge Mit gerade einmal 17\u2005Jahren ist&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":327247,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,1680,296,1937,29,5249,30,1940,1938,11891,1463],"class_list":{"0":"post-327246","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-asylpolitik","11":"tag-berlin","12":"tag-berlin-news","13":"tag-deutschland","14":"tag-fluechtlinge","15":"tag-germany","16":"tag-nachrichten-aus-berlin","17":"tag-news-aus-berlin","18":"tag-obdachlosigkeit","19":"tag-wohnen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114989924700335696","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/327246","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=327246"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/327246\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/327247"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=327246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=327246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=327246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}