{"id":327688,"date":"2025-08-08T03:04:09","date_gmt":"2025-08-08T03:04:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/327688\/"},"modified":"2025-08-08T03:04:09","modified_gmt":"2025-08-08T03:04:09","slug":"neues-buch-zwischen-kitsch-und-historienroman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/327688\/","title":{"rendered":"Neues Buch zwischen Kitsch und Historienroman"},"content":{"rendered":"<p>Die argentinische Schriftstellerin Isabel Allende hat seit ihrem wohl ber\u00fchmtesten Roman, &#8222;Das Geisterhaus&#8220;, der 1982 erschienen ist, selbstbewusste Frauenfiguren in den Mittelpunkt ihrer Geschichten ger\u00fcckt. Bei ihrem aktuellen Buch zeugt sogar der Titel von dem unbedingten Willen, sich einen Platz in der Welt klar zu sichern: &#8222;Mein Name ist Emilia del Valle.&#8220; Die 83-j\u00e4hrige Allende erweist damit dem &#8222;Geisterhaus&#8220; zugleich eine kleine Referenz, denn die Familie, um deren Geschichte sich ihr Klassiker dreht, hei\u00dft ebenfalls del Valle.<\/p>\n<p>Ansonsten haben beide Werke nicht viel gemeinsam, leider, muss man anf\u00fcgen. Isabel Allende verkn\u00fcpft die Emanzipationsgeschichte ihrer Titelheldin mit der ausschweifenden Schilderung des chilenischen B\u00fcrgerkriegs Ende des 19. Jahrhunderts. Emilia wird 1866 als uneheliche Tochter einer ehemaligen irischen Nonne, Molly Walsh im Einwandererviertel San Franciscos geboren, hier wird sie auch aufwachsen. Allende l\u00e4sst Emilia \u00fcberwiegend in der Ich-Form von sich erz\u00e4hlen, manchmal wechselt sie kurz die Perspektive und \u00fcbrigens auch die Zeitform: Vielleicht ist nicht allem zu trauen, was Emilia so erz\u00e4hlt, vielleicht strickt diese an ihrem eigenen Mythos.<\/p>\n<p>Emilia w\u00e4chst zwar in Armut, aber doch irgendwie immer auf der Sonnenseite des Lebens auf. Ihr leiblicher Vater ist ein reicher Chilene, der ihre Mutter verf\u00fchrt und dann gleich verlassen hat. Molly Walsh heiratet einen gutm\u00fctigen Lehrer, den Emilia &#8222;Papo&#8220; nennt und der sie verg\u00f6ttert. Schon bald schreibt die wissensdurstige und lesehungrige junge Frau unter m\u00e4nnlichem Pseudonym erfolgreich Groschenromane und bald darauf sogar als Reporterin f\u00fcr die Zeitung &#8222;Examiner&#8220;. &#8222;Papo&#8220; unterst\u00fctzt das, ihre Mutter dagegen f\u00e4nde eine Heirat der Tochter angemessener. Doch Emilia setzt sich durch, und zwar erstaunlich geschmeidig. Nur manchmal blitzt auf, dass sie es als Frau ungleich schwerer haben k\u00f6nnte als die M\u00e4nner ihrer Zeit. Das ist eine Schwachstelle des Romans: Die Titelheldin, die \u00fcbrigens auch der freien Liebe fr\u00f6nt, als sei das im 19. Jahrhundert kein gro\u00dfes gesellschaftliches Tabu gewesen, wirkt \u00fcber weite Strecken eher wie eine Frau des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Kitschige Liebesgeschichte<\/p>\n<p>Der &#8222;Examiner&#8220; schickt Emilia del Valle als Kriegsberichterstatterin nach Chile, gemeinsam mit dem politischen Korrespondenten Eric Whelan, in den sie sich, man ahnt es schon, verliebt. Diese Liebesgeschichte ist mit derart viel Kitsch aufgeladen, dass man sich angesichts der Autorin verwundert die Augen reibt \u2013 das kann Isabel Allende eigentlich besser. Allende hat all ihr erz\u00e4hlerisches K\u00f6nnen offenkundig darauf verwandt, die Schrecken des B\u00fcrgerkriegs zu schildern. Emilia wirft sich mit viel Idealismus in die Schlachten zwischen der Regierung und den Aufst\u00e4ndischen, die viele liberale Reformen wieder zur\u00fcckdrehen wollen.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr erinnert der gl\u00fccklose Pr\u00e4sident Balmaceda an Salvador Allende, Chiles sozialistischen Pr\u00e4sidenten, 1973 ermordet von den Putschisten der Milit\u00e4rjunta unter Augusto Pinochet mit (mindestens) der Duldung der USA. Isabel Allende ist mit ihm verwandt. Diese Schilderungen der sinnlosen Grausamkeiten eines Bruderkriegs packen und r\u00fchren einen an, hier hat das Buch seine st\u00e4rksten und am besten durchkomponierten Szenen und die wahrhaftigsten Figuren zu bieten, auch wenn die politischen Hintergr\u00fcnde etwas nebul\u00f6s bleiben. Zum Schluss verliert sich &#8222;Mein Name ist Emilia del Valle&#8220; dann in einer esoterisch verkl\u00e4rten Selbstfindung der Hauptfigur, die sich von den Schrecken des Kriegs gemeinsam mit einer treuen H\u00fcndin in einer mystisch verkl\u00e4rten Natur zu heilen versucht.<\/p>\n<p>                Info<\/p>\n<p>Isabel Allende: Mein Name ist Emilia del Valle. A. d. Span. v. Svenja Becker. Suhrkamp Berlin. 359 Seiten, 28 \u20ac. <\/p>\n<p>                        <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/\" id=\"home\" class=\"button primary-primary font-size-15_1 m-0a customEvent\" data-layer-event-name=\"customEvent\" data-layer-trigger=\"click\" data-layer-category=\"artikelscoring\" data-layer-action=\"startseite_button\" data-layer-label=\"doc81teio6sq9g17igyu14x\" data-layer-value=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/kultur\/literatur\/1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die argentinische Schriftstellerin Isabel Allende hat seit ihrem wohl ber\u00fchmtesten Roman, &#8222;Das Geisterhaus&#8220;, der 1982 erschienen ist, selbstbewusste&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":327689,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-327688","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114990931334461655","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/327688","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=327688"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/327688\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/327689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=327688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=327688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=327688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}