{"id":328424,"date":"2025-08-08T09:51:17","date_gmt":"2025-08-08T09:51:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/328424\/"},"modified":"2025-08-08T09:51:17","modified_gmt":"2025-08-08T09:51:17","slug":"frankfurt-warum-die-kinderbuecher-vom-mabuse-verlag-anders-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/328424\/","title":{"rendered":"Frankfurt: Warum die Kinderb\u00fccher vom Mabuse-Verlag anders sind"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Als sie einzogen, pfiff der Wind durch das Holz des geschwungenen Daches. Der Mix aus Form und Material sah und sieht gut aus, bis heute, aber dem Wetter drau\u00dfen hielt er seinerzeit nicht stand. Die Mitarbeiter h\u00fcllten sich in warme Jacken und standen den ersten Winter am neuen Ort durch, bis am frisch errichteten Geb\u00e4ude im neuen Jahr nachgebessert werden konnte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Er hat schon einiges durchgestanden, der Frankfurter Mabuse-Verlag, der in diesem Jahr mit dem Hessischen Verlagspreis ausgezeichnet worden ist. \u201eEs ist eine gro\u00dfe Ehre\u201c, sagt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hermann L\u00f6ffler: \u201eUnd die f\u00fcnf Ziffern auf dem Konto sind auch nicht schlecht.\u201c Die 20.000 Euro Preisgeld b\u00f6ten Hilfe bei vielen Projekten. Zwar \u00fcberfalle jetzt niemand Buchhandlungen und fordere dort die Herausgabe von Mabuse-Titeln, aber die vom Land mit der Auszeichnung intendierte Aufmerksamkeit sei durchaus zu sp\u00fcren, in der Verlags- und der Gesundheitsszene.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Lektorin Jana Puppala und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hermann L\u00f6ffler im Archivraum des Mabuse-Verlags.\" height=\"2000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/lektorin-jana-puppala-und.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Lektorin Jana Puppala und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hermann L\u00f6ffler im Archivraum des Mabuse-Verlags.Jannis Schubert<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Sie interessiert L\u00f6ffler und seine Kollegen im f\u00fcnften Stock des \u00d6kohauses am Westbahnhof st\u00e4rker als andere Verlagsh\u00e4user. Denn das Unternehmen, das aus der Arbeit an der Zeitschrift \u201eDr. med. Mabuse\u201c hervorging, die seit 1976 von kritischen Medizinstudenten herausgegeben wurde, ist bis heute ein \u201eVerlag f\u00fcr alle Gesundheitsthemen\u201c, wie es auf der Internetseite hei\u00dft.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eEs war eine Zeit des Aufbruchs\u201c, sagt L\u00f6ffler, der in Frankfurt von Anfang an mit dabei war: \u201eWir wollten als Medizinstudenten \u00fcber den eigenen Tellerrand gucken.\u201c Gesundheitspolitik, Medizin in der dritten Welt, ihr Missbrauch unter der Herrschaft der Nationalsozialisten \u2013 das waren Themen, die damals viele junge \u00c4rzte und \u00c4rztinnen, Schwestern und Pfleger interessierten, schon bald auch an anderen Orten, von M\u00fcnster bis Freiburg. Sie alle lasen, schrieben und edierten mit. Mitte der Achtzigerjahre lag die Zeitschrift in den H\u00e4nden von rund 250 Mitarbeitern: \u201eMan traf sich viermal im Jahr, unter den Artikeln standen keine Namen, es war alles das Mabuse-Kollektiv.\u201c<\/p>\n<p>Wie der Arzt zum Verleger wurde<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Dann zerfiel das Modell, weil die ersten Kollegen berufst\u00e4tig wurden und Familien gr\u00fcndeten. Die Redaktion wechselte von Ort zu Ort, L\u00f6ffler in Frankfurt war Arzt, \u00fcbernahm aber mehrfach f\u00fcr bestimmte Zeit die Leitung. \u201eIrgendwann wollte es niemand mehr machen. Dann habe ich gesagt, ich mache es noch Mal f\u00fcr ein Jahr. Jetzt ist es etwas l\u00e4nger geworden.\u201c 49 Jahre sind es jetzt f\u00fcr ihn, alles in allem.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Heute arbeiten, zum Teil aus dem Home-Office in Bremen und Pisa, acht Personen f\u00fcr den Verlag. Zu ihnen geh\u00f6rt Jana Puppala, die seit 2017 mit dabei ist und das Programm inzwischen inhaltlich pr\u00e4gt. Die Germanistin aus Herborn studierte in Gie\u00dfen und kam \u00fcber Praktika und Volontariate zum Verlagswesen und in das Team. \u201eIch habe immer im Blick: F\u00fcllt es im Programm eine L\u00fccke? W\u00fcrde ich es selbst mit meinem kleinen Sohn gerne lesen?\u201c Manche B\u00fccher nimmt sie mit nach Hause und l\u00e4sst ihn testen.<\/p>\n<p>Kinder werden einbezogen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf \u00e4hnlichem Weg kam das Buch in den Verlag, mit dem 2006 alles begann. Schirin Homeiers \u201eSonnige Traurigtage\u201c erkl\u00e4rt Kindern die psychische Erkrankung ihrer Eltern. Von anderen Verlagen war es zuvor abgelehnt worden, auch von Mabuse. Aber L\u00f6ffler hatte zwei Jahre in der Landespsychiatrie in Riedstadt-Goddelau gearbeitet und erinnerte sich daran, wie man sich dort mit Patienten viel M\u00fche gab und ihr gesamtes soziales Umfeld abklapperte, um sie aufzufangen: \u201eAber die Kinder wurden nicht mitbedacht.\u201c Er zeigte das Buch seiner Frau. \u201eSie sagte, du musst das machen, wir beziehen die Kinder jetzt mit ein.\u201c Derzeit verkauft sich das Buch in der achten Auflage.<\/p>\n<p>Medizinische Dissertationen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">So entstand aus einem Zufall eine der S\u00e4ulen der heutigen Verlagst\u00e4tigkeit. An die Gr\u00fcndung des Verlages hatte zu Beginn der Arbeit an der Zeitschrift allerdings auch niemand gedacht. Dann wurden pl\u00f6tzlich erste B\u00fccher gedruckt, medizinische Dissertationen von Autoren der Zeitschrift, Diplomarbeiten von Krankenschwestern. So entstand nach und nach der Verlag. Er machte das K\u00fcmmern um den Vertrieb der eigenen B\u00fccher erforderlich, woraus schon bald eine Versandbuchhandlung wurde, die es bis heute gibt, vor allem f\u00fcr Schulen, Bibliotheken und Institutionen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">1985 zog Mabuse in ein Geb\u00e4ude an der Mainzer Landstra\u00dfe, in dem sich rund um den Kommunistischen Bund Westdeutschlands zahlreiche linke Initiativen niedergelassen hatten. Dann hatte die Commerzbank Interesse am Haus. \u201eViele wollten nicht weichen\u201c, sagt L\u00f6ffler. \u201eWir haben uns wohlgef\u00fchlt, es hatte alten Backstein-Charme.\u201c 1991 zogen die meisten von ihnen trotzdem an den Westbahnhof, wo die Bank den Initiativen \u00fcber eine Immobilientochter das \u00d6kohaus errichtet hatte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Stabil: Viele M\u00f6bel und Regal in den Verlagsb\u00fcros hat Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hermann L\u00f6ffler selbst gebaut.\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/stabil-viele-moebel-und-regal.jpg\" width=\"2000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Stabil: Viele M\u00f6bel und Regal in den Verlagsb\u00fcros hat Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hermann L\u00f6ffler selbst gebaut.Jannis Schubert<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Viele der Regale in den B\u00fcros hat L\u00f6ffler selbst gebaut. Sein Vater war Schreiner, eine seiner S\u00e4gen liegt beim Sohn im Verlag nach wie vor im Regal. An einer Wand h\u00e4ngt unter Glas die Titelseite der ersten Nummer der Zeitschrift, die am 10. Dezember 1976 erschien. \u201eHerausgegeben von der Fachschaftsvertretung Medizin der Uniklinik\u201c hei\u00dft es unter dem Seitenkopf. In der Zeichnung darunter, \u00fcbernommen aus einem alten Comic oder einer Buchillustration, sagt ein Arzt mit Hilfe einer eigens hinzugef\u00fcgten Sprechblase zu seinem Gegen\u00fcber: \u201eLieber Kollege, in unserem Beruf ist das Wichtigste, sich nicht anmerken zu lassen, dass wir oft keine Ahnung haben.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Hat L\u00f6ffler, der 1951 in Weinheim zur Welt kam, jemals bedauert, das Arztsein f\u00fcr den Verlag aufgegeben zu haben? \u201eNein.\u201c Auch nicht, als er Ende 2024 die Zeitschrift verkaufen musste. \u201eWir wollten sie einstellen\u201c, sagt er. Zu wenig Personal, sinkende Abo-Zahlen \u2013 Probleme gro\u00dfer Teile der Zeitschriftenbranche. Zum Abschied gab es im Dezember 2024 eine besonders umfangreiche Ausgabe und ein Abschiedsfest in der Stalburg im Nordend. Dann meldete sich der Verleger Andreas Lauterbach, der Pflege-Zeitschriften herausgibt, und \u00fcbernahm die Zeitschrift, die sein berufliches Leben begleitet hatte. Nun erscheint \u201eDr. med. Mabuse\u201c bei hpsmedia in Hungen bei Gie\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Aus Altem wird Neues. \u201eDas Interesse hat sich verlagert\u201c, sagt L\u00f6ffler. Bewahren will er sich lediglich sein Interesse an kritischer Offenheit. Mit ihr hat der Verlag einst schlie\u00dflich begonnen. Er bedauert deswegen die in Gesellschaft und Buchbranche vorherrschende Wohlanst\u00e4ndigkeit. Begriffe wie Zivilgesellschaft, Demokratie und Diversit\u00e4t k\u00f6nne man immer wieder aufs Neue wiederholen und sich \u201eam abgrenzenden Lagerfeuer gegen das B\u00f6se w\u00e4rmen\u201c, hat er in seiner Dankesrede zur \u00dcberreichung des Hessischen Verlagspreises im Wiesbadener Literaturhaus gesagt. Auf ihn wirkten sie zunehmend wie hohle Floskeln: \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass wir endlich ins Freie treten und den selbstgerechten, elit\u00e4ren und hypermoralischen Elfenbeinturm verlassen. Offene Debatten ohne Tabus sind anstrengend und hinterfragen immer wieder Gewissheiten und auch biographische Fundamente.\u201c Sie n\u00fctzten aber der Gesellschaft im Allgemeinen und auch dem B\u00f6rsenverein.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Bis heute gibt es bei Mabuse Erwachsenentitel. Sie richten sich an Altenpfleger und Hebammen, kreisen um Psychotherapie, Schwangerschaft und Demenzerkrankungen, Ern\u00e4hrung und Medizingeschichte. Auch die Kinderfachb\u00fccher decken alles M\u00f6gliche ab, von Multipler Sklerose \u00fcber Behinderungen und Suizid bis zu Diabetes. Am erfolgreichsten ist derzeit \u201eIst das okay?\u201c, ein Buch zur Pr\u00e4vention sexualisierter Gewalt von der Schweizer Autorin Agota Lavoyer und der Illustratorin Anna-Lina Balke, das 2022 erschien. Bislang hat es sich gut 25.000 Mal verkauft. Zur Freude L\u00f6fflers und des Verlags. Auf dass es f\u00fcr die Kinder ein Ende habe mit Unsicherheit, Angst und Unwissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als sie einzogen, pfiff der Wind durch das Holz des geschwungenen Daches. 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