{"id":329279,"date":"2025-08-08T17:27:12","date_gmt":"2025-08-08T17:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/329279\/"},"modified":"2025-08-08T17:27:12","modified_gmt":"2025-08-08T17:27:12","slug":"wfp-sieht-neue-stufe-des-grauens-die-menschen-essen-drei-vier-tage-lang-gar-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/329279\/","title":{"rendered":"WFP sieht neue Stufe des Grauens: &#8222;Die Menschen essen drei, vier Tage lang gar nichts&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Zahlen der Hungernden in Gaza sind alarmierend, aber manche trauen ihnen nicht, denn teils sind es Zahlen der Hamas. Was sagt UN-World Food Programme (WFP) zur Lage vor Ort? Martin Frick, Deutschland-Chef des WFP, erkl\u00e4rt, was die Hilfe derzeit behindert und was er tun w\u00fcrde, um die Pl\u00fcnderung der Hilfsg\u00fcter zu verhindern. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Frick, das UN World Food Programme (WFP) ist f\u00fcr die Menschen in Gaza eine der gr\u00f6\u00dften und damit wichtigsten Quellen f\u00fcr Nahrung. Israels Premier Benjamin Netanjahu sagt: &#8222;In Gaza gibt es keine Hungersnot.&#8220; Was sagen Sie?<\/b><\/p>\n<p>Martin Frick: Hungersnot erkl\u00e4rt man nicht einfach so. F\u00fcr die Feststellung dieser schlimmsten Form von Hunger m\u00fcssen enge Kriterien erf\u00fcllt sein. Mit Blick auf Hungersnot stellt eine unabh\u00e4ngige Expertenkommission fest, ob sie erreicht sind &#8211; das ist die Integrated Food Security Phase Classification &#8211; abgek\u00fcrzt IPC. Man braucht daf\u00fcr verl\u00e4ssliche Zahlen zu Todesopfern. Wie viele Menschen sind tats\u00e4chlich an Hunger gestorben? Das l\u00e4sst sich derzeit nicht verl\u00e4sslich feststellen. Das ist allerdings nur einer von drei Schwellenwerten, die erreicht sein m\u00fcssen, Die anderen zwei &#8211; Nahrungsmittelknappheit und Unterern\u00e4hrung bei Kindern &#8211; sind in Teilen des Gazastreifens bereits \u00fcberschritten, daf\u00fcr liegen verl\u00e4ssliche Daten vor. Schaut man sich aber an, was in Gaza derzeit passiert, dann ist die Lage sehr klar.<\/p>\n<p><b>Wie stellt sie sich dar aus Sicht des WFP?<\/b><\/p>\n<p>Vor dem 7. Oktober 2023, also vor Beginn des Krieges, war Gaza bereits hilfsbed\u00fcrftig. Der K\u00fcstenstreifen ist klein und sehr dicht besiedelt. 2,1 Millionen Menschen k\u00f6nnen sich dort nicht selbst versorgen. Zwei Dritteln der Bev\u00f6lkerung fehlte es schon an ausreichender Nahrung, da hatte der Krieg noch gar nicht angefangen. WFP hat damals t\u00e4glich 500 LKW mit Hilfsg\u00fctern \u00fcber die Grenze gebracht. Dann kam der \u00dcberfall der Hamas. Am 27. Oktober startete die Bodenoffensive &#8211; Menschen mussten aus ihren H\u00e4usern fliehen, suchten Schutz in anderen Gebieten, dann wurden auch diese Gebiete evakuiert, in Gaza herrschte Chaos. Schon im M\u00e4rz 2024, also vor anderthalb Jahren, hat das IPC festgestellt, dass die gesamte Bev\u00f6lkerung hungert, davon ca. 500.000 kurz vor der Hungersnot. <\/p>\n<p><b>Konnten Sie in der Phase, also w\u00e4hrend der israelischen Offensive, noch Hilfsg\u00fcter nach Gaza bringen?<\/b><\/p>\n<p>Wir hatten noch Nahrung in den Lagerh\u00e4usern, die erstmal verteilt werden konnte. Transporte von au\u00dfen fanden auch statt, aber unter widrigsten Bedingungen. Nicht nur muss die Fracht jedes LKWs hinter der Grenze komplett abgeladen, kontrolliert und auf andere LKW umgeladen werden. Danach m\u00fcssen die Lastwagen durch das Kampfgebiet fahren zu den Zonen, in die die Menschen geflohen sind. Die Lagerh\u00e4user wurden im Krieg schwer besch\u00e4digt, Infrastruktur gibt es kaum. Als dann Anfang des Jahres die Waffenruhe begann, haben wir rund um die Uhr gearbeitet, hunderte zus\u00e4tzliche Verteilpunkte eingerichtet, 600-700 LKW t\u00e4glich \u00fcber die Grenze geschickt, bis sich die Lage stabilisiert hatte.<\/p>\n<p><b>Dann kam Israels Totalblockade.<\/b><\/p>\n<p>Von Mitte M\u00e4rz bis Ende Mai war der Gazastreifen komplett abgeriegelt. Kein einziger Transporter konnte die Grenze \u00fcberqueren. Unser Verteilsystem musste sukzessive eingestellt werden: Lagerh\u00e4user konnten wegen anhaltender Kampfhandlungen nicht mehr genutzt werden. B\u00e4ckereien, die wir beliefert hatten, hatten weder Mehl noch Brennstoff. Suppenk\u00fcchen mussten zuletzt geschlossen werden. Wir hatten nichts mehr.<\/p>\n<p><b>Und jetzt?<\/b><\/p>\n<p>Seit dem 21. Mai l\u00e4sst Israel wieder Hilfsg\u00fcter durch, aber nicht im erforderlichen Umfang. Das Umladen und Kontrollieren der Fracht durch israelische Beh\u00f6rden dauert manchmal zwei Tage, weil Genehmigungen nur schleppend erteilt werden. Dann f\u00e4hrt der Transporter los, durch das Kriegsgebiet mit Milit\u00e4rpr\u00e4senz. Auf der Karte ist alles, was rot eingef\u00e4rbt ist, entweder unter Evakuierungsbefehl oder aktive Kampfzone.<\/p>\n<p>Nicht selten werden Lastwagen von verzweifelten und hungrigen Menschen gest\u00fcrmt und entladen.<\/p>\n<p><b>Die israelische Seite behauptet, das sei die Hamas. Was sagen Sie?<\/b><\/p>\n<p>Was unsere Teams vor Ort sehen sind verzweifelte Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Familie, ihre Kinder ern\u00e4hren sollen, die oft tagelang nichts gegessen haben. Der Hunger in Gaza hat eine neue Stufe des Grauens erreicht. Offiziere der israelischen Armee haben \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, dass es keine systematische Abzweigung von Hilfslieferungen des WFP gibt.<\/p>\n<p><b>Zum Teil wird das Essen auf dem Schwarzmarkt zu Mondpreisen verkauft. Was k\u00f6nnen Sie tun gegen die Pl\u00fcnderungen? M\u00fcssten die LKW von der israelischen Armee gesch\u00fctzt werden?<\/b><\/p>\n<p>WFP macht Nothilfe seit 60 Jahren. Egal, wo wir in der Welt aktiv sind &#8211; wir sind unbewaffnet. Was uns sch\u00fctzt, sind die Humanit\u00e4ren Prinzipien. Die Leute wissen, wir sind unparteiisch und k\u00fcmmern uns um die Schw\u00e4chsten. In der Regel k\u00f6nnen wir so unsere Arbeit machen.<\/p>\n<p><b>Aber in Gaza funktioniert das derzeit nicht. Im Internet zeigen Filme, wie bewaffnete Pl\u00fcnderer mit Lastern voller Hilfsg\u00fcter durch die Gegend brettern. Viele Menschen klagen, dass nichts bei ihnen ankommt. Aber auf dem Markt: Ein Kilo Mehl f\u00fcr 23 Euro.<\/b><\/p>\n<p>Wir haben \u00fcber zwei Millionen Menschen, die akut hungern. Dass Menschen losst\u00fcrmen bei allem, was nach Nahrung aussieht, ist doch verst\u00e4ndlich. W\u00e4hrend der Waffenruhe war das nicht der Fall. Wir haben unsere Verteilpunkte erreicht und konnten systematisch den Schw\u00e4chsten helfen &#8211; den Kindern, Alten, Schwangeren, Menschen mit Behinderung und den Kranken. Diese Pipeline muss wieder aufgebaut werden; daf\u00fcr brauchen wir eine gro\u00dfe Menge Hilfsg\u00fcter und Regelm\u00e4\u00dfigkeit. WFP hat 170.000 Tonnen Nahrung au\u00dferhalb des Gazastreifens bereitstehen &#8211; wir k\u00f6nnten die Bev\u00f6lkerung Gazas aus dem Stand zwei Monate lang versorgen. <\/p>\n<p><b>Die israelischen Beh\u00f6rden m\u00fcssen Sie nur reinlassen?<\/b><\/p>\n<p>Wir brauchen gr\u00fcnes Licht, dass diese Hilfstransporte rollen d\u00fcrfen. Eine Luftbr\u00fccke ist dabei keine dauerhafte L\u00f6sung, Luftabw\u00fcrfe sind 34-mal teurer als der Landweg, mit deutlich weniger Kapazit\u00e4t, und wenn Menschen in Richtung der Fallschirme rennen, werden landende Paletten zur Gefahr. Wir brauchen ein Minimum von 100 Lastwagen pro Tag auf dem Landweg in den Gazastreifen. Diese Menge wird sofort ben\u00f6tigt, um die enorme Menge an Nahrungsmitteln reinzubringen, die n\u00f6tig ist, um eine Hungersnot abzuwenden. Wir wollen keine Pr\u00e4senz bewaffneter Kr\u00e4fte entlang der Konvoistrecke oder an Verteilpunkten. Wir brauchen einen Waffenstillstand.<\/p>\n<p><b>Dann w\u00fcrden die Pl\u00fcnderungen Ihrer Einsch\u00e4tzung nach aufh\u00f6ren?<\/b><\/p>\n<p>Das kennen wir aus vielen Konflikten. Wenn die \u00f6ffentliche Ordnung komplett zusammengebrochen ist, werden Schwarzm\u00e4rkte Teil der sogenannten &#8222;Kriegs\u00f6konomie&#8220;. So ist es jetzt auch in Gaza. Wenn aber verl\u00e4ssliche Hilfe kommt in ausreichender Menge, dann beruhigen sich die Menschen, dann wird geordnete Verteilung wieder m\u00f6glich und dann beruhigt sich auch der Markt.<\/p>\n<p><b>Das Gebiet, den Markt quasi &#8222;fluten&#8220; mit Essen?<\/b><\/p>\n<p>Vielleicht ist das das richtige Wort. Wir reden von einem Gebiet, das seit zwei Jahren nonstop unter Artilleriefeuer und Bombardement steht. Da steht kein Stein mehr auf dem anderen. Wir haben Menschen in Gaza, die essen drei, vier Tage lang gar nichts. Die haben noch ein paar trockene Nudeln, irgendwie zerm\u00f6rsert und mit Wasser zu einer Pampe ger\u00fchrt, und das kriegen die Kinder. Menschenleben stehen auf dem Spiel, wenn nicht mehr Hilfe kommt.<\/p>\n<p><b>Was macht Hunger mit dem K\u00f6rper eines Kindes?<\/b><\/p>\n<p>In Gaza ist die gesamte Altersgruppe von Kindern unter f\u00fcnf Jahren mangelern\u00e4hrt. Das ist folgenreich, denn das bedeutet nicht nur, dass diese Kinder wochenlang Hunger leiden m\u00fcssen. Selbst wenn sie \u00fcberleben, ist damit noch lange nicht alles wieder gut. Das kann bedeuten, dass sie ein Leben lang behindert sind. Weil sich ihr K\u00f6rper in einem entscheidenden Moment nicht so entwickeln konnte, wie es h\u00e4tte sein m\u00fcssen. Wir bringen darum speziell f\u00fcr Kleinkinder, stillende M\u00fctter und Schwangere Hochenergie-Nahrung. Die ist extra mit speziellen N\u00e4hrstoffen angereichert damit das Schlimmste verhindert wird. Aber daf\u00fcr m\u00fcssen wir zu ihnen durchkommen.<\/p>\n<p>Mit Martin Frick sprach Frauke Niemeyer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Zahlen der Hungernden in Gaza sind alarmierend, aber manche trauen ihnen nicht, denn teils sind es Zahlen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":329280,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1834],"tags":[499,3364,29,3688,738,30,1589,48237,412,1209,928,16,12018],"class_list":{"0":"post-329279","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-essen","8":"tag-benjamin-netanjahu","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-essen","12":"tag-gazastreifen","13":"tag-germany","14":"tag-humanitaere-hilfe","15":"tag-hungerkatastrophen","16":"tag-israel-krieg","17":"tag-nordrhein-westfalen","18":"tag-palaestinenser","19":"tag-politik","20":"tag-vereinte-nationen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114994324655750500","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=329279"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329279\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/329280"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=329279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=329279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=329279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}