{"id":329972,"date":"2025-08-08T23:56:13","date_gmt":"2025-08-08T23:56:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/329972\/"},"modified":"2025-08-08T23:56:13","modified_gmt":"2025-08-08T23:56:13","slug":"europas-niedergang-erfuellt-sich-oswald-spenglers-prophezeiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/329972\/","title":{"rendered":"Europas Niedergang: Erf\u00fcllt sich Oswald Spenglers Prophezeiung?"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/e8acfc298a2e8125.jpeg\"  width=\"1280\" height=\"720\"  alt=\"SM-6-Rakete vor Erdkugel mit rostigem Europa\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<ol class=\"pre-akwa-toc__list\">\n<li class=\"pre-akwa-toc__item&#10;                      pre-akwa-toc__item--current \">\n<p>                  Europas Niedergang: Erf\u00fcllt sich Oswald Spenglers Prophezeiung?<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"pre-akwa-toc__item&#10;                      \">\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Europas-Niedergang-Erfuellt-sich-Oswald-Spenglers-Prophezeiung-10514574.html?seite=2\" class=\"pre-akwa-toc__link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>                  Literatur<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<\/li>\n<li class=\"pre-akwa-toc__item pre-akwa-toc__item--onepage\">\n              <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Europas-Niedergang-Erfuellt-sich-Oswald-Spenglers-Prophezeiung-10514574.html?seite=all\" rel=\"nofollow noopener\" class=\"pre-akwa-toc__link\" target=\"_blank\"><br \/>\n                Auf einer Seite lesen<br \/>\n              <\/a>\n            <\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Europa steckt in der Krise. Stagnation, Spannungen und Aufr\u00fcstung pr\u00e4gen den Kontinent. Steht gar der Untergang des Abendlandes bevor?<\/p>\n<p>Die gesamteurop\u00e4ische Sicherheitslage hat sich verschlechtert. Eine neue Raketenkrise in Europa zeichnet sich ab. Ob es dem westlichen und dem \u00f6stlichen Teil Europas gelingen wird, eine weitere Eskalation zu vermeiden und erneut eine Stabilisierung der Beziehungen zu erreichen, ist offen. Dahinter steht die Frage, ob jetzt der historische Niedergang eintritt, den Oswald Spengler mit seinem &#8222;Untergang des Abendlandes&#8220; vorhergesagt hatte.<\/p>\n<p>Europa ist seit Jahrhunderten eine Quelle der Entwicklung, Innovation, des technologischen Fortschritts und zugleich der Eroberung und Zerst\u00f6rung. Seit dem Zeitalter der Entdeckungen erkundeten die Europ\u00e4er neue R\u00e4ume in der Welt, eroberten und unterwarfen sie. Zugleich k\u00e4mpften sie st\u00e4ndig untereinander um Einflusssph\u00e4ren und Kolonien. Die europ\u00e4ischen Imperien machten die Welt f\u00fcr lange Zeit eurozentrisch und teilten sie schlie\u00dflich Ende des 19. Jahrhunderts gr\u00f6\u00dftenteils unter sich auf.<\/p>\n<p>Ausgangslage<\/p>\n<p>Nach den Napoleonischen Kriegen erreichte das Russische Reich den H\u00f6hepunkt seiner Macht und erstreckte sich von der Ostsee und dem Schwarzen Meer bis zum Pazifik. Nach dem Wiener Kongress von 1814\/15 bildete sich ein &#8222;Konzert der M\u00e4chte&#8220;, und selbst der Krimkrieg der neuen westeurop\u00e4ischen Koalition gegen Russland von 1853 bis 1856 konnte das zwischen den europ\u00e4ischen Imperien entstandene Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis schlie\u00dflich nicht zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mit Beginn des 20. Jahrhunderts trat Europa in die Belle \u00c9poque ein. Viele blickten optimistisch in die Zukunft; man glaubte, das neue Jahrhundert werde eine Zeit des Wohlstands und des Friedens sein. Doch ausgerechnet in Europa brach der Erste Weltkrieg aus. Gegen Kriegsende verfasste der bedeutende deutsche Gelehrte Oswald Spengler den ersten Band seines Werkes &#8222;Der Untergang des Abendlandes&#8220;. Spengler hatte recht darin, dass Europas imperiale Bl\u00fctezeit der Vergangenheit angeh\u00f6rte. Doch der Niedergang blieb aus. Die Alte Welt \u00fcberlebte und beanspruchte weiterhin<\/p>\n<p>eine beherrschende Stellung in Weltpolitik und -wirtschaft, angepasst an die wachsenden Ambitionen der USA und Japans. Die internationale Gemeinschaft versuchte, eine Schutzvorrichtung vor k\u00fcnftigen Kriegen zu schaffen \u2013 dazu wurde der V\u00f6lkerbund gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Russland, das unglaubliche Pr\u00fcfungen durchgemacht hatte, bewahrte nach der Oktoberrevolution nicht nur seine Staatlichkeit, sondern begann sogar, sein imperiales Erbe wiederherzustellen, und erlangte in den 1930er Jahren seinen Status als gesamteurop\u00e4isches Machtzentrum zur\u00fcck.<\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Portr\u00e4t Alexei A. Gromyko\" height=\"289\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg' width='696px' height='391px' viewBox='0 0 696 391'%3E%3Crect x='0' y='0' width='696' height='391' fill='%23f2f2f2'%3E%3C\/rect%3E%3C\/svg%3E\" style=\"aspect-ratio: 222 \/ 289; object-fit: cover;\" width=\"222\"\/><\/p>\n<p>Alexei A. Gromyko<\/p>\n<p> Doch als wollte sich Europa von der Richtigkeit von Spenglers Diagnose \u00fcberzeugen, verwandelte es sich in das Epizentrum eines noch schrecklicheren Blutvergie\u00dfens. Die Initiativen der UdSSR zur Schaffung eines kollektiven Sicherheitssystems wurden weder von Frankreich noch von Gro\u00dfbritannien unterst\u00fctzt. Der Zweite Weltkrieg bleibt Beispiel f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften milit\u00e4rischen Konflikt der Menschheitsgeschichte, f\u00fchrte schlie\u00dflich zum ersten Einsatz von Atomwaffen, zur Zerst\u00f6rung der japanischen St\u00e4dte Hiroshima und Nagasaki durch die USA im August 1945.<\/p>\n<p>Dank der Bem\u00fchungen der Anti-Hitler-Koalition wurde der Feind besiegt, der &#8222;Geist der Elbe&#8220; (Zusammentreffen sowjetischer und US-amerikanischer Truppen am 25. April 1945 an der Elbe. Red.) triumphierte vor\u00fcbergehend, und in den Vereinigten Staaten setzte sich der &#8222;Roosevelt-Kurs&#8220; durch (Gromyko 2020).<\/p>\n<p>Unter F\u00fchrung der &#8222;Gro\u00dfen Drei&#8220; wurden die UNO und das Gesamtsystem der internationalen Beziehungen von Jalta und Potsdam geschaffen. Europa erlebte erstmals seit dem 19. Jahrhundert einen neuen Aufstieg. Im Osten und in den Tiefen Nordeurasiens erlangte die Sowjetunion, die das Erbe europ\u00e4ischer und \u00f6stlicher Zivilisationen in sich trug, den Status einer den Vereinigten Staaten ebenb\u00fcrtigen Supermacht. Frankreich und Gro\u00dfbritannien wurden als Vertreter Europas st\u00e4ndige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates und sp\u00e4ter Atomm\u00e4chte.<\/p>\n<p>Nach dem Kalten Krieg<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Kalten Krieges war Europa zwischen West und Ost geteilt, doch die Arbeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs lief auf Hochtouren. Die UdSSR wurde anerkannte Weltraummacht, startete 1957 den ersten k\u00fcnstlichen Satelliten und schickte 1961 den ersten Menschen ins All. In den 1970er Jahren erreichte Moskau milit\u00e4rische und politische Parit\u00e4t mit Washington.<\/p>\n<p>Die Entspannung setzte sich durch, und die Schlussakte der Konferenz \u00fcber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) von Helsinki wurde unterzeichnet. Beide Seiten begannen, ihre strategischen Offensivwaffen zu begrenzen und anschlie\u00dfend zu reduzieren. Parallel dazu entwickelte Westeuropa erfolgreich sein eigenes Integrationsprojekt, in dessen Rahmen 1957 die Europ\u00e4ische Wirtschaftsgemeinschaft und 1993 nach der Ratifizierung des Vertrags von Maastricht die Europ\u00e4ische Union gegr\u00fcndet wurden.<\/p>\n<p>Es schien, als k\u00f6nnten verschiedene Teile Europas, wie die UdSSR und die USA, im Rahmen der friedlichen Koexistenz eine gemeinsame Sprache finden und ihre politische, wirtschaftliche und humanit\u00e4re Zusammenarbeit weiter ausbauen, besonders nach einer neuen Welle des Kalten Krieges in der ersten H\u00e4lfte der 1980er Jahre. Zun\u00e4chst herrschte nach der Perestroika Optimismus.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Doch Russland wurde erneut von einer Trag\u00f6die heimgesucht \u2013 dem zweiten Zusammenbruch der Staatlichkeit innerhalb eines Jahrhunderts. Sp\u00e4ter wurde der Zusammenbruch der Sowjetunion zu Recht als gr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts bezeichnet. Die Europ\u00e4ische Union dagegen expandierte rasch, die USA setzten auf einen &#8222;unipolaren Moment&#8220; (Krauthammer 1990).<\/p>\n<p>Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schien die EU so stark geworden, dass sie die Vereinigten Staaten als F\u00fchrungsmacht der westlichen Welt abl\u00f6sen wollte (Rifkin 2004; Leonard 2005). Unter Pr\u00e4sident George W. Bush verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Moskau und Washington, w\u00e4hrend die Handels-, Wirtschafts- und Investitionszusammenarbeit mit dem vereinten Europa zunahm. Als Reaktion auf die Invasion der USA und Gro\u00dfbritanniens im Irak 2003 fanden vor\u00fcbergehend wieder Treffen der &#8222;Gro\u00dfen Drei&#8220; statt, allerdings in anderer Zusammensetzung als w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs: Moskau, Berlin, Paris.<\/p>\n<p>Dennoch gelang es Europa nicht, den &#8222;Spengler-Fluch&#8220; loszuwerden. Sein neuer Niedergang begann. Grund war der Kurs der Alten Welt, sich erstens von Russland zu distanzieren und dann die Beziehungen zu ihm vollst\u00e4ndig abzubrechen, und zweitens wieder dem geopolitischen und ideologischen Mainstream der Vereinigten Staaten zu folgen. Mit dieser Strategie tappte der europ\u00e4ische Teil des Westens in eine k\u00fcnstliche Falle, die in den 2020er Jahren deutlich wurde. Doch bereits lange zuvor erlitt die EU erste R\u00fcckschl\u00e4ge, von innen und von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Neue Krisen<\/p>\n<p>Erster Vorbote kommender Probleme war die Finanzkrise von 2007 bis 2009. Die Pl\u00e4ne der EU, eine globale F\u00fchrungsrolle zu \u00fcbernehmen, wurden zudem durch interne Probleme untergraben, darunter die Verfassungskrise von 2005 und die drohende Fragmentierung der Eurozone. Alte parteipolitische Systeme begannen zu zerfallen, rechts und links entstanden systemfremde politische Bewegungen eines &#8222;neuen Populismus&#8220;.<\/p>\n<p>Gleichzeitig setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Mega-Erweiterung der Europ\u00e4ischen Union 2004 mit ihren nachfolgenden Erweiterungen nicht nur Vorteile, sondern auch erhebliche Nachteile mit sich gebracht hatte. Die Zusammensetzung der EU wurde vielf\u00e4ltiger, die Zahl subventionierter Mitgliedstaaten nahm zu.<\/p>\n<p>2015 begann eine Migrationskrise, die bis heute nicht beendet ist. Millionen von Menschen aus au\u00dfereurop\u00e4ischen Regionen str\u00f6mten in die EU: Einige erhielten Fl\u00fcchtlingsstatus, andere wurden zu illegalen Migranten; einige passten sich ihren neuen Wohnsitzl\u00e4ndern an, andere begaben sich jedoch in den Schattenarbeitsmarkt oder verwickelten sich in kriminelle Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Interne Meinungsverschiedenheiten in der EU f\u00fchrten zum Brexit \u2013 dem Austritt Gro\u00dfbritanniens, der zweitgr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der Union und Atommacht. Man kann spekulieren, wie wohl\u00fcberlegt dieser Schritt Londons war. W\u00e4re das politische Klima innerhalb der Europ\u00e4ischen Union jedoch g\u00fcnstiger gewesen und h\u00e4tten supranationale Organe nicht nach immer mehr Macht gestrebt, h\u00e4tten die Brexiteers nicht die Unterst\u00fctzung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung des Landes erlangt.<\/p>\n<p>Achillesferse der EU war in den vergangenen Jahren die Dogmatisierung des Denkens vor dem Hintergrund einer aktiv gef\u00f6rderten neoliberalen Wirtschafts- und Sozialagenda und des &#8222;gr\u00fcnen&#8220; Kurses (Green Deal). Gleichzeitig ist ein deutlicher R\u00fcckgang des Meinungspluralismus zu beobachten, den selbst die USA in den vergangenen Monaten bemerkt haben.<\/p>\n<p>Je weitergegangen wird, umso mehr unterdr\u00fccken politische Konjunktur und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit die wirtschaftlichen Interessen der EU-Unternehmen und -B\u00fcrger und verzerren die Gesetze der Marktwirtschaft.<\/p>\n<p>Der europ\u00e4ische Westen hat mit massiven Problemen in der politischen F\u00fchrung zu k\u00e4mpfen, die nat\u00fcrliche Talentauswahl und das Meritokratieprinzip funktionieren schlecht: Viele supranationale Schl\u00fcsselpositionen sind mit Personen besetzt, die nicht ausreichend auf verantwortungsvolle Arbeit vorbereitet, aber extrem ehrgeizig sind. \u00c4hnliche Prozesse auf nationaler Ebene, was insbesondere die Regierungsumbildung in Gro\u00dfbritannien und der Rekordr\u00fcckgang der Popularit\u00e4t des Pr\u00e4sidenten und des Kabinetts in Frankreich zeigten.<\/p>\n<p>        Lesen Sie auchMehr anzeigenWeniger anzeigen<\/p>\n<p>Ein weiteres markantes Beispiel ist die Reihe von Fehlentscheidungen deutscher Politiker, wodurch sich Deutschland das dritte Jahr in Folge in einer Rezession befindet. Unter anderem wurde die Inkompetenz der deutschen Gr\u00fcnen offenbar, darunter der ehemalige Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck und Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock.<\/p>\n<p>Die deutsche Atom- und Kohleindustrie wurde praktisch stillgelegt, die Automobilindustrie, die Metallurgie und die Chemieindustrie der Bundesrepublik gerieten in eine schwierige Lage.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der vorherigen Regierungskoalition gab die Bundesregierung die Schuldenbremse \u00fcberst\u00fcrzt auf. Am Ende m\u00fcssten die Mittel f\u00fcr eine deutliche Steigerung der Milit\u00e4r- und Infrastrukturausgaben entweder aus der zivilen Wirtschaft abgezogen oder durch Erh\u00f6hung der Staatsverschuldung auf den Finanzm\u00e4rkten beschafft werden.<\/p>\n<p>Der europ\u00e4ische Westen hat auf die zweite Pr\u00e4sidentschaft von Donald Trump auf eigent\u00fcmliche Weise reagiert. Die EU-F\u00fchrung beschloss, die &#8222;Last der freien Welt&#8220; zu \u00fcbernehmen, und setzt auf das, was der US-Pr\u00e4sident und seine Anh\u00e4nger vermeiden wollen: eine maximale Verl\u00e4ngerung des Ukraine-Krieges und die Fortsetzung des selbstzerst\u00f6rerischen Sanktionskriegs gegen Russland.<\/p>\n<p>Paradoxerweise geben die EU-L\u00e4nder, w\u00e4hrend sie sich in einer Reihe von Fragen gegen das Wei\u00dfe Haus stellen, gleichzeitig enorme Summen f\u00fcr den Kauf amerikanischer Milit\u00e4rprodukte aus, und kaufen zunehmend teures Fl\u00fcssigerdgas aus den USA, das mithilfe &#8222;schmutziger&#8220; Fracking-Technologien gewonnen wird.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu anderen regionalen Integrationsprojekten basierte die Philosophie der EU stets auf dem Aufbau eines einheitlichen Binnenmarktes und der stetigen St\u00e4rkung supranationaler Funktionen. Die Idee war, der politische \u00dcberbau solle in erster Linie die Wirtschafts- und Handelsinteressen der EU f\u00f6rdern. Die Wirtschaft galt als vorrangig, der politische Einfluss darauf als zweitrangig. Dies war Grundlage f\u00fcr die Doktrin der &#8222;Soft Power&#8220; \u2013 die Aufgabe, ein EU-Entwicklungsmodell zu schaffen, das von der sozio\u00f6konomischen Attraktivit\u00e4t der Union gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Als sich die Philosophie &#8222;Markt ist prim\u00e4r, Politik ist sekund\u00e4r&#8220; jedoch umkehrte, zeigte sich, dass Politik, die die EU zu einer supranationalen Einheit machen will, dem Binnenmarkt nicht nur n\u00fctzen, sondern ihn auch behindern und sogar sch\u00e4digen kann. Aus dem &#8222;kleinen Staat&#8220;, der die europ\u00e4ische Wirtschaft unterst\u00fctzte, wurde ein &#8222;gro\u00dfer Staat&#8220;.<\/p>\n<p>Die EU entscheidet nun selbst, in welchen F\u00e4llen Wirtschaftspolitik auf Profit ausgerichtet sein soll und wo nicht Profit, sondern anderes wichtiger ist, etwa Geopolitisierung, nationale oder supranationale Interessen im Bereich der europ\u00e4ischen Sicherheit, wie sie von einer herrschenden Gruppe verstanden werden.<\/p>\n<p>Das neoliberale Globalisierungsmodell, das im Thatcherismus und den Reaganomics wurzelt, hat sich weitgehend \u00fcberlebt, doch was ersetzt das? Das Kind wird mit dem Bade ausgesch\u00fcttet. Anstelle einer Wohlstandsgesellschaft (Galbraith 1958) entsteht eine Produktionsgesellschaft, in der die Gew\u00e4hrleistung von Sicherheitsinteressen zur obersten Priorit\u00e4t wird, auch wenn dies zu sinkenden Realeinkommen der Bev\u00f6lkerung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>In dieser Situation ist das &#8222;Den-G\u00fcrtel-enger-Schnallen&#8220; nicht mehr eine Methode zur Wiederbelebung des Wohlfahrtsstaates, sondern ein Versuch, die Idee des Wohlfahrtsstaates selbst zu ersetzen. Heute geht es um die Gew\u00e4hrleistung nationaler oder supranationaler Sicherheit und nicht um einen Gesellschaftsvertrag im fr\u00fcheren Sinne, bei dem jede neue Generation besser leben sollte als die vorherige.<\/p>\n<p>Die gesamteurop\u00e4ische Sicherheitslage verschlechtert sich. Eine neue Raketenkrise in Europa zeichnet sich ab, \u00e4hnlich der Euromissile-Krise in der ersten H\u00e4lfte der 1980er-Jahre. 2019 traten die USA aus dem INF-Vertrag von 1987 aus.<\/p>\n<p>Washington beginnt mit der dauerhaften Stationierung konventioneller Mittelstreckenraketen im Pazifik, um China einzud\u00e4mmen. Unter Biden wurden mehrfach Mittelstreckenraketensysteme vom Typ Typhon nach Europa gebracht, unter anderem auf die d\u00e4nische Insel Bornholm. Es wurde jedoch erkl\u00e4rt, dies geschehe nur f\u00fcr \u00dcbungszwecke.<\/p>\n<p>Die Gefahr wird sich deutlich erh\u00f6hen, wenn die USA und Deutschland ab Februar 2026 mit der Umsetzung der im Sommer 2024 auf dem Nato-Gipfel in Washington verabschiedeten bilateralen Gemeinsamen Erkl\u00e4rung beginnen. Es geht um die dauerhafte Stationierung konventioneller Mittelstreckenraketensysteme in Deutschland \u2013 SM-6-Raketen, Tomahawk-Marschflugk\u00f6rper und Dark Eagle-Hyperschallraketen.<\/p>\n<p>Russland und den USA bleibt nur noch wenig Zeit, die Verhandlungen \u00fcber die Zukunft der strategischen Stabilit\u00e4t wiederaufzunehmen und das von Russland vorgeschlagene Moratorium f\u00fcr die Stationierung konventioneller und nuklearer Mittel- und Kurzstreckenraketen in Europa zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Eine Reihe strategischer Fehler sowohl in der Innen- als auch in der Au\u00dfenpolitik der Europ\u00e4ischen Union f\u00fchren dazu, dass der europ\u00e4ische Teil des Westens nicht an Einfluss gewinnt, sondern an Einfluss auf der Weltb\u00fchne verliert. Viele Probleme der EU werden im Draghi-Bericht \u00fcberzeugend aufgezeigt (Draghi 2024).<\/p>\n<p>Die Union befindet sich seit mehreren Jahren in einer Stagnationsphase, in der die BIP-Dynamik negativ oder nahe null ist. Die Risiken der Deindustrialisierung nehmen zu, der einst prosperierende Wohlfahrtsstaat in Europa wird abgebaut. Die EU-Beh\u00f6rden haben die bisherige Philosophie der &#8222;Soft Power&#8220; aufgegeben und sind zu Militarisierung und Geopolitisierung \u00fcbergegangen. Die Entfesselung eines neuen Wettr\u00fcstens wird der EU jedoch nicht helfen, ihre strukturellen Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Russland und Deutschland befinden sich in einer Atmosph\u00e4re gegenseitiger Feindseligkeit. Ausl\u00f6ser war der Kurs Berlins unter der Regierung von Olaf Scholz, die Beziehungen zu Moskau vollst\u00e4ndig abzubrechen und im Kontext ders Ukraine-Krieges einen gro\u00dfangelegten Stellvertreterkrieg gegen Russland zu f\u00fchren (Gromyko 2023). Sichtbare \u00c4nderungen in der Politik der neuen Koalitionsregierung der BRD unter Friedrich Merz gibt es bisher nicht (Belov 2025).<\/p>\n<p>Spenglers Prophezeiung ist aktueller denn je. Ob es dem westlichen und \u00f6stlichen Teil Europas gelingen wird, eine weitere Eskalation zu vermeiden, zu einem kontrollierten Modus der Rivalit\u00e4t und anschlie\u00dfend zu einer Stabilisierung der Beziehungen \u00fcberzugehen und R\u00fcstungskontrollprozesse wiederzubeleben, ist eine offene und existenzielle Frage.<\/p>\n<p> Prof. Dr. <strong>Alexej Anatoljewitsch Gromyko<\/strong>, geb. 1969, ist Historiker, Direktor am Europainstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS), Vorsitzender der Russischen Assoziation f\u00fcr Europastudien und Korrespondierendes Mitglied der RAS <\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Cover Weltbild\" height=\"315\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg' width='696px' height='391px' viewBox='0 0 696 391'%3E%3Crect x='0' y='0' width='696' height='391' fill='%23f2f2f2'%3E%3C\/rect%3E%3C\/svg%3E\" style=\"aspect-ratio: 222 \/ 315; object-fit: cover;\" width=\"222\"\/><\/p>\n<p> Der Artikel erscheint im Rahmen der Medienkooperation mit <a href=\"https:\/\/welttrends.de\/welttrends-205-deutsche-aussenpolitik-militant\/\" rel=\"external noopener\" target=\"_blank\">WeltTrends<\/a> \u2013 Zeitschrift f\u00fcr Internationale Politik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Europas Niedergang: Erf\u00fcllt sich Oswald Spenglers Prophezeiung? 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