{"id":330519,"date":"2025-08-09T05:23:17","date_gmt":"2025-08-09T05:23:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/330519\/"},"modified":"2025-08-09T05:23:17","modified_gmt":"2025-08-09T05:23:17","slug":"wie-ein-heutiger-komponist-schostakowitschs-musik-hoert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/330519\/","title":{"rendered":"wie ein heutiger Komponist Schostakowitschs Musik h\u00f6rt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Wie stehen heutige Komponisten zur Musik von Dmitri Schostakowitsch? F\u00fcr Sergei Newski ist sie stilistisch kein \u00fcberm\u00e4chtiges Vorbild mehr \u2013 die Geisteshaltung dahinter aber erscheint f\u00fcr ihn immer noch pr\u00e4gend.<\/p>\n<p>   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Dmitri Schostakowitsch hat sich in seiner Musik mit dem t\u00f6nenden Monogramm \u00abDSCH\u00bb verewigt \u2013 und mit seiner unbeugsamen Haltung, die ihn noch heute zum Vorbild macht.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5100\" height=\"3841\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/9a93a6d1-a81d-4bf2-98cf-ed7c87a092d4.jpg\" loading=\"eager\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Dmitri Schostakowitsch hat sich in seiner Musik mit dem t\u00f6nenden Monogramm \u00abDSCH\u00bb verewigt \u2013 und mit seiner unbeugsamen Haltung, die ihn noch heute zum Vorbild macht. <\/p>\n<p>Bettmann<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjo0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Die Szene war bezeichnend. Als die Musikwelt 2006 den 100.\u00a0Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch feierte, kam es im Rahmen der \u00abMusica Nova Helsinki\u00bb zu einer Diskussion \u00fcber den Einfluss seiner Musik in Russland. Auch die britische Komponistin Augusta Read Thomas, Jurorin bei der Basel Composition Competition 2025, diskutierte mit. Die Musikschaffenden sollten sich von Schostakowitsch \u00abbefreien\u00bb, so warf sie damals in die Runde. Gem\u00fcnzt war dies vor allem auf die Komponisten, die Schostakowitsch \u00fcberdeutlich als Vorbild reflektierten. Im selben Jahr erschien ein Essay von Boris Filanovsky, dessen Titel in Anspielung auf das t\u00f6nende Monogramm des Komponisten forderte: \u00abT\u00f6te das DSCH in dir\u00bb.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. 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Als Komponist musste sich Newski nie von Schostakowitsch befreien, auch wurde er nicht von einem der besagten Epigonen unterrichtet.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjp2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im Oktober 1972 in Moskau geboren, ist Newski \u00fcberdies in einer Zeit des Umbruchs gross geworden, die in das Ende der Sowjetunion m\u00fcndete. \u00abDie russische Tradition war zusammengebrochen\u00bb, erinnerte sich Newski 2009 in einem Portr\u00e4t; auch die musikalischen Traditionen im Westen h\u00e4tten erst \u00abertastet und begriffen\u00bb werden m\u00fcssen. Seine \u00dcbersiedelung nach Deutschland l\u00e4sst ihn zus\u00e4tzliche Distanz gewinnen. Er glaube nicht, dass das \u00abmusikalische Vokabular\u00bb Schostakowitschs \u00abnoch irgendeine Bedeutung\u00bb habe, so sagt er dezidiert. Aber Schostakowitsch \u00abspielt auch heute noch eine Rolle f\u00fcr russische Komponierende, wenn es um die Geisteshaltung geht\u00bb.<\/p>\n<p>Vertreter der Entrechteten<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjp4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Das bezieht sich unter anderem auf die \u00abStellvertreter-Funktion\u00bb, die der Autor und Literaturwissenschafter Kay Borowsky vielen russischen K\u00fcnstlern attestiert hat. Ein kritisches Kunstverst\u00e4ndnis, dessen Tradition vom Zarenreich bis in die Sowjetunion, von Puschkin und Mussorgsky bis zu Anna Achmatowa und Schostakowitsch reicht. Sie alle verbinde, so formulierte es Borowsky in Anspielung auf Dostojewski, eine \u00abunwillk\u00fcrliche Parteinahme f\u00fcr die Erniedrigten und Beleidigten\u00bb.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjp5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Diese Tradition l\u00e4sst sich bis heute fortschreiben. Auch viele Werke Sergei Newskis verfolgen eine gegenwartskritische Haltung. Das Anfang 2020 in Stuttgart uraufgef\u00fchrte Musiktheater \u00abSecondhand-Zeit\u00bb nach einer Vorlage der Nobelpreistr\u00e4gerin Swetlana Alexijewitsch zeichnet ein Bild Russlands, das gef\u00e4hrlich zwischen Neuanfang und Sowjet-Nostalgie schwankt. Die Dokumentar-Oper \u00abDie Einfachen\u00bb von 2021 macht die homophobe Gesetzgebung in Russland zum Thema. Und das 2024 in Basel uraufgef\u00fchrte St\u00fcck \u00abG\u00f6ttin der Geschichte\u00bb vertont ein Gedicht von Tomas Venclova, entstanden vor dem Hintergrund der grauenvollen Belagerung von Mariupol 2022, zu Beginn des grossfl\u00e4chigen russischen Angriffs auf die Ukraine.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjq0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00abJa, in gewisser Weise stehe ich tats\u00e4chlich in dieser Tradition\u00bb, sagt Newski und meint die \u00abStellvertreter-Funktion\u00bb. \u00abIch m\u00f6chte aber feststellen: Das Volk an sich ist nicht unschuldig, es kann zur selben Zeit die Rolle des Erniedrigten und des Aggressors spielen.\u00bb Das Besondere in Russland sei, \u00abdass Kunstschaffende unterdr\u00fcckt und gleichzeitig gefeiert werden. Das war schon immer so und ist heute nicht anders.\u00bb Schon Schostakowitsch wurde abwechselnd als \u00abVolksheld\u00bb geehrt und als \u00abVolksfeind\u00bb verfolgt. Entscheidend sei aber, meint Newski, ob der Lebensweg eines K\u00fcnstlers integer bleibe.<\/p>\n<p>Schaufensterpuppen<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjq1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00abBei Komponierenden im heutigen Russland, die gegen den Krieg und gegen Putin sind, erkenne ich manchmal eine ganz \u00e4hnliche Ambivalenz\u00bb, sagt Newski. \u00abSie haben ihre Pr\u00e4senz in der Gesellschaft und ihre subversive Haltung. Gleichzeitig werden sie von derselben Gesellschaft in Teilen getragen. In der Ukraine gelten sie deswegen oft als Schaufensterpuppen des russischen Regimes. Das ist ganz \u00e4hnlich wie damals bei Schostakowitsch.\u00bb Tats\u00e4chlich galt Schostakowitsch in weiten Teilen der westlichen Welt noch bis in die 1980er Jahre als linientreuer Staatskomponist.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjq4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Inzwischen weiss man \u2013 und es finden sich immer noch neue Hinweise darauf \u2013, dass Schostakowitsch in seine Musik einen doppelten Boden eingezogen hat: eine versteckte zweite Sinnebene mit Zitaten und Anspielungen, die die offizielle Aussage eines Werks nicht selten unterlaufen oder sogar ins Gegenteil verkehren. Newski h\u00f6rt in seiner Musik denn auch das psychologische Portr\u00e4t eines Menschen, der \u00abparanoide Zust\u00e4nde innerhalb einer aggressiven Massengesellschaft erlebt, in der es f\u00fcr ihn keinen Platz zu geben scheint\u00bb.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j1vqkkjq2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine arbeitet Newski nicht mehr in Russland, aus Solidarit\u00e4t mit seinen Kollegen in der Ukraine und mit seiner Tochter, die in Kiew lebt. Er verfolgt jedoch die Arbeit von Musikern, die in Russland geblieben sind. \u00abDa sind auch Komponierende meiner Generation darunter. Sie sind stilistisch weit von Schostakowitsch entfernt, aber Musik konnte schon immer subversive Botschaften aussenden. Musik ist im heutigen Russland wahrscheinlich das letzte freie Medium.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie stehen heutige Komponisten zur Musik von Dmitri Schostakowitsch? 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